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Musikpsychologe im Interview „Schlager ist der Wunsch nach heiler Welt“

Der Mann ist der Bösewicht, die Liebe das größte Ziel und zuckrig süße Worte das Allheilmittel nicht nur für Enttäuschte: Der Schlager wird salonfähig. Ein Gespräch über die Authentizität des Genres und die Kritik daran.
Update: 05.02.2013 - 16:12 Uhr 4 Kommentare
Erfolgreicher denn je: der deutsche Schlage mit seiner Vorzeige-Sängerin Helene Fischer. Quelle: dpa

Erfolgreicher denn je: der deutsche Schlage mit seiner Vorzeige-Sängerin Helene Fischer.

(Foto: dpa)

Handelsblatt Online: Haben Sie eine Andrea Berg-CD im Regal?

Andreas C. Lehmann: Nein. Aber ich habe auch keine Techno- oder Hiphop-CD zu Hause.

Täuscht der Eindruck, dass der volkstümliche Schlager à la Heino, Fischer und Berg auch bei den ab 30-Jährigen mit intellektuellem Hintergrund salonfähig wird?

Dieser Eindruck täuscht sicher nicht. Der Charme liegt darin, dass die Lieder die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit bedienen. Es sind einfache Geschichten, in denen sich jeder wiederfinden kann. Sie vermitteln das Gefühl: Du bist nicht allein.

Ist diese „heile Welt“ besonders gefragt in sozial und wirtschaftlich unsicheren Zeiten, in denen sich die Menschen nach Konstanten sehnen?

So hat eine Kollegin, die Musikpädagogin Mechthild von Schoenebeck, das schon in den 90ern formuliert. Das ist zwar ein wenig durch die Alt-68er-Brille betrachtet, aber sicher Teil der Erklärung.

Der volkstümliche Schlager ist dadurch geprägt von Stereotypen. In kaum einem anderen Genre wird so viel verletzt, vergeben und verziehen…

Ja, es ist ein wiederkehrendes Schema: Die Männer sind die Bösewichte, die Frau findet sich in der selbst gewählten Opferrolle wieder, die den Mann einfach weiterlieben muss. Das ist erst mal sehr schlicht. Es ist eine Musik des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Mangelt es dem volkstümlichen Schlager mit diesem Thema einer Art idealisierten Liebe damit nicht an Authentizität? Oder nehmen Sie etwa Andrea Berg ab, dass sie bei einem Mann bleiben würde, der sie „1000 Mal belogen“ hat, wie sie singt?

Andrea Berg ist vermutlich keine Frau, die sich das gefallen lassen würde. Aber sie singt das für die Frauen, die sich das gefallen lassen beziehungsweise gefallen lassen müssen. Authentisch wird sie dadurch, dass sie ihr Publikum ernst nimmt und mit ihm interagiert. Und sich nicht auf die Bühne stellt mit dem Gedanken „Bezahlt haben die eh alle hier und das kann mir jetzt egal sein“. Einen solchen Mangel an Authentizität bestraft das Publikum.

„Der Backpacker würde die spanische Andrea Berg hören"

Andreas C. Lehmann. Quelle: PR

Andreas C. Lehmann.

(Foto: PR)

Fehlt dem Genre die Ironie eines Guildo Horn oder einer Lady Gaga mit ihrer Überspitzung im Pop?

Die Frage ist: Glaubt der Rezipient, was er da hört? Ich denke, der Großteil der Hörer weiß, dass es diese „heile Welt“ nicht gibt und auch nie gegeben hat.

Der volkstümliche Schlager tut niemandem weh: Er ist unpolitisch, niemals provokant und musikalisch wie inhaltlich nicht überraschend…

Dass er so wenig engagiert ist, ist der größte Vorwurf, den man ihm machen kann. Dass er einfach nur zum Ziel hat, zu unterhalten, dass er eskapistisch ist und Klischees provoziert. Dass er nicht mehr will als das.

Und handwerklich?

