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Lempertz Der Trend geht zum Erlesenen

Erfolg mit dem neuen Format der Abendauktion: Das Kölner Versteigerungshaus Lempertz mischt neuerdings das Beste aus der Moderne und zeitgenössischen Kunst.
24.06.2020 - 18:22 Uhr 1 Kommentar
Das 1927 entstandene, außergewöhnliche, sozialkritische Bild der Neuen Sachlichkeit war international begehrt (Ausschnitt). Quelle: Lempertz; VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Albert Birkle „Der Bahnwärter“

Das 1927 entstandene, außergewöhnliche, sozialkritische Bild der Neuen Sachlichkeit war international begehrt (Ausschnitt).

(Foto: Lempertz; VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Köln „Der Bahnwärter“ war der Überraschungssieger des Abends. Als in der Abendauktion im Versteigerungshaus Lempertz Albert Birkles Arbeiterbildnis von 1927 aufgerufen wurde, begann ein fast fünfminütiges Bietgefecht. Internationalen Kennern war bewusst, wie außergewöhnlich dieses Charakterbild der Neuen Sachlichkeit ist.

In zähem Ringen schraubten fünf Bieter aus dem Handel und Interessenten aus London und New York das Bild des ausgezehrten Bahnangestellten mit dem Mädchen an der Hand von 50.000 auf brutto 824.000 Euro. Den Rekordpreis für das auf maximal 100.000 Euro geschätzte Werk bewilligte schließlich ein süddeutscher Sammler.

Dieser hohe Preis ist auf die Farbigkeit des Bildes, seine sozialkritische Aura und die fast groteske Charakterzeichnung der Figuren zurückzuführen. Außerdem ist es ein Hauptwerk aus der begehrten Frühzeit des Malers, der nach 1945 in dekorative Bedeutungslosigkeit absank.

Das gepflegte Cross-over aus Werken der Klassischen Moderne und der zeitgenössischen in dieser hundertteiligen Abendauktion am 19. Juni kam an. Schon die Vorbesichtigung war nach den Worten des Lempertz-Chefs Henrik Hanstein „ein Fest der Sammler“, die auch in der Auktion selbst die Hauptakteure waren. Obwohl der Saal nicht gerade leer war, liefen rund 70 Prozent der Gebote über Telefone. Das höchste Internetgebot lag bei 300.000 Euro. Das zeigt, dass diese Absatzform allmählich auch in Deutschland ins höhere Preissegment hineinwächst.

Der Trend geht zu hochpreisigen Objekten, während die Mittelware selten ihre Schätzungen überrundet. Nur eine im Vorfeld von Picassos kubistischem Hauptwerk „Les Demoiselles d’Avignon“ entstandene Akt-Zeichnung blieb bei einem Vorbehaltszuschlag von 360.000 Euro hängen.

Der Gesamterlös dieser Versteigerung liegt nach Lempertz-Angaben bei 8,2 Millionen Euro. Mit der Morgenauktion des nächsten Tages wurden 11 Millionen Euro insgesamt umgesetzt. Henrik Hanstein wagt die Prognose: „Das Resultat der Auktion ist ein gutes Signal für die folgenden deutschen Versteigerungen“.

Das 1985 geschaffene Gemälde kam mit seinem Symbolbeladenen Motiv und seiner Expressivität gut an (Ausschnitt). Quelle: Lempertz; VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Maria Lassnig „Der Tod ist eine Sphinx“

Das 1985 geschaffene Gemälde kam mit seinem Symbolbeladenen Motiv und seiner Expressivität gut an (Ausschnitt).

(Foto: Lempertz; VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Spitzenobjekte verkauften sich am besten. Das zeigt eine Reihe starker Zuschläge. Die brutto 692.000 Euro, die ein rheinischer Sammler in Lyonel Feiningers „Stilleben auf blauem Tisch“ von 1911 investierte, galten einem Frühwerk, das den Betrachter mit einer furiosen Diagonalkomposition ins Bild hineinzieht.

Deutlich über die Schätzung kam mit 275.000 Euro auch Maria Lassnigs Symbolgeladenes Gemälde „Der Tod ist eine Sphinx“. In dem Querformat hält eine weibliche Liegefigur mit Totenschädel eine Fackel. Noch ist sie nach oben gerichtet und steht für das Leben. Nach unten gewendet, meint sie das verlöschende Leben. Das anspielungsreiche Bild geht in eine Wiener Privatsammlung.

Museen als erfolgreiche Bieter

Ein guter Preis sind die 337.500 Euro, die ein hessischer Sammler für Paula Modersohn-Beckers 1904 datiertes Gemälde zweier Kinder zwischen Birkenstämmen einsetzte. Es ist durch die Herkunft aus der musealen Stuttgarter Sammlung Lütze geadelt und gehört zur Gruppe ausdrucksstarker Kinderbilder dieser fruchtbaren Periode. Von den zwei ausgebotenen Ölstudien Max Liebermanns ging das „Kind unter Bäumen“ für 55.000 Euro an ein holländisches Museum und das kleine Dünenbild für 62.500 Euro an ein norddeutsches Museum.

Als Rekordpreis werden die von einem westfälischen Sammler gebotenen brutto 300.000 Euro für das 1992 entstandene Großformat „Lichtfelder“ von Heinz Mack gewertet. Das Bild setzt markante blaue Farbstufen neben lindgrüne und orangefarbige Flächen.

