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Kunstmarkt Hongkong wird zum Hotspot für internationale Großgalerien

Hongkong hat Peking als Brückenkopf für westliche Galerien abgelöst. Asiatischen Sammlern öffnen sie den Blick auf die westliche Kunstszene.
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Tuschemalerei und experimentelle Fotografie auf 180 x 190 cm großem, geknittertem Papier. Quelle: Galerie Du Monde, Hongkong
Wu Chi-Tsung: Cyano-Collage

Tuschemalerei und experimentelle Fotografie auf 180 x 190 cm großem, geknittertem Papier.

(Foto: Galerie Du Monde, Hongkong)

HongkongStändiger Wandel ist die einzige Konstante in Chinas Kunstmarkt. Vor wenigen Jahren noch galt er als undurchsichtiges Zockerparadies und Drehscheibe für Bestechung und Geldwäsche. Oder wahlweise als Lügengebäude, weil sich herausstellte, dass in den Ergebnislisten der Auktionshäuser mehr unbezahlte Zuschläge verzeichnet waren als bezahlte.

Mit der Ankunft der Art Basel in Hongkong (ABHK) im Jahr 2013 wurden die Karten neu gemischt. War zunächst Peking mit seinem Kunstdistrikt 798 der Brückenkopf für westliche Galerien in China, gibt es heute kaum eine internationale Großgalerie, die keine Filiale in Hongkong hat. Schon 2008 hat mit der Gründung der ART HK eine Entwicklung eingesetzt, die aus dem Finanzzentrum auch einen kulturellen Hotspot werden lässt.

Betty Chan, Chief Information Officer in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, spricht davon, wie wichtig der Kunstmarkt in den letzten Jahren für die Stadt geworden ist. Die Art Basel zählt sie zu den größten jährlichen Events, zusammen mit der Textilmesse und einigen Tech-Events.

Der Weg dorthin war lang und verlief lange unter dem Radar. Fred Scholle ist ein Pionier der lokalen Kunstszene. Der Amerikaner kam 1965 aus geschäftlichen Gründen in die damalige Kronkolonie und blieb. 1974 gründete er mit der Galerie du Monde eine der ersten Galerien für zeitgenössische Kunst, in der er zunächst aktuelle westliche Kunst für die Expats zeigte. Sein privates Interesse verlagerte sich jedoch hin zu zeitgenössischer chinesischer Tuschemalerei, die ab den 1980er-Jahren auch das Programm der Galerie prägte.

Chinesisches ergänzt Scholle zuletzt durch zeitgenössische westliche Künstler, die in China noch wenig bekannt sind. „ABHK und ihre Vorgängerin haben zusammen mit Sotheby’s und Christie’s den Markt grundlegend verändert“, erklärt er. „Die westlichen Galerien kamen etwas später.“

Philip Tinari pflichtet ihm bei. Er ist Direktor des UCCA, jenem vom belgischen Ehepaar Ullens gegründeten Kunstzentrum in Peking, das exemplarisch für die Kunstszene der letzten anderthalb Jahrzehnte steht und das 2017 an eine Gruppe chinesischer Sammler und Investoren ging.

Er meint: „Der Einfluss aus dem Westen auf China kam eigentlich erst durch die Messe. Es ist eine Sache, eine Galerie auf dem Festland zu haben. Aber eine Messe als Plattform ist eine andere. Mittlerweile hat auch jede größere Galerie mindestens einen chinesischen Verkäufer. Man kann einfach keine weltweit operierende Firma haben und China ignorieren.“

Den Einfluss der neu angekommenen Galerien sowie der Messe sieht der ehemalige Schweizer Botschafter, Unternehmer und Kunstsammler Uli Sigg jedoch als sehr begrenzt: „Wenn wir deren Programm sehen, geht es mehrheitlich um Westkunst, weniger um Kunst aus Greater China. Der globale Markt hat jedoch einen Einfluss. Da geht es aber mehr um die Informationsmöglichkeiten, die den Künstlern jetzt zur Verfügung stehen. Für die Sammler hingegen ist die Messe wichtigstes Ereignis der Region. Sie sind fast lückenlos hier.“

Öffentliche Museen fehlen – das schafft Ungewöhnliches

Sigg muss es wissen, schließlich bildet seine Sammlung das Herzstück des M+, eines riesigen Museums für zeitgenössische Kunst, das gerade als Wahrzeichen eines komplett neuen Stadtteils auf der Festlandseite Hongkongs in Kowloon entsteht.

