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London Art Week Aphrodites Geschichte

Antiquitäten und Alte Meister sind zum stillen Vergnügen weniger Kenner geworden. Jedes Jahr im Juli pilgern sie nach London, um anlässlich der „London Art Week“ die Offerten internationaler Händler in Augenschein zu nehmen. Die Anreise lohnt durch die zeitnahe Einbettung zwischen die Messe „Masterpiece“ und den Altmeisterauktionen.
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Minimalistischer Kopf aus Alabaster aus dem heutigen Jemen auf einer Kalksteinplatte aus dem 3. oder 2. Jahrhundert vor Chr.. Quelle: Ariadne Galleries, London
Mix aus Archaik und Geometrie

Minimalistischer Kopf aus Alabaster aus dem heutigen Jemen auf einer Kalksteinplatte aus dem 3. oder 2. Jahrhundert vor Chr.. Quelle: Ariadne Galleries, London

London Der Galerien-Parcours der „London Art Week“ (LAW) führt über edle Londoner Squares, durch teure Einkaufsstraßen, Arkaden und Gassen und manch rumpelnden, klaustrophobisch engen Lift in Dachstubengalerien hinauf. So ohne Einschränkung edel wie in der Ariadne Galleries, der von New York nach London expandierten Antikengalerie, abgeschieden beim Berkeley Square, dem Londoner „Hedgefonds Viertel“, geht es nicht oft zu. Ein Aphroditekopf mit leicht geneigtem Kopf und wunderbarem Lockenhaar ist hier nur eines von vielen Highlights. Jedes erzählt für sich eine Geschichte, mit eigener Aura und repräsentiert eine Kultur und eine Epoche.

Wir wissen, dass Aphrodite die erste nackt dargestellte Göttin ist. In dem körperlosen Fragment konzentriert sich alles auf Scham und Melancholie. Der hellenistische Kopf aus dem 3. oder 2. Jahrhundert vor Chr. kostet über 2 Millionen Pfund – teuer für eine Antike – „aber was ist das im Vergleich zur Contemporary Art“, findet Galeriedirektor Mark Merrony.

Johan Zoffany RA (1733–1810):
Die Familie unterhält sich und posiert

Johan Zoffany RA (1733–1810): "Conversation Piece entitled The Sayer Family of Richmond", 1781, Öl auf Leinwand. Quelle: Colnaghi

40 x 50 in. (101.5 x 127 cm.)

Alabasterskulptur aus Südarabien

Daneben, welch ein Kontrast, ein abstrahierter Alabasterkopf auf einer Kalksteinplatte, die aus der fast gleichen Periode, aber einer ganz anderen Kultur kommt – von der südarabischen Halbinsel, dem heutigen Jemen. Archaik und Modernität, Abstraktion, Geometrie und mysteriöser Charakter treffen sich in dem Kopf. Wer weiter durch die Galerien der „London Art Week“ bummelt, wird die verblüffend gleichen, rautenförmigen Augen unter giebelförmigen Augenbrauen in einem Selbstporträt Max Pechsteins finden, dass der amerikanische Zeichnungs- und Grafikhändler Hill-Stone in der „Fine Art Society“ in der Bond Street zeigt. Wie es der Zufall will, kosten beide, die Zeichnung und der alte Grabstein, 90.000 Pfund.

Rätselhafte Preisdifferenzen

Die Preisdifferenz zwischen der alten und der zeitgenössischen Kunst ist ein heimliches Thema nicht nur der London Art Week, sondern der ganzen Altmeisterwochen. Zu ihnen führt die „LAW“ als Brücke von der Masterpiece Kunstmesse hinüber. Die Masterpiece selber erklomm dieses Jahr mit 40.000 Besuchern übrigens eine neue Erfolgsschwelle und war Händlerberichten zufolge höchst erfolgreich. Inzwischen sind es 45 Galerien, die Altmeisterhandzeichnungen, Skulpturen und Altmeistergemälde zeigen.

Alte Kunst kommt aus der Mode

Dieses formstarke Rhinozeros aus Alabaster (18./19. Jahrhundert) findet sich in der Kunsthandlung der Tomasso Brüder in London.
Ein Tier, das Künstler schon immer fasziniert hat

Dieses formstarke Rhinozeros aus Alabaster (18./19. Jahrhundert) findet sich in der Kunsthandlung der Tomasso Brüder in London.

Nie war diese Preisdifferenz so offensichtlich. Für die einen ist sie unerklärbar, irrational und zunehmend absurd. Für die anderen ist sie schlichte Realität der ökonomischen Gesetze. Denn wie man sich dreht und wendet, Alte Kunst kommt aus der Mode. Der Nachschub ist knapp, einzelne Höhepunkte werden deshalb exorbitant teuer, aber im breiten Mittelfeld ist die Nachfrage diffuser als je.

