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Nach dem Dresdener Raub Die Bedrohungslage von Schatzkammern hat sich deutlich verschärft

Historisches Gold und Juwelen sind nicht mehr sicher. Der Dresdener Raub und der versuchte Diebstahl des Goldmünzschatzes in Trier weisen verdächtig gleiche Muster auf.
07.12.2019 - 09:03 Uhr Kommentieren
Nicht nur pittoresk, sondern äußerst schlagkräftig beschützen sie die Kronjuwelen. Quelle: ddp/intertopics/eyevine/Andrew Parsons / i-Images
Die „Beefeater“ des Towers

Nicht nur pittoresk, sondern äußerst schlagkräftig beschützen sie die Kronjuwelen.

(Foto: ddp/intertopics/eyevine/Andrew Parsons / i-Images )

Düsseldorf Fassungslos – noch Tage nach dem dreist spektakulären Juwelenraub in Dresden darf die Gemütslage der Nation wohl mit diesem Wort beschrieben werden.

Da wurde die Fassungslosigkeit an einem ganz anderen Tatort zu Wochenbeginn kaum registriert. Sichtlich erschüttert stand der rheinland-pfälzische Kulturminister Konrad Wolf vor der bei einem Einbruch zerstörten Ausstellungsvitrine des Trierer Goldschatzes – mit seinen über 2.600 Münzen der größte jemals an einem Ort gefundene Goldmünzschatz aus römischer Kaiserzeit.

„Wie alle, denen wir den zersplitterten Glaskubus zeigen, konnte auch er kaum glauben, was er sah“, schildert Marcus Reuter, Direktor im Rheinischen Landesmuseum Trier, den Ministerbesuch.

Erst vor wenigen Wochen, Anfang Oktober, waren mit Sturmmasken vermummte Einbrecher in das Landesmuseum eingestiegen und hatten mit Vorschlaghämmern die Ausstellungsvitrine des Schatzes bearbeitet.

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    Damals aber war das Glück auf Seiten der Museumsbesucher gewesen: In nur vier Minuten erschien die Polizei am Tatort; die Vitrine war bis dahin zwar gesplittert, hielt aber stand. Unverrichteter Dinge flüchteten die Täter.

    Die Handschrift der Täter

    Nur sieben Wochen – größer ist der zeitliche Abstand nicht zwischen den Einbrüchen in Trier und Dresden. Bei beiden ist die Handschrift der Täter erstaunlich vergleichbar: nächtlicher Einstieg über ein Fenster, brachiale Gewalt ohne Respekt vor den unschätzbare wertvollen Exponaten, rechtzeitiges Verschwinden vor dem Zugriff der Polizei. Über einen Lerneffekt darf durchaus spekuliert werden: Schlugen die Täter in Trier noch mit schweren, aber stumpfen Vorschlaghämmern auf die Vitrine ein, waren es in Dresden schon scharfe Äxte.

    Bislang gibt es nur Vermutungen. Es könnte sich durchaus um die gleichen Täter oder um Einbrecher aus dem gleichen Clan-Milieu handeln. Überlegungen dieser Art sind beileibe nicht aus der Luft gegriffen. Die Trierer Polizei nahm Kontakt zu ihren Kollegen in Dresden auf. „Wir wollen ermitteln, ob es über die äußeren Ähnlichkeiten hinaus auch inhaltliche Parallelen gibt“, sagt Christian Soulier, Chefermittler bei der Trierer Polizei.

    Gab es einen Lerneffekt? Stumpfe Hämmer in Trier, dann scharfe Äxte beim Einbruch in Dresden. Quelle: Getty Images; Per-Anders Pettersson
    Alarmierte Ermittler

    Gab es einen Lerneffekt? Stumpfe Hämmer in Trier, dann scharfe Äxte beim Einbruch in Dresden.

    (Foto: Getty Images; Per-Anders Pettersson)

    Museumsdirektor Reuter findet offene Worte angesichts der beiden Einbrüche: „Wir haben es eindeutig mit einer neuen Form von Kriminalität zu tun, äußerst brutal und zielgerichtet.“ Und er warnt: „Die Bedrohungslage von Museen hat sich deutlich verschärft, vor allem dort, wo Exponate mit hohem materiellem Wert gestohlen werden können.“ Denn der historische Wert zählt in krimineller Hinsicht allem Anschein nach nicht mehr. Die Einzigartigkeit des Raubguts ist dem neuen Tätertyp im Gegensatz zum Kunsträuber früherer Zeiten gleichgültig.

    Umso glücklicher darf man sich in Trier schätzen: Im Jahr 2013 hatte das dortige Landeskriminalamt auf Anfrage dazu geraten, die 20 Jahre alte Vitrine des Goldschatzes durch eine weitere Panzerglasscheibe zu schützen. Der verhinderte Diebstahl belegt die erforderliche Maßnahme. Dennoch: Hätten die Einbrecher nur wenige Minuten mehr Zeit gehabt, wäre das Glas zerborsten.

