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Rückblick So war das Kunstjahr 2018

Geschmackswandel, Show-Effekte und ein verändertes Kaufverhalten prägen den Kunstmarkt dieses Jahr. Der Boom für zeitgenössische und moderne Kunst hält an.
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Darstellung ausgelassen feiernder junger Männer aus der Sammlung Eric A. Jelgersma erfüllte mit 1,8 Millionen Pfund die Erwartungen. Quelle: C. Christie’s
Judith Leysters

Darstellung ausgelassen feiernder junger Männer aus der Sammlung Eric A. Jelgersma erfüllte mit 1,8 Millionen Pfund die Erwartungen.

(Foto: C. Christie’s)

BerlinDie Kunstmärkte sind wieder einmal im Umbruch. Im Marktjahr 2018 zeigten sich auf breiter Front Veränderungen des Kaufverhaltens, der Angebotspalette und des Geschmacks. Es war ein Jahr mit Höhen und Tiefen und vorübergehenden Eintrübungen. Verstärkt hat sich die Tendenz, die Kunstwelt als Teil der globalen Finanzwelt zu sehen.

Nicht Diversifizierung ist Trumpf, sondern eine schon fast obsessive Konzentration auf die so genannten Blue Chips, die in den Auktionen Preistriumphe feiern und die seit Jahren Garanten einer idiotensicheren Investment-Strategie sind. Immer mehr vermögende Käufer wollen ohne finanzielles Risiko an der Wertsteigerung dieser Marktgiganten teilhaben, zu deren Spitze auch in dieser Marktperiode Pablo Picasso, Andy Warhol, Claude Monet, Gerhard Richter und seit November auch David Hockney (90,3 Millionen Dollar bei Christie‘s) zählen.

Auf Show-Effekte programmiert

Den chinesischen Markt dominieren die traditionellen Maler Zhang Daqian und Qi Baishi. Der Verkaufserfolg des geschredderten Banksy-Gemäldes „Girl with Balloon“ ist Symptom eines auf Show-Effekte programmierten Marktes, der mit seinem Medienecho Spekulanten ermutigt.

Das Internet-Portal „Artprice“ hat auf der Basis der Auktionsergebnisse 2018 einen 4,3-prozentigen Zuwachs der hundert wichtigsten Blue Chip-Künstler errechnet, während der amerikanische Leitindex Mitte Dezember nur bei 2,4 Prozent lag. Das zeigt, wie sehr die Käufer impressionistischer, moderner und zeitgenössischer Kunst auf das Marktpotential der glorreichen Hundert setzen.

Es gibt aber auch Bewegungen, die bislang unterbewertete Künstler in ein helles Rampenlicht stellen. Zu den neuen Geschmackstrophäen gehört die afro-amerikanische Kunst, an der Spitze Kerry James Marshall, dessen Gemälde „Past Times“ bei Sotheby‘s den Rekordpreis von 21,1 Millionen Dollar erlöste.

Auch amerikanische Abstrakte, die bislang weniger im Focus standen, sind in die Spitzengruppe der Preismillionäre aufgerückt: die 1992 verstorbene expressive Malerin Joan Mitchell, deren Gemälde „Blueberry“ im Mai bei Christie‘s 16,6 Millionen einspielte und von der zwei mit je 14 Millionen Dollar bezifferte Gemälde auf der Art Basel bei Lévy Gorvy und Hauser & Wirth verkauft wurden.

Er gehört zu den afro-amerikanischen Künstlern, die jetzt im Trend liegen. Seine fast vier Meter breite Collage „Past Times“ (1997) erzielte den Rekordpreis von 21,1 Millionen Dollar. Quelle: Sotheby’s
Kerry James Marshall

Er gehört zu den afro-amerikanischen Künstlern, die jetzt im Trend liegen. Seine fast vier Meter breite Collage „Past Times“ (1997) erzielte den Rekordpreis von 21,1 Millionen Dollar.

(Foto: Sotheby’s)

So bewegen sich die Märkte für das Idiotensichere und das Anspruchsvolle, das Populäre und das Rare, das Gesuchte und das Negierte immer weiter auseinander. Gleichwohl ist der Mittelmarkt noch in Ordnung, der Objekte bis hinauf in den mittleren sechsstelligen Bereich abdeckt, weil es noch mittelständische Sammler mit Passion gibt, die nicht die gewinnbringende Zirkulation der Objekte im Auge haben. Das zeigt sich etwa im Altmeistermarkt, der sich weitgehend normalisiert hat. Es zeigt sich auch bei den Antiken, bei Zeichnungen, Altmeistergraphik und historischem Design.

