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Kunsthandel in BambergAntiquitätenkauf im begehbaren Museum

Die 28. Kunst- und Antiquitätenwochen in Bamberg setzen auf die belebende Wirkung von zeitgenössischer Kunst und Design auf die Alte Kunst. Museen und internationale Sammler bedienen sich hier.Regine Müller 27.07.2023 - 16:22 Uhr Artikel anhören

Aus einer Zeit, als die Gabeln noch zweizinkige Forken waren – zu finden bei Schmidt-Felderhoff im mittelalterlichen „Haus zum roten Hahn“ in der prachtvollen Bamberger Altstadt.

Foto: Kunsthandel Schmidt-Felderhoff

Bamberg. Das Ambiente ist einzigartig: Das historische Zentrum der alten Kaiserstadt Bamberg ist fast zu schön, um wahr zu sein. Eine Art begehbares Museum, das dem Kunstfreund nicht nur die Freude an einem unzerstörten Stadtbild, sondern ein exquisites Angebot offeriert. Dafür muss er auf den großen Messen in Köln, München, Salzburg und in Maastricht weitere Wege auf sich nehmen. Insbesondere bei der „Tefaf“ muss man länger flanieren, um in aufwendig inszenierten Salons hochwertige Antiquitäten zu finden.

In Bamberg sind diese Salons nicht inszeniert, sondern „echt“, denn hier bieten alteingesessene Kunst- und Antiquitätenhändler in mittelalterlichen und barocken Gemäuern ganzjährig Kostbarkeiten an. Zur Hausmesse, den „Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen“, schließen sie sich im August zusammen und laden zu einem Rundgang ohne Messekojen durch die Gassen der Altstadt ein. Auch sonntags ist geöffnet.

Die Messe findet parallel zu den Wagner-Festspielen im nahen Bayreuth statt, das internationale Publikum des Festivals bildet eine treue Stammkundschaft. So reisen die Bamberger Kunsthändler traditionell auch geschlossen zur Eröffnungspremiere, in diesem Jahr ein digital erweiterter „Parsifal“.

An drei Standorten ist der Senger Kunsthandel in der Stadt vertreten. Thomas Herzog, Schwiegersohn von Walter Senger und Geschäftsführer, zeigt in seinen neuen Galerieräumen eine Auswahl an klassischer Moderne, zeitgenössischer Kunst, Design und Antiquitäten. Im Entrée findet man eine kühne Mischung, da kontrastiert sakrale Schnitzkunst mit farbintensiven Werken der Moderne und Pop Art, aufgelockert durch Designobjekte.

Herzog ist von diesem gemischten Konzept im Umfeld „sortenreiner“ Antiquitäten überzeugt: „Wir haben eine viel höhere Zahl spontaner Besucher hier als unsere reinen Antiquitäten-Nachbarn. Die zeitgenössische Kunst macht neugierig, außerdem setzt die jüngere Sammlergeneration ohnehin auf das Nebeneinander von Alt und Neu, den spannungsreichen Dialog, beispielsweise das barocke Einzelstück im Design-Ambiente.“

Im ersten Stock imponiert dann aber vor allem die Alte Kunst: Museale Mittelalteraltäre und das marktfrische Bild „Maria mit Kind“ von Joos van Cleve. Der Antwerpener Renaissancemaler zeigt die Madonna mit niedergeschlagenem Blick, während das Jesuskind den Betrachter ernst und beinahe herausfordernd anblickt. Für dieses mit starker Aura beeindruckende Bild von 1520 ruft der Kunsthändler 245.000 Euro auf.

Geschlossen ist es ein rares Juwel der Möbelkunst, aufgeklappt überrascht es mit einem frühbarocken Bilderreigen aus beliebten Motiven der „Metamorphosen“ von Ovid.

Foto: Kunsthandel Christian Eduard Franke

Walter Sengers Tochter Simone Kundmüller führt im Stammhaus schräg gegenüber in den Gewölbekeller, der ein atmosphärisches Umfeld für die ausgestellten gotischen Skulpturen bietet, darunter die „Anna selbdritt“ eines Meisters aus der Tilman-Riemenschneider-Schule von etwa 1490, für die 180.000 Euro zu Buche schlagen.

