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Museum Susch Wie ein 200-Seelen-Dorf zum Treffpunkt für Weltkunst wurde

Ein Privatmuseum in einem Schweizer Dorf macht Furore. Hier verbindet die polnische Sammlerin Grazyna Kulczyk lokale Tradition mit internationaler Baukunst.
  • Daghild Bartels
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In Susch findet sich nun zeitgenössische Kunst im ehemaligen Kloster mit angeschlossener Brauerei. Quelle:  Museum Susch Museum Susch Art Stations Foundation CH, Muzeum Su
Ein Museum mitten im Dorf

In Susch findet sich nun zeitgenössische Kunst im ehemaligen Kloster mit angeschlossener Brauerei.

(Foto:  Museum Susch Museum Susch Art Stations Foundation CH, Muzeum Su)

SuschEin neuer, spektakulärer Kunstort macht Furore: Zur Preview strömte europäische Kunstprominenz herbei, 1.500 geladene VIPs drängten sich, um das neue Museum in Susch zu bestaunen.

Susch? Jawohl. Dieses bislang kaum bekannte 200-Seelen-Dorf im schweizerischen Engadin, 30 Autominuten von St. Moritz entfernt, wählte die polnische Unternehmerin und Megasammlerin Grazyna Kulczyk, um dort ihr aufregendes Privatmuseum zu eröffnen. Gründe gab es viele.

Eigentlich wollte sie das Museum in Warschau errichten, scheiterte jedoch an diversen Widerständen. Da das Engadin seit Langem ihr Urlaubsziel und seit Kurzem auch ihr Wohnsitz ist, entdeckte sie in Susch das mittelalterliche Kloster samt angeschlossener ehemaliger Brauerei und erwarb beide, um hier ihren immensen Kunstschatz der Öffentlichkeit zu zeigen.

Eine architektonische Perle

In nur drei Jahren Bauzeit – die zierliche, auffallend hübsche Frau liebt das Tempo und gilt als hartnäckig, zielstrebig und perfektionistisch – wurde der Komplex unter Einhaltung denkmalgerechter Auflagen zu einer architektonischen Perle umgebaut. Sie besticht durch feinste Detailarbeit und eine grandiose Dramaturgie der Räume.

Hans Ulrich Obrist nennt die Architektur „glokal“, „weil sie bestens lokale Tradition und internationale Baukunst verbindet“. Das gesamte Projekt ist ein Glücksfall für die Region und die vielen künstlerischen Aktivitäten und Galerien, die schon existieren. Kürzlich eröffnete auch Hauser & Wirth eine Filiale in St. Moritz.

Die Unternehmerin ist und nun auch Museumsbesitzerin. Quelle: Museum Susch Art Stations Foundation CH, Muzeum Susch
Grazyna Kulczyk

Die Unternehmerin ist und nun auch Museumsbesitzerin.

(Foto: Museum Susch Art Stations Foundation CH, Muzeum Susch)

Bei der Neueröffnung in Susch war auch Polens früherer Präsident Aleksander Kwasniewski zu treffen. Auf die Frage, ob er traurig sei, dass dieses großartige Museum nun nicht in Polen, sondern in der Schweiz sei, antwortete er diplomatisch: „Das ist in Ordnung. Wir sind doch alle Europäer.“

In dem Örtchen also startet Kulczyk ihr ambitioniertes Kunstprojekt, das nicht nur Ausstellungen verspricht. In einem Nachbargebäude gibt es zusätzlich Raum für Performances, Tanz und Künstlerresidenzen. Ein alljährliches Symposion – „Disputaziuns Susch“ – will sich zukunftsrelevanten Gesellschaftsthemen widmen.

Zum Auftakt gibt es zwei Ausstellungen, eine temporäre mit dem Titel „A woman looking at men looking at women“, kuratiert von Kasia Redzisz, präsentiert ein internationales Potpourri feministischer Kunst, in dem leider kein Stereotyp ausgelassen wird.

Von Renate Bertlmanns „Urvagina“ bis zu Carla Accardis „Origin“ wird immer wieder mehr oder weniger banal das Hohelied auf die Vagina variiert. In diesem monothematischen Defilee haben selbst Künstlerinnen wie Maria Lassnig, Marlene Dumas, Louise Bourgeois oder Maria Bartuszova kaum eine Chance, andere Akzente zu setzen.

Sammlung auf hohem Niveau

Von ganz anderem Kaliber sind hingegen die ortsspezifischen Installationen, die die Sammlerin selbst in Auftrag gegeben hat. In diesen Statements zeigt sich das hochkarätige Niveau der Sammlung. Zuallererst im sogenannten Kühlturm, wo sich die tonnenschwere „Treppe“ von Monika Sosnowska spektakulär 14 Meter hochwindet.

