Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Met-Direktor im Interview Max Hollein: „Wir müssen unsere Werte immer wieder hinterfragen“

Der Direktor des Metropolitan Museum spricht über die Politik der aktuellen Maximilian-Ausstellung und über das Zurückweisen von Spenden aus der Industrie.
Kommentieren
Eine Milliarde Dollar für neue Ausstellungen und Werke. Quelle: The Metropolitan Museum of Art
Max Hollein vor dem Met in New York

Eine Milliarde Dollar für neue Ausstellungen und Werke.

(Foto: The Metropolitan Museum of Art)

New York Wenn für Max Hollein ein arbeitsamer Tag zu Ende geht und die Besucher das Metropolitan Museum of Art (Met) verlassen haben, dann läuft der Direktor des größten Museums der USA regelmäßig und am liebsten ganz allein durch die leeren Hallen. Und fast immer lenken seine Schritte ihn dann auch zu einem Gemälde aus dem 17. Jahrhundert: „Fortune-Teller“ von Georges de la Tour, entstanden um 1630, ist Holleins persönliches Lieblingsstück in einem Museum, dessen gesamte Pracht sich dem geneigten New-York-Besucher eigentlich nur dann umfänglich erschließen kann, wenn dieser gleich mehrere Tage für die Besichtigung reserviert. Im nächsten Jahr feiert die kunsthistorische Institution an der Ostseite des Central Park ihr 150-jähriges Bestehen.

Herr Hollein, Sie sind jetzt seit etwas mehr als einem Jahr Direktor des weltberühmten Metropolitan Museum of Art in New York. In welche Richtung wollen Sie das Haus in den nächsten zehn Jahren weiterentwickeln?
Das Met ist ein herausragendes enzyklopädisches Museum und wird sich den Herausforderungen stellen, die Geschichte der Entwicklung der Kulturen der Welt in neuer Form zu erzählen. Museen tendieren seit vielen Jahren dazu, die kulturelle Entwicklung vom alten Mesopotamien über Ägypten, Griechenland und Rom bis in die Neuzeit als eine stringente Geschichte darzulegen. In unserer Zeit der Globalisierung und Interkonnektivität müssen wir aber feststellen: Es existiert nicht eine durchgehende, lineare Narration, vielmehr ist Geschichte multipel verschränkt. Das wollen wir verstärkt zeigen und mit unseren Ausstellungen erzählen. Dazu bedarf es einer adäquaten Präsentation, die zeitgemäß sein muss, ohne anbiedernd zu wirken, einer Präsentation, die bewegende Geschichtspunkte und Vielschichtigkeit unterstreicht.

Mit Kunst, Waffen und Rüstungen die Macht zementiert. Quelle: Peter Brors /The Metropolitan Museum of Art
Die aktuelle Ausstellung zu Kaiser Maximilian

Mit Kunst, Waffen und Rüstungen die Macht zementiert.

(Foto: Peter Brors /The Metropolitan Museum of Art)

Wie viel Geld können und wollen Sie dafür investieren?
Unsere Planungen in Bezug auf unsere Sammlung sehen ein Investment von rund einer Milliarde Dollar für die nächsten zehn Jahre vor, um damit unsere Präsentationen neu zu gestalten, aber auch, um neue Kunstwerke zu erwerben.

Was zum Beispiel?
Das kann ich Ihnen leider nicht verraten, weil es sofort den Preis für das entsprechende Werk in die Höhe treiben würde.

Sie hatten im vergangenen Jahr 7,4 Millionen Besucher. Ist es überhaupt Ihr Ziel, noch mehr Menschen in Ihr Museum zu locken?
Diese Frage stellt sich für mich so nicht. Mir geht es darum, unseren enzyklopädischen Ansatz in die Zukunft zu tragen und damit so viele Leute wie möglich zu erreichen. Dazu gehört ein modernes und spannendes Storytelling für unsere Ausstellungen, und natürlich müssen wir digitale Initiativen weiter vorantreiben. Damit meine ich nicht, die Ausstellungen vor Ort, also im Museum, mit digitalem Beiwerk künftig zu überfrachten, sondern unsere Gäste bereits vor ihrem Besuch bei uns auf Werke und Ausstellungen einzustimmen und mit Hintergrundinformationen auszustatten – und sie auch nach dem Besuch weiter zu begleiten.

