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Thomas Struth Ordnungsversuch im Chaos

In der Kunstsammlung NRW wird Thomas Struth in einer Einzelausstellung geehrt. Seine Fotografien erzielen Bestpreise. Die Ausstellung begibt sich auf die Spuren dieser besonderen Fotokunst.
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Thomas Struth: Bei

Thomas Struth: Bei "Tokamak Asdex Upgrade Interior 1" entdeckt der Besucher die Schönheit einer High-Tech-Anlage.

(Foto: © Kunstsammlung NRW)

DüsseldorfEs ist nur ein langer zarter Schössling. Aber Anette Kruszynski ist davon überzeugt, dass er der Schlüssel für Thomas Struths von Grün nur so strotzendem Dschungelbild mit der Nummer 9 ist. Die Kuratorin, die Struths Werkschau in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen betreut, erklärt auch warum. Der Trieb in der Mitte teile die Komposition in zwei Bereiche. Dadurch gruppiere sich wie von selbst das Laubwerk in Zonen, und hinter der Wand aus Blättern und Zweigen öffne sich die Aussicht in lichtere Bezirke. „Thomas Struth hat dem Chaos eine Ordnung verliehen“, bekräftigt Kruszynski noch einmal.

Der Künstler reagiert überrascht auf derart rigiden Ordnungswillen. Er steht vor seinem, 1999 fotografierten, über drei Meter breiten „Paradise 9“-Bild und betrachtet es wie ein Fremder, der es zum ersten Mal anschaut. Die Worte kommen dem fast schüchtern wirkenden Mittfünfziger nicht leicht über die Lippen. „Analytische Intentionen müssten eigentlich unweigerlich fehlschlagen“, meint er und versenkt seinen Blick noch einmal in das nicht enden wollende, sich bis in die kleinsten Details verästelnde Grün. Auf der gegenüberliegenden Wand entfaltet Struth das Gegenprogramm zum Unberechenbaren. Zu sehen sind die in viel kleinerem Format abgezogenen Schwarzweiß-Serien seiner Düsseldorfer und New Yorker Straßenbilder aus den späten siebziger Jahren.

Streng zentralperspektivisch geordnet, erzählen alle Bilddetails eine überprüfbare Geschichte: der hinfällig gewordene, offenbar noch aus der Vorkriegszeit stammende Straßenbelag ebenso wie der von der Luftverschmutzung schwarz gewordene Putz müder Fassaden.

Dem Publikum den Spiegel vorhalten

Es ist, als halte Struth seinem Publikum einen Spiegel vor. Seht her, wie eure Lebensweise der Umwelt ihren Stempel aufdrückt, scheint er uns zuzurufen. Damals studiert der Künstler noch bei Bernd und Hilla Becher, den Begründern der ersten Fotoklasse an der Kunstakademie Düsseldorf.

Die Düsseldorfer Ausstellung schlägt einen weiten Bogen. Er reicht vom 1976 einsetzenden Frühwerk, das den Blick des Betrachters mit der Unerbittlichkeit eines Diktators leitet, über die Serien der „Familienporträts“, „Kultstätten“ und „Museum Photographs“ bis hin zu den jüngsten Arbeiten über High-Tech-Anlagen; Bilder hermetisch abgeschlossener Systeme, die sich geradezu weigern, ihren Sinn und Ordnung preiszugeben.

Keineswegs will die etwas mehr als 100 Exponate umfassende Schau das Gesamtwerk abbilden. So fehlen zum Beispiel die Einzelporträts von Personen und Blumen, jene Arbeiten also, in denen Struth seinen Blick auf ein einzelnes Gegenüber gerichtet hat.

In Düsseldorf geschieht das Gegenteil. Es ist der Betrachter, der sich im Bild wiederfindet. Das kann nur funktionieren, weil Struth die Riesenformate der Zeit 1990 tief auf Augenhöhe hängt. Sie fordern förmlich dazu auf, „betreten“ oder mit dem Auge „durchwandert“ zu werden. So verlieren sie ihren überwältigenden Charakter.

Die Preise schossen nach oben, in der Spitze auf 1 Million Dollar

Bei Sammlern fällt Struths beharrliches Kreisen um den Akt des Sehens schon früh auf fruchtbaren Boden. Doch die Anfänge waren bescheiden. 50 Dollar wollte Struth 1978 für eine 30 x 40 cm große New Yorker Straßenszene in Schwarzweiß haben. Das war geradezu ein Schnäppchenpreis für jenen New Yorker Anwalt und zwei Freunde, die ihm im Rahmen einer Atelier-Schau am Big Apple gleich 18 Abzüge abkauften.

Der Münchener Galerist Rüdiger Schöttle, der 1980 Struths erste Einzelschau ausrichtete, erinnert sich an Preise unter 2.000 DM für die Architektur-Porträts des Beaugrenelle-Viertels in Paris (1979/80). Damals schon hat Struth eine Auflagenhöhe von 10 Exemplaren festgelegt. Die Standardgröße für Abzüge lag bei 66 x 84 cm, dem kleinsten Format, mit dem Struth auf den Markt ging.

Verschiedene Fotografien (2003) des Fotografen Thomas Struth in der Kunstsammlung NRW. Quelle: dpa

Verschiedene Fotografien (2003) des Fotografen Thomas Struth in der Kunstsammlung NRW.

