Kunstherbst Berliner Galerienrundgang – Ein Triumph der Malerei

Wer Lust auf eine Reise durch die Zeitgeschichte hat, stattet den Galerien der Hauptstadt einen Besuch ab. Es dominiert der gute alte Pinsel.
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Das zart gemalte Ölbild „Aer I“ bezieht sich auf Canovas Skulptur „Amor und Psyche“. Quelle: Aurel Scheibler; Foto: Ivo Faber
Vivian Greven

Das zart gemalte Ölbild „Aer I“ bezieht sich auf Canovas Skulptur „Amor und Psyche“.

(Foto: Aurel Scheibler; Foto: Ivo Faber)

BerlinDer gute alte Pinsel beherrscht den Berliner Kunstherbst. In den Galerien aller Stadtteile dominiert in diesem Herbst die Malerei. Alle Richtungen sind vertreten – vom historischen Willi-Baumeister-Gemälde bei Wolfgang Werner bis zu den in kleinteiliger Schichtmalerei konzipierten Bildern von Jorge Pardos, die bei Neugerriemschneider zu sehen sind.

Für diese Schau hat der Kubaner wieder ein gattungssprengendes Ensemble aus Malerei, Design und Objektkunst arrangiert, in dem schlanke Kunststoffleuchten mit 25.000 Euro die untere Preiskategorie repräsentieren.

Einen Steinwurf weiter in der Lindenstraße hat sich die Galerie Neu eine 13-teilige Ausstellung mit dem Titel „The vitalist economy of painting“ kuratieren lassen. Die meisten Werke werden dem Motto nicht gerecht und übersteigen kaum das Kunstschulniveau. Das überzeugendste Werk der Schau ist ein monochromes Ölbild von Albert Oehlen, in dem ein verwischtes Dollarzeichen zur Sichel mutiert (550.000 Euro).

Im Kirchenschiff der Galerie König beantwortet die Berliner Künstlerin Alicja Kwade die Frage nach dem Wesen der Dinge mit einer Installation, die sich auf den Flug der Zeit bezieht, mit Kopien eines Findlings, die sich in Spiegeln multiplizieren, mit angeschnitzten Holzstämmen, mit Edelstahlröhren, die wie gekappte Orgelpfeifen aus der Leere kommend in die Leere führen.

Es ist die Intervention von gefundenem und bearbeitetem Material, von Zeit und Raum, von Volumen und Leere, die uns in dieser zwölfteiligen Schau in den Bann zieht (58.000 bis 280.000 Euro).

Verdiente Renaissance

Blain/Southern warten mit einem kontrastreichen Doppelprogramm auf: Im Erdgeschoss hängt die mehrdeutige Ölmalerei des 1976 in Teheran geborenen Malers Ali Banisadr, der seit 1989 in New York lebt, in den oberen Räumen finden sich die minimalistischen Bilder und Tafeln aus den Jahren 1950 bis 1982 des rheinischen Einzelgängers Herbert Zangs, für den es gerade auch in deutschen Auktionen eine verdiente Renaissance gibt.

Schwarze Lochbilder aus dem Jahr 1950 sind Dokumente einer konsequenten Proto-Zero-Haltung, die großen monochromen Bilder aus gefalteter Leinwand oder geknicktem Karton sind puristische Leitwerke, die aus dem sonst multistilistischen Gesamtwerk herausragen (Preise für die Großformate liegen bei 70.000 bis 110.000 Euro).

Von Weitem gesehen wirken die Ölbilder von Ali Banisadr wie abstrakte Farbwirbel. Doch aus der Nähe betrachtet erkennt man fragmentierte Tier-Mensch-Wesen, die körperlich und transitorisch zugleich aus einem Schattenreich in einen wilden Strudel hineingezogen werden. Die stark frontale Komposition verstärkt die Wirkung der durch Pinselschwung suggerierten Tiefe.

„Valley of the Gods, Utah“, 1977. Quelle: Wim Wenders Courtesy of the Artist
Wim Wenders

„Valley of the Gods, Utah“, 1977.

(Foto: Wim Wenders Courtesy of the Artist)

Angesichts dieser nicht nur im farbigen Großformat faszinierenden Gemälde ist es verständlich, dass Werke des Malers bereits in Museen in Paris, London, New York und Los Angeles gelandet sind (die Zeichnungen kosten 25.000 Euro, die Gemälde 65.000 bis 350.000 Euro).

Bei Aurel Scheibler am Schöneberger Ufer hat die Düsseldorfer Künstlerin Vivian Greven, Jahrgang 1985 und Meisterschülerin von Siegfried Anzinger, ihren zweiten Auftritt mit Bildern zum Thema „amore“. Die in zarter opaker Malerei komponierten Gemälde beziehen sich auf Canovas Skulptur „Amor und Psyche“, suchen aber bei aller sinnlichen Finesse eine gewisse Distanz zum Sujet durch digital umgewandelte Fragmente der berühmten Plastik.

