Kunstmessen Die Hauptstadt im Kunstrausch – Was es auf der „Art Berlin“ und der „Positions“ zu sehen gibt

Die Herbstmessen Art Berlin und Positions, dazu Museen und Soloshows: Die Hauptstadt ist im Ausstellungsfieber – und das Programm umfangreicher denn je.
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Die Hangar-Hallen des Tempelhofer Flughafens sind die neue Heimat der Berliner Messen Art Berlin und Positions. Quelle:  Art Berlin Fair 2018 © Clemens Porikys
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Die Hangar-Hallen des Tempelhofer Flughafens sind die neue Heimat der Berliner Messen Art Berlin und Positions.

(Foto:  Art Berlin Fair 2018 © Clemens Porikys)

BerlinDas alles ist kaum an einem Wochenende zu bewältigen. Das Programm rund um die Messen „Art Berlin“ und „Positions“ ist umfangreicher denn je. Fünf Ausstellungen in Museen und Kunsthallen, über 20 Projekträume und elf Privatsammlungen präsentieren sich dem nimmermüden Kunstwanderer. Ganz zu schweigen von dem stattlichen Herbstprogramm der Privatgalerien.

Von den Soloausstellungen der Kunstinstitute sind zwei herausragend. Im Gropius-Bau hat die Südkoreanerin Lee Bul ihre erste Soloschau in Deutschland. Die Rolle der Frau, die sie in ihren der Körperkunst verpflichteten Werken immer wieder neu thematisiert, hat in einer von #MeToo-Skandalen geprägten Zeit eine besondere Brisanz.

In eine magisch-surrealistische Welt führt die Soloausstellung der Polin Agnieszka Polska im Hamburger Bahnhof. Ihre Videoinstallation „The Demon’s Brain“ ist eine narrative Mischung aus historischem Material, Spielfilm und Animation, in der ein reitender Bote, ein Dämon, ein träumerischer Schimmel und Raben mit Puppenauge erscheinen.

Kunst in Kojen

Die „Art Berlin“ hat mit dem Einzug in Hangar 5 und 6 des Flughafens Tempelhof einen deutlichen Sprung nach vorn gemacht, bleibt trotz der Kojenformate aber gut überschaubar. Die meisten der 120 ausstellenden Händler sind glücklich mit dem Umzug, es gibt auch zahlreiche Neuzugänge junger Galerien. Nicht alle genügen höheren Qualitätsmaßstäben, aber damit mussten die Veranstalter rechnen, die zwei große Hallen zu füllen hatten.

Das Gesicht der Messe wird beherrscht von Großformaten der Malerei. Fotokunst ist reichlich vertreten, und an einigen Großständen ist mehr oder minder voluminöse Objektkunst zu sehen. Zu den Neuerungen zählen zwei Gemeinschaftsstände, zu denen sich vier Wiener Galerien (Charim, Christiane König, Gabriele Senn und Thoman) sowie Repräsentanten der brasilianischen Kunst zusammengeschlossen haben.

Hier zieht ein Gruppenbild von Daniel Lannes den Blick auf sich, das wie ein unvollendetes Gemälde von Neo Rauch wirkt. Ein „Salon“ getaufter kollektiver Messestand, kuratiert von Tenzing Barshee, ist vollgestopft mit Arbeiten von fragwürdigem Niveau. Die Einlieferer dieser Werke, überwiegend Malerei, zahlen je 500 Euro für ihren Beitrag.

Eines der größten auf dieser Messe präsentierten Riesengemälde dominiert den Stand bei Carlier/Gebauer (Berlin). Das 3,50 Meter hohe fotorealistische Bild zeigt einen faltigen Greis, dessen Haut und Haare in skrupulöser Feinarbeit und bestechender Technik gemalt sind (70.000 Euro). Es gehört zu einer Serie auch kleinerer Gemälde, die einfühlsame Studien des Alters sind.

Die Bronze „the curve 2“ von 2015 und ist bei Eigen + Art zu haben. Quelle: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin
Stella Hamberg

Die Bronze „the curve 2“ von 2015 und ist bei Eigen + Art zu haben.

(Foto: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin)

Das Thema Alter bewegt auch die chinesische Malerei. Ein Paradebeispiel minutiöser Hyperrealistik ist das Bild einer alten Frau von Chen Yongliang (Jahrgang 1983) bei Scheibler (Berlin), das bewegend lebendig wirkt.

