Kunstmarkt Da Vinci gegen Luxus-Jacht – Mohammed bin Salman steckt hinter einem aberwitzigen Tauschgeschäft

Der Prinz ersteigerte 2017 ein Christus-Bildnis von Da Vinci – und erntete wegen des Motivs Kritik. Der Ausweg: Tausch gegen eine Jacht.
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Mohammed bin Salman tauscht Da-Vinci-Bild gegen Luxus-Jacht Quelle: Anadolu Agency/Getty Images
Topaz

Die Luxusjacht hat alles, was das Ansehen erhöht – zwei Heli-Landeplätze, 26 Schlafzimmer, Kino, Gym und Konferenzraum.

(Foto: Anadolu Agency/Getty Images)

WienUnter all den in den Auktionssälen dieser Welt immer wieder ausgetragenen Weitpinkel-Wettbewerben war dies einer, der die Chronisten des Kunstmarkts nachhaltig beschäftigen wird. Aus vielen Gründen, aber besonders angesichts der dabei verprassten 450,3 Millionen Dollar.

Am 15. November 2017 waren sich, wie sich später herausstellen sollte, in New York zwei arabische Kronprinzen unwissentlich in die Quere gekommen.

Ihre Begehrlichkeit: ein knapp 66 mal 46 Zentimeter großes Stück Walnussholz mit dem Konterfei des „Erlösers der Welt“, entsprechend vorliegender Gutachten von Leonardo da Vinci gemalt. Geschickt hatte Christie’s das Gemälde als besonders begehrenswerte Trophäe inszeniert.

Sowohl Abu Dhabis Mohammed bin Zayed als auch der jetzt aufgrund der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi in der Kritik stehende Kronprinz Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman, hatten vor einem Jahr Stellvertreter in die Auktion um den „Salvator Mundi“ geschickt.

Während der Versteigerung wähnten die beiden Kontrahenten jedoch jeweils den Erzrivalen Katar als Konkurrenten und trieben den Preis unabhängig voneinander in die Höhe. Fakt ist, dass sich Katar für das religiöse Motiv schon vor Jahren nicht erwärmen konnte: Der „Salvator“ wäre bereits nach seinem Gastspiel bei der Da-Vinci-Retrospektive in Londons National Gallery über einen Private Sale für 80 Millionen Dollar zu haben gewesen.

Superreicher Kunstinvestor, der nach dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi zuletzt international scharf kritisiert wurde. Quelle: AP; Foto: Amr Nabil
Mohammed bin Salman

Superreicher Kunstinvestor, der nach dem Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi zuletzt international scharf kritisiert wurde.

(Foto: AP; Foto: Amr Nabil)

Den Zuschlag erteilte Christie’s beim Höchstgebot von 400 Millionen Dollar, inklusive Aufgeld liegt der Kaufpreis damit bei 450,3 Millionen Dollar. Eine Sensation, niemals zuvor war je ein einzelnes Kunstwerk teurer gewesen. Das Foto vom „Salvator Mundi“ geht um die Welt, der Käufer aber bleibt vorerst unbekannt. Am 6. Dezember 2017 lüftet der Louvre Abu Dhabi dieses Geheimnis und verkündet die Akquise via Twitter.

Was zu diesem Zeitpunkt niemand wusste: Der wahre Sieger des Bietgefechts war Mohammed bin Salman gewesen. Doch der saudische Kronprinz erntete für den Kauf heftige Kritik aus seinem Umfeld. Das Motiv des christlichen Erlösers überschritt im streng islamischen Saudi-Arabien trotz des jüngsten Modernisierungsschubs die Toleranzgrenzen. Deshalb wechselte die gemalte Trophäe hinter den Kulissen neuerlich den Besitzer.

Statussymbol für Superreiche

Der überteuerte Leonardo wurde gegen ein allgemein akzeptiertes Statussymbol unter Superreichen getauscht – eine Luxusjacht aus der königlichen Flotte der Familie von bin Zayed.

Die Topaz ist mit 147 Meter Länge eine der größten Motorjachten der Welt. Die achtgrößte, um genau zu sein. So zumindest das Ranking der einschlägigen Fachzeitschrift „Boote Exclusiv“. 2012 war die Topaz in der Bremer Lürssen-Werft vom Stapel gelaufen. 26 Schlafzimmer können 52 Gäste beherbergen. Plus Gym, Konferenzraum, Kino und mehrere Pools, die bei bei Luxusjachten inzwischen dazugehören. Gleich zwei Helikopter-Landeplätze machen klar, dass nicht nur der Eigentümer auf dem Luftweg anzureisen gedenkt, sondern auch seine VIP-Gäste.

Siegreicher Bieter war Mohammed bin Salman. Wegen saudischer Kritik am Motiv gab er es nach Abu Dhabi ab. Quelle: Christie’s
Umstrittenes Leonardo-Gemälde

Siegreicher Bieter war Mohammed bin Salman. Wegen saudischer Kritik am Motiv gab er es nach Abu Dhabi ab.

(Foto: Christie’s)

Immerhin, die Provenienz der Topaz ist unstrittig. Und das ist mehr, als man vom anderen Tauschobjekt sagen kann.

