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Kunstmarkt Dem Elend auf der Spur – Privatsammler François Pinault zeigt sozialkritische Kunst

In einem Kloster und in Museen zeigt der Bretone François Pinault Glanzstücke und sozialkritische Entdeckungen seiner Sammlung in Rennes.
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Der Tod und die Vergänglichkeit von Macht sind Leitmotive in der Sammlung von François Pinault. Quelle: Jean-François Mollière/Pinault Collection, VG Bild-Kunst, Bonn 2
Thomas Schütte „Efficiency Men“

Der Tod und die Vergänglichkeit von Macht sind Leitmotive in der Sammlung von François Pinault.

(Foto: Jean-François Mollière/Pinault Collection, VG Bild-Kunst, Bonn 2)

RennesEtwas unerwartet für einen dreißigfachen Milliardär lautet der Titel der jüngsten Ausstellung der Pinault Collection in Rennes lapidar „Debout!“. Übersetzt „Steht auf!“. Genau so beginnt auf Französisch die „Internationale“, das Kampflied der Arbeiterschaft.

Dieses provokante Paradoxon entspricht aber durchaus dem Humor des Mega-Sammlers. Auch Jean-Jacques Aillagon, Generaldirektor der Pinault Collection und ehemaliger Kulturminister, verwies bei der Vernissage ausdrücklich auf die „Internationale“ und die sozialpolitische Komponente der Werkauswahl.

Emblem der Ausstellung ist eine sitzende Skulptur von Thomas Houseago, dem 1974 geborenen englischen Künstler, dessen Schrecken erregende Gestalten sich in fast allen trendigen Sammlungen befinden.

Seine Riesen-Gestalten mit ihren Totenköpfen lassen den, der die Kunstgeschichte kennt, spontan an Jean Dubuffets Art-Brut-Kopfformen oder an Alberto Giacometti denken.

Bewusst gibt Houseago Einblick in seine brutale Technik, indem er rostige Stahlrohre als Träger des Gipsskeletts offenlegt.

Sanfte Pastelltöne stehen im Gegensatz zu den dargestellten Verlierern der Gesellschaft. Quelle: Jean-François Mollière/Pinault Collection
Vincent Gicquel „Aplomb“

Sanfte Pastelltöne stehen im Gegensatz zu den dargestellten Verlierern der Gesellschaft.

(Foto: Jean-François Mollière/Pinault Collection)

Die überdimensionalen Skulpturen sind repetitiv, bedrohlich, hässlich und damit ein Ausdruck der Gewalt unserer Zeit. Obwohl die weltweit mit dem größten Filialnetz agierende Galerie Gagosian den Künstler vertritt, betont Houseago im Gespräch mit dem Handelsblatt, wie schwierig die Existenz eines Bildhauers sei.

„Vater Staat“ ist machtlos

Pinaults Ausstellungskuratorin Caroline Bourgeois jedenfalls setzt Houseago im „Couvent des Jacobins“ – dem kunstgerecht restaurierten ehemaligen Kloster – gleich zur Begrüßung der Besucher in eine Glashalle. Hier überwacht Thomas Schüttes Bronzestatue „Vater Staat“ im Hintergrund die Situation. Arm- und beinlos, also machtlos, ist dieser „Vater Staat“ eine ironische Evokation unserer bedrohten Demokratie. Übrigens nicht die einzige Skulptur ohne Arme: Der 1975 in Vietnam geborene Danh Vo wagte sich an einen gekreuzigten Christus, dem er die Arme abhakte. Dem vietnamesisch-dänischen Künstler hatte François Pinault schon 2015 in Venedig eine beachtliche Einzelausstellung gewidmet.

Aus der unermesslichen großen Kunstsammlung des Luxusunternehmers (Kering) wählte Kuratorin Bourgeois Werke aus, die um die Themen Exil, Immigration, kulturelle Minderheiten, Diktatur und zuletzt um den Tod kreisen. Der Tod ist ein Leitmotiv in der Collection Pinault.

