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Literatur zur Zukunft der Weltwirtschaft SOS Globalisierung

Die Weltwirtschaft ist in Verruf geraten. Die Ökonomen Jean Tirole und Dani Rodrik erklären in ihren Büchern aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wie es dazu kommen konnte. Und wie die Ökonomie zu retten ist.
12.11.2017 - 16:56 Uhr Kommentieren
Billigimporte lassen Fragen über Verteilungsgerechtigkeit aufkommen. Quelle: Stone/Getty Images
Containerschiff

Billigimporte lassen Fragen über Verteilungsgerechtigkeit aufkommen.

(Foto: Stone/Getty Images)

München Vom Glanz der Globalisierung ist wenig übrig geblieben. Heute ist mit ihr, anders als vor 25 Jahren, ein geldreiches Scheitern verbunden. Zwar stiegen Umsatz und Börsenwert international ausgerichteter Firmen, die Wohlfahrt von Ländern wie China wächst weiter, und Investoren werden reicher. Andererseits: Im Westen, in den alten Industrieländern, fühlen sich immer größere Bevölkerungsgruppen abgehängt und wählen nationalistisch. Ihr da oben, wir da unten, das heißt heute: ihr Globalisten, wir Verlierer.

Die Antiglobalisierungswelle mit ihren demagogischen Helden wie Donald Trump, Viktor Orbán oder Jarosław Kaczyński schreckt Ökonomen auf. Sie fragen sich, was hier falsch läuft. Wie können jahrzehntelang gültige Grundsätze des freien Marktes auf einmal des Teufels sein? Warum wenden sich Bürger ab? War es ein Fehler, grenzenlos Kapital mobilisiert zu haben?

In der Riege der aufgeschreckten Wirtschaftsprofessoren fallen zwei Bücher auf, die der Bedrohung durch die Internationale der Anti-Internationalisten Argumente und Konzepte entgegensetzen wollen. Da ist zum einen der französische Ökonom Jean Tirole, 2014 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. Und da ist Dani Rodrik, türkischstämmiger Professor an der US-Universität Harvard, ein früher Kritiker der Globalisierung. Beide haben unterschiedliche Blickwinkel, aber doch ein Thema: Wie können Ökonomen die Ökonomie der Welt retten?

Am grundsätzlichsten geht Nobelpreisträger Tirole in seinem Werk „Economics for the Common Good“ vor. Er präsentiert so etwas wie eine Grundfibel für das wirtschaftliche Gemeinwohl. Sie handelt von Spieltheorie bis Behaviorismus, von Digitalisierung bis Euro-Krise so fast jedes Thema ab, das es in den Wirtschaftsteil einer Zeitung geschafft hat. Bislang schrieb Tirole ausschließlich für ein Fachpublikum, nun wendet er sich erstmals – ganz ohne die bei ihm sonst üblichen mathematischen Formeln – einer großen Öffentlichkeit zu. Es ist ein lohnendes Abenteuer.

Kein Gegensatz von Markt und Staat

Die Marktwirtschaft habe die Macht der Politik eingeschränkt, aber doch nur einen Teilsieg errungen, weil sie weder die Köpfe noch die Herzen erreicht habe, schreibt Tirole in bemerkenswerter Klarheit. Da überall auf der Welt die Überlegenheit des Marktprinzips mit „weitverbreitetem Misstrauen“ betrachtet werde, müsse man nun die richtigen Anreize setzen, denn darauf würden Menschen reagieren. So will Tirole das Interesse des Einzelnen mit dem Interesse der Allgemeinheit verbinden. Politisch sei einzuschreiten, wenn öffentliche Güter, die allen gehören – „Wasser, Luft, Artenvielfalt, kulturelles Erbe, der Planet, die Schönheit der Landschaft“ –, durch Überkonsum leiden. Das müsse dann über Preise „privatisiert“ werden.

Der Chef der Toulouse School of Economics sieht keinen Gegensatz von Markt und Staat, beide würden sich ergänzen: „Der Markt braucht Regulierung, der Staat braucht Wettbewerb und Anreize.“ In diesem System dürfe der Staat nie selbst als Unternehmer auftreten, sondern nur als Regulierer, als Erfinder von und Wächter über Leitlinien – eine Rolle, in der er bei der Finanzkrise 2008 und in der Euro-Krise kläglich versagt habe.