Der Markt schichtet sich um

Es kann nicht bestritten werden, dass die Märkte auch in diesem Jahr unter dem Zeichen eines fundamentalen Geschmackswandels stehen. Die Klassische Moderne des 20. Jahrhunderts krankt an Materialverknappung. „Das Material fehlt. Wir müssen uns an Ausnahmen gewöhnen.

„Der Markt schichtet sich um“, betonte der Münchner Auktionator Hubert Keim (Karl & Faber) schon im Juli. Das gilt nicht nur für die Auktionen, sondern auch für die führenden Messen, deren Aussteller mit hohen Standkosten belastet werden. Der in einer Kunstmarkt-Konferenz von David Zwirner geäußerte Vorschlag, potente Galerien sollten die Standkosten ihrer jungen Kollegen auf den großen Messen mitfinanzieren, schafft nur neue Abhängigkeiten. Die Messegesellschaften selbst müssen den Nachwuchs fördern.

Als Repräsentationsfläche für das Verkäufliche hat Basel mit 290 Ausstellern wieder sein Soll erfüllt. „Die großen Stände zeigen, was Banker zu kaufen wünschen“, äußerte ein Londoner Kunstberater mit Blick auf die Prestigekojen im Erdgeschoss, die stärker frequentiert wurden als die Stände mit junger Kunst im oberen Hallenbereich.

Auf der Art Basel Miami Beach war das Klima bereits abgekühlt. Zwar gab es noch genug Partys, aber die Kauflust war schon durch einen dramatischen Preisverfall der Luxusimmobilien in und um Süd-Florida gebremst, die auch eine Folge der Börsenschwäche ist. „Cracks in the Glittering Facade“ attestierte die New York Times dieser glamourösem Lebensstil verpflichteten Dezember-Messe.

Starkünstler vorab im Internet

Die Messen werden immer mehr zum Druckmittel für den Sofortverkauf wichtiger Exponate. Marktführende Galerien setzen in der Woche vor Messebeginn mit einem Link „Inquire to purchase“ Werke ihrer Starkünstler ins Internet, um das Interesse anzuheizen. Solche Highlights offerierten zum Beispiel Hauser & Wirth kurz vor der Londoner Frieze, König in Berlin vor der Basler Messe und Hetzler vor der Pariser Fiac.

Dass die Messelandschaft sich immer wieder verändert, ist eine Folge der Geschmacksveränderung und des ökonomischen Wandels. Die Pariser Fiac, die bislang eine Musterschau der Gegenwartskunst und ihrer jüngsten Strömungen war, hat sich mit profitablen Protagonisten wie Pablo Picasso, Jean Dubuffet, Joan Miró, Lucio Fontana und Yves Klein der Moderne und der Nachkriegskunst geöffnet. Zu den hochdotierten Verkäufen gehört Mirós Skulptur „L‘Oiseau lunaire“, die in der Galerie Templon mit 6,8 Millionen Dollar beziffert war.

Die deutschen Messen behaupteten sich im Mittelfeld ohne Preisexzesse. Zeitgenössische Kunst verkauft sich hier ohne Probleme. Doch die klassische Moderne leidet unter dem Kulturgutschutzgesetz. „Das Messegeschäft wird immer schwieriger“, resümiert der Berliner Galerist Michael Haas: „Ohne genauen Provenienznachweis kann man kein Bild mehr verkaufen“.

Probleme dieser Art betreffen auch die deutschen Auktionen, die in diesem Jahr vom Mangel an Topwerken geprägt waren. Es gab nur wenige Rekordzuschläge, die vor allem im Bereich der Nachkriegskunst fielen. Nach unseren eigenen Berechnungen wurden von den sechs führenden deutschen Auktionshäusern im Marktjahr 2018 rund 220 Millionen Euro umgesetzt.

