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Bullshit-Jobs

Eine Vielzahl der heutigen Jobs ist überflüssig.

(Foto: Imago)

Sinnlose Jobs Bullshit in den Büros

Jeder zweite Job sei völlig sinnlos, behauptet Bestsellerautor David Graeber. Dabei gibt es genug gute Arbeit – sie muss nur anders finanziert werden.
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MünchenAls es um die Zukunft der Arbeit ging, kamen die Propheten der Vergangenheit ins Schwärmen. Karl Marx glaubte, jedem werde es je nach Gusto möglich sein, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben und nach dem Essen zu kritisieren ... ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“.

John Maynard Keynes wiederum befand, das größte Problem der Menschen 2030 bestehe darin, „wie die Freizeit auszufüllen ist“. Dann würden, aufgrund hoher Produktivität und großer Geldvermögen, „Drei-Stunden-Schichten oder eine 15-Stunden-Woche“ zum Leben reichen. Blühender Futurismus!

Doch die 40-Stunden-Realität hat wenig mit der vorhergesagten, herbeigeträumten Selbstbefreiung von Lohnfront und Beschäftigungszwängen zu tun. Wer macht schon, was er machen will? Die einen arbeiten viel mehr, als sie müssten, davon hängen nun einmal Karriere, Status und persönliches Branding ab.

David Graeber – Bullshit Jobs
Allen Lane
London 2018
368 Seiten
16,99 Euro
ISBN: 978-0241263884

Die anderen arbeiten, weil sie müssen, um Familie, Miete, Urlaub und ein Hobby zu finanzieren. Glücklich wie in den Projektionen von Marx und Keynes? Ist kaum einer. Die meisten sind, wenn wir ehrlich sind, happy, noch einen Job zu haben, bevor die nächste Krise oder Roboterwelle womöglich auch diesen verschwinden lässt.

Offenbar gibt es dort draußen unter solchen Umständen ein hohes Maß an innerer Emigration, an Frust am Arbeitsplatz, an „Bullshit-Jobs“, wie das der amerikanische Ethnologe David Graeber, 57, nennt, der an der London School of Economics and Political Science lehrt. Technologisch könne man Keynes’ 15-Stunden-Vision verwirklichen, führt er in seinem neuen Buch aus, doch die Technik werde dafür eingesetzt, „damit wir alle mehr arbeiten“.

So seien im Prinzip lauter sinnlose Jobs entstanden, die Menschen in Europa und Nordamerika zeit ihres Lebens ausfüllen, ohne je von ihrer Notwendigkeit überzeugt zu sein. Seine persönliche Statistik: Rund jede zweite Arbeitsverrichtung sei „Bullshit“, also bezahlter Humbug mit Lohnsteuerjahresausgleich.

Rebell Graeber, der auch bei „Occupy Wall Street“ aktiv war, hat sich per Onlineforschung mit 250 Fallbeispielen eingedeckt. Streng wissenschaftlich ist das alles nicht, aber illustrativ ist es allemal für Graebers Theorie vom irregeleiteten „Manager-Feudalismus“. Es sind Geschichten von Mittelschichts-Menschen, die nichtstuend an irgendeinem Firmenempfang sitzen – weil es zumindest nach Arbeit aussieht.

Die Lakaien spielen für machtsüchtige Chef-Typen. Die Kästchen ausfüllen, um zu dokumentieren, dass alles in Ordnung ist. Die Konzeptkonvolute schreiben, die keiner braucht, geschweige denn liest. Die eine Gruppe managen, die auch allein sehr gut zurechtkäme. Vor allem in Anwaltskanzleien, Beratungsfirmen, Lobbyverbänden, Direktmarketing-Betrieben oder PR-Unternehmen sieht der Autor solche Reservearmeen des Müßiggangs. In Branchen also, die vom Mythos leben, auch spätabends zu arbeiten.

Meetings als Nabelschau

In der Konsequenz würde das bedeuten, dass die Beinahe-Vollbeschäftigung der Bundesrepublik nicht viel mehr wert ist als die Hundert-Prozent-Vollbeschäftigung der DDR, wo der sozialistische Staat bekanntlich ökonomisch sieche Kombinate, ganz nach Plan, künstlich am Leben erhielt und die Disziplin des Einzelnen mehr zählte als der Inhalt seiner Arbeit und die Existenzfähigkeit der entstandenen Produkte.

Tatsächlich erinnert auch im realen Kapitalismus manche Arbeitsorganisation an die Architekturkunst Potemkinscher Dörfer. Der „Organization Man“, den William H. Whyte 1956 beschrieb, ordnet sich noch immer in der Hauptsache dem Kollektiv unter, so bürokratisch, hohl und absurd es dabei auch zugehen mag.

Ein durchschnittlicher Konzern kann mit Taskforces, Meetings, Powerpoint, Townhalls, Whitepapers und Strategy Communication noch immer gut das leisten, was er am liebsten tut: sich mit sich selbst zu beschäftigen. Der einzige Unterschied der Neuzeit zur Altzeit ist dabei oft das Ersetzen der eigenen Büro-Zelle durch Coworking-Spaces, die es täglich mit rollenden Schreibtischen und Dockingstations rechtzeitig zu erobern gilt.

Aber bleibt das so in einem Wirtschaftssystem, das zweistellige Kapitalzielrenditen ausruft wie Lottozahlen? Das Bullshit-Phänomen bricht schon auf den ersten Blick mit dem Effizienzzwang, den Börsenanalysten, Hedgefondsmanager, Private-Equity-Manager, Aktionäre und Berater zum Grundgesetz der betrieblichen Wirklichkeit machen.

