Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Hausherr

Seit 2015 leitet Eike Schmidt die Uffizien in Florenz.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/Contrasto/laif für Handelsblatt Magazin)

Museumsdirektor im Interview Uffizien-Chef Eike Schmidt: „Bei der Auslastung sind wir wie eine Airline“

Massenandrang ist für den Direktor der Uffizien nicht länger ein Problem. Eike Schmidt über Algorithmen zur Steuerung der Besucher und landestypische Besonderheiten.
Kommentieren

FlorenzMorgens ist er einer der Ersten, abends der Letzte. Der Direktor der Uffizien liebt seinen Job. Als Eike Schmidt 2015 nach Florenz kam, konnte sich niemand vorstellen, dass dieses wohl beliebteste Museum der Welt noch mehr Besucher verkraften könnte.

Doch der deutsche Kunsthistoriker schaffte das scheinbar Unmögliche und bescherte dem Haus einen neuen Besucherrekord und ein dickes Umsatzplus. Er setzte Social Media ein und ließ neue Säle öffnen. Doch bei allem Management findet er immer noch Zeit, selbst die Werke von Michelangelo, Botticelli, Caravaggio und Co. anzuschauen.

Herr Schmidt, die Uffizien verdanken Ihnen historische Rekorde: 2018 kamen erstmals über vier Millionen Besucher, ein Plus von sechs Prozent. Zufrieden?
Dieses Besucherplus allein sagt zunächst nicht viel aus. Die Zahl könnte ja sogar enttäuschend sein, wenn vergleichbare Häuser ein höheres Wachstum verzeichnet hätten. Wir konnten aber 2018 auch den Umsatz um 62 Prozent steigern – von gut 18 auf 34 Millionen Euro. Das verrät dann schon etwas mehr.

Es ist also nicht nur der allgemeine Museumsboom verantwortlich, sondern auch strategisches Geschick?
Ich führe unsere Erfolge auf zwei Faktoren zurück: Einerseits konnten wir die Besucherströme besser steuern und verteilen zwischen unseren drei Haupteinrichtungen Uffizien, Palazzo Pitti und Boboli-Garten. Andererseits sind wir wohl das erste große Museum weltweit, das in der vergangenen Saison unterschiedliche Preise eingeführt hat zwischen Haupt- und Nebensaison.

Der Eintritt bei Ihnen kostet in der Hauptreisezeit nun deutlich mehr, in den vier stilleren Monaten November bis Februar ist er dagegen günstiger als früher. Das hilft?
Sehr. Gerade das hat uns ein enormes Wachstum gebracht, was auch damit zu tun hat, dass wir in der Nebensaison das kulturelle Zusatzangebot deutlich erhöht haben: Ausstellungen, Konzerte, Vortragsserien. Auch unser großer Renner – Drei-Tages-Karten – entzerrt den Ansturm. Es müssen nicht nur die Uffizien sein.

Zu Botticellis „Geburt der Venus“ wollen doch sicher alle, oder?
Sicher. Aber wenn wir etwa im Palazzo Pitti attraktive Ausstellungen anbieten, lockt das die Gäste eben auch auf unbekannteres Terrain. Wer für drei Museen bezahlt, will auch drei sehen.

Der Korridor über den Ponte Vecchio soll 2021 geöffnet werden. Quelle: Stefano Dal Pozzolo/Contrasto/laif für Handelsblatt Magazin
Der Vasari-Gang

Der Korridor über den Ponte Vecchio soll 2021 geöffnet werden.

(Foto: Stefano Dal Pozzolo/Contrasto/laif für Handelsblatt Magazin)

Beste Verkaufspsychologie …
… die früher hier ins Leere lief. Da gab es zwar auch Kombitickets, aber mit eher abseitigen Zusatzangeboten wie dem Silbermuseum. Das sorgte eher für Frustrationen und Proteste bei den Gästen.