Die Welt hat eine gemeinsame kulturelle Basis. Das wollen wir hier zeigen, und deshalb wird unsere Rolle in politischen Zeiten wie diesen noch wichtiger. Max Hollein (Direktor des Met)

Bitte etwas genauer.
Wenn die Leute hier in Amerika zu einem Baseballspiel gehen, dann kennen viele vorher alle möglichen Statistiken. Welcher Pitcher mit welchem Arm wirft, wie seine Homerun-Quote ist und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass er ein Heimspiel für seine Mannschaft gewinnt. Aber wenn die Besucher zu uns beispielsweise in die Rembrandt-Ausstellung kommen, dann wissen sie oft nicht einmal, wo der Künstler geboren wurde und wann er gelebt hat. Und das meine ich gar nicht despektierlich. Aber mit digitalen Newslettern und Onlineangeboten, die wir in dem Moment versenden, in dem der Besucher ein Ticket bei uns online kauft, können sich unsere Besucher künftig viel detaillierter vorab über alle möglichen Themen bei uns im Museum informieren. Sie haben dann ein inhaltlich tieferes Besuchserlebnis und kommen mit einem womöglich noch gesteigerten Interesse zu uns.

Warum zieht die Alte Kunst hier – wie auch im Louvre – die Massen so stark an, obwohl die Antike und das Barock anderswo deutlich weniger Beachtung finden?
Vergessen Sie nicht, dass wir auch starke zeitgenössische und moderne Werke wie etwa von Jackson Pollock, Andy Warhol oder Georg Baselitz besitzen und diese Sammlung zuletzt auch ausgeweitet haben. Aber Sie haben recht: Zu uns kommen die Menschen auch wegen der historischen Dimension unserer Exponate. Und dabei geht es um eine globale Perspektive und eine Notwendigkeit, alle Kulturen der Welt adäquat abzubilden und zu verbinden. Wir präsentieren eben nicht nur die Geschichte des weißen Siedlers hier, sondern haben immer wieder auch große Sonderausstellungen zu Kunst aus Afrika, Ozeanien und Lateinamerika. Diversity ist für uns kein Modewort im Personalwesen, sondern das gibt es bei uns schon lange in den Ausstellungen, da es in die DNA des enzyklopädischen Museums eingeschrieben ist.

Die Wahrsagerin ist ein Gemälde des französischen Barockmalers Georges de la Tour. Es ist wahrscheinlich zwischen 1630 und 1639 entstanden. Quelle: Georges de la Tour /  Metropolitan Museum of Art
Max Holleins Lieblingsbild im Met

Die Wahrsagerin ist ein Gemälde des französischen Barockmalers Georges de la Tour. Es ist wahrscheinlich zwischen 1630 und 1639 entstanden.

(Foto: Georges de la Tour / Metropolitan Museum of Art)

Womit Sie sich von den vielen anderen großen Museen der Welt unterscheiden ...
... in der Tat sind der Louvre oder die Eremitage viel stärker national geprägt als das Met. New York war schon immer ein „melting pot“, unser Haus schon immer eine Institution über die Kulturen der Welt, die einen sehr offenen Ansatz verfolgt hat.

Jetzt setzt Präsident Trump stark auf Nationalismus. Wie wirkt sich dies auf das Museum aus?
Wir sind eine Plattform für kulturelle Diskussionen. Das hat sich seit dem Amtsantritt von Donald Trump indirekt sicher verstärkt.

Indirekt?
Vieles, was wir zeigen und präsentieren, wird seither viel politischer gelesen, und auch das amerikanische Feuilleton hebt diesen Kontext expliziter hervor.

