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Über das possierliche Treiben in der fünften Jahreszeit Gefährlich für nicht fluchtfähige Weibchen

Humor ist nach sprichwörtlicher Weisheit bekanntlich jener Geisteszustand, der den Menschen in die Lage versetzt, ungeachtet widersprüchlicher Erkenntnisse die Mundwinkel aus der Merkel-Position zu erheben und im Zusammenspiel mit anderen Muskelgruppen im Gesicht den Eindruck von ungeahnter Belustigung zu erzeugen.
  • Hans Hoff
Am 11.11. beginnt die närrische Jahreszeit.

Am 11.11. beginnt die närrische Jahreszeit.

Wissenschaftler ordnen solches Verhalten dem Bereich der spontanen Trotzreaktionen zu, was die Spezies Mensch intellektuell eindeutig über den Schabracken-Tapir oder jede durchschnittliche Spulwurmart erhebt.

Allerdings fehlen noch Studien über den Zufriedenheitsgrad der erwähnten Tierarten in jener Zeit, die der Homo Sapiens landläufig wahlweise als Karneval oder Fastnacht kategorisiert und die vom 11. November eines Jahres bis ins frühe Frühjahr des folgenden dauert.

Bislang ist lediglich bekannt, dass beispielsweise dem Schabracken-Tapir die fünfte Jahreszeit und mithin auch das sich parallel verändernde Lustigkeitsverhalten der Rhein und Main nahe stehenden Personen ziemlich am Rüssel vorbeigeht. Auch vom Spulwurm sind keinerlei abfälligen Bemerkungen über karnevalistischen Humor bekannt.

Das mag daran liegen, dass sich das Hörvermögen des gemeinen Spulwurms arg in Grenzen hält und er allenfalls als Gast eines ihn beherbergenden Zellhaufens humaner Art gezwungen ist, Karnevalssitzungen zu besuchen. Man darf den Spulwurm also ob seiner Schwerhörigkeit getrost beneiden, denn ihm bleibt so einiges erspart.

Beispielsweise wird das Spulwurm-Weibchen bei der Eiablage (bis zu 200 000 Stück am Tag) nie Gags von Bernd Stelter oder Guido Cantz hören müssen, jenen humoristischen Herrenwitz-Triebtätern also, die in der Lage sind, aus Spießertum und akuter Verklemmtheit jede Menge schlechte Gags zu destillieren und diese auch noch derart untalentiert zu verkaufen, dass jedem halbwegs sensiblen Menschen die Aussicht auf eine Nacht im Käfig eines ausgehungerten Leoparden dagegen durchaus verlockend erscheint.

Wie das funktioniert, hat Bernd Stelter, der Dicke vom Dienst aus Rudi Carrells RTL-Seniorenshow „7 Tage, 7 Köpfe“, in der vergangenen Session bereits mit einem simplen Refrain bewiesen, der die humoristische Anspruchslosigkeit des durchschnittlichen Narren ziemlich perfekt auf den Punkt brachte.

Er war es, der vorgab, der schunkelnden Masse Weisheit zu verabreichen, als er per Gassenhauer verkündete „Ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, Mahatma Ghandi“, was nicht wenige dazu brachte, sich umgehend als mentale Inder zu fühlen. Karneval bewegt im Inneren mancher Menschen eben mehr, als es ein Spulwurm je könnte. Schließlich gilt die Jahreszeit im Westen traditionell als eine der gepflegt geplanten Aufgeregtheit überlassene Lebensphase. Wogegen der Rest der Republik breitflächig über seine entfesselten Mitbürger staunt, die immer wieder grölen: „Da simmer dabei, dat is priiima...“

In dieser Zeit kann man besonders das straff organisierte Karnevalisten-Männchen gut erkennen. Es zeigt sich ab dem 11. November gerne mit einem zwischen Grau und Blau changierenden Oberkleid, das von goldenen Knöpfen in Zweierreihen fest über einer extrem voluminösen Bauchwulst gehalten wird.

Oben ragt ein meist beschnäuztes Köpfchen raus, das stets ein bisschen so aussieht, als schäme sich das Wesen seines Daseins, denn das Köpfchen schimmert allgemein in einer Art Schweinchenrosa und kann in Erregungszuständen auch schon mal ein sattes Puterrot annehmen.

