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Lukrativer Trend Wertschöpfung in Museen – wenn die Leihgabe den Wert steigert

Leihgaben scheinen Kunsteinrichtungen mit fehlenden Werken zu helfen. Doch oft ist es umgekehrt. Leihgeber nutzen öffentliche Institutionen aus.
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Beliebt beim Publikum

"Von Monet bis Picasso. Die Batliner Sammlung": Die Meisterwerke der Moderne locken Besucher ins Museum.

(Foto: imago stock&people)

Wien Die Verquickung privater Sammlerinteressen und öffentlicher Museen schreitet zügig voran. Im Mittelpunkt stehen dabei Kunstwerke, die von Einzelpersonen oder Stiftungen an Institutionen verliehen werden: entweder zeitlich befristet für eine Ausstellung oder als Dauerleihgabe für einen längeren Zeitraum.

Vordergründig profitieren alle Seiten davon, auch das Publikum, das ja sonst keinen Blick auf diese Kunstwerke aus Privatsammlungen erhaschen könnte. In Zeiten mangelnder Ankaufsbudgets und im Kampf um Besucher, die das wirtschaftliche Überleben sichern sollen, scheint dies eine ideale Alternative zu sein. Im Detail betrachtet ergibt sich allerdings ein differenziertes Bild. Denn vielfach mangelt es Museen schlicht an der Sensibilität für die damit verbundenen Risiken: etwa als Geldwaschanlage oder „Durchlauferhitzer“ zur Wertsteigerung instrumentalisiert zu werden.

Leihgaben, die bei Ausstellungen Seite an Seite mit Werken aus dem eigenen Bestand gezeigt werden, gehören zum Museumsalltag. In der Regel nutzen Kuratoren dabei Bestände anderer Institutionen. Immer wieder kommen aber auch Kunstwerke aus Privatbesitz ins Spiel. Weil sie perfekt in das Ausstellungskonzept passen oder inhaltliche Lücken schließen. Bei einem auf die Dauer der Ausstellung beschränkten Gastspiel profitieren besonders die Leihgeber. Denn mit der öffentlichen Präsentation in einem Museum erhöhen sich zeitgleich die Bekanntheit und der Marktwert des Bildes. Damit werden Museen (ungewollt) zu „Durchlauferhitzern“ für den Kunstmarkt.

Von offiziell als „Privatbesitzer“ deklarierten Investoren wird die Leihgabenpraxis immer öfter strategisch genutzt: zur Vermarktung oder gleich für Verkaufsverhandlungen hinter den Kulissen. Selbst dann, wenn es um strittige Werke geht und Kuratoren unwissentlich als Erfüllungsgehilfen fungieren. Beispiele gibt es zuhauf, Leonardo da Vincis „Salvator Mundi“ ist das bekannteste.

Teuerstes Bild der Welt

"Salvator Mundi, angeblich von Leonardo da Vinci": Schon in der Ausstellung in London 2011 wurde das Bild unter der Hand für Preise zwischen 125 und 200 Millionen Dollar angeboten.

(Foto: mauritius images)

Noch während das Bild im Zuge einer Retrospektive des Universalkünstlers in der National Gallery in London erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentiert wurde, versuchten es die Leihgeber – tatsächlich ein in der Ausstellung nicht ausgewiesenes Händlerkonsortium – an den Mann zu bringen: Einem Bostoner war das Bild für 200 Millionen Dollar, dem Kimbell Art Museum und auch dem Fürsten von Liechtenstein für 125 Millionen angeboten worden. Der Rest ist Geschichte: Das Gemälde wurde für 450,3 Millionen Dollar versteigert und ist Gegenstand anhaltender Debatten rund um die Zuschreibung, in der sich nun auch die Kuratoren der National Gallery rechtfertigen mussten.

Das Segment erst vor Kurzem „entdeckter“ Kunstwerke hat sich in den vergangenen Jahren als besonders tückisch erwiesen. Sie werden, auch von namhaften Häusern, meist ohne eingehende fachliche Prüfungen für Ausstellungen übernommen. Damit bekommen solche Objekte einen augenscheinlich wissenschaftlichen Segen, wiewohl der ultimative gar nicht existiert. Immer wieder kommt es vor, dass sich solche Werke dann später als Fälschungen entpuppen.

Fallstricke, gegen die Museen meist nicht gefeit sind. Die Nutzung als kurzfristige und lukrative Verkaufsplattform könnte hingegen vermieden werden: mit entsprechenden Leihverträgen, die dem Eigentümer erst nach Ablauf einer vereinbarten Frist den Verkauf eines Kunstwerks ermöglichen. Langfristig lässt sich das sowieso nicht verhindern.

Eine weitere Schwachstelle lauert im heiklen Bereich der Geldwäsche. Denn aus welchen Quellen die Gelder für Kunstkäufe der Leihgeber stammen, wird im Museumsalltag in der Regel nie hinterfragt. Dabei geht es auch keineswegs darum, Sammler unter Generalverdacht zu stellen, sondern simpel um die Einhaltung internationaler Geldwäsche-Richtlinien, die in den vergangenen Jahren deutlich verschärft wurden. Zu den harmloseren Varianten gehören Kunstsammlungen, die aus Schwarzgeld finanziert wurden, einige Jahre in Museen gastieren und über deren anschließenden Verkauf – mitsamt sauberer und renommierter Provenienz – man „weiße“ Erlöse generiert. Am anfälligsten dafür sind Dauerleihgaben.

