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Kunstmarkt Neue Trends für Sammler – Wenn plötzlich die Preise von Altmeistern steigen

Die Kunstmärkte leben vom Geschmack. Was heute zählt, sind eine moderne Anmutung und unmittelbare Erkennbarkeit. Stillleben, Landschaften und Tiermalerei haben das Nachsehen.
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„La Bocca della Verità“ erzielte 2015 die Rekordsumme von 9,3 Millionen Pfund (damals 13 Millionen Euro). Quelle: Sotheby's
Werk von Lucas Cranach dem Älteren

„La Bocca della Verità“ erzielte 2015 die Rekordsumme von 9,3 Millionen Pfund (damals 13 Millionen Euro).

(Foto: Sotheby's)

BerlinNoch vor einem guten Jahrzehnt war Lucas Cranach der Ältere ein Künstler unter vielen im Altmeistersektor. Er genoss keine große Publizität. Doch das änderte sich 2008, als Christie’s in New York das Porträt der Sybille von Cleve für 7,7 Millionen Dollar versteigerte. Wenige Jahre später erzielte der Hofmaler gar den Rekordpreis von 13 Millionen Euro für das großformatige Gemälde „La Bocca della Verità“ aus der Sammlung Kisters bei Sotheby’s.

Kein Einzelfall. Plötzlich werden Skulpturen und Gemälde aus längst vergangenen Jahrhunderten sehr teuer. Zugleich fallen die Preise wie die der lange überbezahlten Fließbandproduktionen der Brueghel-Familie.

Es lohnt sich, einen Blick hinter die Marktfassade zu werfen und aktuelle Geschmackserscheinungen in ihrer Vielfalt zu beleuchten. Gerade im Bereich der Altmeistergemälde hat sich in den letzten Jahren einiges geändert. Bei der niederländischen Malerei wird selektiert wie lange nicht. Werke mittlerer Wichtigkeit und bürgerlicher Anmutung wie Genrebilder, Stillleben, Landschafts- und Tiermalerei fallen durch.

Angesagt sind jetzt Porträts deutscher, niederländischer und italienischer Meister, sie werden so hoch bewertet wie zuletzt in der goldenen Markt-Ära vor dem Ersten Weltkrieg. Zuschläge von fünf und sechs Millionen Pfund wurden allein im Juli für Porträts von Rubens und Ludovico Carracci geboten.

Henrik Hanstein, Chef des Kölner Auktionshauses Lempertz, konstatiert: „Das, was wir heute an den Bildern modern finden, zieht. Die Trends beschleunigen sich. Es gibt ein Crossover mit der Alten Kunst. Das wird vor allem in Italien, Belgien, Frankreich, aber noch nicht so stark in Deutschland gepflegt.“

Die Kunstmärkte leben vom Geschmack. Und der ändert sich derzeit grundlegend. Lange Zeit gaben Kirche und Adel, seit dem 19. Jahrhundert Unternehmer und Großbürgertum die Geschmacksrichtung vor. Heute sind es die Superreichen von New York über Mumbai bis Peking, die sich in globaler Gleichschaltung die teuersten Werke angesagter Künstler der Moderne und der zeitgenössischen Kunst sichern. Das, was die Amerikaner die „essential signification“ eines Kunstwerks, seine unmittelbare Erkennbarkeit, nennen, ist seit gut einem Jahrzehnt treibende Kraft der Märkte.

Eine Schlüsselrolle spielen auch Museen. Der Erfolg von Cranach ist beispielsweise einigen Kunstinstitutionen zu verdanken. Der Pariser Louvre erwarb 2010 für vier Millionen Euro das Gemälde „Die drei Grazien“ von 1531. Weitere Werke wurden vom Kimbell Art Museum in Fort Worth und vom J. Paul Getty Museum in Los Angeles angekauft.

Eine Fülle von Ausstellungen in Deutschland, aber auch in London, Paris, Brüssel und Rom festigte Cranachs Ruf als wichtigster deutscher Renaissance-Maler neben Albrecht Dürer, Matthias Grünewald und Hans Baldung Grien. Das ist Geschmacksförderung auf hohem wissenschaftlichem Niveau im Gleichschritt mit dem Markt. Sie schafft nachhaltiges Interesse.