Und dieses Missverhältnis lädt denn auch tatsächlich ein zur großen Verschwörungstheorie. Bei Graeber sieht sie so aus, dass die herrschende Elite den Status quo der Scheinbeschäftigung aufrechterhalte, weil sonst die Arbeitnehmer in der Freizeit auf die Idee kämen, Revolution zu machen. Er zitiert George Orwells Erkenntnis, dass eine viel arbeitende Bevölkerung – auch wenn sie viel Unsinniges verrichtet – wenig Zeit für anderes hat.

Das ist natürlich, sorry, ebenfalls Bullshit. Erstens kämen vor der Revolution wahrscheinlich noch jede Menge Videoabende, Gaming-Events, Fußballspiele und Partys, die die Unausgelasteten vorziehen würden, und zweitens ziehen hier nicht irgendwelche mächtigen Magier die Register, sondern die unterschiedlichen Systeme der Gesellschaft haben so einen Ruhepunkt gegen die Launen des Marktes gefunden. Anders gesagt: Das Konstrukt, auch die Illusion Arbeit hält eine Gesellschaft zusammen. Sie lebt davon, nicht noch den letzten Tropfen aus der Zitrone zu pressen.

Diese soziale Vereinbarung ist ohnehin fragil genug. Die Apps und Algorithmen der digitalen Revolution stellen Bullshit-Jobs erst recht infrage, aber auch den Nutzen von Büros generell, zugunsten übrigens von Arbeitsvermittlung via Internetplattform (crowd working), Arbeiten von unterwegs (mobile working) oder Kurzeinsätzen von Freiberuflern (gig working).

Die Studie der Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne, wonach in den nächsten zwei Jahrzehnten jeder zweite US-Job ersetzbar sei, ist inzwischen ein Klassiker. Wer dann seinen Arbeitsplatz verliert, dürfte kaum ohne Weiteres eine der neuen Stellen ergattern, die im fälligen Strukturwandel entstehen. Die Spaltung zwischen denen, die gute, schlechte oder überhaupt keine bezahlten Jobs haben, dürfte zunehmen. Diese Entwicklung spielt all jenen in die Hände, die ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden fordern.

Jagen, fischen, diskutieren und gammeln wir alle in der vierten industriellen Revolution dann endlich, wie die Altvorderen aus der Gelehrtenstube das prognostiziert haben? Vermutlich nicht. Die meisten wollen lieber ein Recht auf Arbeit anstatt ein Recht auf Faulheit.

Aber im Wandel eröffnet sich ein neuer Blick auf Arbeit an sich. Was ist das überhaupt? Zählen nicht auch Nachbarschaftshilfe, Elternaufgaben und Ehrenämter irgendwie dazu? Der französische Sozialphilosoph André Gorz, einer der großen Denker über Arbeit, empfahl zum Beispiel Lohnzahlungen für Hausfrauen. Sein Motto, an das er sich selbst wenig hielt: „Mit halb so viel Arbeit werden wir besser leben.“

Wichtig, aber schlecht bezahlt

Die andere wichtige Frage: Welche Arbeit braucht eine Gesellschaft wirklich? Der entscheidende Punkt für Provokateur Graeber ist, ob ein Job wirklich vermisst wird, wenn er wegfällt. Nur dann sei es kein Bullshit-Job. Unter dieser Prämisse fallen einem die Antworten sofort ein.

Ja, der Handwerker, den man vor fünf Tagen bestellt hat und für den man extra eine hohe Barabhebung bei der Bank vornahm, wird vermisst. Vermisst wird auch der relativ günstige Automechaniker in der Nachbarschaft, der weggezogen ist. Oder die Bademeister im städtischen Schwimmbad, die sich nicht finden lassen.

Oder der Krankenpfleger und die Reinemachefrau für die behinderte Tante, die nicht mehr aus dem Haus kann. Oder die OP-Schwester, die mangels Ersatz zu viele Schichten arbeitet. Oder Polizisten oder Lehrer, die eingespart wurden. Oderoderoder. Sie alle bekommen nicht die Anerkennung, die sie verdienen. Einzige Ausnahme in diesem Sektor, jedenfalls in den USA: Soldaten.

Es gibt also eine Menge Jobs, die vermutlich auch im „machine age“ anfallen werden. Je stärker die Automatisierung, desto bedeutender der Fürsorgecharakter von Arbeit, lautet eine Graeber-These. Das Unerfreuliche daran: Diese Jobs werden entweder schlecht bezahlt, sind körperlich hart oder eben sozial nicht besonders gut angesehen. Oft fallen sie im öffentlichen Sektor an.

Der wohlhabende Teil der Bevölkerung müsste also tendenziell mehr Steuern und Sozialabgaben zahlen oder es gibt eine „Maschinensteuer“, wenn der Staat nicht mehr Schulden machen soll. Die Arbeit geht nicht aus, sie muss nur anders finanziert werden.

Am Ende kommt es darauf an, was die Gesellschaft aus den veränderten Ressourcen macht. Wie sie das technologisch aufgeworfene Gebot der „Disruption“ auf sich selbst überträgt. Disziplin und Zeitbewusstsein sind wir seit dem 14. Jahrhundert gewohnt, als viele europäische Städte auf Geheiß der Kaufmannsgilden Glockentürme aufstellten, um den Bürgern mitzuteilen, was die Stunde geschlagen hat. Dieselben Kaufleute platzierten Totenschädel auf ihren Schreibtischen, die sie stets an eines erinnerten: aus der Zeit das Beste zu machen.

Das ist auch heute noch ein guter Ratschlag. No bullshit at all.

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