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Museen Rüder Rausschmiss – wie Italien Museumdirektoren verprellt

Cecilie Hollberg muss als Chefin der Galleria dell‘Accademia abtreten – dank der Reform des Kulturministers. Ein Lehrstück in Sachen Kulturpolitik in Italien.
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Direktorin Cecilie Hollberg hat ihr Büro in der Galleria dell'Accademia in Florenz am 22. August geräumt. Quelle: Sergio Garbari
Ohne Amt

Direktorin Cecilie Hollberg hat ihr Büro in der Galleria dell'Accademia in Florenz am 22. August geräumt.

(Foto: Sergio Garbari)

Rom Vor dem Palazzo della Signoria in Florenz überragt der „David“ von Michelangelo alles. Kein Kunstwerk der Renaissancestadt wird häufiger fotografiert als die fünf Meter hohe Marmorstatue mit den perfekten Proportionen. Doch sie ist nur eine Kopie aus dem Jahr 1910. Michelangelos Original steht seit 1873 in der Galleria dell‘Accademia in der Via Ricasoli in einem eigens dafür errichteten halbrunden Raum. Und ist ein Publikumsmagnet.

„In drei Jahren ist die Zahl der Besucher um 22 Prozent auf 1,7 Millionen im Jahr 2018 gestiegen“, sagt Cecilie Hollberg, „und die Einnahmen haben wir auf 10,7 Millionen Euro gesteigert von 8,7, seit ich hier angefangen habe.“ Die deutsche Kunsthistorikerin war seit 2015 Museumsdirektorin. Bis zu diesem Wochenende.

Zuerst am Telefon Anfang des Sommers, dann per Amtsschreiben wurde ihr mitgeteilt, dass ihr Museum, in dem neben dem David eine große Sammlung von Gemälden und historischen Musikinstrumenten ausgestellt wird, seine Autonomie verliert und ab Ende August verwaltungsmäßig zu den Uffizien gehört.

Das war die Kündigung, ihre Arbeit endete am 22. August, an dem Tag, an dem die Neuordnung der großen staatlichen Museen in Italien in Kraft trat. Mit dem zuständigen Kulturminister Alberto Bonisoli, der die Reform vorangetrieben hat, habe sie nie gesprochen, sagt sie. Auf ihre Anfragen hin habe man sie auf einen Termin nach dem Sommer vertröstet.

Sie sagt es nicht, aber das Prozedere Roms war schlechter Stil. Der Fall wurde bekannt, weil in dem sechsseitigen Rundschreiben des Ministeriums über die Neuregelung und die Verlängerung bestehender Verträge ihr Name nicht mehr stand. Wenn die Uffizien die Verwaltung übernähmen und ihrem Haus die Autonomie genommen werde, brauche man keinen Manager mehr an der Spitze, kommentiert sie sachlich die unbestritten merkwürdige Kommunikation aus Rom.

„Mein Fahrplan ging bis zum 30. November, bis dahin läuft mein Vertrag, man hatte mir auch eine Verlängerung in Aussicht gestellt, aber jetzt habe ich mich beeilt, das Haus ordentlich zu übergeben“, sagt die Historikerin, die zuvor das Städtische Museum in Braunschweig geleitet hatte. Bis zum letzten Tag hat sie an ihrem Bericht gefeilt. Sie könne es immer noch nicht fassen und hoffe auf ein Wunder, um die Arbeit auch zu Ende bringen zu können

Angekommen im 21. Jahrhundert

Ihre Bilanz ist außerordentlich: mit 53 Angestellten, 94 müssten es sein, die letzten kamen erst 2018, hat sie nicht nur das Budget in Ordnung gebracht und detailliert jede Abrechnung und alte Verträge überprüft, sondern auch das Haus modernisiert. Dazu gehörte, eine Ausschreibung für eine neue Klimaanlage für das Museum zu machen, die alte war 40 Jahre alt. Und es gab seit 2004 keine Brandschutzordnung. „Als ich kam, hatte ich keinen Techniker, keinen Restaurator, keinen Museumspädagogen und keine Verwaltung“, sagt sie.

Auf den Punkt an ihrem letzten Arbeitstag wurde ihre Bilanz fertig, auf 68 Hochglanzseiten. „Wir haben ein Wunder geschaffen“, schreibt sie darin, „und dem Museum eine starke Identität gegeben, heute sind wir ein lebendiger und für alle offener Ort, den die Florentiner lieben.“

Warum also das rüde Ende? Cecilie Hollberg kam 2015 nach Florenz, sie hatte die Ausschreibung für die Stelle gewonnen. Der damalige Kulturminister Dario Franceschini von der sozialdemokratischen Partei PD, die seinerzeit regierte und sich heute anschickt, eine Regierungskoalition mit der Bewegung Fünf Sterne einzugehen, hatte die Leitungspostgen der großen staatlichen Museen international ausgeschrieben – um die Besten des Fachs nach Italien zu holen. 20 Direktorinnen und Direktoren wurden ausgewählt, darunter sieben Ausländer, drei Deutsche, zwei Österreicher, ein Kanadier und ein Franzose.