Im „Couvent des Jacobins“ ist es nur in wenigen Räumen möglich, Gemälde zu hängen. Deshalb hat Caroline Bourgeois den Gedanken an die Vergänglichkeit überwiegend mit dreidimensionalen Werken umgesetzt.

Unter den Malern entdeckt man die speziell für die Schau entstandenen und von Pinault angekauften Gemälde und Aquarelle des Franzosen Vincent Gicquel. Dessen sanfte Pastelltöne stehen im Gegensatz zu den dargestellten gequälten Gestalten mit ihrer einfältig-verzweifelten Körperhaltung der sozialen Loser.

Mit surrealem Humor übertitelt Gicquel die Serie seiner Aquarelle, mit der Aussage „Es macht nichts“. Ausgestellt wird sie im Zentrum für zeitgenössische Kunst von Rennes, in „La Criée“. Caroline Bourgois erzählt, sie habe die malerische Qualität und Ausdruckskraft von Gicquel in der erst in Bordeaux, dann in Paris ansässigen Galerie Thomas Bernard-Cortex Athletico entdeckt und ihm nun – im Namen Pinaults – einen Auftrag erteilen können.

Modischer Blick auf Afrika

Da Maler mit Bezug zu Afrika derzeit groß in Mode sind, sehen die Besucher in Rennes auch die eindrucksvollen Gemälde des Afroamerikaners Henry Taylor. Im gleichen Saal platziert Bourgeois die Porträts der 41-jährigen schwarzen Britin Lynette Yiadom-Boakye. Taylor (Jahrgang 1958) erzielte in London bereits 274 000 Pfund auf einer Auktion, ist also genauso wenig eine Neuentdeckung wie die viel teurere Yiadom-Boakye. Immerhin unterscheidet sich Taylor von vielen Künstlern der Collection Pinault durch seinen sozialen Sarkasmus.

Die italienische Installationskünstlerin Tatiana Trouvé erhielt den zweiten Auftrag der Collection Pinault für die Schau „Debout!“. Das Musée des Beaux Arts von Rennes stellt ihr sein Atrium mit Oberlicht zur Verfügung, wo Trouvé schwarze Metallgestelle in den Raum positioniert, worauf sie Recto-Verso-Zeichnungen auf vorher mit Chlor behandelter Leinwand befestigte. Der Zufall entschied über das Resultat. Die Zeichnungen transponieren Traumvisionen von Landschaften und verunsichern die Betrachter. Seit etlichen Jahren reüssiert Trouvé bei Privatsammlern. Die Preise für ihre Bilder liegen übrigens zwischen 80.000 bis 100.000 Euro.

Etwa die Hälfte der in Rennes ausgestellten Werke sind Insidern bereits begegnet, darunter Skulpturengruppen von Thomas Schütte, der knieende Adolf Hitler, den Maurizio Cattelan „Him“ nennt, oder die mit Elfenbein überzogene Statue eines vietnamesischen Mädchens, das den „Schrei“ von Adel Abdessemed verkörpert.

Strahlend weiß leuchtet der wie Marmor wirkende Körper des jungen Knaben „Boy with Frog“ von Charles Ray, eine Auftragsarbeit von 2009 für Pinaults venezianischen Ausstellungspalast „Punta della Dogana“. Winzig steht der Knabe ganz allein im immensen, sonnenüberfluteten quadratischen Klosterhof. Die architektonische Perfektion balanciert die Banalität der Skulptur aus. Zusammen markieren Hof und Figur den Höhepunkt genüsslichen Betrachtens in Rennes.

 „Debout!“ Collection Pinault. Couvent des Jacobins, Rennes bis 9.9.Tatiana Trouvé Musée des Beaux Arts, Rennes bis 9.9.

„C’est pas grave“ Vincent Gicquel La Criée centre d’art contemporain, Rennes bis 26.8.

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