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Kunstausstellung In der Sammlung Schürmann sehen Sie die Welt mit anderen Augen

Der Mainstream interessiert Gaby und Wilhelm Schürmann nicht. Seit über 40 Jahren entdeckt das Paar von anderen Übersehenes. Eine Begegnung.
03.07.2018 - 14:16 Uhr Kommentieren
Vor Stefan Sandners Leinwandbild „Ohne Titel“ (2013) in der Aachener Ausstellung „Le Souffleur“. Quelle: Carl Brunn
Das Sammlerpaar Gaby und Wilhelm Schürmann

Vor Stefan Sandners Leinwandbild „Ohne Titel“ (2013) in der Aachener Ausstellung „Le Souffleur“.

(Foto: Carl Brunn)

Herzogenrath Es muss roh sein, es muss lapidar sein, es muss uneitel sein.“ Wilhelm Schürmann sitzt in seinem sparsam möblierten Wohnzimmer und zählt auf, welche Eigenschaften ein Kunstwerk besitzen sollte, das ihn und seine Frau Gaby zum Kauf überzeugt. „Es muss etwas Grundsätzliches untersuchen, und es muss für uns, die wir seit 43 Jahren Kunst sammeln, einen Ewigkeitswert versprechen.“

Der Schauplatz unseres Treffens, kurz vor der Eröffnung ihrer Ausstellung „Klassentreffen“ im Museum Moderner Kunst (Mumok) in Wien, ist ländlich. Die holländische Grenze ist nicht fern. Über dem schwarzen Sofaklassiker von Le Corbusier hängt eine spröde Text-Arbeit von Heinrich Dunst.

„Die haben wir einem anderen Sammler abgekauft, dem das irgendwie zu wenig Kunst war.“ „12 (Narration) Wand Volumen“ (das Wort Volumen durchgestrichen) steht da versetzt in dicken schwarzen Lettern; dort, wo bis vor zwei Jahren noch Julia Shers Videoinstallation zum Thema Überwachung hing. „Das ist ein Anspruch, nach so einer Granate“, frohlockt Schürmann.

Seine jüngste Erwerbung hat der 71-Jährige auf Instagram gepostet: Lin May Sayeeds „Abstrakte Skulptur mit Punk und Hund“ (2005), ein Ensemble, das die Erinnerung an die heroische Zeit der abstrakten Nachkriegsplastik mit dem Personal von heute kombiniert. „Die habe ich gestern Abend um elf Uhr aus dem Bett heraus erworben. Also, das ist doch der Hammer“, kommentiert der Sammler die subtile Ironie des Werks.

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    Wer Schürmann alias „Fernpapst“ auf Tumblr oder auf Instagram (unter wilhelmschuermann) folgt, kann ihm gleichzeitig beim Sammeln über die Schulter schauen. Auch eigene Fotos postet er, urbane Szenen, die ihm unterwegs ins Auge fallen. „Und das ist eine Arbeit von Nicolas Jasmin“, erklärt er, „keine Neuerwerbung, ein Geschenk des Künstlers“.

    Das abstrakte Gemälde führt die Anfangsbuchstaben seines Namens im Titel („WS-Weg“) und verweist damit auf eine im Auftrag des Sammlers entstandene Installation von Franz West namens „Schürmanns Lichtung“. Die wiederum handelt – im Geist des Philosophen Martin Heidegger – von Dingen, die ans Licht gebracht werden.

    Wie das zusammenhängt? Wer mag, erkennt in Jasmins „WS-Weg“ einen Weg im Zickzack. Mit dem Finger fährt Schürmann an der Kontur der dunklen Form entlang. „Das immer auf dem Weg sein, von Diesem zu Jenem, das ist die Verbindung zu ,Schürmanns Lichtung‘“, erklärt der studierte Chemiker: „Und auf einmal wird es Licht, und dann sieht man die Dinge mit anderen Augen.“

    Angesichts der heutigen politischen Situation geht dem Sammler das Herz auf. Quelle: © Oswald Oberhuber/Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann, Herzogen
    Oswald Oberhubers Sockel-Kunstwerk

    Angesichts der heutigen politischen Situation geht dem Sammler das Herz auf.

    (Foto: © Oswald Oberhuber/Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann, Herzogen)

    Gaby und Wilhelm Schürmann sammeln nicht nach dem Motto „Wo ist das nächste Kunstwerk?“ Die Werke begegnen ihnen. „Die finden uns, nicht wir finden die“, betont Wilhelm Schürmann. Offenheit, auch für den Zufall, gehört dazu, ebenso wie eine zum Credo erhobene Unangepasstheit. „Links blinken, rechts abbiegen“, lautet die Devise. Der Mainstream ist nicht interessant. Wohl aber die Dinge, die übersehen werden, „weil sie nicht laut in der ersten Reihe Bling-Bling rufen“.

    Von der Affinität zum Unangepassten erzählt schon die Geschichte des ersten zeitgenössischen Ankaufs von 1981. Das war eines der Diptychen aus Hans Haackes kritischer Collage-Serie über die Rahmenbedingungen, die es dem Großsammler Peter Ludwig ermöglichten, kulturpolitische Macht auszuüben. Ein Tauschgeschäft.

    Haacke verarbeitete dokumentarische Fotos von Schürmann. Der wiederum wünschte sich statt eines Geldhonorars einen Teil des Kunstwerks. Dabei war er selbst nicht so sicher, was er davon halten sollte. „Was hat das denn mit Kunst zu tun? Das sieht ja aus wie ein Artikel im ,Spiegel‘“, hieß es damals in den Diskussionen im Freundeskreis. Schürmann fand das spannend.

