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Sammlerporträt Dem Surrealismus auf der Spur

Heinz Joachim Kummer sammelt nur zwei Künstler: Salvador Dalí und Yves Tanguy – das aber so konzentriert, dass er gelegentlich die Kunstgeschichte umschreibt.
02.04.2020 - 19:01 Uhr Kommentieren
Das Porträtfoto von Yves Tanguy, entstanden 1938, kann der Sammler mit Hilfe seiner Datenbank genauestens in die Geschichte des Surrealismus einordnen. Quelle: Heinz Joachim Kummer Stiftung
George Platt Lynes

Das Porträtfoto von Yves Tanguy, entstanden 1938, kann der Sammler mit Hilfe seiner Datenbank genauestens in die Geschichte des Surrealismus einordnen.

(Foto: Heinz Joachim Kummer Stiftung)

Köln Wollen Sie mal absolutes Chaos sehen?“ Der rheinische Sammler Heinz Joachim Kummer hat die Führung durch sein Archiv fast abgeschlossen. Nur zwei kleine Räume fehlen noch, ein recht aufgeräumtes Büro und eine Art Depot. Aber auch wenn sich hier einiges auftürmt: Jedes Teil hat seinen Platz.

Kummer weiß sogar, wie hoch sich die Unterlagen über den Leihverkehr für die letzte große Yves-Tanguy-Ausstellung stapeln: 60 Zentimeter zu dem französischen Surrealisten. Ein mehrere Meter breites Regal nimmt die Aktenordner mit Fotografien zum Sammelgebiet Salvador Dalí auf – sauber chronologisch natürlich. Der Surrealist aus Spanien ist mit seinen schmelzenden Uhren, brennenden Giraffen und seinem exzentrischen Erscheinen viel bekannter als Tanguy, dessen Spezialität weite, von amorphen Figuren bevölkerte Landschaften sind.

Seit über 30 Jahren sammelt der Jurist nur diese zwei Künstler, Dalí und Tanguy, das aber konzentriert. „Ein manischer, extrem dynamischer Sammler, ein echter, von denen es leider viel zu wenige gibt – und immer diskret“, weiß Wolfgang Wittrock. Der Kunsthändler half Kummer 2017 bei den Vorbereitungen für eine Schau der Grafiken Tanguys in den Staatlichen Museen Berlin.

„Der Ansatz ist medienübergreifend. Gehen wir mal die Medien durch“, versucht Kummer das Profil seiner Kollektion zu umreißen. Er braucht fast zwei Stunden dafür, und hat darüber das Wichtigste fast vergessen: die „Timeline“, einen chronologischen Zeitstrahl in digitalisierter Form. Hier werden unzählige, aus den verschiedensten Quellen zusammengetragene Fotografien mit den Ereignissen im Leben von Dalí und Tanguy verknüpft.

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    Die Datenbank ist das Herzstück der „Heinz Joachim Kummer-Stiftung“ und Grund, warum ihn Kunsthistoriker und Museumskuratoren aus der ganzen Welt besuchen, um zu recherchieren. Der Mann, der am liebsten ohne öffentliche Aufmerksamkeit wirkt, vergisst darüber nicht eine Minute die Lücken in seinem Archiv. Und die müssen gefüllt werden. Was für eine Lust, aber auch Last!

    Eigentlich hat der Sechzigjährige für solche Herzensangelegenheiten stets zu wenig Zeit. Denn als Rechtsanwalt und Partner der wirtschaftsberatenden Anwaltssozietät CMS, der Verträge für den An- und Verkauf von Immobilien gestaltet, arbeitet er viel, oft bis zu 17 Stunden täglich.

    Blick in einen Teil der Dali-Arp-Ausstellung im Bahnhofsgebäude des Arp Museums Rolandeck. Quelle: Heinz Joachim Kummer Stiftung; Foto: Helmut Reinelt
    Dali omnipräsent auf allen Covern

    Blick in einen Teil der Dali-Arp-Ausstellung im Bahnhofsgebäude des Arp Museums Rolandeck.

    (Foto: Heinz Joachim Kummer Stiftung; Foto: Helmut Reinelt)

    Ölgemälde sind nur in Ausnahmefällen in die Sammlung gelangt. Sie waren schon zu teuer, als Kummer mit dem Sammeln begann. Was die Künstler auf Papier bannten, war aber noch erschwinglich: „Aquarelle, Gouachen, also Deckfarbenblätter, Zeichnungen, vom ausgearbeiteten Blatt bis zu Werkskizzen – die sind für mich fast noch interessanter, weil es sich oft um Studien für Gemälde handelt.“

    Weitere Schwerpunkte bilden die Druckgrafik sowie Flugblätter und Manifeste. „Sozialpolitisch, gesellschaftlich etwas verändern zu wollen, das war der Ansatz“, erklärt der Sammler die Grundhaltung der Surrealisten. Anders als die Dadaisten hätten sie ein Sendungsbewusstsein gehabt. Im Prinzip seien sie ein politisch motivierter Kreis von Literaten, Politikern und Künstlern gewesen. Reine Künstler wollten sie nicht sein.

    Natürlich besitzt Kummer auch die handschriftlichen Manuskripte beider Künstler, von der simplen Widmung über Briefwechsel mit befreundeten Künstlern bis hin zur kompletten Korrespondenz beider Künstler mit ihrem amerikanischen Galeristen Julien Levy.