Das Fehlen öffentlicher Museen treibt ungewohnte Blüten. Eine Ausstellung in der Galerie Gagosian kehrt die aus dem westlichen Kontext gewohnten Verhältnisse vollends um. Malerstar Zeng Fanzhi hat dort eine Ausstellung kuratiert von drei Malern, die ihn beeinflusst haben: Paul Cézanne, Giorgio Morandi und Sanyu, einem Chinesen, der in den 1920er-Jahren in Paris lebte (bis 11. Mai). Alle Bilder stammen aus Privatsammlungen. Im Westen peppen Galerien ihre Ausstellungen bisweilen gerne mit Highlights aus Privatbesitz auf, um ihre eigene Ware zu nobilitieren. Hier ist es anders.

Sämtliche Ausstellungsstücke kommen aus privater Hand und sind (offiziell) unverkäuflich. Anstelle von Institutionen übernimmt die Galerie die Kanonisierung von künstlerischen Positionen, die sie selbst vermittelt hat. Nicht, dass die ausgestellten Künstler dessen noch bedürften; die Exponate hingegen schon. Das ist nicht nur allerbeste Kundenpflege, es untermauert auch den eigenen Anspruch, die maßgebliche Instanz zu sein.

Westlichen Einfluss auf Künstler sieht Urs Meile weniger, auf Sammler aber schon. Der Luzerner betreibt seit 1992 eine der wichtigsten Galerien in Peking: „Die Professionalisierung mit den aus dem Westen hereingekommenen Galerien hat grundsätzlich einen Einfluss auf ganz Asien, nicht nur auf China, auch auf die asiatischen Sammler, weil das den Blick öffnet auf unbekanntere, jüngere Künstler und den Blick auf die westliche Kunstszene.“

Während die erste Generation asiatischer Sammler vor allem auf traditionelle Kunst gesetzt habe, beobachtet Meile jetzt einen anderen Trend. Weg von den Blue Chips, näher ran an die eigene Generation. „Sie wollen einfach nicht das machen, was die Generation oder halbe Generation vor ihnen gemacht haben.“

Kritik an Rahmenbedingungen

Ein Europäer mit Galerie in Peking, der seinen Namen nicht genannt wissen möchte, sieht die Rahmenbedingungen kritisch. Mit dem wachsenden Einfluss Chinas auf die Politik in Hongkong werde der Handlungsspielraum kleiner. Die Regierung habe vorab Abbildungen von jedem Werk verlangt, das nach Hongkong zur Messe ging.

Die finanziellen Restriktionen seien stärker geworden, und das würde sich noch fortsetzen. Geld sei nicht mehr so leicht hin- und her zu bewegen. Das gelte für Kunst wie für alle anderen Finanzprodukte. Denn am Ende sei Kunst doch auch ein Finanzprodukt, sagt er augenzwinkernd.

Die junge Künstlerin mischt Acrylfarbe auf Planen und montiert diese dann zu einer Skulptur. Quelle: Ju Ting/ Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne
Ju Ting: „Untitled 011819“

Die junge Künstlerin mischt Acrylfarbe auf Planen und montiert diese dann zu einer Skulptur.

(Foto: Ju Ting/ Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne)

Damit beschreibt er die Tendenz der chinesischen Regierung, auch in Hongkong mehr Einfluss auszuüben. Das geschieht nicht nur über Finanzregulierung oder Exportgenehmigungen. Die kürzliche Verurteilung zweier Aktivisten der friedlichen Regenschirm-Proteste ist dabei nur die explizite Form der Unterdrückung von Dissens.

Selbstzensur greift in semiöffentlichen Institutionen immer mehr um sich. Mit fortschreitender „Mainlandification“ könnte die Blüte der Kunstfreiheit ein schleichendes Ende nehmen. Dem Kunstmarktboom der Region wird das aber möglicherweise nicht mehr ernsthaft schaden können.

Fred Scholle ist jedenfalls zuversichtlich: „Da viele Sammler erst Ende 20 oder Anfang 30 sind, haben sie noch viel Zeit, um ihre Kunstwerke zu halten. Selbst wenn sie zu relativ hohen Preisen kauften, können sie die Entwicklung abwarten. Außerdem ist Kunst ein Investment, das relativ leicht und kurzfristig bewegt werden kann.“ Sollten die Verhältnisse es erfordern.

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