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Stammeskunst Privatmuseum – Wie die Kunst der Aborigines in die Schweizer Berge kam

Australiens Ureinwohner kommunizieren mit abstrakten Zeichen über Wasserstellen und Ritualorte. Die Schlumberger-Erbin Bérangère Primat widmet ihnen nun ein Kunstmuseum.
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Das über fünf Meter lange Bild haben Frauen vom Apy Land gemalt. Es misst 290 x 550 Zentimeter und entstand 2018 mit Acrylfarben. Quelle: Betty Muffler, Angkaliya Curtis © 2019, ProLitteris, Zurich | Wawiriya Burton © Copyright Agency. Crédits photos © Vincent Girier-Dufournier
Gemeinschaftswerk

Das über fünf Meter lange Bild haben Frauen vom Apy Land gemalt. Es misst 290 x 550 Zentimeter und entstand 2018 mit Acrylfarben.

(Foto: Betty Muffler, Angkaliya Curtis © 2019, ProLitteris, Zurich | Wawiriya Burton © Copyright Agency. Crédits photos © Vincent Girier-Dufournier)

Lens Einzigartig in Europa sind Ort und Sammlungsschwerpunkt. Die Schweizer Fondation Opale zeigt in Lens im Feriengebiet von Crans–Montana eine gezielte Auswahl ihrer Stammeskunst-Sammlung unter dem Titel: „Before Time Began“. Die Französin Bérangère Primat, 46, gründete die Fondation Opale samt dem privaten Ausstellungshaus im letzten Jahr, um ihre Sammlung australischer „Aboriginal Art“ der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Abseits von den Kunsthandelszentren und ihrem Kommerz liegt die Bahnstation Sierre, wo der Dichter Rainer Maria Rilke einst seine letzten Jahre verbrachte, und in 1.000 Metern Höhe liegt Lens. Hier ließ Primat ein diskretes Gebäude aus Glas für die prachtvolle Kunst aus dem fernen Australien errichten. Bérangère Primat selbst wohnt unweit in Crans-Montana mit Blick auf das beeindruckende Alpenpanorama.

Primat, ihre Mutter und ihre sieben Geschwister sind nach dem Tod des Vaters Teilerben von Marcel Schlumberger, der in Rohöl und Immobilien investierte. Die Familie Primat lässt ein Privatvermögen von geschätzt 2,3 Milliarden Euro verwalten.

Start der Leinwandmalerei

Die Ausstellung „Vor der Zeitrechnung“ gibt einen Überblick über die Entwicklung der Kunst der Ureinwohner seit den 1970er-Jahren. In diesem Jahr beginnt ihre Kommerzialisierung.

Die Malerei basiert auf den seit 40.000 Jahren mündlich überlieferten Symbolen der indigenen Bevölkerung Australiens. Von den englischen Kolonialherren ihrer Länder beraubt, erkrankten die in Reservaten lebenden Menschen massenweise in den 1950er-Jahren wegen der britischen Atomversuche.

Anfang der 1970er-Jahre ermutigte ein Lehrer die in den Wüstengebieten lebenden Aborigines, ihre bisher in den Sand skizzierten Zeichnungen mit Acrylfarben auf Leinwand zu übertragen. Im bewaldeten australischen Norden verwendete man dagegen Baumrinde als Unterlage für Tier- und Pflanzendarstellungen.

Die Fondation Opale bietet einige Beispiele dieser figurativen, in Beige-Braun-Tönen gehaltenen Malerei auf Baumrinde. „Die Darstellungen sind wie Röntgenaufnahmen, sie stellen die Form und die Innenansicht dar“, erklärt der profunde Kenner und Kurator der Opale-Schau, Georges Petitjean, Technik und Doppelperspektive.

Gemalt mit natürlichem Ocker auf Baumrinde. Quelle: 2019, ProLitteris, Zurich; Crédits photos © Vincent Girier-Dufournier
Mick Kubarkku: „Der Vorfahr Krokodil“

Gemalt mit natürlichem Ocker auf Baumrinde.

(Foto:�, ProLitteris, Zurich; Crédits photos © Vincent Girier-Dufournier)

Im Zentrum Australiens entstand eine für europäische Begriffe völlig abstrakte Malerei. Denn die lange Zeit als Nomaden lebenden Aborigines machten untereinander Wege zu Wasserstellen und Lagerplätzen, aber auch Tierspuren und Ritualstellen mit kodierten Symbolen bekannt.

Unter den fünfundachtzig Werken der Ausstellung befinden sich zwei bunte XXL-Formate, die mehrere Frauen speziell für die Präsentation in Lens malten. Überdies installierte eine Gruppe Männer eine Art „Wirbelwind“ aus 1.500 Speeren, die eine hängende Skulptur ergeben.

Die gezeigten Werke stammen zum Großteil aus der Sammlung von Bérengère Primat. Ankäufe ihres früheren Ehemanns Arnaud Serval ergänzen sie. Letzterer ist Sammler, Galerist und ein guter Kenner der australischen Szene. 2011 ließ er einen Teil seiner Sammlung in Paris versteigern. Das Ergebnis war bescheiden. Serval reiste gemeinsam mit Bérangère Primat wiederholt nach Australien, wo die beiden separat in den Maler-Kooperativen Kunstwerke ankauften.

Zunächst verkaufte man die Aborigines–Gemälde, um die Krankenhauskosten für die Dialyse der damals sozial ausgegrenzten Aborigines zu begleichen. Das beschreibt die Kuratorin der Art Gallery of New South Wales in Sydney, Hetti Perkins, in ihrem Buch „Art + Soul“. Der Kunstverkauf ermöglichte sukzessive eine gewisse Integration. Außerdem wurden einige Maler seither zu posthum anerkannten Stars, wie Emily Kam Ngwarray (1910 – 1996), die Australien 1997 bei der Kunstbiennale in Venedig vertrat.

Der als „Regenmacher“ bekannte Johnny Warangula Tjuppurrula (1925–2001) malte Traumbilder des Wassers, die typisch für die Perfektion der australischen Kunst sind. Wesentliche Beiträge leistete auch John Mawurndjul (geboren 1952), dem das Musée Tinguely in Basel 2005 eine Retrospektive ausrichtete. Er zählte zu den acht australischen Malern, die im Pariser Musée du Quai Branly 2005/06 die Deckengemälde gestalteten.

Ein anderer Teil der Sammlung der fröhlichen, blonden Bérangère Primat wird demnächst im Menil Museum in Houston gezeigt. Außerdem klinkt sich die Galerie Gagosian in dieses Kunstsegment ein und lenkt damit die internationale Aufmerksamkeit von Kunstsammlern erneut auf diese Sammelgebiet. Im Frühjahr 2019 stellte die Gagosian Gallery unter anderem in New York Aboriginal Art aus der Sammlung von Steve Martin und seiner Frau Anne Stringfield aus, dazu Arbeiten aus der Kluge-Ruhe-Sammlung der Universität Virginia.

Und zur definitiven Anerkennung dieses Marktsegments kündigt Sotheby‘s New York für die prestigeprächtige November-Session erstmals eine Aboriginal Art-Auktion im „Headquarter“ in New York an. Bisher versteigerte Sotheby‘s dieses Sammelgebiet in Melbourne und London. Mit diesen Prämissen erhält die australische Kunstform ihr kommerzielles Adelsprädikat.

Mehr: Sammlung Klein: Lesen Sie hier über eine süddeutsche Privatsammlung, in der die Kunst Australiens eine wichtige Rolle spielt.

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