Gegebenenfalls soll der Staat Auktionen – für Lizenzen, Frequenzen oder Verschmutzungsrechte – veranstalten. Für das Klimaproblem wiederum schlägt Tirole einen Karbonpreis vor, dessen Höhe exakt den angestrebten politischen Zielwerten, wie im Pariser Klimaabkommen, entspricht. Und in der Welt der Firmen sieht der Autor neben dem kapitalistischen Standardmodell (Manager, Aktionariat) Alternativen wie Kooperativen oder Selbstverwaltung. Aber er weiß auch: „Die Straße in die Hölle ist gepflastert mit guten Absichten.“

Und die Wirtschaftswissenschaften? Die seien wichtig, schreibt Tirole, weil sie Debatten fördern und Lösungsvorschläge entwickeln: „Ökonomie steht nicht in Diensten des Privateigentums und des Einzelinteresses.“ Sie arbeite vielmehr dem Allgemeinwohl entgegen, ihr Ziel sei es, „die Welt zu einem besseren Ort zu machen“. Diese Selbstwahrnehmung von der Ökonomie als Linse, die den Blick auf die Welt schärft, kontrastiert mit der verbreiteten Ablehnung des Expertentums in der Post-Globalisierungs-Ära. Jean Tirole giftet gegen Populisten, die bereit seien, „das Unwissen und die Vorurteile von Wählern“ auszubeuten. Ökonomen müssten sich stärker einmischen.

Eine „unfaire Ungleichheit“

Der Franzose liefert ein lehrreiches Werk zu volkswirtschaftlichen Themen, ohne dabei seine wissenschaftliche Vorsicht zu verlassen. Klare Antworten auf drängende Probleme mag er nicht liefern, da fühlt er sich überfordert. Er beschreibt lieber Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten.

Auch für seinen Kollegen Rodrik bieten die Wirtschaftswissenschaften der Welt ein „Smorgasbrot von Modellen“, wie er schreibt, die Öffentlichkeit könne dann ja aussuchen, was sie wolle. Dennoch geht der Harvard-Ökonom in seinem Buch „Straight Talk to Trade“ bissiger, kerniger, aggressiver vor, um „Ideen für eine gesunde Weltwirtschaft“ zu präsentieren.

Der aktivistische Stil drückt sich schon in der Selbstkritik aus: Seine Branche könnte viel mehr Einfluss auf öffentliche Debatten haben, schreibt er, wenn die Professoren stärker bei ihrer Lehre geblieben wären und „sich nicht mit den Cheerleadern der Globalisierung“ verbunden hätten. Ökonomen hätten nachgeplappert, was der Mainstream in Politik und Wirtschaft vor 20 Jahren ausgerufen habe. Das war die Zeit, als Rodrik im Bestseller „Has Globalization Gone Too Far?“ vor einer Spaltung von Gesellschaften und vor Verteilungskonflikten warnte: „Zu viel internationale Integration riskiert heimische Disintegration.“ Heute fühlt er sich im Recht. Billigimporte aus Ländern mit ungeschützten Arbeiterrechten würden Fragen über Verteilungsgerechtigkeit aufwerfen, es gäbe eben eine „unfaire Ungleichheit“. Sein Buch will die Dinge wieder ins Lot bringen – als „ehrlichere Erzählung“ von der Weltwirtschaft.

Dazu gehört für den Autor die Erkenntnis, dass Globalisierung eben nicht alle Boote gehoben habe wie eine große Flut, sondern dass nur Financiers und qualifizierte Professionals die großen Gewinner waren. Sein Lamento: „Die vorherrschende Storyline unserer Zeit ist das Porträt von Märkten als selbsttragende Einheiten. Aber das größte Hindernis ist die fehlende Erkenntnis, dass Märkte niemals für lange Zeit Prosperität für jeden bringen, wenn sie nicht unterstützt werden von gesunden Gesellschaften und einer guten Regierung.“

Rodrik billigt der nationalen Politik viel mehr Macht zu als Tirole. Die Märkte der modernen Gesellschaft könnten sich nicht selbst regulieren, also müsse der Staat in Kommunikationsnetze und Verkehr investieren, soziale Netze gewährleisten, gegen Finanzpanik agieren.