    Wohl auch aus diesem Grund fordert Reuter, dass in Sachen Sicherheit in den deutschen Museen dringend nachgerüstet werden muss. Das aber wird kosten. „50.000 bis 60.000 Euro sind schon fällig für eine Hochsicherheitsvitrine“, rechnet er vor. Es sei daher sinnvoll, sich zunächst auf den Schutz von Exponaten mit hohem materiellem Wert zu konzentrieren.

    Naives Sicherheitskonzept

    Dass dringender Handlungsbedarf besteht, bestätigen auch andere Experten. Eine veraltete Technik und das „naive“ Sicherheitskonzept für das Grüne Gewölbe kritisierte etwa Daniel Zerbin, Professor für Kriminalwissenschaften in Hamburg. Ebenfalls betonte der Bundesverband für Sicherheitstechnik (BHE), dass die nach dem Einbruch in Dresden kursierenden Videobilder keinesfalls dem neuesten Stand der Technik entsprächen. Denn: „Videosicherheitssysteme bieten heutzutage eine gute Bildauflösung und sind in der Lage, selbst mit wenig Licht oder diskretem Infrarotlicht auch nachts Bilder in guter Qualität zu erzeugen.“

    Der Dresdener Juwelendiebstahl wirft Fragen auf, deren Klärung für viele Museen in Deutschland von hoher Wichtigkeit ist. Landauf, landab stellen sich Museumsdirektoren die Frage, ob sie ihre Exponate vor dem neuen Tätertyp schützen können. Dafür gilt es zu klären: Was lief beim Sicherheitskonzept des Grünen Gewölbes falsch?

    Ein Kenner der Museumsbranche, der selbst in mehreren Objekten in leitender Position tätig war, gibt Einblicke. Scharf kritisiert er das Dresdener Sicherheitskonzept, will aber nicht namentlich mit dem Fall in Verbindung gebracht werden. Die seiner Meinung nach in Dresden zu klärenden Ungereimtheiten sind dennoch höchst spannend.

    Schleppende Reaktion

    Dazu zählt etwa die Frage: Warum sprang der Bewegungsmelder erst im Museum an? Das sei eindeutig sehr spät. Oder: „Wie war das ominöse Fenster gesichert? Wie konnte es unbemerkt demontiert werden?“ Und warum seien die Eindringlinge nicht schon gesichtet worden, als sie sich dem Grünen Gewölbe von außen näherten? Wäre dann schon Alarm ausgelöst worden, hätte man viel schneller reagieren können.

    Hinterfragt werden darf seiner Ansicht nach auch die schleppende Reaktion des Wachdienstes: „Die Polizei wurde um 4.59 Uhr angerufen. Das veröffentlichte Video mit dem Aufbruch der Vitrine läuft aber ab 4.57 Uhr.“ Spätestens dann habe den Wachleuten klar sein müssen, dass Einbrecher im Haus waren. „Warum ist erst nach zwei Minuten angerufen worden?“, fragt er. Sogar das Vorgehen der Polizei leuchtet ihm nicht ganz ein. „War es sinnvoll, 16 Streifenwagen zum Museum zu schicken, statt sofort die strategischen Ausfallrouten zu kontrollieren oder abzuriegeln?“ Und schließlich erwähnt er noch das „offensichtlichste Problem“: die unzureichende Besetzung des Wachdienstes. „Wie sinnvoll ist es, wenn in einem so riesigen Komplex der Wachdienst nur mit zwei Männern besetzt ist?“

    Auch dieses Scmuckstück wurde in Dresden gestohlen. Quelle: Grünes Gewölbe, Staatl. Kunstsammlungen Dresden, Foto: Karpinski
    Große Brustschleife der Königin Amalie Auguste

    Auch dieses Scmuckstück wurde in Dresden gestohlen.

    (Foto: Grünes Gewölbe, Staatl. Kunstsammlungen Dresden, Foto: Karpinski)

    Zu genau dieser Schwachstelle äußerte sich ebenfalls Kriminalist Zerbin sehr kritisch. Nicht zuletzt ergebe sich das Problem mit Sicherheitsdiensten daraus, dass diese Wachleute in Museen oft als Mitarbeiter zweiter Klasse angesehen würden – sie seien schlecht bezahlt, und es gebe häufig eine hohe Personalfluktuation. Er vermutet, dass die Wachleute im Dresdener Fall überfordert oder in ihrem Handeln eingeschränkt gewesen seien.

    Zudem verdeutlicht er die durchaus sonderbar anmutende Situation: Während Geldtransporter mit Schusswaffen abgesichert würden, sollten Wachleute in Museen ohne diese auskommen. Ihnen fehle zudem häufig eine entsprechende Ausbildung.

    Mit seiner Kritik vertritt Zerbin keine Einzelmeinung. Darauf, dass Sicherheitsszenarien – Handlungsoptionen für das Wachpersonal im Ernstfall – regelmäßig zu trainieren sind, weist die Kriminalpolizei immer wieder hin. Wie aber lässt sich das durchführen bei Dienstleistern, deren Personal oft regelmäßig wechselt? Es ist kaum verwunderlich, wenn sich so Nachlässigkeiten einschleifen.

