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Raubkunst Wenn Museen bewusst die Herkunft von Gemälden verschleiern

Deutsche Museen haben jahrzehntelang die Augen verschlossen, wenn es um die Herkunft ihrer Schätze ging. Kenner fordern jetzt ein verpflichtendes Gesetz.
Update: 06.08.2018 - 15:09 Uhr Kommentieren
Angeblich verbrannte ein Teil der Silberschmiedearbeiten laut Inventarbuch im Zweiten Weltkrieg. Quelle: Museum Angewandte Kunst, Frankfurt; Foto: Anja Jahn
Kunst aus der Sammlung Pinkus/Ehrlich

Angeblich verbrannte ein Teil der Silberschmiedearbeiten laut Inventarbuch im Zweiten Weltkrieg.

(Foto: Museum Angewandte Kunst, Frankfurt; Foto: Anja Jahn)

KölnDie kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Sammlungsgeschichte steht noch viel zu selten auf der Tagesordnung der deutschen Museen. Und das, nachdem die Gurlitt-Affäre 2012 die Bedeutung der Provenienzforschung deutlich vor Augen geführt hat. Dabei hätten Museen allen Anlass, der Geschichte von Kunstwerken auf den Grund zu gehen, die auf zweifelhaftem Weg zu ihnen gelangt waren. Zum Beispiel das Silber des jüdischen Sammlers Joseph Pinkus (1829–1909), das er seiner Tochter Hedwig Ehrlich hinterließ.

Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst konnte einen Teil der Ehrlich-Sammlung 1940 zu einem niedrigen Preis erwerben, nachdem sie von den Nazis konfisziert worden war. 1949 restituierte das Museum die Stücke bis auf zwölf Positionen, die laut Inventarbuch im Krieg verbrannten. 2017 gelang es der Provenienzforscherin Katharina Weiler jedoch, diese Silberobjekte aus dem 17. und 18. Jahrhundert im Bestand zu identifizieren. Bewusst hatte das Museum die Herkunft der Silberschmiedearbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg verschleiert.

„Gekauft. Gesammelt. Geraubt? Vom Weg der Dinge ins Museum.“ Die insgesamt fünf Frankfurter Institutionen nahmen kein Blatt vor den Mund, als sie den Titel für ihr Kooperationsprojekt kürten, wohl wissend, dass vor allem deutsche Museen vom Kunstraub der Nazis profitierten.

Wer fragt noch nach der Verantwortung öffentlicher Einrichtungen im Hinblick auf NS-Raubkunst? Etwa das Leopold-Hoesch-Museum in Düren. Es hatte seine einst als „Unsere Werte“ dokumentierte und ausgestellte Sammlung 2016 mit einem Fragezeichen versehen müssen, nachdem der ein Jahr zuvor ans Haus gerufene Provenienzforscher Kai Artinger erste Erkenntnisse vorgelegt hatte.

Artinger beendete seine Untersuchungen für das Jahr 2016 mit dem Ergebnis, dass 34 Prozent des Bestands „eindeutig belastet“ sind, Ende 2017 waren es 9,8 Prozent. Darüber hinaus brachte er ans Licht, dass das Leopold-Hoesch-Museum bereits während des Nationalsozialismus aktiv auf dem Kunstmarkt einkaufte, dabei jedoch „keine Rücksicht auf eine eventuell problematische Herkunft“ nahm.

Und nach dem Krieg wurde nicht so genau nach der Provenienz gefragt, auch weil der wieder eingesetzte Direktor Heinrich Appel, der mit dem NS-System konform gegangen war, wenig Interesse hatte, mehr als das Nötigste über die Herkunft der neu entstehenden Sammlungen in Erfahrung zu bringen. Das betraf zum Beispiel auch das hier abgebildete Ölgemälde von Karl Schmidt-Rottluff, „Ostsee/Schiffe am Strand“, das 1952 erworben wurde.

„So wie es die ‚Stunde null’ in der Bundesrepublik Deutschland nicht gegeben hat, so gab es sie auch im Leopold-Hoesch-Museum nicht“, resümiert Kai Artinger. Denn kritische Fragen hätten auch die Unterstützung durch die heimische Industrie und damit den in Angriff genommenen Modernisierungsprozess des Hauses gefährden können. Das Dürener Museum war damals gerade dabei, aus Schutt und Asche neu zu erstehen.

„Ostsee/Schiffe am Strand“ von 1922. Das Ölgemälde wird an die Erben von Hugo Benario restitutiert. Quelle: Leopold-Hoesch-Museum, Düren; VG Bild-Kunst, Bonn; Foto: Peter Hinschläger
Karl Schmidt-Rottluff

„Ostsee/Schiffe am Strand“ von 1922. Das Ölgemälde wird an die Erben von Hugo Benario restitutiert.

(Foto: Leopold-Hoesch-Museum, Düren; VG Bild-Kunst, Bonn; Foto: Peter Hinschläger)

Der letzten Erhebung des Instituts für Museumsforschung zufolge hatte 2016 erst ein Viertel der öffentlichen Sammlungen in Deutschland mit der Provenienzforschung begonnen. Und das fast 20 Jahre nach der „Washingtoner Erklärung“ und der „Gemeinsamen Erklärung“ von 1999. Einsame Vorreiter waren das Städel und Liebieghaus in Frankfurt, die bereits seit 1990 die Herkunftsgeschichten ihrer Werke zu rekonstruieren versuchten. 2000 gehörte das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, das aufgrund einer teilweise gemeinsamen Erwerbungsgeschichte ebenfalls mit dem Dürener Projekt „Unsere Werte“ kooperierte, noch zu den ersten Einrichtungen, die Provenienzforschung betrieben.