Neben Cecilie Hollberg waren das aus Deutschland Eike Schmidt, Chef der Uffizien, und Gabriel Zuchtriegel, der Direktor der antiken Stätten in Paestum. Sie bekamen Verträge für vier Jahre mit der Perspektive auf Verlängerung. Dann kamen 2018 der Regierungswechsel und damit neue Schwerpunkte in der Kulturpolitik. Der neue Minister Bonisoli, ein Politiker der Fünf Sterne, verhielt sich wie seine Kabinettskollegen: Alles, was die PD-Regierung vorher gemacht hatte, musste geändert und abgeschafft werden, egal, wie sinnvoll oder nicht die Maßnahmen waren.

Zentralisierung als Ziel

Groß durch die Schlagzeilen ging bei seinem Amtsantritt seine Anordnung, die eintrittsfreien ersten Sonntage im Monat in den italienischen Museen abzuschaffen. Er setzte die Zentralisierung der staatlichen Museen durch, nahm der Galleria in Florenz und zwei anderen Museen in Rom und Triest die Autonomie und verlängerte neun Stellen – vom Chef des archäologischen Museums in Neapel bis zu den königlichen Museen in Turin. Auch Zuchtriegel erhielt die Verlängerung.

Bleibt der dritte Deutsche, Uffizienchef Schmidt, der Freiburger Kunsthistoriker, der 2015 vom Minneapolis Institute of Art nach Florenz kam. Er sagte dem Handelsblatt am Donnerstag, dass er zum 1. November an das Kunsthistorische Museum in Wien wechselt, wie er das bereits mehrmals gesagt hätte. Den Bericht einer italienischen Zeitung, dass Minister Bonisoli ihn noch kurz vor dem Scheitern der Regierung in Rom angerufen habe, um ihm die Verlängerung seines Vertrags anzubieten, weist er als reine Spekulation zurück.

Und zum Fall der Galleria dell‘Accademia sagt er: „Die Wiedereingliederung der Galleria hat in Italien zu einer sehr politisierten Debatte zwischen Gegnern und Befürwortern der verschiedenen Reformen geführt.“ Mehr als 100 Jahre hätten die Galleria und die Uffizien verwaltungstechnisch zusammengehört, bis zum 1. Januar 2016. „Ich sehe das entspannt“, sagt er, „die Wiedereingliederung ist administrativ in wenigen Tagen zu machen.“

Auch die anderen deutschsprachigen Ausländer haben neue Stellen: Peter Aufreiter, der Direktor der Galleria Nazionale in Urbino, wechselt zum Technischen Museum in Wien. Peter Assmann, der Chef des Palazzo Ducale in Mantua, wird zu den Tiroler Landesmuseen in Innsbruck gehen. Alle hätten angerufen, als ihr Schicksal öffentlich geworden sei, sagt Cecilie Hollberg auf die Frage nach Reaktionen, nur von den Uffizien sei kein Wort gekommen.

Nun ist die Regierung in Rom gerade gescheitert, und es gibt entweder eine neue Koalition oder Neuwahlen. Könnte eine neue Regierung nach alter Tradition die Reform wieder kippen? „Italien ist das Land der großen Abenteuer“, sagt Hollberg, „aber die Reform ist durch.“ Auch wenn sie ihren Fall nicht nachvollziehbar findet.

Es geht um Macht

Resigniert hat sie nicht. Sie bleibt in Florenz und weiß die Angestellten und den Freundeskreis hinter sich. Und sie wägt ihre Worte ab bei der Antwort auf die Frage, ob sie das Opfer der neuen „Italien zuerst“-Politik der Populisten geworden ist. Denn die nun gescheiterte Regierung hat in den 14 Monaten ihrer Amtszeit wenig Interesse an Entwicklungen außerhalb Italiens und an Kultur überhaupt gezeigt. Vor allem der nun zunächst gescheiterte Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini fiel mehr durch permanente Selfies denn durch durchdachte Äußerungen auf. Und die stellvertretende Kulturministerin sagte in ihrem ersten Interview vor einem Jahr, sie habe in den vergangenen drei Jahren kein Buch gelesen.

Sie sei von Anfang an sehr gut aufgenommen und gleich akzeptiert worden in Florenz und habe einen großen italienischen Freundeskreis, sagt die Historikerin. Für ausländerfeindlich halte sie die noch im Amt befindliche Regierung nicht, jedenfalls nicht in der Kulturpolitik. Ihre Erklärung für das Verhalten des Ministers: „Es geht immer um Macht.“ Doch grundsätzlich gelte für sie, dass Kultur frei sein müsse und nicht instrumentalisiert werden dürfe.

Sie habe bis zur letzten Stunde an ihrem Bericht gesessen und so viel wie möglich alles an Verträgen gelöst und offenen Rechnungen abgespult. Jetzt sei sie offen für neue Herausforderungen. „Wer immer übernimmt, bekommt ein brillant laufendes Haus."

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