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Neue Ausstellung Mit einer Kunst-Triennale will Cleveland an glorreiche Zeiten anknüpfen

Der Sammler Fred Bidwell will der heruntergekommenen Stadt Cleveland mit einer neuen Kunst-Triennale frische Impulse geben.
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Aufsehenerregende Installation in der Federal Reserve Bank of Cleveland. Die Triennale FRONT spielt an verschiedenen Orten. Quelle:  Field Studio
Philip Vanderhyden „Volatility Smile 3“

Aufsehenerregende Installation in der Federal Reserve Bank of Cleveland. Die Triennale FRONT spielt an verschiedenen Orten.

(Foto:  Field Studio)

ClevelandWem ist schon bewusst, dass „Superman“ aus Cleveland stammt? Das verkündet jedenfalls ein versprengter Papp-Aufsteller auf dem Ankunftsterminal des riesigen Flughafens: Die Abenteuer des weltbekannten Comichelden wurden in den 1930er-Jahren im Nordosten Ohios ausgedacht! Von hier aus zementierte auch John D. Rockefellers Standard Oil Company seit 1870 ihre Monopolstellung über amerikanische Raffinerien.

„Vor hundert Jahren gehörte Cleveland zu den reichsten Städten im Land und besaß auch eine unverhältnismäßig große Zahl großartiger Kulturinstitutionen“, erinnert William M. Griswold, Direktor des seit 1916 hervorragend ausgestatteten Cleveland Museum of Art. Aber seit den 1970er-Jahren ging es hier bergab, wie auch in benachbarten Industriezentren am Eriesee.

Heute fühlt sich die Stadt an wie ein zu großer Handschuh. „Cleveland wurde für eine Million Menschen gebaut, beherbergt heute aber nur 350.000. Wir haben viel Platz für Wachstum. Es gilt, zahlreiche Zahnlücken zu füllen“, so ein städtischer Offizieller. Die Innenstadt sieht immer noch blendend gut aus mit prächtigen, instandgehaltenen Gebäuden vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Verfall und Armut prägen das Bild erst am Stadtrand.

Heute schätzt ein breites Publikum an Cleveland ihre „Rock ’n’ Rock Hall of Fame“, die zahlreichen Sportteams und die Gastronomieszene. Aber ginge es nach Fred Bidwell, dem unermüdlichen Motor hinter der ersten Triennale für zeitgenössische Kunst am Ort, dann soll Cleveland wieder mehr sein.

Die alle drei Jahre stattfindende Schau heißt anspielungsreich „FRONT“, was ja auch ganz vorn mitspielen meint. Zur Eröffnung streiften jedenfalls Hunderte auswärtiger Sammler, Galeristen, Museumsleute und Künstler durch das sich sonst wenig um internationale Gegenwartskunst kümmernde Städtedreieck Cleveland, Akron, ehemals „Rubber Capital of the World“ und Oberlin.

Die Bücher in Wachstuch stehen für die Diversität der amerikanischen Gesellschaft. Quelle: Field Studio; James Cohan Gallery, New York, FRONT
Yinka Shonibare „The American Library“

Die Bücher in Wachstuch stehen für die Diversität der amerikanischen Gesellschaft.

(Foto: Field Studio; James Cohan Gallery, New York, FRONT)

Bidwell zitiert gerne die Documenta als Beispiel dafür, wie Kunst eine Stadt nach traumatischen Erfahrungen neu zu definieren vermag. „Die Documenta bringt alle fünf Jahre fast eine Million Besucher nach Kassel, Cleveland könnte das auch leisten.“

Mit Michelle Grabner, selbst Künstlerin in Chicago und Mitorganisatorin der Whitney Biennial 2014, und dem weltweit gefragten Jens Hoffmann konnte man zwei in derartigen Großveranstaltungen erfahrene Kuratoren verpflichten.

Hoffmann schied allerdings im November 2017 aus, nachdem ein New Yorker Museum Vorwürfe sexueller Belästigung – die er leugnete – gegen ihn erhoben hatte. Über 100 Künstler breiten nun in über 20 Institutionen alle möglichen Medien aus. „Etwa drei Viertel der gezeigten Arbeiten sind neu, ein Viertel wurde in Auftrag gegeben“, so Grabner.

