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Kunstmarkt Art Week Berlin versetzt Flughafen Tempelhof in Kunstrausch

Die Berlin Art Week lockt mit der Vielfalt einer Kunststadt: Neben zwei Messen gibt es erstklassige Ausstellungen der Privatsammlungen und Museen.
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Das Ein-Kanal-Video „Delusional Mandala“ ist in der Ausstellung „Micro Era. Medienkunst aus China“ zu sehen. Quelle: Lu Yang / Société
Lu Yang

Das Ein-Kanal-Video „Delusional Mandala“ ist in der Ausstellung „Micro Era. Medienkunst aus China“ zu sehen.

(Foto: Lu Yang / Société)

Berlin Es ist fast schon eine Tradition: Die Kunstmesse Art Berlin präsentiert sich zum dritten Mal in zwei Hangars des Flughafens Tempelhof. Mit 110 Ausstellern ist die Zahl der Teilnehmer relativ konstant geblieben, auch wenn diesmal wichtige Berliner Galerien wie Blain/Southern, Buchmann, Haas, Hetzler, Neugerriemschneider und Scheibler ferngeblieben sind.

Einige Teilnehmer können sich nicht mit den kühlen, aber übersichtlichen Hallen anfreunden, andere finden, Berlin brauche keine Messe wie diese; man solle lieber ein stark beworbenes herbstliches Pendant zum Gallery Weekend im Frühjahr schaffen. Solche Diskussionen gibt es in der heterogenen Berliner Kunstszene, in der sich viele Parteien nicht grün sind, immer wieder. Ebenso die Klage, dass der Berliner Senat sich mit der Förderung zurückhält.

Videokunst ist unterrepräsentiert

Alledem trotzt die Art Berlin mit einem breiten und interessanten Programm, das gut zu bewältigen ist und in dem es neben Schwächezonen auch unbestreitbare Highlights gibt. Schon bei einem ersten Rundgang fällt eine nie dagewesene Massierung von Exponaten in Keramik und Textilarbeiten auf. Fotokunst ist spärlicher vertreten, aber dafür abstrakte Malerei jüngster Provenienz wieder stark präsent. An den größten Ständen wird meist eine Melange der Hauskünstler geboten. Eine prominente Ausnahme macht der ausladende Stand der Galerie Bastian, der ausschließlich mit Beuys-Vitrinen, mit Fotos und Graphik des Düsseldorfer Schamanen bestückt ist. Gänzlich unterrepräsentiert ist Videokunst.

Die Sektion „Special Projects“ stellt einzelne Künstler in den Fokus. Berliner Galerien sind hier stark. So hat die Galerie Barbara Wien ihren Stand mit vielteiligen Installationen des Documenta-Künstlers Georges Adéagbom Logo aus Benin gefüllt, die für 10.000 bis 68.000 Euro angeboten werden. Agnieszka Polska, die Gewinnerin des Preises der Nationalgalerie, figuriert bei Zak Branicka mit einem Video und Filmstills. Auch Dittrich & Schlechtriem konzentrieren sich auf einen Künstler: Nicola Martini, die durchsichtige Wandbehälter in Tropfen- oder Messerform mit dem Pulver eigener zerriebener Werke oder mit demineralisiertem Wasser, Ton und Graphit füllt. Material und Zeit sind hier denaturiert verdichtet.

„Flowery Obscurity (The Night Watch)“ in der Galerie Janssen. Quelle: Galerie Janssen
Aiko Tezuka

„Flowery Obscurity (The Night Watch)“ in der Galerie Janssen.

(Foto: Galerie Janssen)

Einer der interessantesten Künstler, der auf dieser Messe mit einer Textilarbeit erscheint, ist der Japaner Yuken Teruya, der aus Okinawa stammt und jetzt in Berlin lebt. In der Galerie Piero Atchugarry aus Garzón in Uruguay hängt ein Kimono, auf dem neben dem üblichen Dekor und eingebettet in Blüten, Vögel und Insekten auch Kampfflugzeuge eingewoben sind (30.000 Euro). Auf einer im Großformat komponierten Business Card mit Logo der Deutschen Bank sind die Buchstaben aus penibel zerschnittenem Monopoli-Geld geformt (27.000 Euro).

Textilkunst erscheint bei eigen & art mit Patchworkbahnen von Raul Walch. Aus Stoff sind auch die zwei Voodoo-Puppen von AA Bronson, die bei der Galerie Esther Schipper an ähnliche Figuren von Louise Bourgeois erinnern. Hier erscheint auch eines der feinsinnigsten Objekte der Messe: Tomás Saracenos mit einem Gespinst aus Spinnenfäden besetzter durchsichtiger Kubus (über 30.000 Euro).

An vielen Ständen gibt es einen Zweitauftritt von Künstlern, die zur Zeit in Berliner Kunstausstellungen gute Figur machen. So hängt bei Sprüth/Magers ein Großformat mit Dreieckskomposition von Thomas Scheibitz, das mit 80.000 Euro notiert. Von Laure Prouvost gibt es bei Carlier-Gebauer eine Wandinstallation mit Video, in dem Nachrichten laufen, umrankt von Teekännchen und Tassen in bemalter Keramik. Hier ist auch der Abguss einer von Einschusslöchern versehrten Wand des Anhalter Bahnhofs aus einer Architektur-Serie von Asta Gröting für 65.000 Euro zu erwerben.