Im Unterschied zu einer Schenkung werden bei diesem Modell Kunstwerke oder ganze Sammlungen den Museen für eine längere Zeit zur Verfügung gestellt. Rechtlich bleiben sie im Eigentum von Privatsammlern oder Stiftungen und gehen „nur“ in den Besitz der Institutionen über.

Bei Leihgebern erfreut sich dieses „Rundum-sorglos-Paket“ zunehmender Beliebtheit. Das erspart zeitgleich eine Menge an Kosten. Deren Bandbreite reicht von der konservatorisch richtigen Lagerung und Restaurierung über Versicherungsprämien bis zur wissenschaftlichen Bearbeitung und laufenden Vermarktung. Dazu gehört im Museumsalltag auch die Organisation weiteren Leihverkehrs, wie das Beispiel der Albertina in Wien vor Augen führt: Wenn Georg Baselitz Werke aus seiner „Remix“-Serie, eine Dauerleihgabe der Gebrüder Viehof bis 2022, bei einer Ausstellung präsentiert wissen will, dann wird das selbstverständlich organisiert.

Das
Entwertet

Das "Stillleben mit Flaschen und Krug" kam als Bild von Alexandra Exter in die Sammlung Batliner. Doch inzwischen ist es erwiesen, es ist eine Fälschung.

(Foto: Albertina)

In Summe wird die Wertschöpfung, von der nach Ende der Laufzeit solcher Vereinbarungen nur der Leihgeber profitiert, im Falle staatlicher Museen vom Steuerzahler finanziert. Ein Aspekt, der im Falle der Albertina in Österreich für anhaltende Diskussionen sorgt. Aufgrund der seit 2007 angehäuften Dauerleihgaben wird das Museum von Kritikern aus der Fachwelt bereits als „Bundeskunsthalle“ bezeichnet. Zumal sie sich in der mehr als 20-jährigen Ära ihres Direktors Klaus Albrecht Schröder mit Siebenmeilenstiefeln von ihrer ursprünglichen Kernkompetenz (Graphik-Sammlung) entfernt hat.

Zum besseren Verständnis: Die 2007 übernommene Sammlung des im Juli 2019 verstorbenen Liechtensteiner Treuhänders und Rechtsanwalts Herbert Batliner umfasst knapp 1.000 Kunstwerke, jene des Industriellen Hans-Peter Haselsteiner über 5.000. Rund 1.400 Werke überließ der ehemalige Baumarkt-Magnat Karlheinz Essl der Albertina zwischenzeitlich als Schenkung. Der jüngste Zugang umfasst rund 400 Werke, die Galerist Rafael Jablonka über eine Stiftung im Wiener Museum „parken“ wird. Der überwiegende Schwerpunkt aller genannten Sammlungen liegt bei Kunst nach 1945.

Die wirtschaftliche Entwicklung des Museums und die Besucherzahlen von rund 700.000 jährlich geben der Strategie Schröders recht. Kritiker monieren indes die in der Museumsordnung festgelegte Verwässerung des Sammlungsprofils durch Überschneidungen im Programm mit anderen Museen. Der Hausherr sieht das gelassen: Die Bedürfnisse der Besucher am Museumsgesetz zu orientieren sei ein merkwürdiger bürokratischer Zugang.

Die Kosten trägt der Steuerzahler

Der größte Knackpunkt im Falle der Albertina bleiben die für seine Leihgeber indirekt über die Nutzung wachsender personeller Ressourcen und direkt über den Subventionsbedarf verprassten Steuergelder. Etwa für die umfangreichen Untersuchungen von 32 Werken der russischen Avantgarde aus der Sammlung Batliner im Vorfeld der Ausstellung „Chagall bis Malewitsch“ im Jahr 2016. Am Ende stellten sich sieben als Fälschungen heraus, Gemälde von Ljubow Popowa, Alexandra Exter, Alexander Rodtschenko, Iwan Puni oder El Lissitzky. Die Kosten für die Analysen in London und Zürich, die samt Transport und Versicherungsprämie bei etwa 250.000 Euro liegen dürften, übernahm die Albertina. Dem Vernehmen nach sei derlei im Hinblick auf die wissenschaftliche Unabhängigkeit vereinbart worden. Anfragen zu Dauerleihgaben werden übrigens ganz grundsätzlich nicht beantwortet.

Auch die Nutzung der Albertina als Durchlauferhitzer sieht Direktor Schröder gelassen. Beispielhaft dafür war die 2009 übernommene „Sammlung Werner“, die rund 90 Werke deutscher Expressionisten umfasste. Sie waren einst in Deutschland beheimatet und gelangten über den Erbweg nach Österreich. 2012 widmete ihnen die Albertina nach entsprechender wissenschaftlichen Aufarbeitung die Schau „Kirchner, Heckel, Nolde“.

„Es war eine einmalige Chance, diese Sammlung überhaupt bekannt zu machen“, erklärte Schröder rückblickend. Die Erbin sei sich ja nicht einmal der Bedeutung dieser Kollektion bewusst gewesen. Das änderte sich schnell: Noch vor Ende der Leihfrist 2016 wurden mehrere Werke aus dem Museum abgezogen. Die ersten Arbeiten von Emil Nolde und Karl Schmidt-Rottluff tauchten schon im Frühjahr 2014 bei der Tefaf-Kunstmesse in Maastricht auf. Der einstige Ausstellungskatalog der Albertina dient seither als Verkaufsutensil. 

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