Augenmerk auf lokalen Künstlern

Nicht fehlen dürfen da einige internationale Zugpferde wie Yinka Shonibare, Barbara Bloom, Cyprien Gaillard oder die chinesische Malerin Cui Jie. Aber besonders berühren lokal angebundene Künstler. Dawoud Bey empfindet in seiner Fotoserie „Night Coming Tenderly, Black“, im Schiff der kleinen alten St. John’s Episcopal Church montiert, die nächtliche Reise entflohener Sklaven auf ihrem Weg in die Freiheit nach Kanada nach.

Andere nichttraditionelle Räume sind ein ausgemustertes Frachtschiff und die prächtige ehemalige Schalterhalle der Federal Reserve Bank of Cleveland, die sich 1923 eine römische Basilika zum Vorbild genommen hatte. Nach ausführlichen Sicherheitschecks kann man hier auf 24 Screens die eindrucksvolle, abstrakte Videoarbeit „Volatility Smile 3“ des Brooklyners Philip Vanderhyden bewundern; ein rätselhafter Kommentar zur Finanzwelt, der mithilfe der 3D-Animations-Software Houdini entstand.

Anders als europäische Festivals muss sich FRONT fast ausschließlich durch private Gelder finanzieren. Diese erste Ausgabe kostete über fünf Millionen Dollar, nicht eingerechnet die Beiträge der Partnermuseen. Großzügige Unterstützung gewährten da zwei sehr wohlhabende lokale Stiftungen, Cleveland Foundation und George Gund Family Foundation, die ihre üppigen Ressourcen besseren Tagen verdanken. Und auch Agnes Gund, vor allem als ganz große New Yorker Mäzenin bekannt, engagierte sich.

lhre private Fotosammlung zeigen die Ex-Werber in einem ehemaligen Umspannwerk in Cleveland. Quelle: ANDREW SPEAR/The New York Times/
Fred und Laura Bidwell

lhre private Fotosammlung zeigen die Ex-Werber in einem ehemaligen Umspannwerk in Cleveland.

(Foto: ANDREW SPEAR/The New York Times/)

Fred Bidwell weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr Kunst in der Lage ist, einen heruntergekommenen Stadtteil mit hoher Kriminalitätsrate zu revitalisieren: Vor fünf Jahren richtete er mit seiner Frau Laura in einem kleinen Umspannwerk aus den 1920er-Jahren in Cleveland ein privates Museum für ihre wachsende Fotografiesammlung ein.

Heute ist „Transformer Station“, auch dank einer vielleicht einzigartigen, auf 15 Jahre festgelegten öffentlich-privaten Kooperation mit dem Cleveland Museum of Art, fester Bestandteil im kleinen Angebot zeitgenössischer Kunst der Stadt. Beide Parteien wechseln sich im Ausstellungsprogramm ab. „Das klappt ganz wunderbar“, freut sich Bidwell.

Zweite Karriere

Eigentlich befindet sich Bidwell seit 2012, nach langen Jahren als Präsident und CEO der Großagentur Malone Advertising in Akron und zuletzt als Executive Chairman bei JWT/Ogilvy Action, im Ruhestand. Aber unermüdlich sieht man den drahtigen Mittsechziger, der gern schwarze Jeans und schwarzes Hemd trägt, über sein Handy gebeugt. Sein passionierter Einsatz für die örtliche Kunstszene hat sich zu seiner zweiten Vollzeitkarriere als Cultural Entrepreneur ausgewachsen. Als Vorstandsmitglied des Cleveland Museum of Art und ehemaliger Vorstandspräsident des kleineren Akron Art Museum ist er bestens vernetzt.
Schon seit 30 Jahren sammeln die Bidwells Fotografie: „Wir arbeiteten damals beide in der Werbung, und da war Fotografie immer als Werkzeug präsent. Außerdem war sie damals noch billiger als Malerei. Das hat sich aber mittlerweile stark geändert.“ Und das Sammlungskonzept? „Unsere einzige Regel war, nichts vor 1991, dem Jahr unserer Hochzeit, zu kaufen, und daran haben wir uns auch weitgehend gehalten.“

Hier stellen die Bidwells ihre private Fotosammlung aus. Geführt wird das ehemalige Umspannwerk in enger Kooperation mit dem berühmten Cleveland Museum of Art. Quelle: Field  Studio
Blick auf Stephen Willats’ Installation in der „Transformer Station“

Hier stellen die Bidwells ihre private Fotosammlung aus. Geführt wird das ehemalige Umspannwerk in enger Kooperation mit dem berühmten Cleveland Museum of Art.