Als eine Diagonalkomposition mit optischer Anziehungskraft konnte August Mackes „Blumenkasten mit Kaktus“ (1912) einen Zuschlag weit über der Taxe motivieren. Brutto 400.000 Euro muss ein rheinischer Sammler zahlen. Das „orientalische Liebespaar“, eine arabeskenreiche Gouache desselben Künstlers, geht für 118.750 Euro ins Westfälische Landesmuseum Münster.

Das in mehrfarbigem Aluminium ausgeführte Objekt stammt aus einer Edition (1980/2001). Es wurde für 237.500 Euro unter Vorbehalt zugeschlagen. Quelle: Lempertz/ VG Bild Kunst
Robert Indiana „Six“

Das in mehrfarbigem Aluminium ausgeführte Objekt stammt aus einer Edition (1980/2001). Es wurde für 237.500 Euro unter Vorbehalt zugeschlagen.

(Foto: Lempertz/ VG Bild Kunst)

Der Belgier Marcel Broodthaers ist einer der konzeptuellen Künstler der sechziger und siebziger Jahre, der aus der Literatur in die Bildende Kunst gewachsen ist. Poetisch-ironische Zitate sind die Essenz vieler seiner Werke, in denen das Wort als Kontrast zum Bild eine Hauptrolle spielt. Die neunteilige typographische Serie, in der die Namen und Lebensdaten deutscher Dichter und Denker in den Leerstellen der Leinwände mit Sternchen ergänzt sind, ist ein Museumsobjekt. Es wandert nach schnellem Bietgefecht für 620.000 Euro in den amerikanischen Handel. „Das kostet im Handel eine Million,“ kommentierte der Auktionator trocken.

Unmittelbar darauf erwärmte sich ein Schweizer Sammler mit dem Einsatz von 425.000 Euro für das kleine, einem gefälligen Kubismus verpflichtete Stillleben „Raisins, Carafe et Livre“ von Juan Gris (1922).

Lieblingsobjekt der Vorbesichtigung

Eines der Lieblingsobjekte der Vorbesichtigung war Per Kirkebys 2,10 Meter großes Hochformat von 1977, in dessen dichter Abstraktion sich eine schneebedeckte Landschaft erahnen lässt. Die expressive Uneindeutigkeit dieses Bildes reizte einen amerikanischen Sammler, der mit 237.500 Euro das Doppelte der unteren Schätzung bot. Es gibt nur wenige Bilder des 2018 verstorbenen dänischen Künstlers, die in dieser bezwingenden Form malerischen Impuls und metaphysische Dimension verbinden.

Im letzten Teil der Auktion gab es ein lückenloses internationales Votum für die Kunst der dänisch-niederländisch-belgischen COBRA-Gruppe. Deren Markenzeichen war in den fünfziger bis siebziger Jahren eine mit dickem, fast reliefartigem Farbauftrag verbundene Abstraktion. Das früheste der hier angebotenen fünf Werke aus einer bayerischen Privatsammlung realisierte mit 281.250 Euro den höchsten Preis. Den investierte der Schweizer Handel im zweitlängsten Bietgefecht des Abends in Karel Appels titellose, an eine Kinderzeichnung erinnernde Leinwand von 1955.

Vorzüge eines Lebzeitengusses

Zwei preiswertere Gemälde des Holländers gingen in holländischen und deutschen Privatbesitz. Das erste der Werke von Asger Jorn ersteigerte ein Berliner Händler, das zweite mit dem Titel „En Place pour le Rite“ von 1957 geht für 137.500 zum Doppelten der Taxe in eine dänische Stiftung.

Als Ernst Barlachs kapitale Bronze „Der singende Mann“ in einem postumen Guss der fünfziger Jahre ausgeboten wurde, endeten die Gebote bereits bei 112.500 Euro. Ein Schweizer Sammler kam da vergleichsweise günstig weg. Solche Exemplare mit makelloser Patina haben schon in den neunziger Jahren eine Viertelmillion Mark gekostet.

Ein zu Lebzeiten des expressionistischen Bildhauers in der Gießerei Noack in Berlin-Friedenau entstandener Guss hatte 2014 im selben Auktionssaal schon 688.000 Euro erzielt. So kontrastreich können die Preise für Bronzegüsse sein, deren stärkstes Qualitätskriterium die Kontrolle durch den Künstler ist.

Mehr: Lempertz: Das Beste kommt in die Abendauktion

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1 Kommentar zu "Lempertz: Der Trend geht zum Erlesenen"

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  • Zu Albert Birkle
    Wenn sich der Autor des Artikels mit dem Gesamtwerk Albert Birkles u. d. Künstler selbst näher beschäftigt hätte, hätte er den Satz „der nach 1945 in dekorative Bedeutungslosigkeit absank“ sicherlich nicht geschrieben.
    Nach dem 2. Weltkrieg beschäftigte sich A. B. stark mit der Glasmalerei und speziell dem Dalleglas. Er etablierte sich als einer der führenden Künstler in diesem Bereich. Für d. Washington Cathedral gestaltete er als einziger europäischer Künstler 4 große und diverse kleinere Bleiglasfenster. Viele herausragende Fenster in Österreich und Deutschland.
    Ein historisches Werk schuf er mit der Arbeit „der Schritt ins All“; Birkle war 1968 für Fenster der Kathedrale in Washington und wurde durch die Vorbereitungen für den Mondflug zu dieser Arbeit inspiriert.
    Auch im Alter blieb A. B. ein kritischer Geist und seine Malerei entsprechend ausdrucksstark. Er versank also nicht in der „dekorativen Bedeutungslosigkeit“, sondern der „Kunstmarkt“ hat ihn schlicht nicht wahrgenommen.

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