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KunsthandelGalerist Rudolf Zwirner: Schimpansin grüßt zum Neunzigsten

Rudolf Zwirner war ein einflussreicher Galerist, sein Hauptkunde Peter Ludwig. Das Palais Populaire präsentiert Entdeckungen eines Neugierigen.Johannes Wendland 29.07.2023 - 11:00 Uhr Artikel anhören

Der Galerist als junger Mann vor Andy Warhols ikonischem Bild von Elvis Presley als Cowboy.

Foto: Angelika Platen

Hamburg. Am heutigen Freitag wird der Kunsthändler Rudolf Zwirner 90 Jahre alt. Das wohl größte Geschenk zum runden Geburtstag erhält er in seiner Geburtsstadt Berlin: Das Palais Populaire, das Kunst- und Kulturzentrum der Deutschen Bank an zentralem Ort Unter den Linden, richtet ihm eine Ausstellung aus. Mit einer Vernissage pünktlich zum Geburtstag, indes mit sehr kurzer Laufzeit. Denn die Ausstellung wurde von dem Kurator Philipp Bollmann und dem Künstler Michael Müller in nur fünf Monaten Vorbereitungszeit zwischen zwei bereits fest geplante Ausstellungen eingepasst.

Seit den frühen 1980er-Jahren habe die Deutsche Bank beim Aufbau ihrer Kunstsammlung mit Rudolf Zwirner zusammengearbeitet, erklärt Svenja von Reichenbach, die Leiterin des Palais Populaire. „Damals war Zwirner ganz einfach der Galerist, zu dem man gehen musste, um die wichtigen Dinge zu bekommen“, sagt sie. Werke aus der eigenen Sammlung bilden somit den Kern dieser Ausstellung. Ergänzt wurden sie um hochkarätige Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen, was angesichts der kurzen Vorbereitungszeit für echten Sportsgeist bei den Kuratoren spricht.

So entstand nicht eine Ausstellung über, sondern eine Ausstellung für Rudolf Zwirner – ein assoziatives Spiel mit Verweisen, die auf Zwirners künstlerische Vorlieben, Entdeckungen und auch seine lange Vita im Kunsthandel verweisen. „Normale“ Ausstellungsbesucher dürften längst nicht alle Anspielungen entschlüsseln, werden aber angesichts der Qualität der Exponate und ihrer originellen Zusammenstellung ihre Freude haben.

Das Ölbild „Bomber“ malte der Künstler 1966 auf der Grundlage eines Pressefotos. In der Ausstellung hängt es neben dem massiven „Adler“ (1977) von Georg Baselitz.

Foto: Sammlung Städtische Galerie Wolfsburg

Obwohl hier also kein Lebenslauf nachgezeichnet wird, kann man doch Bezugnahmen auf das vielfältige Wirken Rudolf Zwirners entdecken. Auf seinen Einstieg in die Kunst Mitte der 1950er-Jahre, als die École de Paris und das Informel die Nachkriegskunst dominierten und jegliche Form von Gegenständlichkeit verpönt war. Auf seine Zeit in Paris als Mitarbeiter in der Galerie von Heinz Berggruen und seine anschließende Berufung als Generalsekretär der Documenta 2.

1959 gründete Zwirner in Essen seine erste Galerie und zeigte enorm früh Künstler wie Konrad Klapheck und Cy Twombly. 1962 wechselte er nach Köln, wo er Kontakt zu Joseph Beuys bekam. Neben zeitgenössischen Positionen stellte er danach immer wieder Künstler der Klassischen Moderne aus, die im Deutschland der Nachkriegszeit bis dahin kaum Resonanz fanden, wie etwa die Surrealisten.

Und nicht zuletzt zählte er zu den Galeristen, die der US-amerikanischen Pop-Art den Weg in den europäischen Markt öffneten – die Kunst seiner Generation, wie Zwirner immer wieder betont hat. Hauptkunde war damals das Unternehmerehepaar Peter und Irene Ludwig.

Um dem Kunstmarkt in Deutschland internationale Strahlkraft zu verleihen, gründete er 1967 den Kölner Kunstmarkt mit, die erste Messe der Welt nur für zeitgenössische Kunst, die Keimzelle der „Art Cologne“. Kuratorisch war Rudolf Zwirner an Großausstellungen wie „Westkunst“ (1981) in Köln und „Deutschlandbilder“ (1998) in Berlin beteiligt, ebenso war er Mitbegründer des Zentralarchivs des deutschen Kunsthandels (Zadik) in Köln.

Und hier beginnt das assoziative Spiel der Berliner Ausstellung. Zu sehen ist zum Beispiel ein hoher Stapel Karteikarten, auf denen der Minimal-Art-Künstler Dan Flavin akribisch seine Werke verzeichnet hat. Wie seine Arbeiten in einer Ausstellung präsentiert werden sollten, zeichnete er in kleinen Skizzen vor, von denen ebenfalls eine zu sehen ist – heute selbst ein kostbares Kunstwerk aus der analogen Vergangenheit.

Auch von Fred Sandback ist eine Vorzeichnung für eine Ausstellung zu sehen – für den Galeristen eine Arbeitsgrundlage, für den heutigen Blick ein eigenes kleines Kunstwerk. Die Farbstriche auf der Skizze, die im Galerieraum zu installierende Bindfäden darstellen, tauchen in einem völlig anderen Bild auf der gegenüberliegenden Wand wieder auf, einem Werk von Cy Twombly, das einst von Rudolf Zwirner verkauft wurde.

Größte Medienreichweite mit Affenmalerei

Wer seinen Blick schärft, kann viele solcher überraschenden Bezüge in der Ausstellung finden. Mal sind sie formaler, mal inhaltlicher Art. Der massive „Adler“ (1977) von Georg Baselitz hängt direkt neben dem Ölbild „Bomber“ von Gerhard Richter, das Richter 1966 auf der Grundlage eines Pressefotos malte. Gegenüber blickt Willy Brandt von einem Warhol-Porträt leicht skeptisch auf diese beiden eminent politischen Werke.

Werke von Polke, Beuys, Rauschenberg – aber auch historische Positionen wie Henri Michaux, Picabia oder Magritte sind zu sehen. Alles Kunstwerke und Künstler, die Rudolf Zwirners Wegbegleiter waren. Doch bei allen großen Namen – die meiste Medienreichweite, so Zwirner selbst – habe er einmal mit einer Ausstellung von Bildern erzielt, die von Affen gemalt wurden. Man ahnt förmlich die „Bild“-Schlagzeilen. Und was haben die Berliner Kuratoren gemacht? Sie haben im Internet ein knallbuntes Bild von „Jacky“ erworben. Das Bild der Schimpansin hängt jetzt am Eingang der Geburtstagsschau. Herzlichen Glückwunsch!

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„Leben in Bildern. Ein Portrait des Sehens für Rudolf Zwirner“, bis 14.8., Palais Populaire, Berlin. Gespräch zwischen Rudolf Zwirner und der Kunstkritikerin Julia Voss: Mittwoch 2.8., 18 Uhr

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