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Tapisserie Penelopes Farbenmeer

Zeitgenössische Künstler entdecken das uralte Handwerk der Webkunst. Ihren Bild-Erfindungen sind farblich und inhaltlich keine Grenzen gesetzt. Digitale High-Tech macht es möglich.
04.07.2011 - 17:57 Uhr Kommentieren
Craigie Horsfield.

Craigie Horsfield. "Above the road east toward Taibique, El Hierro", Tapisserie, 2008.

(Foto: Craigie Horsfield)

Venedig Die venezianische Stiftung Cini zeigt in Zusammenarbeit mit dem Madrider Atelier Factum Arte Wandteppiche von neun zeitgenössischen Künstlern. In der faszinierenden Schau entfalten die modernen Stücke einen spannenden Dialog mit antiken Exemplaren aus der hauseigenen Sammlung.

Penelope trennte nachts auf, was sie am Tage webte. Nur so konnte sie die Freier vertrösten, die sie während der Irrfahrt ihres Gatten Odysseus bedrängten. Auch das Leichentuch für ihren Schwiegervater Laertes sollte niemals fertig werden. Die gigantischen Wandteppiche zeitgenössischer Künstler aber wohl. Nur sind weder Marc Quinn noch Craigie Horsfield Penelope und sitzen am Webstuhl. Die Zeiten haben sich geändert. Vor allem seit Joseph-Marie Jacquard (1752- 1834) den „digitalen“ Webstuhl erfand.

Der erste digitale Datenträger war ein Webstuhl

1805 verwendete der französische Seidenweber erstmals die Lochkartentechnik. Damit machte er den erst 20 Jahre zuvor erfundenen Webstuhl zum ersten digitalen Datenträger. An die Stelle der Lochkarten sind heute Computer getreten, sie steuern die Platinen, die speziellen Haken, an denen die Hebeschnüre hängen. Aus dem Weberlatein in eine auch dem Laien verständliche Sprache übersetzt bedeutet das, dass dank des High Tech-Webstuhls Phantasie und Dimension der Teppiche keine Grenzen gesetzt sind.

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    Was die Weberei mit Kunst zu tun hat

    Die Frage drängt sich auf, was das mit Kunst zu tun hat. Sehr viel, denn die zeitgenössischen Gobelins rufen Emotionen hervor wie einst Raffaels Wandbehänge in der Sixtinischen Kappelle. Sie wurden übrigens auch nicht vom Maler der Renaissance selbst, sondern in der berühmten Brüssler Werkstatt von Pieter von Aelst gewebt. Die Flanders Tapestries in Wielsbeke machen es möglich, dass sich das Bild im Teppich, das Sujet, in vollendeter Form präsentiert. Das ist ein Geheimnis ihres Erfolgs.

    Marc Quinn,

    Marc Quinn, "Pixelation of the Hearth", Tapisserie, 2011.

    (Foto: Marc Quinn)

    Orchideen von surrealer Anmutung

    Ein schönes Beispiel geben die surreal anmutenden Orchideen von Mac Quinn,  „Pixelation of the Hearth“ ab. Sie rufen das antike Verdure-Teppichmuster in Erinnerung. Als Gedächtnisstütze hängt ihnen gegenüber ein Wandteppich mit großblättriger Musterung aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die hyperrealistischen Blüten des Briten entfalten ihre Blätter in der feurigen Glut der Materie; die Farben, die in den fotografischen Vorlagen seltsam künstlich und leblos wirken, gewinnen im Gewebe pulsierende Leuchtkraft und plastische Lebendigkeit. Für den Bildhauer Quinn ist der Bildteppich so etwas wie ein plastisch wirkendes Gemälde.

    Ein Meer von Farben

    Die geradezu mit den Händen zu greifende Farbqualität war auch mit ein Grund, weshalb Craigie Horsfield sich der Web-Kunst Penelopes zuwandte. Ihn störte der Kanteneffekt, den selbst die besten Druckverfahren der Fotokunst nur schwer vermeiden können. Anders der digitale Webstuhl. Er macht die Übergänge fließend. Winzige Webpunkte, die aus nächster Nähe nicht mehr als die Begegnung zweier Fäden – des Kett- und des Schussfadens – sind, formen ein Ganzes. Das Auge nimmt ein Meer von Farben wahr, die überzuschwappen scheinen. Sie dehnen sich unendlich aus als würden sie atmen.

    Craigie Horsfield,

    Craigie Horsfield, "At 99 Posse Concert. Via Gianturco, Napoli. Settembre 2008", Tapisserie, 2010.

    (Foto: Craigie Horsfield)

    Schwebende Menschenmenge in vollendeter Stille

    Zur gegenständlichen Illusion, in der das Dargestellte greifbar wird, gesellt sich die motorische Illusion. Wie im Zeitlupentempo ziehen die Wolken über Horsfields  Bilderteppiche; eine Menschenmenge scheint sich seltsam schwebend durch die Straßen von Neapel zu bewegen. Der Lärm fehlt. Das wunderbare dieser Werke ist in der Tat ihre Stille. Der Betrachter taucht scheinbar in eine gedämpfte, schalldichte Welt ein, in der der meiststrapazierte unserer Sinne einmal verschnaufen darf.

    Venedig, Isola di San Giorgio Maggiore, Bis 18 September 2011

    • Eva Clausen
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