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Kunstmarkt So könnte ein harter Brexit die globale Kunstszene treffen

Große Galerien wappnen sich gegen einen No-Deal-Brexit, doch für für junge Anbieter sieht es düster aus. Die ersten Sammler kehren England den Rücken.
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Der Stern für England wird herausgemeißelt. Quelle: mauritius images
Wandbild von Banksy in Dover

Der Stern für England wird herausgemeißelt.

(Foto: mauritius images)

LondonKommt es am 29. März zum ungeregelten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU, hätte das große Auswirkungen auf den globalen Kunstmarkt. Großbritannien ist nach den USA und China mit knapp 14 Milliarden Dollar jährlichen Umsatz der weltweit drittgrößte Markt.

Seit Jahren geht der Anteil von Kontinentaleuropa am globalen Geschäft zurück, während ein deregulierter angloamerikanischer Markt seine Positionen immer weiter ausbaute.

Hält sich London als Handelsmetropole trotz Brexit-Unsicherheiten seit Jahren stetig, so liegt der Marktanteil der EU ohne Großbritannien laut aktuellem „Art Basel“-UBS-Marktreport zurzeit nur bei elf Prozent, während Großbritannien auf 20 Prozent kommt.

Dessen Einfuhrumsatzsteuer von nur fünf Prozent zahlte sich aus, es ist ein idealer Umsatzplatz vor allem für Waren aus dem europäischen Kulturkreis für Kunden in den USA und Asien.

Wust von Bürokratie

Ein möglicher harter Brexit würde vor allem Transporte mit der Kunst behindern. Ein etwaiger Warenstau im Verkehr in und aus der Kunstmarktmetropole Europas ist in greifbare Nähe gerückt. Kunst wird bislang wie viele andere Güter täglich reibungslos und ohne Prüfungen in Lastwagen über die Häfen auf die Insel und von der Insel auf den Kontinent gebracht.

entstand 2018 im Rahmen der Internationalen Biennale für zeitgenössische Kunst in Riga. (Ausschnitt) Quelle: mauritius images, Matthew Chattle/Alamy Live News
Michael Landy*s "Brexit Kiosk"

entstand 2018 im Rahmen der Internationalen Biennale für zeitgenössische Kunst in Riga. (Ausschnitt)

(Foto: mauritius images, Matthew Chattle/Alamy Live News)

Nach einem Austritt tut sich ein Wust von Bürokratie auf. Führende Kunstspediteure wie Martinspeed preisen bereits mit „Brexit-Ratschläge“ auf ihrer Website ihre Dienste an. Denn mit dann geschlossenen Grenzen kommen mehr Kontrollen und damit Bürokratie, Gebühren, etwaige Steuern und Zölle.

Dazu kommt, dass nicht alle Gesetze einfach auf WTO-Regeln umgepolt werden können, es könnte Verwirrung herrschen; gerade der temporäre Import von Kunst für Messen oder Ausstellungen ist nicht garantiert. Auch ist völlig unklar, wie zum Beispiel Ausstellungsleihgaben, die frei in der EU zirkulieren konnten, legal von einem Ort zum anderen gebracht werden können, ohne Steuern zu akkumulieren.

Das „Art Newspaper“ berichtete vor Kurzem darüber, wie Arbeiten von Künstlern, die bei der Kunstbiennale in Venedig im Sommer vertreten sind, vor dem 29. März das Land verlassen werden, um eventuellem Chaos vorzubeugen.

Clare McAndrews, deren Firma Art Economics den jährlichen „Art Basel Report“ verfasst, sieht globale Großfirmen dennoch als relativ wenig betroffen. Das bestätigen auch Gespräche des Handelsblatts mit Galeristen. Thaddaeus Ropac, der kurz nach dem Referendum in London eine Filiale eröffnete, spricht von „Sorge, aber keiner Panik“. Doch er stelle sich darauf ein, bei Transporten zu seiner Galerie nach Österreich 13 Prozent Einfuhrumsatzsteuer zu zahlen. Da plant er auch gleich mal zwei neue Logistikstellen ein.

Katalogdruckpapier auf Vorrat

Christie’s und Sotheby’s haben seit einiger Zeit Arbeitsgruppen zum Brexit. Dirk Boll, Präsident bei Christie’s, leitet diese nicht nur, sondern sitzt auch höchstpersönlich am Ende einer Hotline, um bei Fragen zum Brexit beraten zu können. Die Personalabteilung der Firma prüft, ob alle Pässe länger als sechs Monate gelten, sonst bekommen Spezialisten Reiseverbot.

Und nur zur Sicherheit wurde schon mal ein fünfwöchiger Vorrat an skandinavischem Katalogdruckpapier angelegt. Und obwohl das alles Zeit und damit Geld kostet, trifft das die im Topsegment des Marktes agierenden Unternehmen im Endeffekt nicht allzu hart.