Ein Breitformat von 4,30 Meter ist die Malerei von Corinne Wasmuth, die einen verpixelten Blick in eine Halle zeigt (König, Berlin). Lebensgroß sind fünf Ganzporträts des Amerikaners David Nicholson in bestechender „non finito“-Technik; das Ensemble, das über 100.000 Euro gekostet hat, war bei Haas (Berlin) schon vor der Messe verkauft.

Die Galerie Crone, die mit einer festen Galerie in der Fasanenstraße und einer Pop-up-Galerie am Tempelhofer Damm nach Berlin zurückkehrt, zeigt Arbeiten der amerikanischen Fotoveteranin Martha Wilson, in denen sie selbst in der Maske amerikanischer Präsidenten erscheint (das sechsteilige Set kostet 15.000 Dollar).

Malerei beherrscht „Positions“

Über dreieinhalb Meter breit ist ein vierteiliger Holzschnitt mit exotischer Baumlandschaft von Emma Stibbon, der die Galerie Bastian eine Einzelschau widmet. Fast zwei Meter hoch ist ein faszinierendes Porträtfoto von Sebastian Riemer bei Setareh (Düsseldorf). Es monumentalisiert eines der in einem verlassenen Schaufenster in Tel Aviv gefundenen Modefotos, deren Farbsubstanz bis auf wenige Hauptstrukturen im Stadium fortgeschrittener Auflösung ist: ein Vanitasmotiv in doppelter Brechung (10 800 Euro). Überdimensional sind auch die quadratischen Leinwände mit weißen und schwarzen Tupfen, die eine Wand der Galerie Storms (München) bedecken.

Zu den überzeugenden Arbeiten der Fotokunst, die sich hier in zahlreichen Kojen präsentiert, gehören die mannigfach digital bearbeiteten Aufnahmen des Dänen Asger Carlsen bei Dittrich & Schlechtriem (Berlin), die dekonstruierte und zu Skulpturen gewordene Körper zeigen und 3500 bis 4500 Euro kosten.

Eine schwere vierteilige Installation von Stefan Vogel beherrscht die Koje von Jahn und Jahn, München. Es handelt sich um ein übergipstes Ensemble von „Umzugsgut“, das vorher nicht weniger raumgreifend abfotografiert wurde (40.000 Euro). Eine Wiederbegegnung mit der feministischen Ironie der Anna Uddenberg, die mit starken Skulpturen auf der Berlin-Biennale vor zwei Jahren Furore machte, bringt ein abgeklappter Frauenkörper (20.000 Euro) bei Kraupa-Tuskany Zeidler (Berlin).

Von Kunst der Frauen, die Sprüth/Magers (Berlin) ausstellt, überzeugen die Arbeiten von Pamela Rosenkranz: ein großes rotes Acrylbild mit gewischtem Mittelpunkt (60.000 Schweizer Franken) und ein blau ausgeleuchtetes Fensterbild mit Rundbogen (70.000 Schweizer Franken).

Parallel läuft in Hangar 4 die zweite Berliner Herbstmesse „Positions“, auf der 73 Galerien vertreten sind, die Hälfte davon aus Berlin. Es gibt eine kuratierte Sonderschau mit Exponaten, die weniger als 1900 Euro kosten, und in einer zweiten Extraschau werden ausgewählte Werke von Absolventen deutscher Kunsthochschulen angeboten. Das Programm wird von Malerei beherrscht. Auf keiner anderen Messe gibt es so viele hyperrealistische Arbeiten, flankiert von Neuer Abstraktion.

Großformate der Enkelgeneration des Leipzigers Arno Rink hängen bei Westphal (Berlin) zu niedrigen fünfstelligen Preisen. Es gibt Bilder mit Bezug zu den Caravaggisten (bei Brenneke und Huebner), aber es gibt auch eine Wiederbegegnung mit dem früh vollendeten Michael Irmer, dessen schlanke Skulpturen und monochrome Figuration bei Graefe (Berlin) mit 10.000 bis 26.000 Euro dotiert sind. Insgesamt ist die Qualität besser als in den letzten Jahren. (Beide Messen laufen bis zum 30. September.)

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