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Memoiren eines Kunsthändlers Rudolf Zwirner über den Fluch, alles bewerten zu müssen

Der Kölner Kunsthändler schildert in seiner Autobiografie, wie er den Markt für zeitgenössische Kunst in Bewegung brachte.
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Im Coffeeshop, New York, 1969. Die Aufnahme befindet sich in dem von Rudolf Zwirner initiierten Zentralarchiv für deutsche und internationalen Kunstmarktforschung, ZADIK, in Köln. Quelle: Zentralarchiv für deutsche und internationalen Kunstmarktforschung, ZADIK
Peter Ludwig und Rudolf Zwirner

Im Coffeeshop, New York, 1969. Die Aufnahme befindet sich in dem von Rudolf Zwirner initiierten Zentralarchiv für deutsche und internationalen Kunstmarktforschung, ZADIK, in Köln.

(Foto: Zentralarchiv für deutsche und internationalen Kunstmarktforschung, ZADIK)

Köln Das „Nein“ kommt schnaubend und ohne Zögern. Hätte er die Wahl, wollte Rudolf Zwirner gegenwärtig nicht Galerist sein. „Heute wird alles bewertet, ununterbrochen, der größte Fehler“, begründet er auf Nachfragen des Handelsblatts. Gerade hat der 86-Jährige, der die Pop Art nach Deutschland brachte und zu einem der bedeutendsten Händler für Gerhard Richter, Georg Baselitz und Sigmar Polke wurde, seine Autobiografie vorgestellt. Schauplatz sind seine ehemaligen Galerieräume auf der Albertusstraße in Köln, wo heute Priska Pasquer residiert. Er ist auf dem Sprung nach Paris, wo Sohn David seine dritte Dependance eröffnet.

Über 100 internationale Sammler auf der ganzen Welt betreut der jüngere Zwirner. „Während ich auf nur zehn, zwölf Sammler bauen konnte und mich zeitweilig fast völlig auf Peter Ludwig verließ, der dann die Preise diktierte“, heißt es in der Lebensgeschichte des Vaters. Spannend bis zur letzten Seite hat sie die Journalistin Nicola Kuhn aufgeschrieben.

Links als Siebenjähriger in der Galerie vor Andy Warhols
David Zwirner

Links als Siebenjähriger in der Galerie vor Andy Warhols "Elvis Presley", 1969 und im Jahr 2018.

(Foto: Foto: Guido Mangold; Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.; Artistis Rights Society (ARS), New York)

Schon jetzt steht für Zwirner fest, dass er bei einer Neuauflage an das letzte Kapitel noch einmal ranmuss: an eine genauere Einschätzung der jüngsten Entwicklungen, und was sie für das Galeriegeschäft bedeuten. Was Zwirner nicht ahnt, als er 1967 seine erste Kunstmesse ins Leben ruft, den später in Art Cologne umfirmierten „Kölner Kunstmarkt“: „Dass wir damit der Galerie, unserer eigenen Basis, eines Tages die Grundlage entziehen könnten, weil die Messe zum wichtigeren Forum wurde.“

Für Händler alter Schule wie Daniel-Henry Kahnweiler ist die von Zwirner 1967 angestoßene offensive Vermarktung und öffentliche Auspreisung von Kunst ein Sakrileg. Doch der erste Kunstmarkt stößt das Tor zu neuen Sammlerschichten auf. Und es ist der Startschuss für eine Entwicklung, an deren vorläufigem Ende die von Zwirner im Gespräch diagnostizierte „Kommerzialisierung des Handels und der Gesellschaft“ steht.

Der kommerzielle Erfolg der Messen ruft in den frühen Siebzigerjahren die Auktionshäuser auf den Plan; damals noch zu 90 Prozent von Händlern frequentiert. Doch seit der spektakulären Versteigerung der Pop-Art-Sammlung des Taxiunternehmers Robert Scull 1973 beginnen Privatsammler zunehmend mitzumischen. Die Folgen bekommt Zwirner in den Achtzigerjahren zu spüren. Immer wieder muss er sich rechtfertigen, wenn ein Bild plötzlich für ein Vielfaches seines Verkaufspreises auf einer Auktion auftaucht. „Das wiederholte sich ständig“, erinnert sich Zwirner.

