Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Lockdown auch für Museen Lockdown auch für Museen – Eine instinktlose Politik sorgt für Unmut

Museen in Deutschland sind für mindestens einen Monat geschlossen. Kritik entzündet sich vor allem an der Gleichsetzung mit Spaßbädern und Bordellen.
05.11.2020 - 14:04 Uhr Kommentieren
Kein Besucher darf in den Weltklassesammlungen Anregung zum Nachdenken suchen. Quelle: plainpicture/benjamin tafel
Gähnende Leere auf der Museumsinsel in Berlin

Kein Besucher darf in den Weltklassesammlungen Anregung zum Nachdenken suchen.

(Foto: plainpicture/benjamin tafel)

Düsseldorf Als am Mittwoch der vergangenen Woche die Vereinbarung zu den neuen Corona-Schutzmaßnahmen bekannt gegeben wurde, waren die Museen erst erleichtert, dann irritiert. Denn sie kamen im Statement aus dem Kanzleramt gar nicht vor und hofften daher, ihre Häuser unter den Hygiene-Regeln offenhalten zu können. Erst am Donnerstag kam dann eine klare Ansage der Bundesregierung, in der die Museen wie Theater und Konzerthäuser in einer Liste unter „Freizeit-Einrichtungen“ mit Kosmetikstudios, Bordellen und Spaßbädern aufgeführt sind. Eine politische Instinktlosigkeit, die für viel Unmut sorgt.

So schäumte der auf Kunstrecht spezialisierte Berliner Anwalt Peter Raue im Deutschlandfunk: „Das ist alles, ganz vorsichtig gesagt, nicht durchdacht. Man kann es auch als hirnlos bezeichnen.“ Raue kritisierte, dass Shopping-Malls und Märkte als systemrelevant bewertet würden, obwohl gerade sie „Zusammenrottungen“ provozierten, die sicheren hingegen Museen schließen müssten.

Die Kulturpolitik war in die Schließungs-Entscheidungen ganz offensichtlich nicht involviert, denn auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters stört sich explizit an der Rubrizierung der Kultur unter Freizeit und betont, sie sei „natürlich systemrelevant“. Auch die Museen zeigen nur mühsam und teils mit gequält diplomatisch formulierten Äußerungen Verständnis für die Maßnahmen.

Peter Gorschlüter, Chef des Essener Museum Folkwang, musste seine überaus erfolgreiche Keith-Haring-Schau nun einen Monat vor ihrem geplanten Ende schließen und zeigt sich im Gespräch mit dem Handelsblatt vor allem verstört vom Stil der Politik: „Zuerst kommen Museen gar nicht vor. Ob nun mit Absicht oder nicht, ließ sich für uns nicht nachvollziehen. Oder es war sogar ein Nicht-Drandenken, was ja das noch größere Kopfschütteln hervorruft. Es ist symbolpolitisch ein schwerer Schlag, dass die Kultur in Teilen der Politik und Verwaltung offenbar eine so geringe Wertschätzung erfährt.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen
    Schon 2015 hat die Künstlerin eine Figur mit einer Maske versehen. Damit gibt die Kunsthalle Tübingen ihre Schließung bekannt. Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2020; Foto: Axel Schneider, Frankfurt
    Isa Genzken „Schauspieler III,3“

    Schon 2015 hat die Künstlerin eine Figur mit einer Maske versehen. Damit gibt die Kunsthalle Tübingen ihre Schließung bekannt.

    (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2020; Foto: Axel Schneider, Frankfurt)

    Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg, wollte am Wochenende eine Ausstellung mit Werken von Katharina Sieverding eröffnen. Zum zweiten Mal muss er kurz vor einer Eröffnung schließen: „Es gibt aus meiner Sicht keinen wirklich objektiv nachvollziehbaren Grund, die Ausstellungshäuser zu schließen.“ Die Hygienekonzepte seien vorbildlich umgesetzt. Abstand zu wahren ist für sein Haus mit seinen drei großen Hallen und mehr als 10.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche kein Thema.

    „Kaufhäuser, Shopping-Malls bleiben offen, ebenso die Kirchen. Museen aber als Orte der Besinnung, Reflexion und Bildung, wichtiges Gedankenfutter in mageren Corona-Zeiten, hingegen werden geschlossen“, ergänzt Luckow. Aus seiner Sicht ein falsches Zeichen in unsere Gesellschaft. „Ich frage mich, wo bleibt die Kunstfreiheit, ist sie weniger wert als die Religionsfreiheit oder das Recht zu shoppen?“