Wörtlich: „Märkte sind die Essenz der Marktwirtschaft, so wie Zitronen die Essenz von Limonaden sind. Reiner Zitronensaft ist kaum trinkbar. Für eine gute Limonade muss man den Saft mit Wasser und Zucker mischen.“ Und so sieht er einen Wandel vom Wohlfahrtsstaat des 20. Jahrhunderts hin zum „Innovationsstaat“ des 21. Jahrhunderts. Der Staat solle sich auch bei neuen Technologien beteiligen. Rodrik: „Ja, Globalisierung kann Amok laufen. Aber der Kapitalismus ist formbar.“

Dazu gehören seiner Meinung nach Zölle auf Produkte, die zum Beispiel in China und Vietnam mit Sozialdumping hergestellt wurden. Es müssten nun generell wieder die Erfordernisse der liberalen Demokratie über jene des internationalen Investments und Handels gestellt werden, findet Rodrik und kritisiert die „Obsession“ der Eliten mit der Hyperglobalisierung.

Anders als Nobelpreisträger Tirole, der weiter an supranationale Organisationen und globale Politik glaubt, ist der Mann aus Harvard überzeugt von einer pluralistischen Welt, in der Nationen genug Autonomie haben für eigene Sozialverträge und ökonomische Strategien: „Heute ist Globalisierung auf dem Rückzug, und der Nationenstaat ist ziemlich lebendig.“ Und das findet der Autor, der Sympathien für den einstigen US-Präsidentschaftsbewerber Bernie Sanders erkennen lässt, erkennbar gut.

Kritik an „Global Citizens“

Erst solle wieder der Nationalstaat die Politik übernehmen, dann könne ja langsam globales Bewusstsein wachsen, schlägt Rodrik vor. Das dürfte nicht weit tragen. Schließlich führt er selbst an anderer Stelle aus, mit „Global Citizens“ nichts anfangen zu können. Klimawandel oder Pandemien seien vielleicht Themen für die ganze Welt, aber für die meisten Wirtschaftsfelder – Steuerpolitik, Finanzstabilität, Fiskal- und Geldpolitik – gelte: Was aus der Weltperspektive sinnvoll ist, ist auch aus der heimischen Perspektive sinnvoll.

Aber stimmt das überhaupt? Die von Rodrik vorgeschlagenen Abwehrmaßnahmen gegen Sozialdumping-Produkte implizieren, dass es einen Konsens über ethisch korrektes Arbeiten gibt. Und die weltweit organisierte Steuerflucht von Multikonzernen über Steueroasen beweist, dass mehr globale Einigungen nötig sind.

Aber Rodrik mag in seinem Furor nicht mal das bisherige Politikmodell akzeptieren, über nationale Gesetze die Verlierer der Globalisierung zu kompensieren. Man müsse vielmehr die Regeln selbst ändern: „Ich glaube nicht, dass wir international zu sehr verbunden und vernetzt sind, um Probleme national zu lösen.“ Wenn ein Sturm aufzieht, suche jeder, auch Reiche und CEOs, Schutz unter dem Schild der Regierung.

Ganz anders dagegen Jean Tirole mit seinem weltumspannenden Gestaltungsoptimismus. Die Leiden und Krankheiten der globalen Gesellschaft seien nicht unausweichlich, auch für Arbeitslosigkeit, Klimaerwärmung und den Verfall der Europäischen Union gebe es Lösungen. Alles – Finanzen, Monopole, Märkte und der Staat selbst – ließe sich im Sinne des Allgemeinwohls regulieren. Nur ein Grundproblem bleibt für den preisgekrönten Wissenschaftler bestehen: dass nicht alle auf der Welt gleich gut informiert sind. Diese „Asymmetrie der Information“ sieht der Nobelpreisträger als großes, bleibendes Übel.

Immerhin: Sein voluminöses Buch – und auch die Kampfschrift Rodriks – baut diese Asymmetrie ein wenig ab. Die Globalisierung jedoch ist noch lange nicht gerettet.

Dani Rodrik:
Straight Talk on Trade.
Princeton University Press 2017
320 Seiten
29,95 Dollar

Jean Tirole:
Economics for the Common Good.
Princeton University Press 2017
563 Seiten
29,95 Dollar

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