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Schiele-Restitution Wie eine jüdische Sammlerin Tür an Tür mit einem SS-Scharführer lebte

Mit der Restitution eines Gemäldes von Egon Schiele kommt die erschütternde Familiengeschichte der jüdischen Sammlerin Elsa Koditschek ans Licht.
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Egon Schieles „Dämmernde Stadt“ (Ausschnitt): 1928 erworben. Quelle: Sotheby’s
Privatrestitution

Egon Schieles „Dämmernde Stadt“ (Ausschnitt): 1928 erworben.

(Foto: Sotheby’s)

DüsseldorfDas Haus sieht auf den ersten Blick verwahrlost aus, für Hietzing, einem der vornehmeren Bezirke am westlichen Stadtrand Wiens, vergleichsweise untypisch. Im Vorgarten lagern heute Autoreifen und ausrangiertes Gartengerät. Von ehemaligen Sanierungsplänen zeugt ein verrostetes Baugerüst, der hölzerne Gartenzaun zerfällt. Den Eigentümern fehlt es offenkundig an finanziellen Mitteln, vielleicht auch an Ambition.

Der Blick hinter die Fassade bleibt der Allgemeinheit verwehrt. Das war schon vor 80 Jahren so, als hier eine jüdische Witwe einem SS-Scharführer ihr Quartier überlassen musste. Im Gegensatz zu den Millionen Opfern des Holocausts, deren man diesen Sonntag weltweit gedenkt, sollte sie das NS-Regime versteckt überleben.

Ihr Name war Elsa Koditschek, und die Entdeckung ihrer Geschichte ist mit einem Gemälde des weltweit gefeierten Malers Egon Schiele verknüpft, das im November 2018 in New York versteigert wurde.

„Dämmernde Stadt“, auch „Die kleine Stadt II“ genannt, datiert aus dem Jahr 1913 und war Gegenstand eines von Sotheby’s initiierten und begleiteten Privatvergleichs zwischen zwei Erbengemeinschaften: einer steirischen Familie, deren Vorfahre die „Dämmernde Stadt“ 1950 im Dorotheum ersteigert hatte, und den Nachkommen Elsas, die es überhaupt erst aufzuspüren galt. Andrea Jungmann (Sotheby’s Geschäftsführerin für Österreich, Ungarn und Polen), und Lucian Simmons (Direktor des Restitution Departments) machten sie in den USA ausfindig.

Das Besondere daran: Der Zweite Weltkrieg war in dieser Familie über die Jahre nur beiläufig Thema gewesen. Dass ihre Ahnin einst nur knapp der Deportation und Ermordung entging, war den Nachfahren gänzlich unbekannt. Dabei harrten die Dokumente in Form unzähliger Briefe und Fotografien der Entdeckung. Verwahrt in zehn Kartons, die ihr 1974 verstorbener Sohn hinterließ. Seine Kinder und Enkelkinder sprechen kein Deutsch, weshalb man sich damit nicht beschäftigte.

Begeistert sich für Egon Schieles Malerei. Quelle: Courtesy Koditschek Family
Elsa Koditschek

Begeistert sich für Egon Schieles Malerei.

(Foto: Courtesy Koditschek Family)

Jungmann und Simmons bearbeiteten den Fundus, übersetzten unzählige Schriftstücke und offenbarten den Angehörigen schrittweise dieses ihnen bisher unbekannte Kapitel ihrer Familiengeschichte.

Zu den Schauplätzen gehört eingangs erwähnte Villa, die der Bankbedienstete Siegfried Koditschek vom Architekten Theodor Schreier erbauen ließ und die von 1911 an die wachsende Familie samt Schwiegermutter beherbergte. 1925 starb Vater Siegfried unerwartet im Alter von nur 48 Jahren.

Aus den nachfolgenden Jahren ist nur wenig überliefert. Gesichert ist, dass sich Elsa für Kunst interessierte. Im Herbst 1928 besuchte sie die von der Künstlervereinigung Hagenbund anlässlich des zehnten Todestages von Egon Schiele veranstaltete Gedächtnisausstellung und erwarb die „Dämmernde Stadt“. Noch im Sommer 1940 hing das Bild über dem Klavier im Speisezimmer.

Elsas Geschichte war ihren Kindern unbekannt

Ihr Sohn Paul, mittlerweile Anwalt, war zu diesem Zeitpunkt bereits in die USA geflüchtet, Tochter Hedy in die Schweiz. Elsa war in Wien verblieben, da sie ihrer 84-jährigen Mutter eine Flucht nicht zumuten wollte. Mit der Vermietung einzelner Zimmer kamen sie gerade so über die Runden. Bis sie, auf amtliche Anordnung hin, im August 1940 innerhalb weniger Tage ihre Wohnung im Untergeschoss räumen mussten.

Elsa übersiedelte mit ein paar Habseligkeiten und dem Bild in ein Kabinett im Obergeschoss, das sie an eine gewisse Sylvia Kosminski vermietet hatte. Dort blieb für Elsa nur ein winziger Raum, weshalb sie ihre Mutter notgedrungen im Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde unterbringen musste. Nur zehn Tage später starb sie dort laut ihrer Tochter unter „uns ominösen Umständen“.

