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Kunstsammlung Milliardärin Heidi Horten gründet ein Privatmuseum

Ab 2022 will Heidi Horten ihre Kunstsammlung öffentlich zeigen. Der Geschichte ihres Vermögens möchte sich die Witwe des Kaufhausmagnaten Helmut Horten jedoch nicht stellen.
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Das auf Karton gemalte Motiv der Liebenden ist das Lieblingsbild der Sammlerin. Quelle: VG Bild-Kunst 2019/Horten Collection
Marc Chagall „Les Amoureux“ aus dem Jahr 1916

Das auf Karton gemalte Motiv der Liebenden ist das Lieblingsbild der Sammlerin.

(Foto: VG Bild-Kunst 2019/Horten Collection)

Wien Heidi Horten ist jemand, der die Öffentlichkeit eher meidet als sucht. Die Witwe des deutschen Kaufhausmagnaten Helmut Horten (1909 – 1987) legt Wert auf Diskretion. Laut „Forbes“ ist sie mittlerweile 3,1 Milliarden Dollar schwer.

Als im Rahmen des „Ibiza“-Skandals, der bekanntlich die österreichische Regierung sprengte, jüngst ihr Namen fiel, war sie vermutlich „not amused“. Denn Heinz-Christian Strache (FPÖ), nunmehr Ex-Vizekanzler, hatte im denkwürdigen Video auch mit großzügigen Spenden geprahlt, die Horten und andere Prominente seiner Partei zukommen ließen. Über einen Verein und an den Rechnungsprüfern der Republik vorbei; in einer Größenordnung von 500.000 bis zu einer Million Euro jährlich.

Frau Horten ließ prompt dementieren. In Deutschland rief diese Episode Erinnerungen wach. Bis in die frühen 1980er-Jahre ließ Helmut Horten Millionenzuwendungen der FDP zukommen. In Österreich war die 1941 in Wien als Heidi Jelinek geborene bislang nur als Förderin anderer „Branchen“ bekannt: mehr als 50 Millionen sollen über die Jahre in ein Klagenfurter Tierheim geflossen sein, ein Vielfaches in ihr „Herzensprojekt“, den Eishockeyverein Klagenfurter Athletiksport-Club.

Das Paar heiratete 1966. Die Ehefrau ist Alleinerbin des Vermögens. Quelle: Horten Collection
Heidi und Helmut Horten

Das Paar heiratete 1966. Die Ehefrau ist Alleinerbin des Vermögens.

(Foto: Horten Collection)

Geht es um ihre private Kunstsammlung, die sie über Jahrzehnte fern der Öffentlichkeit aufbaute, hat sich die 78-Jährige nun zu einem endgültigen Kurswechsel entschieden: Anfang 2022 will sie ihr eigenes Privatmuseum eröffnen. Zu diesem Zwecke erwarb sie für kolportierte 30 Millionen Euro in bester Wiener Innenstadtlage eine Immobilie. Ein ehemaliges Kanzleigebäude, das Erzherzog Friedrich von Österreich-Teschen 1914 für seine Beamten erbauen ließ – in einem Innenhof, vis-à-vis seiner Residenz, dem Palais Erzherzog Albrecht und heutigen Bundesmuseum Albertina.

Die Geschichte zu Hortens Privatmuseum nahm, je nach Sichtweise, mit Shoppingtouren ab den 1990er-Jahren oder auch mit einer Ausstellung im Wiener Leopold Museum ihren Anfang: „Wow! The Heidi Horten Collection“ zeigte vergangenes Jahr erstmals rund 170 Werke aus ihrer Kollektion. Kunstwerke, die sonst Domizile in New York, London, Kitzbühel oder ihr Penthouse in Wien schmücken. Insgesamt umfasst ihre Sammlung rund 700 Gemälde, Grafiken und Skulpturen. Deren Versicherungswert soll die 500-Millionen-Euro-Marke längst überschritten haben, wie man hört.

Es handle sich um „eine der bedeutendsten europäischen Privatsammlungen“, betont Agnes Husslein, Ex-Chefin des Belvedere (bis 2016) und künftige Direktorin des Horten-Museums. Ein Prädikat, das nicht verwundert, fungiert sie doch seit Jahrzehnten als Ankaufsberaterin Hortens. Die Verbindung der beiden begann Mitte der 1990er-Jahre als profitable Zweckgemeinschaft: hier eine an Kunst interessierte Milliardärin, dort eine studierte Kunsthistorikerin und ehrgeizige Geschäftsführerin von Sotheby’s Österreich (bis 2000).

Mit Gemälden von Jean-Michel Basquiat und einer Skulptur von Niki de Saint Phalle. Quelle: VG BIld-Kunst/Horten Collection
Blick in die „Wow!“-Ausstellung

Mit Gemälden von Jean-Michel Basquiat und einer Skulptur von Niki de Saint Phalle.