Weltweit erleben fast alle großen Museen steigende Besucherzahlen. Woran liegt das?
Generell erfreut sich die Kunst im Leben der Menschen einer wachsenden Bedeutung. Schauen Sie sich nur den Kunstmarkt an …

… der auch finanzielle Exzesse erlebt …
… aber zugleich auch dem Mittelbau des Kunstbetriebs großes Wachstum beschert. Das ist erst mal positiv. Dazu kommt die wachsende Mobilität der Leute: Sie können viel eher reisen als früher, auch mit dem Flugzeug – und tun das auch. Gerade die Museen sind dann beliebte Anlaufstellen in den Metropolen.

Als Herzkammern des gesellschaftlich-kulturellen Lebens der Jetztzeit?
So kann man das sehen, ja.

Die Büros der Medici

Tauschen Sie sich mit anderen Museumschefs aus – etwa von Louvre, Londoner Tate New Modern oder Met in New York?
Regelmäßig, auch wenn wir in Florenz zwei Besonderheiten aufweisen: Die Uffizien waren ja nie als Museum konzipiert, sondern fungierten als Büros der Medici. Und die meisten vergleichbaren Museen liegen mitten in Riesenstädten. Dort ist der Druck nicht ganz so gewaltig, weil es ja auch eine Menge anderer Angebote gibt. Uns alle einen aber bestimmte Herausforderungen.

Welche ganz konkret?
Die Digitalisierung ist für uns alle sehr wichtig. Wir hier experimentieren zum Beispiel mit Augmented Reality. Im Palazzo Pitti hängen ja sehr viele Bilder über- und nebeneinander. Mit analoger Beschriftung kommen Sie da nicht mehr weit. Das lässt sich technisch heute viel eleganter zugänglich machen.

Sind Social Media für traditionelle Häuser wie Ihres auch wichtig?
Als ich hier anfing, hatten die Uffizien noch nicht einmal eine Website. Parallel dazu fingen wir mit Twitter und Instagram an. Über beide Kanäle können wir nicht nur unser Publikum schnell informieren. Selbst Kunstvermittlung ist darüber möglich. Allein bei Instagram haben wir mittlerweile 260.000 Follower. Auch dort wachsen wir erfreulich stark.

Sind hohe Besucherzahlen nur Segen oder auch Fluch?
Sie können zum Fluch werden; deshalb muss man sie auch steuern und kanalisieren. Die Universität von L’Aquila hat uns dazu einen eigenen Algorithmus entwickelt und ein System, das die früheren Kassenschlangen weitgehend auf null reduziert, selbst an Sonntagen, an denen wir freien Eintritt gewähren.

Da kommen doch besonders viele, oder?
Und bei uns erhalten sie nun ein Voucher, auf dem die genaue Uhrzeit ihres Eintritts vermerkt ist. Sie können also vorher einen Kaffee trinken oder die Stadt erkunden und dann pünktlich und ohne große Warterei ins Museum. Wer’s wirklich eilig hat, fährt übrigens mit dem ebenfalls neuen Jahresticket am besten. Damit kann man alle Schlangen überspringen. Mit all solchen Maßnahmen schaffen wir es, unsere Kapazitäten zu 99,9 Prozent auszulasten. Da funktionieren wir wie eine Airline, auch wenn wir uns kein Overbooking erlauben können.

Wieso nicht? Das fällt doch bei einem Museum nicht so drastisch auf wie bei einer Fluggesellschaft, wo jemand mit Ticket plötzlich keinen Platz mehr hat.
Bei uns kann das Überbuchen aber zu einer wahren Kettenreaktion führen: Eine Besucherwelle, die wir morgens um acht lostreten, wälzt sich ja nur allmählich durch die Uffizien und hat letztlich auch noch Auswirkungen auf jene Gäste, die erst um 16 Uhr ankommen.

In 25 Minuten durch

Wie lange bleiben die Uffizien-Besucher im Schnitt?
Zwischen zweieinhalb und drei Stunden. Ein international sehr guter Wert, über den ich mich außerordentlich freue. Es geht uns ja nicht darum, den Gewinn zu maximieren. Die Menschen sollen kulturell möglichst viel mitnehmen.
Gibt es nationale Unterschiede beim Tempo?
Nein, allenfalls wenn man auf einzelne Sektoren schaut. Die Japaner zum Beispiel verbringen sehr viel Zeit mit Botticelli und der Frührenaissance. Amerikaner, Russen, aber auch Europäer sind dafür länger bei Caravaggio und der Mittel- bis Spätrenaissance. Für die Verweildauer ist außerdem wichtig, ob man in Großgruppen unterwegs ist oder nicht.