Mitte September dieses Jahres sollte „Salvator Mundi“ nach Monaten des Wartens endlich im Louvre Abu Dhabi zu sehen sein. Die Präsentation musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Informationen über die Gründe stehen aus. Ob sich dahinter der erneut aufgeflammte fachliche Disput verbirgt, muss sich noch weisen.

Denn nicht alle Experten mochten sich der Meinung des britischen Kunsthistorikers und Da-Vinci-Biografen Martin Kemp anschließen, wonach es sich um ein authentisches Werk des Universalkünstlers handelt. Sie argumentieren, es sei ein einst von seinen Schülern und zeitgenössischen Restauratoren gemaltes Werk.

Umstrittener Zustand des Bildes

Bei der Diskussion über den Zustand des Gemäldes hatte Thomas P. Campbell als damaliger Direktor des Metropolitan Museums in New York ordentlich Öl ins Feuer gegossen. Via Twitter verbreitete er eine Aufnahme des Gemäldes, die nach der Abnahme der Übermalungen während des Restaurierungsprozesses entstand, und mokierte sich darüber, ob sich der Käufer dieser traurigen „Condition“ wohl bewusst wäre.

Jüngst bekam nun die These eines Werkstattbildes neue Nahrung. Der in Oxford forschende Kunsthistoriker Matthew Landrus ist überzeugt, das Werk sei zu 80 Prozent von Leonardo da Vincis Schüler Bernardino Luini gemalt worden. Den Anteil des Meisters selbst schätzt er auf fünf, höchstens 20 Prozent. Die Luini-Zuordnung ist übrigens keine unbekannte, wie ein Blick auf die Vita des „Salvator Mundi“ belegt: 1900 war es von Sir Charles Robinson als Werk Luinis für die britische Cook Collection erworben worden.

Den Expertendisput wird der Louvre Abu Dhabi nicht ignorieren können. Dem Vernehmen nach soll selbst sein Direktor Manuel Rabaté der Zweiflerfraktion angehören. Gesichert ist nur, dass man dort am 11. November den Jahrestag der Eröffnung mit entsprechendem Pomp begehen wird.

 In Österreich wird das Fest einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Wie diese Woche bekannt wurde, schlittert jetzt der Glas- und Stahlbauspezialist Waagner Biró in die Pleite. Laut der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ sind dafür drei Projekte verantwortlich: Die Kuppel des nach Plänen Jean Nouvels erbauten Louvre Abu Dhabi ist eines davon.

Die Waagner Biró AG hatte dessen preisgekröntes Wahrzeichen als Subunternehmer eines lokalen Generalunternehmers ausgeführt. Der Endkunde – und damit wohl das Kulturministerium Abu Dhabis als Bauherr – soll einen mehrstelligen Millionenbetrag nicht bezahlt haben. Das 1854 gegründete Unternehmen, das insgesamt 1500 Mitarbeiter beschäftigt, hat ein Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung am Konkursgericht Wien angemeldet.

Und auf europäischer Ebene sollte man dem einjährigen Jubiläum des Louvre Abu Dhabi genau genommen auch keinen Beifall zollen. Bereits während des Baus hatten Menschenrechtsorganisationen immer wieder die schlimmen Bedingungen für die Wanderarbeiter aus Bangladesch oder Pakistan angeprangert. Gehör fanden sie nicht.

Scheinheiligkeit des Kulturbetriebs

Der Louvre-Deal mit Frankreich datiert aus dem Jahr 2007: Für eine knappe Milliarde Euro darf das Emirat seitdem 30 Jahre lang die Marke „Louvre“ nutzen. Dazu geben Leihgaben aus 13 französischen Museen wie dem Centre Pompidou Gastspiele am Golf. Die Museumskooperation ist nur einer von unzähligen Deals in unterschiedlichen Branchen zwischen Frankreich und arabischen Herrscherfamilien. Diese Geschäfte helfen, zu erklären, warum Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron auf der Bremse steht, wenn es um Sanktionen gegen Saudi-Arabien geht, die europaweit aufgrund kontinuierlicher Menschenrechtsverletzungen und der Causa Jamal Khashoggi gefordert werden.

Die Menschenrechtsdebatte bringt durchaus auch die Kunstwelt in die Bredouille, die seit Jahren am Tropf der arabischen Welt hängt. Kürzlich reagierten das Metropolitan Museum of Art und das Brooklyn Museum: Man werde auf Gelder „von Gruppen, die der saudischen Regierung nahestehen“, verzichten, die in eine Ausstellung und ein Seminar geflossen wären.

Diese vordergründig ethische Haltung entlarvt die Scheinheiligkeit des Kulturbetriebs. Denn es sind nicht in erster Linie solch kleine Projektgelder, von denen die Kunstbranche seit Jahren prächtig lebt. Sondern vor allem die Milliarden, die arabische Käufer in den Galerien und Auktionshäusern lassen und mit denen sie dazu beitragen, dass sich die Preisspirale auf dem weltweiten Markt für spektakuläre Trophäenkunst immer schneller dreht.

Der schnöde Tausch Christusbild gegen Luxusjacht offenbart die wahren Gesetzmäßigkeiten dieses Marktes womöglich besser, als es sich ein Aktionskünstler hätte ausdenken können.

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