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„The Beatles“ 50 Shades of White – das „White Album“ der Beatles feiert Jubiläum

Vor 50 Jahren erschien das legendäre „White Album“. Es sozialisierte auch Autor Peter Littger. Zum Jubiläum hat er es wieder auf den Plattenteller gelegt.
  • Peter Littger
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50 Shades of White: Das „White Album“ der Beatles feiert Jubiläum Quelle: dpa
„The Beatles“

Jubiläumsedition zum 50. Geburtstag des „White Album“.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Ich erinnere mich noch gut, wie mir vor vielen Jahren ein Schulfreund von einem schrecklichen Ereignis berichtete. Es war so schrecklich, dass selbst sein Vater total bestürzt war. Ein Mann war erschossen worden. In Amerika. Mitten auf der Straße. Ein Musiker, von einem Fan! Deine Eltern kennen ihn bestimmt: John Lennon.

Diesen Dschonnlännen nahm ich mit nach Hause. Kennt ihr den? Meine Eltern nahmen keinen Anteil an der Trauer. Aber ja, kennen wir. Einer von den Beatles. Yeah, yeah, yeah Musik.

Mein Vater besaß sogar eine Platte. Ein Doppelalbum, das sonderbar weiß war und lediglich die Prägung „The Beatles“ trug. Es war am 22. November 1968 erschienen und mit 30 Titeln umfassender als jedes andere. Mein Vater schenkte es mir.

Ich bin ihm bis heute dankbar dafür. Dass er das Album besaß, bedeutete aber nicht, dass er es hörte. Das wunderte mich. Wie konnte man das denn alles nicht hören wollen – immer und immer wieder? Diese Musik, die ganz anders klang als das, was ich bis dahin gehört hatte.

Mal schnell und mal langsam. Mal sehr schön, mal sehr krumm. Mal sehr laut und mal sehr leise. Und dazu die vielen Klänge und Geräusche, die gar keine Musik sind!

Der Autor ist Kolumnist („Der Denglische Patient“) und Bestseller-Autor. Soeben ist sein neues Buch „Lost in Trainstation – wir versteh'n nur Bahnhof“ erschienen. Twitter: @plittger; @fluentenglish
Peter Littger

Der Autor ist Kolumnist („Der Denglische Patient“) und Bestseller-Autor. Soeben ist sein neues Buch „Lost in Trainstation – wir versteh'n nur Bahnhof“ erschienen. Twitter: @plittger; @fluentenglish

Die Jetdüsen, die das allererste Lied „Back in the U.S.S.R“ zum Abheben bringen.

Das Cembalo im Schweinestall im Lied „Piggies“.

Die komischen Stimmen in „Ob-la-Di-Ob-la-Da“ und „The Continuing Story of Bungalow Bill“.

Das Leiern von Streichern am Ende von „Glass Onion“. Es klang wie wenige Jahre später die verlorenen Wetten im deutschen Fernsehen.

Das seltsame Kichern und Klatschen von Männern.

Die gedämpfte, brummelnde Stimme eines Mannes am Ende von „I‘m so tired“. Als Junge fragte ich mich, ob das vielleicht John Lennon war. Oder war er der Sänger, der mit den Vögeln bei „Blackbird“ im Baum zu sitzen schien?

Ganz besonders bannte mich das, was Musikkritiker als „Sound Collage im Stil von Karl-Heinz Stockhausen“ bezeichnet haben: das mehr als acht Minuten lange „Revolution 9“. Man hört das Klimpern und Klampfen von Instrumenten, das Lallen, Schreien und Kreischen von Menschen, die Chöre, ein Baby und einen Mann, der andauernd „Number Nine“ sagt.

Irgendetwas zwischen Himmel und Hölle

Wirklich unheimlich wurde er, wenn man das machte, was mir später ein Lehrer verriet: die Platte mit dem Finger rückwärts drehen. Dann sagte er „Turn me on, dead man.“

Wenn ich die zwei Vinylplatten der Beatles, die als „White Album“ in die Musikgeschichte eingegangen sind, heute höre und mich bemühe zu beschreiben, was ich wohl als junger Mensch hörte und fühlte, dann irgendetwas zwischen Himmel und Hölle. Die vier Männer, deren Porträtfotos aus dem Album purzelten, leben bei uns und auch woanders.

Sie können mit Menschen und mit Tieren sprechen. Sie kennen die komischen schwarzweißen Figuren aus der Vergangenheit, die ich in Westernfilmen gesehen hatte. Sie haben staubige ausgestopfte Tiere und riesige Sammlungen von Gegenständen, mit den sie Geräusche machen können. Sie kennen vielleicht den lieben Gott. Gut möglich, dass sie das alles im Weltall in einem Raumschiff aufgenommen haben. Und vor allem: Der tote John Lennon ist gar nicht tot. Mit jedem Hören wurde er lebendiger.

Heute ist es sehr leicht zu behaupten, dass Drogen im Spiel waren. Für mich war das ganze Erlebnis wie eine Einstiegsdroge.

Ich erinnere mich, dass ich vor manchen Passagen, die ich hörte, regelrecht Angst hatte. Zum Beispiel vor „Wild Honey Pie“, das ja wohl niemand als ein schönes Lied bezeichnen würde. Noch immer kann ich mir vorstellen, wie eine wild gewordene Horde von Gnomen ihre Gitarren malträtiert und dazu … plärrt.

Bei „Honey Pie“, einem hübschen Gassenhauer, der sich dem Ragtime-Stil zuordnen lässt, spüre ich noch immer die Verzückung, die ich auch damals verspürte. Es hatte irgendwas mit Liebe und Sehnsucht zu tun.