Die Objekte waren zum Teil bereits in Museumsausstellungen zu sehen, aber es gebe auch privates Publikum für die sakrale Skulptur, berichtet Kundmüller. „Das sind Liebhaber, aber wir verkaufen natürlich auch an Museen.“ Bei der Frage nach Trends im Segment der Alten Kunst und der Antiquitäten sagt Kundmüller: „Natürlich gibt es Moden, im Moment erzielen beispielsweise Designermöbel höhere Preise als Barockmöbel. Bei denen kommt es vor allem auf die Qualität an. Und die Provenienz ist wahnsinnig wichtig, nicht nur für die Museen, sondern auch für die Sammler.“

Nebenan im Kunsthandel Wenzel vertritt Inhaber Matthias Wenzel das Prinzip des Generalisten. Er handelt seit 1988 mit Möbeln, Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk. „Seit Bamberg den Status als Unesco-Welterbe hat, sind wir im Aufwind, denn es kommt viel Kulturtourismus. Das ist ein idealer Standort hier, eine perfekte Symbiose von Welterbe und Kunsthandel.“

Wenzel setzt auf barrierefreie Lockmittel, um auch eine scheuere Kundschaft zu erreichen: „Zum Beispiel Schmuck, dafür kommen viele schnell einmal herein. Oder alte Schlüssel, ein ideales Mitbringsel aus ,good old Europe‘ und schon ab 30 Euro zu haben.“ Für die Messe hat Wenzel natürlich auch im hochpreisigen Segment eingekauft.

Eines seiner neuen Objekte ist eine Stutzuhr von Leopold Hoys, fürstbischöflicher Hof- und Domkapitelscher Uhrmacher aus Bamberg von 1760, ausgestattet mit einem seltenen Carillon, das zwei Melodien spielt, aus Holz geschnitzt und bekrönt von einem streng dreinschauenden Chronos, dem Gott der Zeit mit Sense und Sanduhr. Für diese Rarität schlagen 28.000 Euro zu Buche. Herausragend auch der „Nikolaus von Myra“ eines anonymen süddeutschen Bildhauers von 1490, Kostenpunkt 15.000 Euro.

Das Glockenspiel wartet mit zwei verschiedenen Melodien auf, das Gehäuse mit einem bekrönenden Chronos.

Foto: Kunsthandel Wenzel

Ausschließlich zeitgenössische Kunst präsentiert Thomas Eller in seiner THEgallery. Für die Messe hat er eine Ausstellung mit Werken des ukrainischen Bildhauers Vadim Sidur (1924 bis 1985) zusammengestellt, der als „Henry Moore der Sowjetunion“ galt und sie in einen intimen Dialog mit Werken des über 85-jährigen Zeitgenossen Werner Knaupp gestellt. Der Teilnehmer der Documenta 7 malt in ungebrochener Schaffenskraft einfarbige Bilder. Thomas Eller empfindet sich nicht als Fremdkörper im historischen Umfeld, im Gegenteil: „Es ist ein schönes Gefühl, hier auf kleinstem Raum einmal quer durch die Kunstgeschichte zu reisen.“

Vadim Sidur hält er für eine wichtige historische Position; die Bewältigung eigener Kriegstraumata in seinem Werk sei von bedrückender Aktualität. Für Sidurs kraftvoll schrundige Skulpturen setzt der Galerist 35.000 bis 60.000 Euro an. Seine Zeichnungen mit minimalistisch konzentriertem Strich sind bereits für 3700 bis 6200 Euro zu haben. Eller plant in naher Zukunft eine Museumsausstellung mit Werken Sidurs, die den Wert seines Nachlasses gehörig steigern dürfte.

5 Kilo Silberterrine mit Gemüsebukett

Zurück zur Alten Kunst beim Kunsthandel Franke, der einen auffallenden Antwerpener Kabinettschrank aus Antwerpen im Angebot hat. Geschlossen ist er ein Juwel der Möbelkunst, aufgeklappt überrascht ein frühbarocker Bilderreigen mit Motiven, inspiriert von den Ovid’schen „Metamorphosen“. Das museale Stück hat seinen Preis: 450.000 Euro erwartet der Kunsthändler für die Rarität, die im Frühjahr bereits auf der Tefaf zu sehen war, damals aber noch nicht zur Gänze in Frankes Besitz.

Franke hat auch Silber im Sortiment, etwa eine opulente Terrine des Augsburger Silberschmieds Gottfried Bartermann von 1763/65 mit üppigen Rocaillen, getürmtem Muschelwerk und einem kunstvoll arrangierten Gemüsebukett auf dem Deckel. Kostenpunkt für das fast fünf Kilo schwere Prachtstück: 138.000 Euro.

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Die stolzen Preise muss man bei Franke nicht flüsternd erfragen, sie stehen auf handgeschriebenen Kärtchen, dezent auf der Rückseite platziert. „Hier ist alles transparent“, sagt Franke, der auf internationalen Messen nur selten anzutreffen ist. Stattdessen informiert er seine internationale Kundschaft lieber mit jährlich erscheinenden Katalogen, von denen er nicht weniger als 3000 verschickt.

„28. Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen“, bis 24. August, Mo. bis Fr. 10 bis 18 Uhr, Sa. 10 bis 16 Uhr, So./Feiertag 13 bis 17 Uhr

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