    Widerständiges passte auch zu Schürmanns neuem, freiem Leben als Fotograf und Lehrer für Fototechnik am Lehrstuhl für Architektur der RWTH Aachen (später 30 Jahre Professor für freie Fotografie an der FH Aachen). Das Galeristendasein lag hinter ihm. Von 1973 bis Ende 1977 hatte er die gemeinsam mit Rudolf Kicken gegründete Fotogalerie Lichttropfen in Aachen geführt – eine der ersten spezialisierten Adressen in Deutschland. Er hatte den Bestand mit aufgebaut, vor allem die tschechische Fotografie, aber er wollte nicht mit Kicken nach Köln umziehen.

    Alles verschränkt sich

    Im Leben wie in der Sammlung Schürmann gibt es fast keine scharfen Zäsuren. Alles ist miteinander verschränkt; die Schwarz-Weiß-Fotografie des analogen Zeitalters, das selbst Fotografierte, die aktuelle Kunst. Zwar wurde 1984 ein großer Teil der aus dem Galeriebestand in Privatbesitz übernommenen Sammlung mit tschechischer Avantgarde‧fotografie ans Getty-Museum verkauft, weil das Finanzamt nachträglich Steuern erhob. Doch die Fotografie blieb weiterhin wichtig.

    So ist es ein riesiger Pool, aus dem Schürmann schöpfen kann, wenn er Ausstellungen entwickelt. Das können eigene Bilder sein, wie er sie Anfang des Jahres in die gemeinsam mit Daniela Steinfeld (Inhaberin der Galerie van Horn) organisierte Ausstellung „Volume Imaginaire“ integriert hatte. Das können Schwarz-Weiß-Klassiker sein wie der Mann im gestreiften Shirt von Lisette Model, den der Sammler günstig im Nachverkauf ersteigern konnte.

    Auch seinen ersten Foto-Ankauf hat er in Wien wieder mit dabei: Ralph Gibsons Profilbildnis einer jungen Frau aus der Serie „Déja Vu“ (1972). „Das hängt in jeder Ausstellung als Prototyp für das flächige Sehen des einäugigen Betrachters auf die Welt.“

    Abstoßungsprozesse gehören trotzdem mit zur Geschichte dieser Sammlung. Ende der 1980er-Jahre etwa wurde die noch junge Kollektion der Jungen Wilden wieder in den Markt eingespeist. „Was ist denn verwerflich daran, wenn ein Werk nach Jahrzehnten die Sendefähigkeit verloren hat“, fragt der Sammler.

    Von Martin Kippenberger, dem Enfant terrible der neuen deutschen Malerei, konnte Schürmann sich jedoch nicht trennen. 800 DM kostete sein erster Kippenberger in den frühen 1980er-Jahren. Schürmann: „Damals gab es drei regelmäßige Kunden. Die Galeristen freuten sich, dass es überhaupt jemanden gab, der sich dafür interessierte.“ Jahrzehnte später brachte der Künstler das Tausendfache, und der Sammler entschloss sich, etwas aus seinem umfangreichen Kippenberger-Bestand wieder zu verkaufen.

    Das Geld wurde dringend gebraucht, für Neuankäufe und zur Finanzierung der immer ehrgeiziger werdenden Unternehmungen des Sammlerpaars. Von 2006 bis 2010 unterhielten Gaby und Wilhelm Schürmann am zweiten Wohnsitz Berlin einen eigenen Schauraum, „Schürmann Berlin“ nahe am Rosa-Luxemburg-Platz. 2007 wurde die Schürmann Foundation gegründet, um einen unveräußerlichen Kernbestand der Sammlung, darunter die Werke, die den Namen Schürmann tragen, zu sichern und Projekte oder Kataloge zu finanzieren.

    Der Plan, die Sammlung nach Düsseldorf zu holen und dafür ein eigenes Haus zu errichten, wurde jedoch 2009 beerdigt. Das vom ehemaligen Oberbürgermeister, Joachim Erwin, an sie herangetragene Projekt scheiterte zum einen am Desinteresse des Nachfolgers, aber auch, weil das Unternehmen, für das die Sammler den damals noch nicht so bekannten Architekten David Adjaye bereits mit einem Entwurf beauftragt hatten, ihnen über den Kopf zu wachsen drohte. Ein Millionendarlehen hätten sie kaum aufnehmen können.

    Was bleibt, hält die beiden Sammler auch gut auf Trab: die Sorge um das Bestehen der Stiftung, deren Kapitalstock aufgrund der Nullzinspolitik schon seit Jahren nichts mehr abwirft, und die Lust an selbst kuratierten Ausstellungen.

    Die Idee für das „Klassentreffen“ im Mumok hatte Wilhelm Schürmann früh klar vor Augen: „Du kommst rein und siehst ein Kunstwerk aus Wien, einen Sockel, gemacht von Oswald Oberhuber im Jahre 1969, und darauf steht: ,Wenn Sie diesen Sockel besteigen, erleben Sie das Führergefühl‘. Und das in der heutigen politischen Situation! Da geht mir doch das Herz auf.“

    „Klassentreffen, Werke aus der Slg. Gaby und Wilhelm Schürmann“: Bis 11. November 2018, Mumok, Museum Moderner Kunst, Wien

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