Ein Beispiel, bitte ...
Ganz aktuell sind es die Rezensionen unserer Maximilian-Ausstellung, die zeigt, wie dieser Habsburger-Regent erst durch den Einsatz von herausragenden Kunstwerken, Waffen und Rüstungen als Propaganda seine Macht und seinen Einfluss zementierte. Dass wir diesem Ansatz so viel Aufmerksamkeit gewidmet haben, fand große politische Beachtung. Es war davon zu hören und zu lesen, dass diese Ausstellung perfekt in die heutige Zeit passe.

Wie politisch wollen Sie und Ihr Museum sein?
Ich war gerade in Peking, Schanghai und Hongkong zum Zeichen des kulturellen Austauschs. Ich wollte mit meinem Besuch unter anderem deutlich machen, dass wir diesen Austausch vor dem Hintergrund angespannter Verhältnisse zwischen den USA und China unbedingt weiter unterstützen und forcieren wollen. Wir wollen den zunehmenden Nationalismus in der Welt nicht einfach nur zur Kenntnis nehmen. Das Met ist eine zutiefst nichtnationalistische Institution. Und die Welt hat eine gemeinsame kulturelle Basis. Das wollen wir hier in unserem Museum zeigen, und deshalb wird unsere Rolle in politischen Zeiten wie diesen noch wichtiger.

Sie haben erst neulich ein Ausstellungsstück, das offenbar nicht rechtmäßig erworben wurde, zurückgegeben.
Kunstwerke wieder abzugeben macht kein Museum auf der Welt gern. Aber tatsächlich hatten wir einen ägyptischen Sarkophag erworben, bei dem sich die Dokumentenlage als Fälschung herausstellte. Das Werk wurde vielmehr illegal im Jahr 2011 exportiert. In solchen Fällen restituieren wir selbstverständlich.

Die zeremonielle Rüstung von Charles V. hat das Kunsthistorische Museum in Wien entliehen. Quelle: The Metropolitan Museum of Art
Conrad Seusenhofer

Die zeremonielle Rüstung von Charles V. hat das Kunsthistorische Museum in Wien entliehen.

(Foto: The Metropolitan Museum of Art)

Was war eigentlich das erste Werk, das Sie hier im Met unter Ihrer Führung erworben haben?
Das war eine französische Kanone aus dem 16. Jahrhundert.

Kennen Sie sich mit derlei historischen Werken eigentlich selbst gut aus? Sie waren ja zuletzt in San Francisco (Fine Arts Museums) und davor in Frankfurt (Städel) in Museen tätig, die sich vor allem mit zeitgenössischer und moderner Kunst beschäftigt haben.
Unsere kunsthistorische Fakultät hat einen derart enormen Sachverstand – da lerne ich in der Tat selbst noch jeden Tag hinzu.

Wie läuft der Entscheidungsprozess vor dem Erwerb eines Werks ab?
Unsere Experten schauen, was auf dem Markt verfügbar und für uns finanziell darstellbar ist. Das wird dann mit mir diskutiert, und ich muss entscheiden, ob wir den Ankauf weiterverfolgen. Dann gibt es eine Empfehlung, die in unserem Board diskutiert wird. Diesem gehöre ich natürlich auch an.

Das Board hatte zuletzt sicher auch intensive Diskussionen zum Umgang mit den finanziellen Zuwendungen der Sackler-Familie, die ihr Vermögen größtenteils dem Pharmakonzern Purdue verdankt und die in Misskredit geraten ist, weil Hunderttausende Amerikaner abhängig von dessen opiathaltigem Schmerzmittel Oxycontin geworden sind. Warum hat es fast zwei Jahre gedauert, bis sich das Met von der Familie losgesagt hat?
Die Sackler-Familie gehört zu den großen Unternehmerfamilien in den USA und zu den großen Förderern der Kunst. Und es hat eine lange Zeit vor Oxycontin gegeben, unser Sackler-Flügel im Met etwa wurde lange vor Purdue Pharma von den Sacklers unterstützt und möglich gemacht. Basierend auf den aktuellen Informationen zu Oxycontin haben wir entschieden, kein Geld der Sacklers mehr anzunehmen.