Das Tauziehen um den „Mars“

Einen starken Aufschwung hat in den letzten drei Jahren die Skulptur erfahren. Hier handelt es sich nicht um die Menge der spätmittelalterlichen deutschen und niederländischen Holzbildwerke, die heute weniger als die Hälfte der Preise bringen, die sie vor zwei Jahrzehnten erzielt haben. Es sind, wie in anderen Marktbereichen, die Spitzenwerke, die hohe Publizität genießen und die gesamte Gattung wieder in den Fokus rücken. Dazu gehört nicht nur Giambolognas „Mars“ aus der Sammlung der Bayer AG, um den es jüngst in London ein Tauziehen gab (Handelsblatt vom 4.7. und 12.7.).

Nie kam eine mittelalterliche Skulptur auf einen höheren Preis. Quelle: Christie's / VG Bild Kunst
9,3 Millionen Pfund für die Löwen vom Grab Karls V.

Nie kam eine mittelalterliche Skulptur auf einen höheren Preis.

(Foto: Christie's / VG Bild Kunst)

Seit drei Jahren manifestiert sich eine neue Wertschätzung der Skulptur, nicht zuletzt gefördert durch ihre starke Repräsentanz in der Maastrichter Kunstmesse Tefaf. Sie begann im Dezember 2015, als im Pariser Auktionshaus Piasa die barocke Elfenbeingruppe einer „Geißelung Christi“ für 2,2 Millionen Euro zugeschlagen wurde. Sie war dem österreichischen Barockbildhauer zugeschrieben, der unter dem Notnamen Meister des Martyriums des Hl. Sebastian figuriert. Die Skulpturenexpertin des Versteigerungshauses betonte damals, dass es „einen Mikromarkt für solche exquisiten Elfenbeinarbeiten“ gibt. Das zeigte sich auch im Dezember desselben Jahres bei Christie’s, als eine expressive „Geißelung“ des Italieners Jacobus Agnesius knapp eine Million Pfund erlöste.

Bei den Bronzen prägen nicht nur absichernde Provenienzen und große Namen wie die des Giambologna-Nachfolgers Ferdinando Tacca die Preise (6,7 Millionen Pfund für eine Herkules-Gruppe bei Christie’s im Juli 2018), sondern auch namenlose Werke von höchster Brillanz wie die 34 Zentimeter hohe barocke Gruppe „Apollon tötet Python“, die im Juni 2018 bei Sotheby’s 466.000 Pfund erzielte. Oft sind es Marmorskulpturen, die Hochpreise bringen. Allen voran französische Bildhauerwerke des 14. Jahrhunderts wie die beiden Trauerfiguren vom Grab des Herzogs von Berry, die der Louvre im Juni 2016 in einer Pariser Christie‘s-Auktion für fünf Millionen Euro per Vorkaufsrecht ersteigerte.

Unterbewerteter Klassizismus

Im Juli 2017 realisierte in Christie’s Londoner Mutterhaus eine marmorne Löwengruppe vom Grab Karls V. mit 9,3 Millionen Pfund (zwölf Millionen Euro) den Rekordpreis für eine mittelalterliche Plastik. Dass Antonio Canovas Marmorbüste einer Personifikation des Friedens im Juli 2018 bei Sotheby’s 5,3 Millionen Pfund erzielte, war kein Sonderfall. Schon im November 2017 hatte bei Christie’s in Paris Canovas Büste des Napoleon-Schwagers Joachim Murat 4,3 Millionen Euro eingespielt.

Unterbewertet, aber nicht weniger epochal sind dagegen immer noch Bildhauerarbeiten des in Rom tätigen Canova-Zeitgenossen Berthel Thorwaldsen. Ein Paradebeispiel: Sein 1823 vom Grafen Schönborn in Auftrag gegebenes Marmorrelief „Cupido und Anakreon“ wurde am 4. Juli bei Sotheby’s für eher bescheidene 225.000 Pfund zugeschlagen.

Auf Farbe fixiert

Ein Blick auf die Geschmacksentwicklung für Alte Graphik zeigt, dass es hier auch neue Tendenzen gibt. Im Gegensatz zur Graphik der Moderne und der Gegenwart, die auf breiter Front von der Fixierung der Käufer auf farbige Arbeiten von Munch bis Warhol zehrt, gibt es neue Sammler für Dürer und Rembrandt. Sie sind die klassischen Marktsäulen der „schwarzen Kunst“.