Anders ist die Lage bei Kleinunternehmen. Oliver Howell, Direktor bei der Spedition Gander & White, fasst es prägnant zusammen: „Im Falle eines ungeregelten Brexits wird es unmöglich sein, als Einmannbetrieb Objekte von und zu Messen und Märkten in der EU zu bringen.“

Dies ist auch Freya Simms bewusst, die Lapada, die Association of Art & Antiques Dealers, leitet. „Unsere größte Sorge ist, inwieweit kleinere, unabhängige Händler in der Lage sind, sich anzupassen und im Angesicht des größeren Aufwands an Formularen, Liquiditätsfragen und Sorgen um den Zugriff auf ihre Ware weiterhin profitabel zu operieren.“

Dieses existenzielle Problem beschränkt sich nicht nur auf die Kosten der Kunsttransporte und kompliziertere Logistikabläufe, sondern stellt das System der kleineren Galerien, die viel auf dem Kontinent arbeiten, infrage. Die Londoner Galeristin Domo Baal arbeitet beispielsweise mit Co-Repräsentationen.

Sie fragt sich, ob sie bei steigenden Kosten weiterhin so engmaschig mit Europa arbeiten kann. Ähnlich bedrohlich sieht es auch Kim Savage, Eigentümer der kleinen Konzeptgalerie Fold, der aus Finanzgründen auf absehbare Zeit konsequent alle Messen aus seinem Programm gestrichen hat.

Europäische Messebetreiber hingegen geben sich gelassen. Daniel Hug von der Art Cologne betont ähnlich wie auch Anne Vierstraete von der Art Brussels, dass sie alle Galerien unterstützen werden und bisher keinen Schwund englischer Anbieter feststellen konnten.

Die Messen ermöglichen, dass Galerien Kunstwerke jetzt schon einlagern können. Toby Clarke von Vigo wird auf der Art Brussels eine Solopräsentation des Londoner Künstlers Daniel Crews Chubb vorstellen. Clarke begegnet der Unsicherheit mit Galgenhumor: „Wenn unser Transport nicht rechtzeitig ankommt, wird Daniel einfach eine Wandarbeit vor Ort schaffen. Als echter Europäer wird er sich diese Gelegenheit sicher nicht entgehen lassen.“

Junge Galerien in Alarmstimmung

Weniger gelassen sieht es der junge Galerist Will Lunn von Copperfield, London. Such er hat seinen Transport vorverlegt, ist er sich noch unsicher, wie er Arbeiten seiner aktuellen Ausstellung mit Alastair Mackie, die er nach Europa verkauft hat, nach dem anstehenden Brexit-Datum nach Europa bekommt. „Es ist ein Albtraum“, klagt er. Lunn überlegt, im Falle eines harten Brexits seine Operationen ganz nach Europa zu verlegen.

Künstler und Popstars sowie Museen, Film und Fernsehen sind nahezu geschlossen gegen den Brexit. Die Branche trägt nach Regierungsangaben pro Jahr rund 90 Milliarden Pfund (umgerechnet etwa 100 Milliarden Euro) zur britischen Wirtschaft bei. Hinzu käme der Wegfall der direkten EU-Förderung für die Kunst- und Unterhaltungssparte, die sich nach Angaben des Arts Council England auf rund 40 Millionen Pfund pro Jahr beläuft. Für Nicholas Serota, den Vorsitzenden des Arts Council und Ex-Direktor der Tate Galerien, geht es aber nicht nur um Geld. Ein Großteil der Kulturorganisationen arbeite mit Partnern in der EU zusammen. „Die Kultur hat schon immer einen wesentlichen Einfluss auf unsere ‚soft power‘ gehabt. Es ist klar, dass der aus internationaler Zusammenarbeit erwachsende künstlerische Austausch zu unserem Erfolg beigetragen hat.“

Sammler und Künstler sehen den Standort London nicht mehr als so attraktiv an. Der Galerist Thaddaeus Ropac berichtet von einigen großen Sammlern, die schneller als erwartet London den Rücken kehren und mit ihren Werken nach Monaco oder in die Schweiz gehen. Die italienische Künstlerin Silvia Giambrone, die gerade den Kunstpreis der VAF-Stiftung gewonnen hat, spricht von einer umfassenden Angst.

Selbst wenn das Risiko für den globalen Kunststandort London an sich noch nicht signifikant ist, so zeichnet sich doch eine Verarmung ab. Der italienische Kunstberater Mattia Pozzoni hat schon die Koffer gepackt und kehrt nach Mailand zurück. Für ihn war der Brexit nicht der Grund, aber der mentale Auslöser.

Kein Einzelfall laut Bernard Donoghue, dem Vorsitzenden der Vereinigung der Führenden Touristenattraktionen (ALVA). Auch andere kehren England den Rücken. „Wir sehen schon jetzt einen Braindrain von qualifizierten Kräften in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Design. Die Leute gehen, weil sie nicht wissen, ob sie nach dem März 2019 noch einen Job haben“. dpa

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