Rudolf Zwirner Autobiografie. Aufgeschrieben von Nicola Kuhn. Wienand Verlag, Köln 2019, 256 Seiten, 25 Euro Quelle: Wienand Verlag
Ich wollte immer Gegenwart

Rudolf Zwirner Autobiografie. Aufgeschrieben von Nicola Kuhn. Wienand Verlag, Köln 2019, 256 Seiten, 25 Euro

(Foto: Wienand Verlag)

Zum Problem wird der sehr rasche Preisanstieg, angetrieben auch durch die „Investitionskäufer“ aus Japan. Die Banken kommen mit ins Spiel. „Wenn man am Jahresende weniger der gesuchten Topwerke auf Lager hat, ist das auf Dauer schwierig“, erklärt Zwirner. Denn für jedes neu akquirierte Bild muss mehr Geld aufgewendet werden.

Desillusionierend, was Zwirner über seine Geschäftsbeziehung zu Peter Ludwig zu berichten hat. Einen beinharten Verhandlungsstil pflegt der Kunsthistoriker und Schokoladenfabrikant. Er kauft zwar anfangs rasant – jeden Tag ein Bild –, doch er überlässt Zwirner das Risiko des Ankaufs, entscheidet sich oft erst in der Galerie und gibt ein paar Prozent für die Vermittlung. Auch wie Ludwig seine enormen Erwerbungen finanziert, beschreibt der Händler, und er erinnert sich, wie ungläubig Ludwigs Sammler- und Schokoladenfabrikantenkollege Bernhard Sprengel reagiert.

Geschichtliche Einordnung

Oft unterbietet Ludwig die Preise Zwirners oder will nur den Einkaufspreis zahlen – wie etwa für Jasper Johns Hauptwerk „Passage“. 160.000 statt der geforderten 200.000 Mark bietet der Sammler. Zwirner lässt sich nicht kleinkriegen, beraumt nach monatelangem Ringen einen Vortrag an, zu dem er namhafte Sammler einlädt. Ludwig erklärt er, „dass mein gesetzter Preis von 200.000 Mark nur noch bis zu Beginn des Vortrags gültig sein und danach auf 250.000 Deutsche Mark steigen würde, weil anschließend die Bedeutung und somit der Wert des Bildes für jedermann offenkundig wäre“. Noch bevor der gewitzte Händler seine Ausführungen beginnt, erklärt Ludwig: „Das Bild ist gekauft. Für 200.000 Deutsche Mark.“

Mit Drucken von René Magritte und Roy Lichtenstein. Quelle: Foto: Adolf Clemens; Estate R. Lichtenstein/VG Bild-Kunst, Bonn 2019 (für Lichtenstein, Magritte)
Rudolf Zwirner als junger Galerist

Mit Drucken von René Magritte und Roy Lichtenstein.

(Foto: Foto: Adolf Clemens; Estate R. Lichtenstein/VG Bild-Kunst, Bonn 2019 (für Lichtenstein, Magritte))

Für Zwirner ist das eine zentrale und selbstverständliche Dienstleistung als Galerist: die Einordnung in die geschichtlichen Zusammenhänge. „Sie gehörte zur Aufklärungsarbeit gegenüber Sammlern, die genau wissen sollten, was sie da erwarben“, erinnert sich der Händler. Heute ist das anders. „Wenn ich anfange, etwas erklären zu wollen, ist der Kunde auch schon weg“, zitiert er seinen Sohn David. Kunsthistorische Vorträge sind nicht mehr erwünscht.

„Ich wollte immer Gegenwart. Rudolf Zwirner Autogiografie.“ Aufgeschrieben von Nicola Kuhn, 256 Seiten, Wienand Verlag 25 Euro

Mehr: Die Kunstmärkte im Umbruch, Teil 5: Lesen Sie hier über den Kunstmarkt in jener Zeit, in der Rudolf Zwirner gewirkt hat.

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