Kleine Familien haben mehr Zeit?
Einzelpersonen sind manchmal den ganzen Tag über hier, während zum Beispiel Großgruppen von Kreuzfahrtschiffen meist erst am späten Vormittag in Florenz eintreffen und dann alle klassischen Sehenswürdigkeiten in kürzester Zeit abklappern wollen – oder müssen.

Wie lange sind die dann bei Ihnen im Haus?
Die schnellste Gruppe, die wir bislang gemessen haben, war in 25 Minuten durch – wobei sie sich den Großteil der knappen Zeit auch noch im Toilettenbereich aufhielt. Das gibt’s auch. Weil große Gruppen auch stören können, haben wir mittlerweile einen Zuschlag von 70 Euro ab 15 Personen eingeführt. Es geht uns auch da nicht ums Geld, sondern darum, einen finanziellen Anreiz zu schaffen, dass sich Großgruppen lieber in zwei, drei kleinere aufspalten.

Welche Nationen sind in den Uffizien besonders stark vertreten?
Unter den Nicht-Italienern führen bislang die Amerikaner vor den üblichen europäischen Kulturnationen. Aber es könnte sein, dass die Chinesen auch hier schon im Laufe dieses Jahres an allen vorbeiziehen.

Müssen Sie dann auch Führungen auf Mandarin anbieten?
Das ist gar nicht nötig, weil die Chinesen eigene Führer immer dabeihaben. Im Stadtbild wie in den Museen sind sie übrigens eher unsichtbar, weil sie selbst als Großgruppe immer zusammenbleiben. Für die Chinesen ist aber auch ein großes Shopping-Outlet in der Nähe von Florenz sehr wichtig. Wir sind da eher das kulturelle Beiprogramm.

Spielt das Wetter auch eine Rolle bei Ihrer Besuchslogistik?
Oh ja. Bei Regen kommen übrigens nicht weniger Besucher – außer im Boboli-Garten natürlich. In den Uffizien bleiben sie aber rund 30 Minuten länger.

Gefährliche Selfie-Sticks

Und bei Hitze?
Sogar 40 Minuten länger. Weil wir mittlerweile voll klimatisiert sind, bieten wir wohl eine angenehme Atmosphäre.

Sind bei schlechter Witterung denn nicht auch die nassen Klamotten ein Problem?
Viel weniger als das Ausatmen der Besucher. Das Schwanken der Luftfeuchtigkeit ist Gift. Unsere wichtigsten Werke, vor allem die auf Holz gemalten, sind mittlerweile alle in Glasvitrinen, die zugleich als Klimabarrieren fungieren.
Und der grassierende Selfie-Wahn allerorten?
Ist auch von uns nicht aufzuhalten. Wenn unser Aufsichtspersonal hinter jedem Selfie herrennen müsste, wäre für andere, wichtige Aufgaben gar keine Zeit mehr. Nur Blitzlicht müssen wir verbieten. Und Stative oder Selfie-Sticks, die für andere Besucher fast noch gefährlicher sind als für die Kunstwerke.

Hohe Besucherzahlen können zum Fluch werden. Eike Schmidt, Museumsdirektor

Wie viel Prozent Ihres gesamten Kunstschatzes dämmert im Fundus?
Ausgestellt haben wir in den Uffizien rund 3.000 Objekte, im Palazzo Pitti sind es 30.000. Es kommt da eher auf die Kunstgattung an. Zum Beispiel hüten wir 180.000 Zeichnungen und Druckgrafiken. Da können wir nur einen winzigen Teil zeigen. Und selbst die wichtigsten Exponate stellen wir nur alle paar Jahre mal kurz aus. Auch weil sie sehr lichtempfindlich sind. Und vieles, was wir hier nicht zeigen, ist als Leihgabe andernorts zu sehen – oder hängt auch mal in römischen Ministerien, Gerichten oder italienischen Botschaften.