„Die Schnelligkeit des Räumens“ des Untergeschosses sei, wie sie sich nach dem Krieg erinnert, „nur eine Schikane gewesen“. Denn „Herr SS zog mit Frau erst im Oktober“ ein: SS-Scharführer Herbert Gerbing, seit den frühen 1930er-Jahren in der NSDAP aktiv und Mitarbeiter Adolf Eichmanns in der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“.

Eine verharmlosende Bezeichnung, denn tatsächlich war die Zentralstelle für die Deportationen zuständig – getarnt als „Übersiedlungen“. Umso perfider ist Gerbings Umgang mit seiner „Vermieterin“: „So oft er etwas wegen des Hauses oder der Wohnung von mir wissen wollte“, wird Elsa Koditschek in die Zentralstelle beordert, „was nicht weniger als 15-mal vorkam“.

Als Elsa im Oktober 1941 die Aufforderung zur „Übersiedlung“ nach Litzmannstadt (Lodz) erhält, ersucht sie den SS-Scharführer um Aufschub. Er lehnte ab und schilderte das künftige Leben im Ghetto in den rosigsten Tönen. Sie zweifelt, Bekannte raten ihr unterzutauchen, und sie findet bei einer Freundin Unterschlupf.

Elsa kann fliehen, die Freundin wird deportiert

Der Schiele bleibt ebenso in ihrem Haus zurück wie ihre beiden geliebten Hunde. Das Leben als U-Boot ist kompliziert. Bekommt ihre Freundin Besuch, muss sich Elsa stundenlang zwischen einem Schrank und einer Kleidertruhe verschanzen. In dieser Zeit verkauft Sylvia Kosminski ungefragt sowohl das Schiele-Bild als auch andere Wertgegenstände. An wen, ließ sich nicht mehr klären.

Im Rückblick sei dies ihre „beste Zeit in all den schweren Jahren gewesen, ich konnte tun und treiben, was ich wollte“, wenngleich immer „auf leisen Sohlen“. Nur wenige Male und ausschließlich in den frühen Morgenstunden, wird sie diese Wohnung in den nächsten eineinhalb Jahren verlassen. Bis sie verraten wird.

Bei der Hausdurchsuchung am 25. Juni 1943 flüchtet sie in letzter Minute durch die offene Eingangstür. Ihre Freundin wird verhaftet und in das KZ Ravensbrück überstellt. Zeitgleich sucht die Polizei intensiv nach Elsa, kann sie aber nicht finden.

Die Villa in Hietzing erbaute der Architekt Theodor Schreier für den Bankbediensteten Siegfried Koditschek und seine Familie. Quelle: Courtesy Koditschek Family
Der Familiensitz

Die Villa in Hietzing erbaute der Architekt Theodor Schreier für den Bankbediensteten Siegfried Koditschek und seine Familie.

(Foto: Courtesy Koditschek Family)

Auf die Idee, dass sie sich wieder und trotz der Anwesenheit der Familie Gerbing in ihrem eigenen Haus versteckt, kommt man nicht. Der geschäftstüchtigen „Tante Sylvia“ sei Dank. „Aber was war dies alles im Vergleich zu dem, was andere erdulden mussten“, schrieb sie ihrem Sohn. So war der Architekt ihrer kleinen Villa 1943 gemeinsam mit seiner Ehefrau nach Theresienstadt deportiert worden. Beide kamen im Ghetto um.

Elsa überlebt, auch den ab Herbst 1944 einsetzenden Bombenhagel über Wien. Gerbing, in dessen Zuständigkeiten auch Deportationen in der Slowakei, Griechenland und Frankreich fielen, wird sich dafür nie verantworten müssen. Am Ostermontag 1945 flüchtete seine Frau mit den Kindern aus der Villa, „angeblich nach Vorarlberg, wo Lager für die Nazibonzen hergerichtet waren“.

Das Schiele-Gemälde gerät in Vergessenheit

Elsa zufolge sei Gerbing in den letzten Kriegstagen in Prag erschlagen worden. Offizielle Angaben dazu finden sich nicht. Auf Antrag seiner Ehefrau wird er 1952 für Tod erklärt.

Nach dem Krieg verkauft Elsa Koditschek ihr Haus und übersiedelt zu ihrer Tochter in die Schweiz, wo sie 1961 stirbt. Das Gemälde von Egon Schiele gerät in Vergessenheit. 1974 gastiert es als Privatleihgabe bei einer Ausstellung in Innsbruck. Seither war es bis zur Versteigerung in New York nicht mehr öffentlich zu sehen.

Um den Schatten seiner Vergangenheit bereinigt, wechselte es für umgerechnet rund 22 Millionen Euro den Besitzer. Der Erlös wurde unter den Erbengemeinschaften aufgeteilt. Für Auktionshäuser mag die Vermittlung solcher Einigungen mittlerweile zum Geschäft gehören. Dennoch sind Privatrestitutionen in den vergangenen Jahren die große Ausnahme geblieben.

Bekanntlich haben Eigentümer von Kunstwerken mit problematischer NS-Vergangenheit das Recht auf ihrer Seite. Nur wenige sind willens, sich mit Erben jüdischer Vorbesitzer zu einigen. Das benötigt Zeit, weniger Monate als Jahre, weiß Andrea Jungmann aus Erfahrung. Und auch, dass das Vererben eines Problems an die nächste Generation niemals eine Lösung sein wird.

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