(Foto: Field Studio)

Vor einem Jahr zog das Ehepaar mitsamt der 16 Jahre alten Zwergdackeldame Liza Lou aus dem großen, idyllisch in den Wäldern vor Akron gelegenen Haus in die obere Etage eines stattlichen zweistöckigen Industriebaus vom Ende des 19. Jahrhunderts. Ihr fast 1.000 Quadratmeter großes Loft liegt nur einen Block von der „Transformer Station“ entfernt.

Zahlreiche Rundbogenfenster lassen den Blick über einen Highway zum kommerziellen Hafen und dem schier endlosen Horizont des Eriesees schweifen. „Eine typische raue, ungeschminkte Cleveland-Aussicht“, schmunzelt Bidwell. „Wir leben hier, es ist ja kein Museum.“

Keine Promifotos

Die Wände zwischen Bücherregalen und Sofagruppen zeigen stets Teile der Sammlung, die inzwischen auf etwa 900 Werke angewachsen ist. Sie gilt als eine der besten der USA. Und Bidwell hält auch noch seine allererste Erwerbung in Ehren. Den Namen des Künstlers möchte er gleichwohl nicht preisgeben. „Genug gesagt“, meinte er und lacht herzhaft.

Mode- oder Promifotos sucht man bei ihm vergebens. Die Bidwells spezialisieren sich auf „Künstler, die sich selbst vielleicht nicht als Fotografen beschreiben würden, das Medium "als Ausdrucksmittel nutzen“. Derzeit behauptet sich eines der kühlen schwarz-weißen Fantasie-Interieurs des Belgiers Hans Op de Beeck neben einem Großformat der „Lakes and Reservoirs“-Serie des Kaliforniers Matthew Brandt. Brandt experimentiert in der Dunkelkammer mit Wasser aus den Seen, das psychedelisch gefärbte Schlieren erzeugt.

Die Installation
Yinka Shonibare

Die Installation "The American Library" in der Cleveland Public Library.

(Foto: James Cohan Gallery, New York and FRONT; Foto: Field Studio)

Um die Ecke lehnt noch eine Neuerwerbung an der Wand: ein Riesenfoto von Wilmer Wilson IV, dem knapp 30-jährigen Schwarzafrikaner aus Philadelphia, der seine Abzüge fast gänzlich mit Hunderttausenden schimmernden Tackerklammern bedeckt. Erst im Frühjahr sorgte Wilson im New Yorker New Museum für Aufsehen. „Wir haben ihn aber schon früher entdeckt“, meint Fred. Sie besitzen auch seltene frühe Fotoarbeiten Kehinde Wileys, dessen offizielles Porträt von Barack Obama kürzlich breit gefeiert wurde.

Ein komplizierter Ort

Die Sammelstrategie der Bidewells hat sich mit der Eröffnung von „Transformer Station“ jedoch geändert. Sie gehen mehr in die Tiefe, geben auch Arbeiten in Auftrag. Und das Nachleben ihrer Sammlung haben sie auch schon geregelt: Im Jahr 2028 werden die „Transformer Station“ (im Wert von 5,5 bis 7,5 Millionen Dollar) samt der Hälfte der Kunstwerke als Geschenk ans Cleveland Museum of Art fallen. Die andere Hälfte ist bereits dem Akron Art Museum versprochen.

„Ich gebe mich keiner Illusion hin, dass eine Ausstellung die Marke Cleveland völlig verändern kann“, so der ehemalige Werber Bidwell. „Aber FRONT soll redefinieren und polieren, dass Cleveland interessanter ist. Ich hoffe, dass wir eine etwas andere Geschichte der Revitalisierung erzählen. Cleveland ist ein komplizierter Ort, war einmal extrem reich, dann extrem heruntergekommen. Es ist keine simple Geschichte über die Wiederbelebung des ‚Rust Belt‘.“

FRONT International – Cleveland Triennial bis 30.9. September

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