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Ming Wong

Filmstil aus der Videoarbeit „Windows on the World“.

(Foto: Art Times Center)

Kunstdialog zwischen Asien und Europa Berlin als Schaufester Chinas

Im chinesischen Perlflussdelta hat sich eine lebendige Kulturszene entwickelt, die einen kritischen Geist pflegt. Im Berliner Times Art Center ist aktuelle Videokunst zu sehen.
  • Christian Herchenröder
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BerlinChina ist trotz seiner Einheitspartei kein uniformes Land. Das zeigen gerade auch die Zentren für zeitgenössische Kunst. Neben Peking, Schanghai und Hongkong, das als internationale Drehscheibe funktioniert, gibt es auch im sogenannten Perlflussdelta eine lebendige Kunstszene.

Es ist ein Areal von 56.000 Quadratkilometern mit 60 Millionen Einwohnern und neun florierenden Städten, die sich um die südöstliche Küste Chinas ranken. In Guangzhou gibt es seit 1997 eine Triennale. 2010 wurde das von Rem Koolhaas und Alan Fouraux gebaute Guangdong Times Museum eröffnet, das auf seine akademische Unabhängigkeit pocht und sich als eines der wichtigsten Kunsthäuser Chinas für „Forschung, Experiment und Dialog“ geriert.

Dieses von der milliardenschweren Immobilienfirma „Times China“ gegründete Museum will nach eigener Aussage eine kritische Alternative zu den „globalisierten Mechanismen der Kulturproduktion“ in den nördlichen Zentren Chinas sein.

Tatsächlich haben die Künstler und Künstlerinnen, die in dieser aufstrebenden Region arbeiten, eine sehr viel stärkere soziale und gesellschaftskritische Einstellung als ihre prominenten Malerkollegen, die für den Kunstmarkt arbeiten. Das lässt sich jetzt an dem im Juli letzten Jahres an der Berliner Potsdamer Straße gegründeten Ableger „Times Art Center“ ablesen, das als erstes Parallelinstitut eines asiatischen Museums im Ausland den Kunstdialog zwischen Asien und Europa fördern will. Es ist, das lässt sich schon jetzt sagen, ein Gewinn für Berlin.

Ein durchweg kritischer Geist

Schon die von Hou Hanru und Xi Bei (einer Direktorin des Mutterhauses) kuratierte Eröffnungsschau „Video Art from the Pearl River Delta“ zeigte mit ihren 23 Arbeiten, wie stark diese männlichen und weiblichen Künstler die brutalistischen Veränderungen ihres Landes seit den Achtzigerjahren in den Blick nehmen und dabei städtebauliche, soziologische und ökologische Aspekte betonen.

In allen Arbeiten äußert sich ein durchweg kritischer Geist, der auch das politische System der Unterdrückung und Entpersönlichung behandelt. In einem von Wong Ping im Stil früher Videospiele geschaffenen Video erscheinen Spielfigürchen, die sich locken, erniedrigen und auslöschen lassen, bis die totale Gleichschaltung erreicht ist.

Installationsansicht der Ausstellung. Quelle: graysc.de
Times Art Center Berlin

Installationsansicht der Ausstellung.

(Foto: graysc.de)

In mehreren Videos wird der Kontrast zwischen maoistischer Vergangenheit und neuem Kapitalismus verarbeitet, der letztlich in eine Kritik beider Systeme mündet. Wie wachsende Metropolen die Individualität des Handels auslöschen, zeigen die Gegenschnitte von historischen Geschäften und sie verdrängenden Weltfirmen in Hongkong, ein Veränderungen von 2012 bis 2018 Jahren dokumentierendes Video des Medienkünstlers Tang Kwok Hin.

Einige der Videos haben es bereits in westliche Museen geschafft, so die für die 50. Biennale in Venedig geschaffene Dokumentation „San Yuan Li“, in der der raue Prozess der Urbanisierung eines Traditionsdorfs in vierzig spannende Minuten gerafft ist.

Körper in vergifteter Landschaft

In der zweiten Serie der Eröffnungsausstellung, die bis zum 23. Februar läuft, werden 26 Videos von Künstlern des Jahrgangs 1960 bis 1990 gezeigt, die zum Teil auch in Hongkong arbeiten. In ihnen wird Geschichte aufbereitet, posieren Körper in einer vergifteten Landschaft, werden Arbeitsleben und der Konsumfetischismus thematisiert und die erotische Privatsphäre erstaunlich freizügig ins Bild gesetzt.

Voll absurder Ironie ist das vierminütige Video der Hongkongerin Phoebe Man, in dem eine wandelnde Riesenvagina flaniert, Eier isst, menstruiert und schließlich ihren Liebhaber verschlingt. Zwei der in Endlosschleife gezeigten Videos lassen den nach billigem dramaturgischem Muster gedrehten Hongkong-Film der Sechzigerjahre aufleben. Aber sehr viel überzeugender ist eine Arbeit des in Berlin lebenden Isaac Chong Wai, in der aggressive Polizeiübungen so choreografiert und verlangsamt sind, dass sie schon fast poetisch wirken.

In Li Chuangs Arbeit „Special Economic Zone“ ist die Provinzstadt Shenzhen als „mutierende Ruine der Modernität“ herausgestellt, in der sich konsumfreundliche Menschen leicht manipulieren lassen. Cheng Chi Lai Howard richtet in „The Doors“ den unveränderten Blick auf sieben Stockwerke eines Hongkonger Wohnsilos, dessen Türen wechselweise geöffnet werden und auf dessen Balkonen sich an unterschiedlichen Stellen Menschen zeigen: digital eingestreute Lebensbilder in einem statischen Konstrukt.

Einer der Kuratoren der Ausstellung „Video Art from the Pearl River Delta“. Quelle: Musacchio & Ianniello
Hou Hanru

Einer der Kuratoren der Ausstellung „Video Art from the Pearl River Delta“.

(Foto: Musacchio & Ianniello)

Einen Schnelldurchgang durch die chinesische Politik von 1962 bis 2016 wagt Chen Shaoxiong mit Tuschzeichnungen, die sich als reproduzierte Geschichte jeder Interpretation enthalten. In die Gegenwart blickt einer der jüngsten Künstler, der bereits in der Sammlung Stoschek vertretene Song Ta aus Guangzhou, mit dem Animationsvideo „Now the Young People“. Über was reden sie, die Mittelschüler in Hongkong, fragt er und präsentiert uns ihre nichtssagenden, unverbindlichen Gespräche, während sie Sex haben.

„Muted Chorus“ heißt ein zehnminütiges Video des Hongkongers Samson Young von 2016, in dem ein Chor agiert, dessen Gesang nicht zu hören ist: Ausdruck von Unterdrückungsmechanismen, die das Kollektiv wie den Einzelnen erfassen.

In den meisten Arbeiten wird die Realität in eine Kunstform gehoben, der Kritik immanent ist. Nach diesem Prinzip, das meist mit einem konzeptuellen Ansatz verbunden ist, arbeiten viele der chinesischen Videoartisten.

Weitere spannende Beispiele sind auch in der dritten Ausstellungsserie zu erwarten, die vom 1. März bis zum 13. April läuft. Ob sich in diesem spannenden Kunstraum auch der erwünschte Austausch mit westlichen Künstlern ergibt, wird sich unabhängig von den Ausstellungen zeigen.

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