In vielen anderen Häusern werden überfällige Fragen auch über 70 Jahre nach Kriegsende nicht oder erst auf Druck von außen gestellt. Ein Beispiel liefern Institutionen, die Graphik und Kunstgewerbe aus der Kunstsammlung des Berliner Sanitätsrats Wilhelm Dosquet im Bestand haben.

Ringen um den Besitz

Kurz nach dem Krieg unterstützte Karl Koch, Direktor der Berliner Kunstbibliothek, die Tochter des Sammlers in ihrem Antrag auf Rückerstattung. Außerdem erkannten er und der Schinkel-Experte Johannes Sievers das Unrecht schriftlich an. Davon wussten aber die heutigen Museumskuratoren der Berliner Nachfolgeinstitutionen nichts, wie die Provenienzforscherin Sibylle Ehringhaus feststellen musste.

Im Juni-Heft der kunstwissenschaftlichen Zeitschrift „Kunstchronik“ kommt Ehringhaus zu dem Schluss: „Die versteigerten Werke der Sammlung Dosquet befinden sich dennoch bis heute in der Obhut der Nachfolgeinstitute, und die Erben müssen weiterhin mit Institutionen um deren Besitz ringen.“

Die Kunstgewerbemuseen von Berlin und Frankfurt sowie das Märkische Museum in Berlin verweisen, darauf angesprochen, auf laufende Untersuchungen einer vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK) koordinierten Arbeitsgruppe. „Solange dieser Prozess nicht abgeschlossen ist, kann es seriöserweise kein Resultat geben“, erklärt der Berliner Provenienzforscher Andreas Bernhard auf Nachfrage. Das Ziel der Arbeitsgruppe erklärt Birgit Jöbstl von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: „die Klärung von noch offenen Fragen hinsichtlich der Einschätzung, ob es sich bei den betroffenen Werken um NS-verfolgungsbedingt entzogene handelt“.

Blick auf die Ausstellungswand mit Schmidt-Rottluff-Gemälde und Rekonstruktion der Herkunftsgeschichte. Quelle: Leopold-Hoesch-Museum, Düren; VG Bild-Kunst, Bonn; Foto: Peter Hinschläger
Leopold-Hoesch-Museum in Düren

Blick auf die Ausstellungswand mit Schmidt-Rottluff-Gemälde und Rekonstruktion der Herkunftsgeschichte.

(Foto: Leopold-Hoesch-Museum, Düren; VG Bild-Kunst, Bonn; Foto: Peter Hinschläger)

Das Kapitel Raubkunst an deutschen Museen wird so schnell nicht geschlossen werden können. Es gibt nach wie vor zu wenige fest verpflichtete Provenienzforscher an deutschen Museen. Oft vom Land oder der Kommune eingestellt, sind sie häufig gleich für mehrere Museen zuständig, so wie die Provenienzforscherin Sabine Breer. Sie beforscht in Sachsen-Anhalt 17 Museen gleichzeitig im Erstcheck, und zwar allein und in einem auf zwei Jahre befristeten Vertrag.

Die Rechtsanwältin Barbara Zumbaum, die das Leopold-Hoesch-Museum bei den Restitutionsverfahren rechtlich begleitet, moniert mit gutem Grund, dass die Washingtoner Erklärung nur eine Empfehlung formuliere. „Sie ist nicht bindend.“ Hinzu käme, dass die Institutionen ein natürliches Interesse daran hätten, die Werke zu behalten. Ob Provenienzen erforscht würden, hinge von ihrer Bereitschaft ab, Dritte zu Untersuchungszwecken ins Haus zu lassen. Zumbaum plädiert deshalb für eine systematische, von außen gesteuerte Klärung der musealen Bestände.

Ein moralischer Appell - sonst nichts

Ähnlich äußerte sich kürzlich der Historiker Julius H. Schoeps im ZDF: „Diese Erklärung ist ein moralischer Appell – und sonst nichts. Das ist das eigentliche Problem. Ich fordere seit Langem, ein Restitutionsgesetz in Deutschland zu verabschieden.“ Dass ein offener Umgang der Museen nicht zu einem Verlust der Objekte führen muss, zeigt sich in Frankfurt. Elisabeth Brody möchte das Silber ihrer Urgroßmutter Hedwig Ehrlich gar nicht zurückhaben. Ihre Familie wurde pauschal von der Bundesrepublik entschädigt; ob angemessen, klärt zurzeit die Stadt Frankfurt.

„Geraubt. Gesammelt. Getäuscht. Die Sammlung Pinkus/Ehrlich und das Museum Angewandte Kunst“, Museum Angewandte Kunst, Frankfurt, bis 14. Oktober 2018

„Unsere Werte? Provenienzforschung im Dialog“ Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren und Wallraf-Richartz-Museum Köln, 216 Seiten, 117 farbige Abb., 59 s/w Abb., gebunden, deutsch/englisch, Wienand Verlag Köln 2018, 36 Euro

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