Die 164 Porträts des polnisch-amerikanischen Künstlers Piotr Uklanski von prominenten Schauspielern, die in Filmen Nazis verkörpert haben, sind im Subtext deutlich politisch unterfüttert. Grandios auch die Platzierung in Felsgrotten, die Hinweise darauf geben, dass für den Umbau der alten Gemäuer auch Teile des Berges weggesprengt wurden.

Ähnlich genial wurde eine Gruppe Figurinen von Magdalena Abakanowicz in einer versteckten Felsgrotte platziert. Joanna Rajkowskas Installation „Painkillers“, eine Bombe und diverse Gewehre und Waffen in klinischem Weiß, entpuppen sich als schweres Geschütz gegen die Pharmaindustrie zur Zeit der Sowjetunion, die nämlich gleichzeitig Medikamente und biologische Waffen produzierte.

Für den Umbau der alten Gemäuer wurden auch Teile des Berges weggesprengt. Quelle: Museum Susch Museum Susch Art Stations Foundation CH, Muzeum Sus
Museum Susch

Für den Umbau der alten Gemäuer wurden auch Teile des Berges weggesprengt.

(Foto: Museum Susch Museum Susch Art Stations Foundation CH, Muzeum Sus)

Obwohl zur Premiere polnische Künstlerinnen und Künstler dominieren, versteht sich Grazyna Kulczyk nicht als Botschafterin für die Kunst aus ihrer Heimat. Vielmehr soll das Museum ein Rendezvous der Weltkunst sein. Wie in ihrer Sammlung soll die Mischung westlicher und osteuropäischer Kunst jedoch belegen, dass die polnische Kunst den Wettbewerb mit dem Westen keineswegs zu scheuen hat.

Zwar habe sie ihre Sammlung mit polnischer Kunst begonnen, erzählt Kulczyk („Mit polnischer Kunst bin ich aufgewachsen“). Schon bald jedoch weitete sich ihr Blick, die Sammlung wurde international und konzentrierte sich auf zwei Säulen: Frauenkunst (mit Namen wie Rosemarie Trockel, Jenny Holzer, Valie Export oder Joan Mitchell) und Konzeptkunst (mit Namen wie Donald Judd, Andy Warhol oder Dan Flavin).

Ein Faible für Konzeptkunst

Als Grund für den Schwerpunkt Frauenkunst nennt sie, dass sie auch im Business immer wieder feststellen musste, dass Frauen es schwerer haben als Männer. Ihr Faible für Konzeptkunst entwickelte sich – passend zur Sammlung – erst peu à peu.

Denn, so erklärt sie, eine Sammlung entstehe nicht durch den Kauf von einigen Arbeiten. „Ich habe lange nicht gewagt, mich als Sammlerin zu bezeichnen. Jetzt weiß ich, Sammler wird man nur mit vollem Bewusstsein und profundem Wissen.“ Nur „durch stetiges Lernen“ könne man der Sammlung „ein Profil oder Konzept“ geben.

Wichtigster Punkt für die Unternehmerin: „Das Kunstwerk muss mir im ersten Augenblick, beim ersten Kontakt gefallen und größte Emotionen wecken.“ Als plötzlichen Herzschlag, als „coup de cœur“, beschreibt die 68-Jährige das Gefühl. Freunde berichten denn auch, dass sie Entdeckungen liebt, mit scharfem, geschultem Blick Neues und Hochkarätiges erspäht.

Und wer ist nun diese Frau, die sich in der internationalen Kunstwelt einen Namen gemacht hat, als Polens reichste Frau gilt und im Board der Tate London sowie im Women’s Fund Committee des Museum of Modern Art sitzt? Ursprünglich wollte Kulczyk Richterin werden.

Sie studierte Jura, hatte aber schon als Studentin Kontakt zu Künstlern. Zusammen mit ihrem Ex-Mann verdiente sie zunächst viel Geld mit dem Verkauf von Autos. In den Showrooms präsentierte sie Werke von Kunststudenten, die sie verkaufte, ohne eine Provision zu nehmen.

Nach der Trennung vom Ehemann und der Teilung des Vermögens ging sie eigene sehr erfolgreiche Wege in der Immobilienbranche. Sie erwarb in Posen eine alte Brauerei und verwandelte sie in ein Kulturzentrum mit Ausstellungsräumen, Theateraufführungen und Performanceveranstaltungen. Angeschlossen war ein Einkaufszentrum mit 200 Nobelboutiquen und 15 Restaurants. Diese Mall entwickelte sich zu einer veritablen Goldgrube.

Der Kommerz finanzierte gewissermaßen die Kultur. Diese Kombination geht weiter, Kulczyk ist weiter aktiv als Businessfrau, investiert in Start-ups – speziell von Frauen –, damit sie weiterhin Kunst kaufen und ihr Museumsprojekt in Susch erfolgreich arbeiten kann. Ein großes Nachbargebäude steht auch auf ihrer Einkaufsliste, Kulczyk möchte es in ein Hotel umwandeln. Die nächste Goldgrube kommt bestimmt.

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