Preiskorrektur auf dem Altmeistermarkt

Wenn wir einen Blick auf die verschiedenen Sammelgebiete werfen, ergibt sich ein heterogenes Marktbild. Während die zeitgenössische Kunst weiterhin der stärkste Umsatzmotor ist, zeigen andere Bereiche eine sprödere Entwicklung. Der Altmeistermarkt ist nach einer von Händlern geprägten Boomphase kurz vor und nach dem Jahr 2000 in realistische Bahnen zurückgekehrt. Ein Paradebeispiel, wie übertriebene Handelspreise dieser Periode sich auf ein gesundes Preisplateau zurückbewegen, sind Gemälde der Londoner Dezemberauktionen aus europäischem Privatbesitz.

Ein Stillleben von Frans Snyders und eine Allegorie von Gerrit van Honthorst, die jetzt in der Auktion nur noch 1,1 Millionen und 548.000 Pfund einspielten, waren zu Beginn des Jahrhunderts zum Doppelten dieser Preise eingekauft worden. Eine Winterlandschaft von Aert van der Neer, die 2003 bei Noortman mit 2,6 Millionen Dollar beziffert war, erlöste nur noch 1,2 Millionen Pfund. Eine museale Küstenlandschaft des älteren Jan Brueghel kam hier mit 1,99 Millionen Pfund auf denselben Preis, den das Tafelbild schon 2009 auf der Maastrichter Messe gekostet hatte.

Das antike Stück von 850 v. Chr. kam im Oktober auf rekordträchtige 30,9 Millionen Dollar. Quelle: C. Christie’s
Assyrischer Relief

Das antike Stück von 850 v. Chr. kam im Oktober auf rekordträchtige 30,9 Millionen Dollar.

(Foto: C. Christie’s)

Die beiden Frans Hals-Bildnisse eines Ehepaars, die jetzt bei Christie‘s 10 Millionen Pfund erzielten, waren „Wandervögel“, die zuletzt 2016 von Johnny Van Haeften in der New Yorker Tefaf-Messe für 12 Millionen Dollar angeboten wurden. Andererseits erlöste ein Sprichwörterbild Pieter Brueghels des Jüngeren, dass das Hauptwerk seines Vaters in der Berliner Gemäldegalerie wiederholt, bei Christie‘s 6,3 Millionen Pfund und ein Prinzessinnen-Porträt Anthonis van Dycks, das 1989 für 880.000 Pfund unter dem Hammer war, kam im selben Haus nun auf 5,8 Millionen Pfund.

Von solchen Kontrasten lebt zur Zeit der Markt. Vor allem im Bereich des Kunstgewerbes gibt es Höhen und Niederungen. Während Möbel des 18. Jahrhunderts und Silber viel von ihrem (Preis-)Glanz eingebüßt haben, realisieren Antiken nach wie vor Spitzenpreise, allen voran das assyrische Relief eines geflügelten Genius von 850 v. Chr., das im Oktober bei Christie‘s 30,9 Millionen Dollar erzielte.

Höchstpreise für Tiffany-Lampen

In diesem Dezember wurden in den New Yorker Design-Auktionen von Sotheby‘s erstmals seit 1997 wieder Höchstpreise für Tiffany-Lampen erreicht: 945.000 bis 2,3 Millionen Dollar für die wichtigsten Modelle. In den New Yorker Graphikauktionen setzten bezeichnenderweise die Pop-Ikonen Andy Warhol und Jasper Johns mit Preise bis 1,2 Millionen Dollar Hauptakzente, während die Zuschläge für 50 Graphiken von Pablo Picasso im Normalbereich bis 137.500 Dollar blieben.

Das alles kann natürlich mit dem Markt für moderne und zeitgenössische Kunst nicht konkurrieren. Allein die Kunst des 20. Jahrhunderts, die im November bei Christie‘s versteigert wurde, realisierte 1,1 Milliarden Dollar. Sotheby‘s setzte in derselben Woche mit ähnlichem Programm 835 Millionen Dollar um. Solche Ziffern erreichen andere Marktsegmente nicht.

Das Einzige, was die Rekorderlöse trübt, sind die Garantien von Investoren dritter Seite, die die Spekulation anheizen und die wie eine unheilbare Krankheit im Auktionssystem nisten. Dass sie die Gewinnmargen reduzieren, wird sich wieder spätestens in zwei Monaten zeigen, wenn die Jahresbilanzen des Duopols Christie's und Sotheby's veröffentlicht werden. Doch ohne sie, die den Auktionsmarkt zum Spielball von Privatinvestoren machen, wäre das ganze Hochpreissegment heilsamen Skrupeln preisgegeben.

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