    Problem Insiderwissen

    Noch weitaus schlimmer: Eine hohe Fluktuation und schlechte Bezahlung begünstigen zumindest theoretisch das Einschleusen von Innentätern, die Insiderwissen an die Täter weiterreichen. Woher das vermutete Insiderwissen der Einbrecher in Dresden kam, ist jedoch ungeklärt. Alle erwogenen Szenarien dazu sind noch spekulativ. Marion Ackermann, Generaldirektorin der Kunstsammlung Dresden, räumte in einem Interview mit dem Mitteldeutschen Rundfunk ein, dass die Täter mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über Insiderwissen verfügt hätten. Obwohl sie diese Vorstellung „ganz fürchterlich“ finde. Klar sei: „Informationen müssen vorgelegen haben.“

    War der versuchte Raub des Goldschatzes in Trier noch kein Weckruf in der Museumsbranche – der Juwelenraub in Dresden war es allemal.

    Der Fall schreckt auf

    Seitdem können sich die Anbieter von zertifiziertem Hochsicherheitsglas für Vitrinen kaum noch vor Anfragen retten. Dies bestätigt etwa Silatec-Chef Christoph Hahn. Gefragt sind auch Spezialisten der jeweiligen Landeskriminalämter, die bei Bedarf Sicherheitskonzepte in den öffentlichen Museen überprüfen. So wurde die Domschatzkammer zu Aachen nach einem Bericht des Westdeutschen Rundfunks gerade erst auf ihre Sicherheit hin überprüft – und für gut befunden.

    Die Domschätze werden anders als in Dresden nicht in einem historischen Gebäude ausgestellt, sondern in einem Neubau von 1995. Die Außenwände seien rund einen Meter dick – ganz im Sinne der Sicherheit. Doch ein Fall wie Dresden, „das schreckt auf!“, sagt Museumsleiterin Brigitta Falk. Weltweit habe es aber schon ähnliche Fälle gegeben.

    Zur Wachmannschaft gehören ganz offiziell auch sechs abgerichtete und gut gefütterte Raben - selbstverständlich nebst Rabenmeister. Quelle: UIG / FOTOFINDER.COM
    Tower von London

    Zur Wachmannschaft gehören ganz offiziell auch sechs abgerichtete und gut gefütterte Raben - selbstverständlich nebst Rabenmeister.

    (Foto: UIG / FOTOFINDER.COM)

    Rund um den Globus liegen in Museen wie in Dresden wertvolle Schmuckstücke. Die wohl berühmtesten sind die britischen Kronjuwelen. Seit 1303 werden die Schmuckstücke und Insignien royaler Macht neben der Waffensammlung im Tower verwahrt. Sie sind öffentlich zugänglich und zählen zu Londons größten Touristenattraktionen. In der trutzigen Festung mit ihrem wuchtigen Mauerwerk nebst Zugbrücke werden sie von den Yeoman Warders bewacht. Populärer ist ihr Nickname Beefeater.

    Doch wer nun denkt, die altertümlich gekleideten Beefeater seien eher buntes Beiwerk, lässt sich täuschen. Die 37-köpfige Polizei- und Ordnungstruppe ist äußerst schlagkräftig, besteht aus ehemaligen Offizieren und Unteroffizieren. Gemeinsam mit ihren Familien leben sie alle auf dem Gelände des Towers.

    Zudem stellt sich der Vergleich mit andernorts schlecht bezahltem Wachpersonal keinesfalls ein. Der Beruf des Beefeaters gilt als große Ehre und Privileg. Unterstützt werden die hoch angesehenen Beefeater zudem von Einheiten der regulären ‧Armee und Wachen der Metropolitan Police. So besteht die Tower-Abordnung üblicherweise aus einem Offizier, fünf Unteroffizieren, einem Trommler und Soldaten. Zum technischen Sicherheitskonzept wollte sich der Tower auf Anfrage des Handelsblatts nicht äußern. Angesichts der Personaldichte dürfte es aber kaum so sein, dass an der Technik gespart wird.

    Kostspielige Nachbesserungen

    Von solch luxuriöser Ausstattung können deutsche Museumsleiter sicherlich auch weiterhin nur träumen. Doch auch kleine Nachbesserungen im Sicherheitskonzept sind kostspielig. Museumsdirektor Reuter hätte für das Münzkabinett in Trier gerne: „Eine neue Tür, eine verbesserte Vitrine und ein paar weitere zusätzliche Maßnahmen: Würden wir dieses Konzept umsetzen, müsste ein mittlerer sechsstelliger Betrag investiert werden.“ Auf Anfrage des Handelsblatts, ob die Landespolitik dafür Geld bereitstelle, hieß es allgemein: „In Abstimmung mit der Polizei wird es sicherheitstechnische Nachbesserungen geben.“ Darüber, wie viel Geld dafür zur Verfügung gestellt werden kann, schwieg man sich aus.

    So ist Joachim Breuninger, Chef des sächsischen Museumsbunds, nicht der Einzige, der fordert: „Es muss eine gesellschaftliche Diskussion stattfinden.“ Wie viel ist der Schutz von Kulturgütern uns wert?

    Mitarbeit: Hannah Steinharter

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