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Raubkunst in Düsseldorf Das Ungeschick bei der Aufarbeitung von Sterns Schicksals ist für die Forschung ein Desaster

Düsseldorfs Oberbürgermeister hat sich in die Aufarbeitung des Schicksals des jüdischen Kunsthändlers Max Stern eingemischt – mit ärgerlichen Folgen für Forschung und Ansehen der Deutschen.
Update: 25.02.2019 - 15:15 Uhr Kommentieren
Dem Sohn des Kunsthändlers Julius Stern gelang nach der Flucht der Neustart in Kanada. Quelle: History and Art Collection/Alamy Stock Photo
Max Stern um 1925

Dem Sohn des Kunsthändlers Julius Stern gelang nach der Flucht der Neustart in Kanada.

(Foto: History and Art Collection/Alamy Stock Photo )

Düsseldorf Dreck, der unter den Teppich gekehrt wurde, verschwindet nicht. Das gilt auch für die Raubzüge kunstaffiner Nationalsozialisten, die erst nach und nach ans Licht kommen. Dass sie namentlich im Rheinland ihr Unwesen trieben, hatten bereits die Alliierten beobachtet, als sie nach dem Krieg die Akteure verhörten.

Wie am Rande einer Düsseldorfer Tagung über das Schicksal des jüdischen Kunsthändlers Max Stern zu vernehmen war, ist in den US-Protokollen sogar von einer „Rhineland Gang“ die Rede. Doch die war nicht das Thema auf der Konferenz.

Obwohl inzwischen so viele Jahrzehnte vergangen sind, steht man in Deutschland mit der Aufarbeitung der Opfer-, Täter- und Werkbiografien noch am Anfang. Auch über den Wegen, die der Warenbestand Sterns nach Berufsverbot (1935) und Zwangsversteigerung 1937 nahm, hängen noch viele Fragezeichen. Das offenbarte auch das von der Provenienzforscherin Jasmin Hartmann für die Stadt Düsseldorf organisierte Symposium am 13. Februar.

Einladung ausgeschlagen

Hier ging es vor allem um Grundlagenforschung, weniger um die Erörterung diffiziler, aber drängender Fragen im Spannungsfeld von Moral und Recht. Und dann fehlten ausgerechnet die kanadischen Forscher; die Einzigen, die bereits lange und kontinuierlich mit dem Fall Stern befasst sind, und die Einzigen, die an den entscheidenden Quellen der Überlieferung sitzen.

Die Kanadier hatten die Einladung ausgeschlagen, nachdem Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel sich Ende 2017 in ihre schon weit gediehenen Vorbereitungen einer Ausstellung über Max Stern im Stadtmuseum eingeschaltet hatte. Mit dem Argument, es gebe „aktuell laufende Auskunfts- und Restitutionsgesuche in deutschen Museen, die im Zusammenhang mit der Galerie Max Stern stehen“, sagte er die Schau ab – offenbar aus Angst davor, die Ausstellung könnte zum verlängerten Arm des Max Stern Art Restitution Project (s. Kasten links) werden.

Ergänzend konstatierte Kulturdezernent Hans-Georg Lohe „auf deutscher Seite erhebliche Forschungsdefizite“. Vergeblich versuchte die Stadt zurückzurudern, indem sie zusätzlich eigene Versäumnisse ins Feld führte. Das konnte jedoch nicht verhindern, dass die brüskierten Kanadier, die drei Jahre ehrenamtlich für das Projekt gearbeitet hatten, sowohl die ersatzweise anberaumte Tagung als auch die auf 2020 verschobene Ausstellung boykottierten.

Das diplomatische Ungeschick ist für die Forschung ein Desaster und für das nach dem Fall Gurlitt ohnehin angeschlagene Image der Deutschen ein Debakel. OB Geisel war für eine Stellungnahme bis Redaktionsschluss nicht erreichbar.

Sämtliche internationale Forscher sind darauf angewiesen, „das gesamte Wissen und die Erkenntnisse zusammenzutragen, um eine größtmögliche Transparenz über den Verbleib der Sammlung herbeizuführen“. So beschwor die nordrhein-westfälische Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen die Teilnehmer zur Eröffnung der Tagung, wohl wissend, wie dünn die Überlieferung ist, vor allem hierzulande.

Es gibt gerade mal die im Landesarchiv in Duisburg gebunkerten Akten der Gestapo und der Oberfinanzdirektion Düsseldorf, die Entschädigungs- und Wiedergutmachungsakten sowie ein paar Rechnungen über die Geschäfte Sterns mit Düsseldorfer Museen, die das Düsseldorfer Stadtarchiv verwahrt.

wurde der Stern Foundation restituiert und dem Stadtmuseum Düsseldorf geliehen. Quelle: Leihgabe Dr. Max and Iris Stern Foundation, im Stadtmuseum Düsseldorf
Wilhelm von Schadows „Selbstbildnis“

wurde der Stern Foundation restituiert und dem Stadtmuseum Düsseldorf geliehen.

(Foto: Leihgabe Dr. Max and Iris Stern Foundation, im Stadtmuseum Düsseldorf)

Kanada hat mehr zu bieten, nämlich die interessanteren Quellen, und nicht nur viel Geld für die Forschung, das der im Exil zu Wohlstand gekommene Emigrant Stern seinen Erben hinterließ. Den schriftlichen Nachlass erhielt die National Gallery von Ottawa, darunter die Karteikarten, die Auskunft über die Kundenkontakte geben, und die Familienkorrespondenz.

