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MuseumspolitikWiedereröffnung in Berlin: Die Neue Nationalgalerie gibt sich etwas zu politisch korrekt

Die zentrale Ausstellung zur Eröffnung der Neuen Nationalgalerie zieht viele politisch-historische Verbindungslinien. Die ästhetische Einordnung hat weniger Gewicht.Christian Herchenröder 19.08.2021 - 17:15 Uhr Artikel anhören

Das 1928 entstandene Bild "Bogenschützen" wurde mit Mitteln der Ernst von Siemens Kunststiftung bei der Galerie Brockstedt erworben.

Foto: Sebastian Schobbert

Berlin. Es ist ein Plädoyer für die Geschichte des Hauses, aber auch der Anspruch eines Neubeginns. Die in sechs Jahren komplett sanierte Neue Nationalgalerie knüpft mit ihrer Wiedereröffnung an Traditionen des Mies van der Rohe-Baus an. In der lichtdurchfluteten, von Glas, Stein und Holz dominierten Halle sind winzige und raumgreifende Skulpturen von Alexander Calder ausgestellt, dessen Außenskulptur „Têtes et Queue“ seit der Eröffnung 1968 die Außenterrasse schmückte.

Im Untergeschoss läuft eine Sonderschau zum Architekten und zur Historie des Hauses. Die in Berlin lebenden Konzeptkünstlerin Rosa Barba zeigt in einer Konstruktion aus geometrisch strengen Stahlträgern 15 filmische und skulpturale Arbeiten, von denen das jüngste, von musikalischem Rhythmus gegliederte Werk die Raumwirkungen des Museums und anderer Berliner Gebäude ausschöpft.

Man sollte sich schon die Frage stellen, warum dieses Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts mit einer Schau wiedereröffnet wird, die in den Hamburger Bahnhof gehört. Hier sollte der Bogen zu parallel laufenden Ausstellungen in Berliner Privatgalerien gespannt werden, die sich mit Blick auf die Wiedereröffnung des Museums dem breit ausgeschöpften Thema „Mies in Mind“ widmen.

Der eigentliche Kern der Wiedereröffnung ist die Sammlungs-Präsentation in der offenen Raumfolge im Untergeschoss. Mit dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft 1900 - 1945“ fügt sie die Kunst in einen sozio-politischen Rahmen, der sich nicht nur auf Meisterwerke stützt, sondern auch mit lange nicht gezeigten Werken aus dem Depot und mit einer Batterie von Leihgaben aufwartet.

In den meist präzise formulierten Begleittexten ist der Zwang zur politischen Korrektheit zu spüren. Sie erhält streckenweise ein fast noch stärkeres Gewicht als die ästhetische Verortung.

Da wird in der Abteilung, in der Werke des Expressionismus dicht an dicht hängen, die Verbindung des Brücke-Stils zur deutschen Kolonialgeschichte gezogen, weil diese Kunst Exponate aus den Völkerkundemuseen für sich entdeckte.

Noldes Porträtstudien von der Südseereise werden in den Dunstkreis der „Rassenkunde“ gestellt. Es gibt eine Schautafel mit Landkarte zum Zweiten Weltkrieg. Die Einflüsse des Kommunismus auf die Bildende Kunst wird stärker als je zuvor in diesem Kontext herausgearbeitet und der Rundgang, der mit Ferdinand Hodlers Hauptwerk „Jüngling vom Weibe bewundert II“ und Georg Kolbes lebensgroßer „Tänzerin“ beginnt, endet mit der düsteren Abteilung „Krieg und Vernichtung“.

Hier ist das zentrale Werk Horst Stempels „Nacht über Deutschland“, das in Form eines Flügelaltars nach dem Vorbild von Otto Dix Leidfiguren eines Vernichtungslagers zeigt. Das vierteilige Werk kommt aus den Beständen der Ost-Berliner Nationalgalerie, aus denen hier viele lange nicht ausgestellte Werke wieder ans Licht gehoben werden. So zum Beispiel Gemälde von Kurt Querner, Hans Grundig, Kurt Günther und Georg Muche.

Es gibt eine Sektion mit Werken aus dem Wirkungskreis von Herwarth Waldens „Sturm”-Galerie, in der Leihgaben von Auguste Herbin, Wassily Kandinsky, Franz Marc erscheinen. In dem Kapitel „Traum und Zerstörung“ fehlen die Ikonen der Nationalgalerie, die „Skatspieler“ von Otto Dix und die „Stützen der Gesellschaft“ von George Grosz nicht.

Nach jahrelanger Sanierung ist das Museum in der Nähe des Potsdamer Platzes wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Neue Nationalgalerie hat seit ihrer Eröffnung 1968 Maßstäbe in der Architektur und der Kunstwelt gesetzt.

Max Beckmann ist Hauptfigur der Abteilung „Exil“, in der Ernesto de Fioris bewegende Bronze „fliehender“ den plastischen Kontrapunkt setzt. Porträts beherrschen die Passage von Werken der Neuen Sachlichkeit.

Der starke Akzent auf der deutschen Kunst, der im Rundgang gepflegt wird, hat im Skulpturengarten mit Plastiken von Henry Moore, George Rickey, Eduardo Chillida, Robert Indiana ein Kontrastprogramm. Skulptural präsentiert sich auch die künstlerische Umgestaltung des Cafés durch den kubanisch-amerikanischen Design-Künstler Jorge Pardo mit ornamentalen Wandpaneelen und reichlich vielen Raum beherrschenden Lichtskulpturen in maurischer Ornamentik.

Ganz im Dienst der Zweckmäßigkeit steht die neue Garderobe, die in die Räume des einstigen Depots eingebaut wurde und die einzig sichtbare Veränderung in dem aus der Geschichte in die Zukunft getretenen Bau darstellen.

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Die Ausstellung „Alexander Calder“ läuft bis 13. Februar 2022. „Rosa Barba“ bis 16. Januar 2022. „Die Kunst der Gesellschaft 1900 - 1945“ bis 2. Juli 2023.

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