    So weiß er inzwischen auch, wie Dalí seine Flucht vor dem langen Arm von Nazideutschland organisierte und über Portugal in die USA ausreiste. Kummer fand die Importunterlagen für die Verschiffung der Bilder im Original, die Dalís Frau Gala unterschrieb. Und freute sich wie ein Schneekönig, als ihm später auch noch die gedruckte Passagierliste in die Hände fiel. Da musste er mit Staunen feststellen, dass nicht der Künstlerkollege Duchamp mitreiste, wie die Kunsthistoriker bislang annahmen, sondern der Fotograf und Objektkünstler Man Ray.

    Heinz Joachim Kummer wirkt lieber im Verborgenen. Quelle: Kummer
    Surrealistisches Selbstporträt

    Heinz Joachim Kummer wirkt lieber im Verborgenen.

    (Foto: Kummer)

    Wer sich ein Bild von dieser Sammlung machen will, muss einen langen Atem haben. Denn neben der Fotosammlung, die sowohl künstlerisches als auch dokumentarisches Bildmaterial beinhaltet, gibt es noch eine Fachbibliothek vom Feinsten. Darin findet sich nicht nur die einschlägige allgemeine Literatur zum Thema, sondern auch Künstlerbücher und mit Widmungen versehene Vorzugsausgaben, Tageszeitungen und Magazine sowie alle je erschienenen Ausstellungskataloge zu beiden Künstlern.

    Diebisch freut sich der Hausherr, wenn er Kunst und Quellen nebeneinanderlegen und neue Zusammenhänge erschließen kann. So gelang es ihm etwa zu rekonstruieren, wie Dalís Beitrag zur Weltausstellung in New York 1939 zustande kam und in was für einem Desaster sein multimedialer Venus-Pavillon endete. Die Geschichte dieser perfekten Selbstvermarktung, die nebenbei das wohl erste „Environment“ der Kunstgeschichte hervorgebracht hatte, schrieb Kummer für den Katalog der im Arp Museum Rolandseck laufenden Schau über die Verbindungen zwischen Dalí und Hans Arp auf.

    Eigentlich gibt es gar nicht so viele Anknüpfungspunkte zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren Arp und Dalí. Doch das hat das Arp Museum nicht daran gehindert, eine der wohl schönsten Ausstellungen dieses Frühjahrs zu organisieren. Und dass dabei so viele, weniger bekannte Seiten der omnipräsenten Ikone Dalí ans Licht gekommen sind, liegt maßgeblich auch an den Dingen, die Kummer aus den unerhörten Tiefen seines Archivs zutage förderte. Zum Beispiel jene Fotodokumente, auf denen der vielseitige Künstler als Choreograf exzentrischer Performances und happeningartiger Events in Erscheinung tritt.

    Die Illustration mit überzeichnetem Text findet sich in dem Buch
    Yves Tanguy

    Die Illustration mit überzeichnetem Text findet sich in dem Buch "Intervention Surréalist. Documents 34. No.1" auf der Seite 61.

    (Foto: Slg. Kummer, VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

    Jeff Koons“ medienwirksame Vermarktungskünste 25 Jahre später sind nichts dagegen, schaut man sich einmal an, was Dalí 1967 aus einem Auftrag der Fluggesellschaft Air India machte. Er gestaltete einen bizarren Aschenbecher, der mit den eleganten Formen von Schlange, Schwan und Elefant spielt, und ließ sich mit einem lebenden Elefanten bezahlen. Der wiederum wurde Protagonist eines spektakulären, vom Künstler höchstpersönlich inszenierten Werbeevents. Der Aschenbecher ist nur eines von vielen im Auftrag geschaffenen Produkten, mit denen das Arp Museum einen ganzen Saal füllen kann.

    „Es ist sehr unkommerziell, was ich tue“, charakterisiert Kummer seine Art zu sammeln, wohl wissend, dass die Konzentration auf nur zwei Künstler, auf Papierkunst und Archivalien nicht gerade etwas für Spekulanten ist. Es gibt nicht viele, die so konsequent in die Tiefe sammeln. Kein Wunder, dass Kummer Jahrzehnte nur einen ernst zu nehmenden Konkurrenten hatte: den französischen Kunst- und Büchersammler Paul Destribats, dessen Nachlass jüngst durch Christie’s Paris versteigert wurde.

    Angefangen hatte die Sammelleidenschaft auf der Ausstellung „Westkunst“ 1981 in Köln, die Kummer als Student besuchte. Tanguys Gemälde „Die Auslöschung der Arten II“ aus dem Jahre 1938 traf ihn wie ein Blitzschlag. Das war der Auslöser.

    2002 entdeckte er eine kleinere, motivisch sehr ähnliche Fassung im britischen Auktionshandel. Er gab ein schriftliches Gebot ab und erhielt – zur eigenen Überraschung – den Zuschlag zu einem Preis, der allerdings für ihn die absolute Schmerzgrenze markierte. „So was mache ich nicht jeden Tag.“

    „Salvador Dalí und Hans Arp. Die Geburt der Erinnerung“, bis 16. August 2020 im Arp Museum, Bahnhof Rolandseck (vorübergehend wegen der Corona-Epidemie geschlossen). Einen guten Eindruck vermittelt der aufwendige Katalog. Er erschien im Verlag Strzelecki Books und kostet 65 Euro.

    Mehr: Kunstsammlerin Erika Hoffmann: „Kunst muss ein Stachel sein“

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