Deren Bedeutung und die des Schriftwechsels, den das Kunsthistorische Dokumentationszentrum RKD in Den Haag archiviert hat, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden angesichts der Tatsache, dass die Geschäftsbücher verloren gingen. Stephan Klingen vom Team des Stern Cooperation Project, das im Juli 2018 am Münchener Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) an den Start ging, fasst die Lage zusammen: „Wir versuchen, die geschäftlichen Verbindungen auf einer relativ schmalen Quellenbasis zu rekonstruieren.“

Zerdeppertes Porzellan

Das vom deutschen Staat finanzierte Stern Cooperation Project ist auf eine gedeihliche Zusammenarbeit mit der kanadischen Seite hinkonzipiert. Bevor es beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK), Magdeburg, seinen Antrag auf Finanzierung stellte, hatte es laut Klingen eine Absprache mit den für Stern führenden kanadischen Forschern, der Kunsthistorikerin Catherine MacKenzie und dem Archivar Philip Dombowsky, getroffen.

Als Gegenleistung für die Nutzung der Archivalien will das ZI die Digitalisierung des schriftlichen Nachlasses unterstützen. Das wäre dann das Fundament für eine effizientere internationale Forschungsarbeit.

Doch nun sitzt das Kooperationsprojekt zwischen allen Stühlen. „In der Tat waren unsere kanadischen Partner so vergrätzt, dass wir an der Tagung nur zusammen mit ihnen hätten teilnehmen können“, erläutert Klingen das Dilemma. Das Gleiche gelte für die Teilnahme am Beirat der Ausstellung. „Wir wären sofort dabei, wenn einer der Kanadier auch mit im Boot wäre. Die Absage der Ausstellung und die anschließende Begründung haben reichlich Porzellan zerdeppert in Kanada.“

Für Außenstehende ist der Anlass des Streits kaum nachzuvollziehen. Eine Erklärung könnte die unausgesprochene Angst der Deutschen sein, durch die Ergebnisse des Max Stern Art Restitution Project zu sehr in Zugzwang zu geraten. Der Stresspegel für die Museen ist ohnehin hoch, verfügt die Mehrheit ja noch nicht einmal über vollständige und digitalisierte Inventare, die Voraussetzungen für eine effiziente Provenienzforschung.

Hinzu kommt die Angst vor der Macht der Rechtsanwälte. Auf der Seite des Stern Restitution Project steht Willi Korte, der in Düsseldorf zurzeit noch die Ansprüche auf Wilhelm von Schadows Gemälde „Bildnis der Kinder des Künstlers“ verfolgt. Er blieb der Tagung bewusst fern, um die Gemüter nicht noch anzuheizen.

Auf der Seite der Stadt Düsseldorf steht Rechtsanwalt Ludwig von Pufendorf, bekannt für seine 2018 publizierte fundamentale Kritik an der „voreiligen“ Restitution von Kirchners Straßenszene (siehe Handelsblatt vom 17.8.2018).

Für die ausländische Presse sind die Vorgänge in Düsseldorf das gefundene Fressen. Kanadas zweitgrößte Tageszeitung „The Globe and Mail“ glaubt angesichts der Tagungsbeiträge, „Deutschland sei weit davon entfernt, die Zwangsversteigerung von 1937 als Diebstahl anzuerkennen“, und fragt nach der gesetzlichen Handhabe. Ebendiese Haltung erlaube Restitutionsgegnern wie von Pufendorf oder Lempertz-Chef Henrik Hanstein weiterhin die Kontrolle der deutschen Agenda in Sachen Restitution – zum Nachsehen der Opfer.

Gegen blindes Restituieren

Weder Henrik Hanstein noch Ludwig von Pufendorf sehen sich als „Restitutionsgegner“ und möchten auch nicht als solche beschimpft werden. „Gerade Lempertz hat bei vielen Restitutionsverfahren zwischen Kunstbesitzern und Anspruchstellern vermittelt“, gibt Justiziarin Milena Reinfandt, zu bedenken und pocht darauf, erst prüfen zu dürfen anstatt blind zu restituieren. „Nach dem Krieg machte Stern 1962 vor dem Restitutionsgericht, dem Landgericht Düsseldorf, einen sog. Verschleuderungsschaden für die 1937 bei Lempertz versteigerten Kunstwerke geltend, den er darauf stützte, dass die Bilder nicht die von ihm erwarteten Erlöse erzielt hatten“, heißt es von Seiten Lempertz. Dieser Verschleuderungsschaden sei ihm durch Urteil 1964 zugesprochen und ausgezahlt worden, wobei Stern selbst seinerzeit den Gutachter beauftragt hatte, um den Schaden zu beziffern. Die Entschädigung Sterns war schließlich auch der Grund, warum das Oberlandesgericht Köln in einem Urteil von 2016 in letzter Instanz weitere Restitutionsansprüche verneinte.

Ludwig von Pufendorf zufolge wurde das Berufsverbot für Stern nicht vollzogen. Er sei weiterhin tätig gewesen und auch dazu berechtigt gewesen, habe bis Herbst 1937 im Magazin Weltkunst inseriert. Das Schicksal Max Sterns würde in der Presse zu einseitig aus der Opferperspektive gezeichnet. Die freundschaftliche Verbindung zu Lempertz sei – auch in der Nachkriegszeit – nie unterbrochen gewesen.

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