Geschützt wird die ursprünglich blasse Kopfhaut von einer Art hoch aufstehendem Kamm, mit dem die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Revier und zu einer bestimmten Herde markiert wird.

Früh am Morgen kommt man diesen Männchen besser nicht zu nahe, denn dann können sie extrem ungenießbar sein, was damit zu tun hat, dass im Laufe des Tages genau wieder das eintritt, was den Morgen danach zur Qual macht.

Gegen Mittag geht es etwas besser, weil sich das Männchen dann wieder zur Tränke traut. Hernach transpiriert es zusehends, aber dafür bessert sich seine Laune immer mehr und mündet gegen Abend in eine Art Zutraulichkeit, die man am Morgen noch nicht vermutet hätte.

Das liegt offenbar, die Forschung ist sich da noch nicht vollends sicher, an einem Verhaltenskodex, der die Männchen in größeren Gruppen zusammenführt.

Fortan trinken besonders die Vertreter der im Rheinland anzutreffenden Spezies viel dünnflüssig bräunlichen Brei, was dazu führt, dass sie nach kurzer Zeit alles, aber auch wirklich alles witzig finden und dies nach Animation durch Tataa-Tataa-Tataa-Fanfaren durch dreimaliges Wiederholen zweisilbiger Codewörter wie „helau“ oder „alaaf“ auch lauthals kundtun.

Da kann jemand einen Pups lassen, es wird garantiert gegackert. Sollte man sich noch fragen, wie wohl der Himmel für suboptimal talentierte Komödianten und Witzereißer aussieht, schaue man sich nur einmal dieses possierliche Treiben an.

Parallel zur Entwicklung der Gackerneigung lässt mit zunehmender Stunde und ebensolchem Promillepegel allerdings die Standkraft nach, was sich dadurch zeigt, dass die Mehrheit der Anwesenden zunehmend hin und her wankt. Dies wird jedoch nicht als Mangel an Gleichgewichtssinn erkannt.

Vielmehr wird das Schwanken ritualisiert und im Sitzen als „fröhliches Schunkeln“ ausgegeben. Vergrößert wird diese ritualisierte Stabilitätsstörung dadurch, dass sich die Karnevalisten gegenseitig schwere Metallgewichte um den meist stiernackigen Hals legen, was nach einiger Zeit einen aufrechten Gang gänzlich unmöglich macht.

Meist fällt in diese vorangeschrittene Tageszeit auch eine Veränderung des Blickverhaltens. Die Augen rollen wild in den Höhlen, es wird noch mehr geschwitzt. Langsam lösen sich auch die goldenen Knöpfe und geben den Blick frei auf dringlich gegen wehrlosen Stoff drückende Körperwülste.

Ab diesem Moment wird es gefährlich für alle nicht fluchtfähigen Weibchen, die nunmehr lediglich noch als Paarungsobjekt eingestuft und entsprechend behandelt werden. Allerdings sind die Männchen in der Regel nur für die Jagd über extreme Kurzstrecken gebaut, weshalb sie meist schnell erfolglos vom Opfer ablassen.

Irgendwann spät in der Nacht torkelt das aufgelöste Wesen dann zurück in seinen Bau, wo das bei den Jungen zurückgebliebene Weibchen mit ausführlichen Erzählungen aller geleisteten Heldentaten versorgt wird.

Das alles wiederholt sich in den kommenden Wochen in immer kürzerer Frequenz so oft, bis das Männchen zur höllenroten Topform aufgelaufen ist, bis ihm die Äderchen aus der Gesichtshaut zu fliehen drohen und der Hals unter der einem Kleinwagen ähnelnden Metalllast gefährlich gebeugt bleibt.

Doch da nach eiserner Karnevalsregel alles außer der Wurst und dem Spulwurm ein Ende hat, findet auch das närrische Treiben irgendwann zum Schluss. Kurz nach dem Höhepunkt im Frühjahr verschwinden fast alle Männchen von der Bildfläche, und wenn man trotzdem mal eines antrifft, dann ist es meist extrem grantig, angriffslustig und hinterhältig.

Das, liebe Naturfreunde, hat natürlich einen Grund. Schließlich ist nur einmal im Jahr Karneval.

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