(Foto: dpa)

Die Preise machen in den Achtzigern noch keine großen Sprünge. 3 000 DM veranschlagt der Kölner Galerist Max Hetzler für Struths Münster- und Tokyo-Porträts. Mit diesen noch in Schwarzweiß abgezogenen, kleinformatigen Städtebildern beginnt 1987 ihre Zusammenarbeit.

1990 wird alles anders. Struth ist auf Farbe und das große Format umgestiegen. Museen, Privatsammler und institutionelle Sammler werden auf ihn aufmerksam. Es ist der Beginn einer beachtlichen Preisentwicklung, die auf dem New Yorker Auktionsparkett im Herbst 2007 mit 1 Million Dollar in der Spitze ihren Zenit erreicht.

Dotcom-Millionäre sind es, die auf den internationalen Auktionen 1999/2000 für Rekordpreise für die Museumsbilder sorgen. Die Becher-Schule boomt damals, allen voran die Arbeiten von Struth und Gursky. Struth hat eine Zeit lang die Nase vorn. Die Taxen liegen etwa auf dem Niveau der Galeriepreise. 175.000 Dollar werden laut Artnet im Mai 2000 bei Sotheby’s für „Musée du Louvre 2“ (1989) bewilligt. In London klettert im Juni 2007 „National Museum of Art, Tokyo“ (1999) von geschätzten 440 000 bis 550 000 auf umgerechnet 910.000 Dollar.

Der Erfolg ruft die Dealer auf den Plan. Erfolgreiche Motive werden gehäuft eingeliefert. Dazu zählt der Rekordpreishalter seit November 2007, das Pantheon-Tableau, die Museums- und später die Dschungelbilder („Paradise“). Das Tempo, mit dem die „heiße Ware“ umgeschlagen wird, ist mitunter erstaunlich. Fünf Jahre zwischen Entstehungsjahr und Versteigerung sind gar nichts.

Einmal ist auch der Künstler unter den Käufern. Fast 100.000 Dollar muss Struth aufwenden, um bei Christie’s ein Exemplar aus der „Paradise 15 Yakushima, Japan“-Edition (1999) für sein eigenes Archiv zurückzukaufen (Nov. 2004). Aber es geht noch schneller. Höchstens drei Jahre brauchte das 1999 entstandene „Paradise 16, Yakushima/Japan“ bis es 2002 bei Christie’s eingeliefert wurde. Und das ist kein Einzelfall – bei diesem Aushängeschild der Düsseldorfer Fotoschule.
 

„Thomas Struth – Fotografien 1978 bis 2010“ 26. 2. bis 19.6., K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Weitere Stationen: London, Whitechapel Gallery (6.7.-16.9.); Porto, Museu de Serralves (14.10.-29.1.2012); Katalog: Schirmer/Mosel, 29,80, gebunden 58 Euro
www.kunstsammlung.de


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1 Kommentar zu "Thomas Struth: Ordnungsversuch im Chaos"

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  • Struth hat die Kamera zur richtigen Zeit auf die Objekte gerichtet, die sein, an den Kunstmarkt angepasstes Verhalten, bebildern. Waren es am Anfang Stadtaufnahmen von westdeutschen Städten, hat er, als alle von der Wiedervereinigung begeistert waren, gleich ein paar Fotos in Ostdeutschland gemacht. War dann schnell in Asien, photographierte noch ein Paar Blümchen, denn die kommen doch immer gut an, und machte Schnappschüsse von Leuten, die ihm den Weg nach Oben erleichterten. Seine Museumsphotos haben alle Kunsthistoriker begeistert und gleichzeitig kritiklos gemacht. Struths 'Arbeit' besteht darin, immer zur richtigen Zeit, die richtigen Freunde zu haben und die richtigen Kunsthändler: die Dinge im und für das System 'richtig' zu machen. Zur rechten Zeit zu heiraten, zur rechten Zeit von Düsseldorf nach New York und dann nach Berlin zu ziehen. Sein angepaßtes Verhalten, mit Abitur und Studium, auf das Eltern stolz sein können und auch den internationalen Kunsthandel nicht stört, wird belohnt. Eine eigene Position, wie wieder in den neuen Industrieaufnahmen deutlich sichtbar, hat Struth nie eingenommen. Wie könnte er auch. Er hat nie sein eigenes Leben gelebt, eigene unverwechselbare Erfahrungen gesucht. Oder eine eigenständige Position eingenommen. Er hat sich angepasst. Seine Fotos machen das sichtbar. Die Motive sind beliebig, auswechselbar, vergleichbar mit Fotos die Werbeagenturen benutzen und haben mit Kunst nichts zu tun. Auch wenn seine Fotos in Kunstmuseen gezeigt werden, ist Struth kein Künstler. Da half auch der revolutionäre Rauschebart nicht, den er sich extra für die Eröffnung in Düsseldorf hatte wachsen lassen. Seine Aufnahmen, wenn auch nicht digital bearbeitet, haben kein Rückgrat. Struth hat keine Haltung. So wird man heute erfolgreich. Vor langer Zeit schrieb Goethe: 'Man muss erst jemand sein, bevor man etwas tun kann'.