Welche Kriterien haben Sie bei dieser Entscheidung angelegt?
Es geht darum zu hinterfragen, ob die Werte des Museums und die Werte des Spenders weitgehend übereinstimmen. Ist das nicht mehr so, dann müssen wir auch auf Zuwendungen verzichten, so schwer das manchmal fällt. Schließlich ruht das amerikanische System der Finanzierung von Museen fast ausschließlich auf zwei Säulen: den selbst erzielten Einnahmen und den Spenden. Staatliche Zuwendungen gibt es so gut wie keine.

schmiedete die Feldrüstung von Maximilian I. 1480. Quelle: The Metropolitan Museum of Art
Lorenz Helmschmid

schmiedete die Feldrüstung von Maximilian I. 1480.

(Foto: The Metropolitan Museum of Art)

Moralische Fragen werden für die Museumsleitung also ebenso wie politische immer wichtiger?
Das ist zweifelsohne so. Wir müssen unsere Werte offen leben, immer wieder hinterfragen und gegebenenfalls auch modernisieren. Die großen Fragen und Folgen des Kapitalismus, der Globalisierung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts müssen wir intern immer wieder aufbringen, beantworten und dann klar nach außen kommunizieren.

Gibt es neben den Sackler-Spenden ein weiteres aktuelles Beispiel?
Wir mussten erst kürzlich Geld zurückweisen, das uns aus Saudi-Arabien über eine Foundation angetragen wurde. Aber nach dem Mord an dem saudischen Regimekritiker Khashoggi in der Türkei stand die Annahme der finanziellen Zuwendung für uns nicht mehr zur Debatte. Was nicht bedeutet, dass wir hier keine saudische Kunst oder Künstler mehr zeigen wollen. Im Gegenteil. Wir sind mit der Region und ihrer kulturellen Identität sehr verbunden und werden auch weiter aktiv sein, so, wie wir auch im Iran, in Syrien und an anderen Orten im kulturellen Dialog stehen.

Lässt sich dieser idealistisch klingende Ansatz tatsächlich in der Praxis immer durchsetzen? Wie Sie ja selbst ausführten, sind Sie stark auf Gelder von Spendern angewiesen, deren eigentliche Interessen Sie vielleicht nicht immer genau durchschauen.
Es geht einerseits darum, von wem man unterstützt wird und werden will, und andererseits darum, was man alles machen kann und muss. Ganz allgemein sehe ich es als großen Vorteil des amerikanischen Museumsprinzips, dass die Unterstützung für unsere umfassenden Aktivitäten und unsere internationale Präsenz aus vielen verschiedenen Quellen kommt. Es ist ein ganzes Konzert an Förderern, das man als Institution und insbesondere auch als Direktor „dirigieren“ muss. Wenn man sich dann gegen einen Förderer entscheidet, aus welchen Gründen auch immer, fällt das viel weniger ins Gewicht, als wenn man etwa als Museum in Europa einen Konflikt mit der öffentlichen Hand über Inhalte hat. Wir sind keine politische Institution, aber die Werte des Museums sind für uns von besonderer Bedeutung, und umso wichtiger ist es, eine umfassende Basis an Unterstützern aus den verschiedensten Bereichen zu haben.

Herr Hollein, vielen Dank für das Interview.
Die Fragen stellte Peter Brors im Met in New York. Mitarbeit: Susanne Schreiber

Mehr: Silicon Valley: Lesen Sie hier, was Max Hollein über seine europäische Perspektive auf den Fortschrittsfetischismus der US-Westküste

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

Mehr zu: Met-Direktor im Interview - Max Hollein: „Wir müssen unsere Werte immer wieder hinterfragen“

0 Kommentare zu "Met-Direktor im Interview: Max Hollein: „Wir müssen unsere Werte immer wieder hinterfragen“ "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.