Und bei „Savoy Truffle“, dem einzigen Lied, in dem es wirklich um Kuchen geht, habe ich den Witz erst jetzt verstanden, nachdem ich mir noch einmal das mitgelieferte, überdimensionale Textblatt durchgelesen habe: Wer ständig süß isst, muss irgendwann leiden: „Cool cherry cream and a nice apple tart. I feel your taste all the time we‘re apart … But you‘ll have to have them all pulled out. After the Savoy Truffle …“

Liebe, Sehnsucht und ein einzigartiges Textblatt

Überhaupt – das Textblatt! Auf einer Seite zeigt es viele seltsame, große und kleine Bilder. Ein Mann mit blauem Gesicht. Stirbt er? Als Junge wollte ich wissen, ob das der Tote war. Oder war es der andere, der da halb eingetaucht in Badewasser lag?

Auf der anderen Seite Texte in einer anderen Sprache: Englisch! Sie beschäftigten mich früh und spornten mich an, meine Lieblingsfremdsprache zu lernen, über die ich heute Bücher und Kolumnen schreibe. Das war auch den vielen eingängigen Zeilen mit ihren schönen Wortspielen und -bildern geschuldet:

„Half of what I say is meaning-less“ („Julia“)
„The sun is up, the sky is blue, it‘s beautiful – and so are you.“ („Dear Prudence“)

„Blackbird is singing in the dead of night. Take these broken wings and learn to fly.“ („Blackbird“)

So wie ich langsam lernte, auf dem Klavier „Martha my Dear“ oder „While My Guitar Gently Weeps“ nachzuspielen, entwickelte ich den Ehrgeiz, ganze Texte zu rezitieren. Irgendwann war ich imstande, „Rocky Racoon“ aufzuführen. Trotzdem blieben viele Textstellen für lange Zeit ein Rätsel: „Why don’t we do it in the road? No one will be watching us!“ – mein heutiger Blues-Favorit auf dem Album. Andere Passagen lassen mich noch immer grübeln: „Everybody’s got something to hide except me and my monkey“.

Natürlich verstand ich nichts, als ich das „White Album“ zum ersten Mal mit sieben Jahren hörte. Doch eins wusste ich recht schnell: Um nicht immer um Erlaubnis bitten zu müssen, den Plattenspieler benutzen zu dürfen, wollte ich die Musik auf meinen Kassetten haben.

Also organisierte ich Aufnahmesessions, die dem Einsatz und der Gründlichkeit von George Martin wahrscheinlich um nichts nachstanden. Kassettenrekorder neben Audiobox. Psst, seid ihr bitte ruhig! Kommt ihr bitte nicht rein. Halt, Band zu Ende. Umdrehen. Neuer Schnitt …

George Martin war der Produzent und genau genommen der fünfte Beatle. Später hörte ich Interviews mit ihm und las darüber, wie er mit seinen Kniffen und Vorstellungen aus tausenden Bändern und Schnipseln die Beatles zu dem gemacht hat, was wir von ihnen hören.

Im Fall des weißen Albums hat Paul McCartney einmal erklärt, dass die Beatles viel weniger machen wollten, als zum Beispiel in die aufwendigen Aufnahmen für „Sgt. Pepper“ mit ihren großen Orchesterarrangements eingeflossen war. Diese Einfachheit lässt sich tatsächlich ahnen, wenn man die neu veröffentlichten „Esher Demos“ sämtlicher White Album-Lieder hört. Die Beatles hatten sie mit viel guter Laune und ein, zwei Gitarren aufgenommen.

In der Summe das Chaos des Lebens

Gleichzeitig litten sie während der Aufnahmen im Sommer 1968 bereits unter ihrem eigenen Zerfall. Über diesen Prozess ist viel geschrieben und spekuliert worden. Es war eine der große Widersprüchlichkeiten, die das Album ausdrückt: vier junge und stolze Persönlichkeiten, die aus ihrem künstlerischem Gruppenkern austreten, weil er ein künstlich geschaffener war, fliegen in Zeitlupe und unabhängig voneinander in Raum und Zeit – und zugleich gelingt ihnen die perfekte Kooperation.

Der Minimalismus der Verpackung und die Opulenz des Inhalts bildeten einen anziehenden Gegensatz. Die musikalische Vielfalt des White Albums hat mich von Anfang gefesselt. Sind das wirklich dieselben Musiker, die sieben, nein, sechs, nein, fünf Jahre zuvor „Love me do“ und „She loves you“ gesungen hatten? Wenn sie auch weniger wollten, am Ende lieferten sie mit „The Beatles“ viel mehr als 30 neue Lieder.

In ihrer Summe war es das große Chaos des Lebens. Die vielen zerzausten und ungeordneten Gefühle und Zweifel genauso wie die Glücksmomente unserer Existenz. Die fünf Beatles spielten damit, sie warfen damit um sich, und am Ende gelang es ihnen, alles in einem unvergesslichen Schweif zu bündeln: aus tausend dunkeln Partikeln und doch im perfekten Licht.

Für mich drückt sich dieser Aufbau nirgendwo besser aus als in der der letzten Minute von „Dear Prudence“: Der scheinbare Kontrollverlust über die Gitarre, ein Bass auf der Suche, ein Schlagzeug, das über seinen eigenen Takt zu stolpern droht und von Paul McCartney (!) an den Rand einer Explosion getrommelt wird, dazu ein hämmerndes Klavier – und am Schluss Höhepunkt und Niederkunft zugleich – die Wonne in einem Sonnenstrahl: „Let me see you smile!“

Die Trance dieses Augenblickes ist ein Höhepunkt, der nun seit 50 Jahren anhält. Ohne Zweifel der längste Orgasmus meines Lebens.

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