Aber auch hier sind es besondere Motive, die anziehen. Das sind die sogenannten Meistergraphiken bei Dürer, vor allem die „Melancholia“ und „Ritter, Tod und Teufel“ sowie Blätter der in Holz geschnittenen Apokalypse. Bei Rembrandt sind es nach Beobachtung der Frankfurter Graphikhändlerin Petra Rumbler die „zeitlos modernen Landschaften und tollen Porträts, besonders die Selbstporträts, in denen Rembrandt dich anguckt“. Von den religiösen Blättern sind nur Ausnahmewerke stark gefragt, etwa das „Hundertguldenblatt“ oder „Christus dem Volke vorgestellt“, von dem ein erster Druckzustand jüngst bei Christie’s zum Rekordpreis von 2,6 Millionen Pfund wohl in eine amerikanische Großsammlung vom Schlage Leo Black wanderte.

Für ein Ausnahmewerk wie die Radierung „Christus dem Volke vorgestellt“ greifen Sammler tief in die Tasche. Quelle: Christie's / VG Bild Kunst
Rembrandt van Rijn

Für ein Ausnahmewerk wie die Radierung „Christus dem Volke vorgestellt“ greifen Sammler tief in die Tasche.

(Foto: Christie's / VG Bild Kunst)

Carlo Schmid, Repräsentant des Traditionshauses C. G. Boerner, betont, dass die konsequentesten Altmeisterkäufer in den USA sitzen, obwohl er auch hierzulande einige jüngere Käufer heranziehen konnte. Neu ist das Interesse an den deutschen Kleinmeistern, Kupferstechern wie Hans Sebald und Barthel Beham, Georg Pencz, Heinrich Aldegrever, deren Kleinformate in feinster Technik gearbeitet sind.

Auch die farbige französische Porträtgraphik des 18. Jahrhunderts findet bei Preisen bis 3.000 Euro wieder steigendes Interesse. Unterbewertet sind dagegen die das 17. Jahrhundert überragenden Radierungen von Claude Gelée und Jacques Callot, von denen frühe Abzüge noch zu eher bescheidenen vierstelligen Preisen zu haben sind.

Einen gewissen Geschmackswandel, verbunden mit neuen Käufern, gibt es im Porzellanbereich. Während Porzellane in den angelsächsischen Auktionen hauptsächlich in den Crossover-Versteigerungen namens „Treasures“ oder „The Exceptional Sale“ einbezogen werden, sind sie in den deutschen Kunstgewerbeauktionen noch allzeit präsent. Für Stücke der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin (KPM) macht sich Lempertz in seiner Berliner Dependance stark.

Neue Sachlichkeit im Fokus

Die Preise für historisches KPM waren im ersten Jahrzehnt nach der Wende explodiert, haben sich dann normalisiert und sind jetzt wieder aufsteigend. Das Interesse reicht von den USA bis nach China, wo ein großer Sammler sitzt. Jüngere Sammler schalten sich per Internet ins Bietgefecht ein.

Auf dem Markt für Kunst der Klassischen Moderne gibt es die stärksten Veränderungen. „Der Markt schichtet sich um“, registriert Rupert Keim, Gesellschafter des Münchener Versteigerungshauses Karl & Faber. „Die große Klassische Moderne, wie sie seit den 1950er-Jahren gehandelt wurde, ist nicht mehr verfügbar. Wir müssen uns an Ausnahmen gewöhnen.“

Nach seiner Beobachtung und auch der anderer deutscher Auktionatoren von Berlin bis München ist das Interesse an Nolde-Aquarellen, die bis dato sichere Umsatzgaranten waren, stark geschwunden. Bei den Expressionisten gibt es mehr Interesse an Max Pechstein und Gabriele Münter als an Erich Heckel.

Der Weg nach oben ist frei für Ausnahmewerke der nächsten Künstlergeneration. Stark im Focus stehen Meister der Neuen Sachlichkeit wie Max Kanoldt, dessen Werkverzeichnis bei Karl & Faber erscheint, und Anton Räderscheidt. Der Kölner Künstler feierte in der Villa Grisebach Preistriumphe bis zum Rekordpreis von 865.000 Euro.

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