    Museen sind Orte der Bildung

    Gregor Jansen von der Kunsthalle Düsseldorf ist enttäuscht von der Einschätzung der Kunst seitens der Politik als pure Bespaßung: „Wir finden die Subsumierung von Museen und Kulturinstitutionen unter ‚Freizeiteinrichtungen‘ äußerst problematisch. Denn der Kultur wird damit ihre Relevanz abgesprochen.“ Das sei unerträglich. „Kultureinrichtungen sind Orte der gesellschaftlichen Auseinandersetzung und der Bildung. Hier wird Demokratie gelebt, gestaltet und vermittelt.“

    Das Kolumba Museum in Köln veröffentlichte ein Statement. Darin heißt es: „In der existenziellen Krise, die sich für jeden Einzelnen ebenso stellt wie für das Gemeinwesen der Demokratie, bietet das Kunstmuseum einmal mehr ein Angebot der Anregung und des Ausgleichs. Als Ort des Austauschs, der Freude, der Hoffnung, des Trostes und der Freiheit würde er dringender benötigt denn je zuvor.“

    Gerade Museen sind weitaus besser als Konzerthäuser und Theatersäle in der Lage, durch Einlassregeln wie Time-Slots Besucherströme zu entzerren und zu kanalisieren. Zudem ist in jedem Saal das Wachpersonal in der Lage, mögliche Kontakte zu kontrollieren. Abgesehen von Kabinett-Ausstellungen oder kleinen, regionalen Institutionen verfügen Museen überwiegend über großzügige Säle und eine ausgezeichnete Klimatisierung. Seit der Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown befolgen die Häuser außerdem jeweils einen spezifischen Personenschlüssel, der pro Person eine bestimmte Quadratmeterzahl Platz einfordert.

    Ulrike Groos vom Kunstmuseum Stuttgart schätzt ihr Haus als sicher ein: „Wir haben aus den letzten Monaten hinsichtlich der Sicherheitsmaßnahmen viel gelernt. Wir haben etwa die strenge Regel von einem Besucher auf 15 qm Ausstellungsfläche seit der Wiederöffnung nach dem ersten Lockdown beibehalten.“ Wie die Theater, Konzertsäle und die Restaurants haben auch die Museen seit der Wiedereröffnung detaillierte Besucherlisten geführt, nicht eine einzige Ansteckung hat sich bislang auf einen Museumsbesuch zurückführen lassen.

    Harte wirtschaftliche Einbußen

    Umso bitterer, dass die Museen durch die Schließung jetzt harte wirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen, denn selbst öffentlich subventionierte Häuser wie das Kunstmuseum Stuttgart drohen schnell handlungsunfähig zu werden: „Vier Wochen Schließung bedeuten vier Wochen kaum Einnahmen. Das ist schmerzhaft, weil wir unsere Programme zu einem größeren Teil aus den Eintrittsgeldern finanzieren. Gerade jetzt ist das ein fragiles Konstrukt, das uns keine Planungssicherheit gibt,“ erläutert Ulrike Groos.

    Peter Gorschlüter vom Folkwang-Museum schlägt alternative Lösungen vor: „Man hätte sich auch darauf verständigen können, einen Schritt zurückzugehen, indem man die Vorgaben nach der ersten Wiedereröffnung wieder übernommen hätte. Da waren die Maßgaben noch strenger als zuletzt.“

    Wie ein roter Faden zieht sich durch Gespräche mit Museumsleuten die Sorge um die Relevanz des eigenen Tuns im Bewusstsein der Politik. Gorschlüter sieht ein Glaubwürdigkeitsproblem: „Mit dem neuerlichen Teil-Lockdown stellt die Politik sich selbst und ihre Konzepte in Frage. Das trägt nicht zur Vertrauensbildung bei.“ Wir müssten lernen, mit dem Virus zu leben und mahnt: „Kultur ist ein Katalysator von gesellschaftlichen Prozessen, Entwicklungen und Themen. Und wenn dieser Katalysator wegfällt, dann laufen wir Gefahr, dass das gesellschaftliche Klima verpestet wird.“

    Ulrike Groos sieht allmählich die Gefahr der Verhärtung der Fronten und plädiert trotz der verständlichen Irritationen im Kulturbetrieb für eine Abrüstung in der Auseinandersetzung: „Nun wird von der Politik zunehmend differenziert. Deshalb ist mir der Ton von einigen Vertretern der Kultur gerade zu hart und konfrontativ.“ Ihr liegt an einem produktiven Dialog mit der Politik bei der Suche nach Lösungen. „Denn die Politik darf nicht der Dauerwelle des Virus folgen, also: öffnen, schließen, wieder öffnen und schließen.“

    Mehr: Verkäufe notleidender Museen in den USA: Erlöse von Sotheby's liegen im Rahmen der Erwartung

    Startseite
    Mehr zu: Lockdown auch für Museen - Lockdown auch für Museen – Eine instinktlose Politik sorgt für Unmut
    0 Kommentare zu "Lockdown auch für Museen: Lockdown auch für Museen – Eine instinktlose Politik sorgt für Unmut"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%