Der Stand der Galerie König feiert den Pluralismus mit drei kleinen Porträts von Norbert Bisky (je 14.000 Euro), einem Kompassbild von Alicja Kwade (28.000 Euro), einer furiosen Papierarbeit von Jorinde Voigt mit extensivem Dripping, also aufs Bild getropfter Farbe (50.000 Euro), und einem der neuen Gemälde von Anselm Reyle mit geradezu brutal dickem Farbauftrag (68.000 Euro).

„Vision Machines; Shall You See Me Better Now“ von 2019 im Gropiusbau. Quelle: Künstler & Saleh Barakat Gallery
Tagreed Darghouth

„Vision Machines; Shall You See Me Better Now“ von 2019 im Gropiusbau.

(Foto: Künstler & Saleh Barakat Gallery )

Weiblichen Reiz der besonderen Art vermittelt eine Skulptur der gesellschaftliche Normen sprengenden Bildhauerin Anna Uddenberg bei Kraupa-Tuskany Zeidler, in der das Hinterteil einer Figur, die sich über einen Tisch beugt, Objekt voyeuristischer Begierde wird. Gleich an einem der ersten Stände der Messe zeigt die Galerie Barbara Thumm einen Teppich von Fiona Banner, auf den ein mit ISBN-Nummer tätowierter weiblicher Rückenakt prangt („Portrait as a book“). Kunstgewerbliche Feinarbeit betreibt der Inder Sudarshan Shetty bei Kewenig. Dort steht eine Gruppe von blau-weißen chinesischen Deckelgefäßen, in denen Teile der Keramik durch Fundholz ersetzt sind.

Einen der größten Messestände hat die Galerie Friese neben anderem mit Großformaten von Walter Stöhrer, Dieter Krieg (eine 2,50 Meter breite Radierung), Karin Kneffel und frühen Werken von Willi Baumeister bestückt. Glasierte Keramik gibt es an diversen Ständen. Mal dekonstruiert bei Zilberman, mal aufgetürmt in einer Galerie mit dem ironischen Namen Sorry we‘re closed.

Junge Kunst nicht im Abseits

Eine der wenigen jungen Künstlerinnen, die auf der art berlin mit abstrakter Malerei punkten können, ist die frisch von der Akademie kommende Alicia Viebrock bei Grässlin, von der ein starkes Gemälde für 8.500 Euro zu haben ist. Hier wie an anderen Ständen zeigt sich, dass die art berlin eine Messe ist, auf der nicht die Blue Chips des Marktes die junge Kunst ins Abseits drängen.

Die Galerie Crone, die parallel zur Messe mit zwei Eröffnungsausstellungen aufwartet (eine davon am benachbarten Tempelhofer Damm), hat in einer Dunkelkammer das Porträt eines Projektors des Düsseldorfer Film- und Fotokünstlers Peter Miller aufgebaut, der seit 2011 zu den Säulen des Galerieprogramms zählt. In der Projektion werden Luftströme sichtbar, die um einen schwarzen Punkt zirkulieren: eine große, lebendige Pupille, die eigentlich die Linse der Kamera ist (12.500 Euro in einer Auflage von fünf Exemplaren).

Gutes Auge für Zeichenkunst

Einer der wenigen Stände, auf denen Graphik die Hauptrolle spielt, ist die mit klassischer Pop Art gefüllte der Kölner Galerie Klaus Benden. Und wer sich für das besondere Porträt in der Fotokunst interessiert, findet bei Alexander Ochs Bildnisse des in Berlin lebenden Benyamin Reich, der aus einer ultraorthodoxen Familie stammt und jüdische Befindlichkeit mit Naziuniformen und schwuler Anmutung konfrontiert (1.600 bis 5.800 Euro).

Die zweite, zeitgleich laufende Messe „Positions“ in Hangar 4 ist durchaus sehenswert, denn sie bietet neben einer Menge zweitrangiger abstrakter Arbeiten Einzelpositionen, die auch bei der großen Schwester nebenan reüssieren könnten. Als Solitär erscheint hier der Berliner Kunsthändler Ralph R. Haugwitz, der mit Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts erscheint, die ein gutes Auge verraten.

Mit Preisen nicht zimperlich

Mit Klassikern der Moderne ist die Münchner Galerie Kunkel angereist. Die Preise, allen voran 98.000 Euro für die Farblithographie „Leonie“ von Otto Dix, sind nicht gerade zimperlich. Für unterbewertete Künstler wie den Berliner Bildhauer Hans Uhlmann und den Dresdner Maler Max Uhlig macht sich die Galerie Brusberg mit moderaten Preisen bis 10.000 Euro stark.
Von den Ausstellern, die figurative Malerei zeigen, ist der Stuttgarter Thomas Fuchs hervorzuheben, der neue, auf fragmentierter Leinwand gemalte Porträts von Rainer Fetting von starker Ausdruckskraft zeigen („Desmond and Jeff“ für 65.000 Euro). Die spektakulärste der auf dieser Messe gezeigten brandneuen Arbeiten ist ein 3 mal 4 Meter großer Nadelteppich von Anja Heymann, in den rund eine Million Stecknadeln als stacheliges Landschaftspanorama eingearbeitet sind (12.500 Euro).

Mit solchen Exponaten profiliert sich die Positions als Marktschau, in der sich vom kundigen Besucher ohne großen Zeitaufwand die Spreu vom Weizen trennen lässt. Eine Messe, die es ebenfalls lohnt zur Tradition zu werden.

Mehr: Zeitgenössische Kunst: Lesen Sie hier über das Ausstellungsdebüt westchinesischer Künstler in einer Berliner Galerie.

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