Aus dem 1. bis 2. Jahrhundert vor Chr. stammt diese große, römische Glasurne. Quelle: Rupert Wace Ancient Art
Bestattung auf römisch

Aus dem 1. bis 2. Jahrhundert vor Chr. stammt diese große, römische Glasurne. Quelle: Rupert Wace Ancient Art

Mehr und mehr ist die alte Kunst zum stillen Vergnügen einer Elite geworden, die sich nicht um Hype, Szenebeifall und Investitionsgewinne kümmert, sondern fast zeitgeistwidrig an altmodischem Kennertum festhält. Wie der scheidende Direktor der Londoner Nationalgalerie, Nicholas Penny im Vorwort des Katalogs schreibt: „Wir glauben an die Freude, die man vom ausführlichen Studium eines Kunstwerks haben kann, daran, es immer wieder, in unterschiedlichem Licht und unterschiedlichen Jahres- und Lebenszeiten zu betrachten“

Plattform für Italiens Altmeistergalerien

Weil der Markt enger wird, kommen nun auch renommierte italienische Altmeistergalerien aus dem Ausland an die Londoner Fleischtöpfe, weil hier der Sammelpunkt ist: Cesare Lampronti (Rom) oder der Pariser Handzeichnungshändler Marty de Cambiaire stoßen zum Beispiel zu den Londoner Kollegen hinzu, in der Hoffnung, dass Zuspruch und Geschäfte hier besser laufen als in den wirtschaftlich gebeutelten Euro-Ländern.

Anders als bei einer Messe ist bei dieser Altmeisterwoche jeder für sich in einer Galerie. Jeder bietet mehr als einen Messestand, viele kuratieren Ausstellungen. Lampronti etwa hat seine Galerie mit meist großen Leinwänden der Caravaggio Nachfolge gefüllt. Auch der Carravagio zugeschriebene Heilige Franziskus, der mit einem Totenschädel meditiert, ist dabei. Clovis Whitfield wollte für das Bild vor Jahren auf der Masterpiece Messe einmal 40 Millionen Pfund.

Bestechender, auch für das zeitgenössische Auge, ist Orazio Gentileschis „Ruhe auf der Flucht von Ägypten“, eine von mehreren Versionen mit dem auf einem Reisesack hingestreckten Joseph und der stillenden Maria in einem entspannten, mondbeschienenen Panorama-Landschaftsformat. Was würde man für die 400.000 Pfund, die das 2,67 Meter Bild kostet, in einer Zeitgenossen Auktion bekommen?

Tuschezeichnung eines jungen Mannes mit symbolträchtiger Eule von Giovanni Francesco Barbieri, gen. Guercino (1591-1666). Quelle: Stephen Ongpin Fine Art
Modisch Gekleideter mit Eule

Tuschezeichnung eines jungen Mannes mit symbolträchtiger Eule von Giovanni Francesco Barbieri, gen. Guercino (1591-1666). Quelle: Stephen Ongpin Fine Art

Gewachsenes Angebot an Zeichnungen

Johnny van Haeften in St. James zeigt Kabinettmalerei auf Kupfer, der Bilderhändler Raffael Valls und seine Skulpturenkollegen Tomasso Brothers haben sich auf Tierdarstellungen und konzentriert. Es gibt mehr Altmeisterhandzeichnungen als im letzten Jahr beim Kern der Zeichnungshändler. De Cambiaire stellt bei Lucca Baroni aus. Eine wunderbare „Académie d’homme assis“, ein züchtiger Männerakt in Untersicht von Gianbattista Tiepolo ist ein bereits bei seiner Ankunft in London verkauftes Highlight. Bestechend ein Landschaftsaquarell des Schweizers Friedrich Wilhelm Moritz oder ein Selbstporträt des Zeichners Augustin de Saint-Aubin, das jene Intimität der Personendarstellung vermittelt, die man nur in der frühbürgerlichen Kunst der Goethezeit findet (um 12.000 Pfund)

Nebenan zeigt Stephen Ongpin eine ungewöhnliche Arbeit von Jean-Auguste-Dominique Ingres. Der Künstler hat eigene Lithografien seines Freundes Edouard Gatteaux und seiner Familie nach dessen Tod collagiert, mit Bleistift um dessen Enkelin ergänzt und alles mit zu einem großen, postumen Familien Porträt zusammengestellt (250.000 Pfund). Aber man kann auch hier viel günstiger einsteigen, etwa mit einem edlen Männerprofil, minutiös von Giovanni Boldoni in Sepia getuscht (10.000 Pfund)

Schwäbin mit Doppelkinn

Überall Überraschungen und Fundstücke: Colnaghi zeigt als Starstück eine „Familienkonversation“ von Johann Zoffany, die 2011 als  nicht zugeschriebene Arbeit vom Kimbell Art Museum Fort Worth für 43.250 Pfund versteigert wurde. Nun ist sie zugeschrieben und dokumentiert und 2,75 Millionen Pfund wert. Sam Fogg, der im Erdgeschoss eine Sammlung abstrakter islamischer Steindekorationen zeigt, hat im Oberstock Kunst des Mittelalters. Hier ist unter den auf den ersten Blick unzeitgemäß wirkenden Funden eine polychrom gefasste Porträtbüste. Das gut erhaltene Bildnis der lebensfroh geröteten Schwäbin mit Haube ist aus gefasstem Lindenholz und wirkt mit Doppelkinn und Backengrübchen lebensecht. Die Arbeit eines süddeutschen Anonymous kostet 275.000 Pfund, nicht billig in der Altmeisterwelt, aber fast ein Schnäppchen im Vergleich zur zeitgenössischen Kunst.

Es sind solche Werke, die nicht nur Geschichte, ein langes Gedächtnis und fernes Wissen in sich tragen, sondern über die Jahrhunderte hinweg auch den heutigen Zeitgenossen unmittelbar und direkt faszinieren.

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