Mit welchem Wert steht zum Beispiel „Die Geburt der Venus“ in Ihren Büchern? Was sind all die Schätze insgesamt wert?
Es hätte gar keinen Sinn, unsere Sammlung jemals zu versichern. Ich ahne, dass es dazu allein bei unserer Sammlung das komplette Bruttosozialprodukt Italiens bräuchte. Und wenn wir mal ein Werk ausleihen, kommunizieren wir die Versicherungswerte nicht, die wir dann aufrufen. Es gibt aber eine Liste von Werken, die niemals reisen dürfen.

Dantes Totenmaske

Trotz Ihrer riesigen Schätze setzen Sie auch auf Ausstellungen zeitgenössischer Künstler. Warum?
Wir müssen gerade unsere klassischen Schätze auch für neue Generationen relevant halten – und das zudem für immer mehr Menschen aus anderen Kulturkreisen. Da kann die zeitgenössische Kunst nur helfen.

Inwieweit hatte es Folgen für Ihre Museen, dass Florenz auch noch die Bühne für Dan Browns Weltbestseller „Inferno“ bildete?
Zum Buchstart fiel uns das kaum auf. Aber als auch noch der Film mit Tom Hanks in die Kinos kam, haben wir das schnell gemerkt. Monatelang wurde bei uns nach Dantes Totenmaske gefragt. Das hat sich dann aber auch schnell wieder gelegt. Führungen durch Dan Browns eher fiktives Florenz haben wir freiberuflichen Anbietern überlassen.

Sie waren der erste Deutsche in einem so wichtigen italienischen Museum. Verzweifelt man da nicht bisweilen an Vetternwirtschaft, Bürokratie oder sonstigen landestypischen Besonderheiten?
Jeden Tag! Hahaha! Ich habe fast jeden Tag so einen Moment. Aber im Ernst: Es schafft auch besondere Glücksgefühle, wenn man Hürden überwindet, die davor für unüberwindbar gehalten wurden. Uns hat als Team hier geholfen, dass wir schnell Erfolge vorweisen konnten. Es gibt nicht nur eine Trägheit des Stillstands, sondern auch der Bewegung. Wenn Dinge erst mal ins Rollen geraten, dann verändert sich auch langfristig etwas. Das sehen Sie schon am Vasari-Gang …

… dem rund 800 Meter langen Geheimgang der Medici vom Palazzo Vecchio zum Palazzo Pitti, den Sie für eine Viertelmillion Besucher jährlich neu öffnen wollen.
Spätestens Anfang 2021 wird es so weit sein. Die Finanzierung des Umbaus ist gesichert. Das ist jetzt ein Selbstläufer.

Internationale Kunstwelt

2021 werden Sie nicht mehr hier sein. Die neue Rechts-Regierung in Rom schickt sich gerade an, ausländische Museumschefs auszutauschen. Wenn Sie nicht ohnehin bald als Chef des Kunsthistorischen Museums nach Wien wechseln würden – hätten Sie noch eine Chance auf eine zweite Amtszeit hier in Florenz?
Das kann man bis heute nicht sagen. Da wage ich auch für die Kollegen keine Prognose.

Sind Sie froh, dass Sie schon einen anderen Job in Aussicht hatten, als es hier politisch schwierig zu werden begann?
Es dauerte ja etliche Monate, bis die Regierung überhaupt mal stand. Da wir eine Teilautonomie haben, konnten wir auch in dieser schwierigen Zeit des Übergangs kraftvoll vorangehen. Die Kunstwelt ist längst so international geprägt, dass es schwer für mich ist, mir vorzustellen, dass das ausgerechnet in Italien wieder zurückgedreht werden soll.

Wann ist eigentlich Ihr letzter Tag hier?
Im Moment habe ich keine konkreten Informationen, es sollte der 31. Oktober sein.

Herr Schmidt, vielen Dank für das Interview.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Museumsdirektor im Interview - Uffizien-Chef Eike Schmidt: „Bei der Auslastung sind wir wie eine Airline“

0 Kommentare zu "Museumsdirektor im Interview: Uffizien-Chef Eike Schmidt: „Bei der Auslastung sind wir wie eine Airline“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.