(Foto: VG BIld-Kunst/Horten Collection)

Die vermögende Klientin ließ sich nicht lumpen und ersteigerte, wie im Juni 1996, schon mal 34 Werke für 22 Millionen Dollar in einem Schwung. Darunter war auch Marc Chagalls „Les Amoureux“ mit einem Hammerpreis von 3,8 Millionen Dollar – bis heute das Lieblingsbild Heidi Hortens. Hammerpreise sind Nettopreise, ohne Käuferprovision. Im Laufe der Jahre kamen Werke deutscher Expressionisten hinzu. 2002 etwa Ernst Ludwig Kirchners „Rote Akte“, von Sotheby’s für den Hammerpreis von 3,1 Millionen Dollar versteigert, oder August Mackes „Zwei Frauen vor einem Hutladen“, mit brutto 4,3 Millionen Dollar – der bis heute gültige Auktionsweltrekord für den Künstler.

Im gleichen Jahr fand über Phillips de Pury ein Großformat von Francis Bacon Eingang in die Kollektion. 6,7 Millionen Dollar ließ Horten für „Study for Portrait of Henrietta Moraes“ (1964) springen. 2006 folgten das Selbstporträt von Edvard Munch, bei Sotheby’s zu 5,6 Millionen Dollar erworben, und zwischendurch Ankäufe bei Galerien oder aus Privatsammlungen, wie Gustav Klimts „Kirche in Unterach am Attersee“ aus dem Jahr 1916.

LKW-Ladungen voller Kunst

Bisweilen wurden ganze Lkw-Ladungen Richtung Wörthersee transportiert und unter der Regie Hussleins in den Räumen jener Villa verteilt, die einst eigentlich ein Schloss war. Bis Helmut Horten die Liegenschaft erwarb und die oberen Geschosse abreißen ließ. Heidi Hortens Sammlung wuchs und gedieh auch andernorts, ergänzt um Abstraktes von Cy Twombly und Mark Rothko oder amerikanische Pop-Art von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jean-Michel Basquiat, dazu Werke von Yves Klein oder Lucio Fontana, aber auch Paul Signac, Pablo Picasso oder Claude Monet.

Kurz, ein Potpourri quer durch die Kunstgeschichte von der Moderne bis in die Gegenwart. Da sollten auch Arbeiten von Georg Baselitz, Gerhard Richter oder Damien Hirst nicht unerwähnt bleiben. Die von Agnes Husslein kuratierte und von Heidi Horten finanzierte Schau im Leopold Museum geizte 2018 nicht mit bekannten Namen.

„Ich habe immer nur das gekauft, was mich erfreut, wenn ich es täglich um mich habe“, erläuterte Horten in einem Interview ihre Strategie. In der gezeigten Zusammensetzung weckte das Defilee durchaus Assoziationen zu einer Auktionspreview der Sparten „Impressionist, Modern und Contemporary Art“ in London oder New York: eine Mischung aus einigen Highlights für eine prestigeträchtige Abendauktion und Ware für die nachfolgenden Tagesauktionen.

„Study for Portrait of Henrietta Moraes“ von 1964. Quelle: VG Bild-Kunst 2019/Horten Collection
Francis Bacon

„Study for Portrait of Henrietta Moraes“ von 1964.

(Foto: VG Bild-Kunst 2019/Horten Collection)

„Wow!“, der im Titel integrierte Ausruf der Anerkennung forderte für all diese Trophäen vorsorglich Beifall ein. 360.000 Besucher adelten sie zur erfolgreichsten Ausstellung des Hauses. Husslein, bekannt für ihre guten Verbindungen in das Kulturministerium, zog wohl an weiteren Strippen: Im November 2018 verlieh (Ex)-Minister Gernot Blümel der Milliardärin dann das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst.

Geschichte eines Aufstiegs

Nachzulesen auch auf der Website der Helmut-Horten-Stiftung: Gräfin Goëss-Horten, wie sie außerhalb Österreichs seit ihrer Hochzeit mit Adelsspross „Kari“ Goëss im August 2015 heißt, wird dort auf eine Stufe mit Peggy Guggenheim gestellt. Ein Vergleich, der einen schalen Beigeschmack trägt: hier eine jüdische Kunstsammlerin amerikanischer Herkunft, die selbst vor dem Vichy-Regime floh und vielen, auch Künstlern, mit finanziellen Mitteln zur Flucht verhalf. Dort die Erbin eines Vermögens, dessen Grundstock in der NS-Arisierungspolitik liegt. Sie ermöglichte Helmut Horten überhaupt erst den Aufstieg zum Kaufhausmagnaten. Er war ein Profiteur, und dieser Makel haftet auch allen künftig öffentlich zur Schau gestellten Kunstwerken an.

Der Umgang mit der Geschichte fällt Heidi Horten schwer. Schon vergangenes Jahr blieb ein Statement aus. Stattdessen wurde im Pressetext zur Ausstellung auf eine „wissenschaftliche Aufarbeitung von Historikern“ zu Helmut Hortens Leben und Wirken verwiesen. Unter der angeführten Website findet sich bis heute die von einem Journalisten einer deutschen Lokalzeitung verfasste Lobpreisung zu „einer der bedeutendsten Karrieren des deutschen Wirtschaftswunders“.

Mehr: Privatsammler: Lesen Sie hier wie Ingrid und Thomas Jochheim sammeln. Bei ihnen werden Künstler zu Freunden

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