Kunstschau Neue Ausstellung in der Sammlung Olbricht – Berlins heißes Herz

Die Schau „The Moment is Eternity“ präsentiert fotografische Arbeiten im Dialog mit anderen Kunstwerken – eine kühle, ästhetische Schau.
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Offsetdruck (1991) nach dem Ölgemälde „Betty“ (1988). Quelle: Olbricht Collection
Gerhard Richter

Offsetdruck (1991) nach dem Ölgemälde „Betty“ (1988).

(Foto: Olbricht Collection)

BerlinDie Olbricht Collection gehört zu den größten der Republik und in ihrer Mischung aus Kunst und Wunderkammer zu den aufregendsten. Nur der Name ihres Schaufensters – me Collectors Room – ist bescheiden, nicht, was den früheren Arzt und Wella-Erben Thomas Olbricht als Sammler umtreibt: in seltenen Artefakten und zeitgenössischer Kunst den geheimen Antriebskräften von Wachstum und Tod, Sexualität und Leben auf die Spur zu kommen; schillernde, unvollkommene, grenzüberschreitende Begleiterscheinungen inklusive.

Die Zumutung ist mit von der Partie, wenn Olbricht selbst den Kurator spielt und möchte, dass ihm das Publikum auf seinen Erkundungen auch jenseits der Tabugrenzen folgt. Die erst vor acht Tagen eröffnete Schau schlägt jedoch einen anderen Ton an, nicht zuletzt, weil der Akzent auf den fotografischen Werken der Sammlung liegt und der Sammler die Ausstellungsregie in die Hände der Fotogaleristin Annette Kicken legte.

Resultat ist eine tendenziell kühle, ästhetische Schau, ausbalanciert wie Goethes Gedicht „Vermächtnis“, das auch den Titel der Ausstellung lieferte: „Der Augenblick ist Ewigkeit“. Dahinter steht – gleich in der ersten Zeile – ein vehementes Plädoyer für das Leben („Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!“) und die Empfehlung, sich am Sein zu erfreuen, mit allen Sinnen, aber nicht ohne wachen Verstand. Annette Kicken hat sich Goethes Rat zu Herzen genommen, dem „Memento Mori“, das die Sammlung Olbricht leitmotivisch zusammenhält, jedoch den Schrecken genommen.

Der weiße Pfau

Raum 1 feiert den Blick auf ebenso schöne wie verletzliche Körper und lädt zum vergleichenden Sehen ein. Im konzentriert gehängten Ensemble aus Papierarbeiten und Fotos entdeckt man neben „Weibern“ und Akten von Otto Dix und Ernst Ludwig Kirchner aus dem frühen 20. Jahrhundert auch eines der typischen Aktfotos des Filmproduzenten Russ Meyer, bekannt für seinen Hang zu erstaunlichen Oberweiten (ca. 1955). Das Zentrum bildet Otto Steinerts abstrakt wirkender Negativdruck „Schwarzer Akt“ (1958).

Zusammengehalten und kommentiert wird das Zusammenspiel der Künste durch ausgewählte Objekte aus der Wunderkammer. Ein weißer Pfau, eine Züchtung des 18. Jahrhunderts, begleitet die auf der benachbarten Wand hängenden großen Abzüge, auf denen das berühmte Model Kristen McMenamy ihren knabenhaften, rasierten Körper darbietet, abgelichtet von Helmut Newton 1995, einmal in Farbe, einmal in Schwarzweiß.

Das eigene Bildnis ist mit von der Partie. Beim Betreten des großen Saals fällt der Blick in einen großen französischen Zerrspiegel um 1900, im Hintergrund das fotorealistisch gemalte Porträt einer leicht derangiert wirkenden Blonden mit Sexappeal, Franz Gertschs erstes Frauenbildnis. Im 17. Jahrhundert signalisierten kleine, kunstvolle Sanduhren das „Bedenke, dass du sterben wirst“.

Ein höfischer Bernsteinspiegel aus Danzig von 1650. Quelle: Kunstkammer Georg Laue München / Olbricht Collection
Objekt der Wunderkammer

Ein höfischer Bernsteinspiegel aus Danzig von 1650.

(Foto: Kunstkammer Georg Laue München / Olbricht Collection)

Spannend ist die lange, dicht an dicht gehängte Reihe fotografischer Porträts auf der benachbarten Wand, in der Gerhard Richters hübsche, sich von ihrem fotografierenden Vater abwendende Tochter „Betty“ (1991) und Jürgen Tellers Aufnahme des schrecklich grinsenden, nicht altern wollenden Modemachers Yves Saint Laurent die Akzente setzen, schön platziert gleich neben Lisette Models aufgebrezelter amerikanischen Alten („Woman with Veil, San Francisco“, 1949).

Hut ab angesichts der vier alt werdenden Brown-Schwestern, die Nicholas Nixons jährlich vor die Kamera bittet, in derselben Aufstellung wie beim ersten Mal 1975.

Die hinteren Räume setzen düster grundierte Akzente, die immer wieder auch aufgehoben werden. Die bedrückende Wirkung, die Gerhard Richters schwarzweißer, abfotografierter Zyklus männlicher Persönlichkeiten entfaltet, neutralisieren die fast verspielt arrangierten 64 kleinen Totenschädel in der Vitrine davor. Nicht einordnen lässt sich das Präparat der Giraffe im Hintergrund. Ein Geck für die Kinder?

Hunger auf ein Butterbrot

Spätestens an dieser Stelle wird klar. Das Thema Werden und Vergehen hat wie die Sammlung enzyklopädische Ausmaße. Im angrenzenden Kabinett kommen Bilder rund um das Kindsein zusammen, im Kabinett in der Sichtachse gegenüber Otto Steinerts beeindruckendes Altersbildnis der Fotografin Lotte Jacobi; ihr gegenüber ein Ensemble, in dem ein Elfenbeinkruzifix, Robert Capas sterbender Soldat aus dem spanischen Bürgerkrieg und Wolfgang Tillmans onanierender Jungenakt die Akzente setzen.

Berlins heißes Herz schlägt auf der Auguststraße im „me Collectors Room“ von Thomas Olbricht. An diesem Ort wird zu allererst der Hunger auf ein Butterbrot („Mitteschnitte“) gestillt, dann auf die Kunst und am Ende auf das Leben. Ein Schlag ins Gesicht des Sammlers wäre es, wenn hier jemand ungerührt wieder hinausginge. Schon 2007 im Jahr vor der Eröffnung seines kleinen Privatmuseums beharrte er darauf: „Sie müssen etwas spüren“.

„The Moment is Eternity. Works from the Olbricht Collection“, bis 1.4.2019, me Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht, Berlin

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