Handwerklich sieht es zuerst auch nach Schema F aus, aber nur auf den ersten Blick. Außerdem trifft das ja auch auf viele andere Genres zu. Das sind alles sehr gut ausgebildete Musiker, Hochprofis. Wenn man sich zum Beispiel Helene Fischer anhört: Sie singt klasse.

Trotzdem sind Heino, Andrea Berg und Co. als Soundtrack des Lebens für den Backpacker schwerer vorstellbar als für den Reihenhausbesitzer…

Den Reihenhausbesitzer gibt es sicher auch. Aber nehmen wir den Backpacker, der im südlichsten Spanien unterwegs ist und auf einem Dorfplatz ankommt, auf dem die Einheimischen spanische Lieder singen. Singt er mit? Tanzt er mit? Findet er das gut? Ich glaube ja. Weil er sich da nicht fragen wird: „Entspricht das jetzt hier dem, was ich zu Hause ablehne?“. Die spanische Andrea Berg würde er hören.

Wer also das Genre belächelt, tut das aus einer verkopften, elitär-arroganten Haltung heraus?

Es ist ja grundsätzlich ein Problem der Hochkultur, eine „Vermassung“ nach Adorno abzulehnen, also alles was Massenkultur, was populär ist.

Also könnten Sie sich doch vorstellen, Andrea Berg zu hören?

Sicher. Im Auto gerne. Einige Kilometer lang – so 150 – bestimmt.

Andreas C. Lehmann ist Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Würzburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Seine Lieblingsmusik kommt von Sting und Johann Sebastian Bach (Werke für Klavier). Außerdem hört er gern Musik der Genres Dixieland und Swingjazz.

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4 Kommentare zu "Musikpsychologe im Interview: „Schlager ist der Wunsch nach heiler Welt“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die stereotype Choreographie von Andrea Berg, Mikro von rechts nach links, Sternenhand gen Himmel, nackte Beine sollen wohl von der Qualität der sonstigen Darbietung ablenken...
    Mähne schütteln...Lolitablick...
    Enttäuschung, Schmerz, Beziehungskisten, ausgelutschte Themen...
    Outfit aus dem Katalog "Wie verführe ich meinen Mann"...
    Wer kann sich damit identifizieren?
    Die Masse bestimmt den Geschmack. Traurig.

    H. S.

  • Es gibt keine gute und schlechte Musik, es gibt nur guten und schlechten Geschmack,gute und schlechte Menschen, gute und schlechte Autos, gute und schlechte Zeitungen sicherlich auch, gutes und schlechtes Essen natürlich, und so weiter...

  • "Täuscht der Eindruck, dass der volkstümliche Schlager à la Heino und Andrea Berg auch bei den ab 30-Jährigen mit intellektuellem Hintergrund salonfähig wird?

    Dieser Eindruck täuscht sicher nicht."
    ----------------------------
    WIE BITTE!? Von diesem inhaltlich, insbesondere aber musikalisch seichten "Herzilein, Schmerzilein" bekommt man ja Migräne! Ich pflege einen weitgespannten Musikgeschmack von Klassikern wie Grieg und Sibelius über Heavy Metal Balladen à la "Nightwish" (die frühere Lead Sängerin Tarja singt Heino locker "an die Wand".) sowie klassischer, japanischer Musik (Shakuhachi z.B. Traumhaft!) bis hin zur Synthesizer-Musik von Jean Michel Jarre, also alles ziemlich komplexe Musik. Heino und Konsorten gehören dazu definitiv nicht, und das, obwohl ich schon deutlich über 50 bin!

  • was für ein bla bla, ...in Wahrheit ist es nun mal so dass der Deutsche ein Faible für minderwertige Musik hat, und das bedient sich genauso im Metal im Hip Hop wie in Soul und Electro; einzig im Topf des Schlagers lassen sich am einfachsten, da am weitesten verbreitet Treffer für billige Musik finden. Das ist die Wahrheit und die ist nunmal nicht schön

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