So wirken diese Köpfe, Arme und Münder wie durch einen Schleier gesehen, zärtlich und entrückt. Hier hat die Malerin erreicht, was sie atmosphärisch angestrebt hat: „Einer Schönheit, die ich empfinde, mich anzunähern“ (2.300 bis 9.600 Euro).

Die vierte Einzelausstellung der Peruanerin Teresa Burga ist ein weiterer Höhepunkt in dem von charismatischen Künstlerinnen geprägten Programm bei Barbara Thumm. Die „Insomnia Drawings“ sind Beispiele einer bezwingenden Konzeptkunst der Siebzigerjahre, die mit formstarkem Automatismus verzerrte und gestauchte optische Grundmuster in immer neuen Variationen mit erstaunlicher Sogwirkung zu Blatt bringt (um 18.000 bis 20.000 Euro).

Seit der Wiederentdeckung der Künstlerin vor anderthalb Jahrzehnten erfährt auch ihre 1970 konzipierte „Heartbeat Machine“, die den Herzschlag der Künstlerin über ihrem Kardiogramm in rote Lichtimpulse umsetzt, museale Präsenz.

Pastose Orgie

Starke Frauen haben ihren festen Standort auch in der Galerie Eigen+Art. Die Herbstausstellung ist kritisch verfremdeten digitalen Mustern gewidmet, mit denen die Berlinerin Birgit Brenner sich auf die Frühzeit von Videospielen, aber auch generell auf eine medial verformte Wirklichkeit bezieht.

Im größten ihrer Sperrholzbilder („Never another you“) wird ein Roboter, der ein Männerbildnis zurückstößt, von einem Bildschirm-Muster überlagert, das eine optische Distanz zum darunterliegenden Bild schafft. Ein Bildschirm zeigt eine Straße mit Hochhäusern und ein Kugeldenkmal, in dem eine Explosion ein dreidimensionales Geviert produziert, das in der menschenleeren Szene wie ein digitaler Aufhänger wirkt. Worte, Menschenbild, Architektur werden auch in den kleineren Holzmalereien zu Elementen einer privaten Verortung, in der sich Fiktion und Wirklichkeit mischen (8.000 bis 44.000 Euro).

Die Charlottenburger Galerien pflegen ihr Image mit Vernissagen schon vor dem letzten Septemberwochenende, was den Overkill von Kunstereignissen wohltuend entzerrte. Auch hier behauptet sich die Malerei. Etwa in der Accrochage von Wolfgang Werner, der markante Werke der Abstraktion von Baumeister über Jean-Paul Riopelle (die pastose Orgie „Autour de sommets“ von 1957 kostet 450.000 Euro) bis K. O. Götz zusammengeführt hat.

Die Galerie Brockstedt widmet sich einer fast vergessenen holländischen Malerin, die der De-Stijl-Gruppe nahesteht: Lou Loeber (1894–1983). Die meisten der hier ausgestellten 40 Werke, die allesamt aus einer Schweizer Privatsammlung stammen, entstanden in den Zwanzigerjahren, in denen Loeber auch vom Bauhaus beeinflusst wurde. Landschaft, Blume, Mensch und Objekt sind in ihren konstruktivistisch durchgeformten Bildern stets als beherrschendes Motiv erkennbar. Die moderaten Preise (8.500 bis 24.000 Euro) haben Verkäufe, auch an Museen, beflügelt.

Beträufelte Teppichquadrate

Die bislang umfangreichste Ausstellung der Galerie Hetzler ist der Kunst der Achtzigerjahre gewidmet. In der Goethestraße prägt die Malerei von Albert Oehlen bis Günther Förg den Parcours. Marktmillionäre wie Martin Kippenberger mit dem Gemälde „Motörhead 2“ (3,5 Millionen Dollar) und Christopher Wool (drei Millionen Dollar für ein Ornamentbild) sind mit von der Partie, aber auch die hingerotzte Malerei der Hamburger Oehlen-Brüder ist hier präsent. Aufgemischt wird die Melange eines malerisch wild wuchernden Jahrzehnts durch ein dezentes Großformat von Julian Schnabel und zwei pastose Farbschichtungen des Österreichers Herbert Brandl.

In den Ausstellungsräumen am Kurfürstendamm figurieren auch wieder Brandl, Förg und Markus Oehlen. Plastiken von Franz West und ein Raumgespinst der amerikanischen Bildhauerin Liz Larner ziehen den Blick auf sich, aber von musealer Bedeutung sind zwei mit Wachs beträufelte Teppichquadrate aus der Frühzeit von Mike Kelly, von dem auch Acrylbilder der Jahre 1985–87 an einer Wand hängen.

Das fast zwei Meter hohe Schwarz-Weiß-Bild „Eternal Circle“, in dem der obligate Clown nicht fehlt, kostet 650.000 Dollar. Es ist eine heterogene Gesamtschau, die disparate Positionen schlaglichtartig nebeneinandersetzt.

Die meisten Ausstellungen laufen bis Mitte November.

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