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Unterbewertete Sammelgebiete Teil 2 Kunstmarkt: Investieren gegen den Strom

Wer mit kleinerem Einsatz sammeln möchte, sollte klug wählen: Werke, die nicht in Mode sind, aber kunsthistorische Bedeutung haben.
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Das scherenschnittartige Bild erzielte im Juni 395.250 Pfund. Quelle: Christie's
Kara Walker „Four Idioms of Negro Art“

Das scherenschnittartige Bild erzielte im Juni 395.250 Pfund.

(Foto: Christie's)

Der Markt für moderne und zeitgenössische Kunst wird vom Mainstream regiert. Es sind immer wieder dieselben als Markennamen gehandelten Künstler, die in ambitionierte Privatsammlungen von Amerika, Europa und Asien wandern. Doch auf Auktionen und Messen erscheinen immer wieder Werke von Künstlern, die eine rasante Marktkarriere durchlaufen, diese noch vor sich haben oder temporär unterbewertet sind.

Die Preisentwicklung des ersten Halbjahrs 2019 zeigt einen dramatischen Aufschwung für die Werke amerikanischer Malerinnen. Zu Joan Mitchell (12,2 Millionen Dollar) und Helen Frankenthaler (11,6 Millionen Dollar), die erst seit wenigen Jahren Preismillionärinnen sind, ist jetzt Lee Krasner getreten. Ihr 1960 datiertes Gemälde „The Eye is the First Circle“ im Stil von Pollock erlöste im Mai bei Sotheby’s 11,6 Millionen Dollar.

Powerfrau der neuen Figuration

Diese Protagonistinnen des Abstrakten Expressionismus werden Schritt für Schritt eingeholt von jüngeren Künstlerinnen, deren Werke eine starke malerische Wirkung haben. Die Amerikanerin Cecily Brown hebt mit ihren anfänglich an Willem de Kooning gemahnenden Ölbildern die Grenze zwischen Abstraktion und Figuration auf.

Die Britin Dana Schutz etabliert sich immer stärker als Powerfrau der neuen Figuration. 3,6 Millionen und 2,4 Millionen Dollar erlösten ihre Werke, die in Deutschland von der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts vertreten werden, in den New Yorker Mai-Auktionen 2019.

Seit James Kerry Marshalls Picknickszene „Past Times“ im Mai 2018 bei Sotheby’s unerhörte 21 Millionen Dollar kostete, sind die bis dato unterbewerteten afroamerikanischen Künstler zu rasanten Aufsteigern geworden. Über 2 Millionen Dollar bringen die Bilder des von der „New York Times“ als Vater der Abstraktion gefeierten Jack Whitten, der erst in seinen letzten Lebensjahren die verdiente Anerkennung fand. Eine Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin feiert bis 1. September die subtile Spannbreite seines Werks.

Auch die Preise einschlägiger Malerinnen sind unaufhaltsam im Aufwind. Von Kara Walker, die mit lebensgroßen Scherenschnittszenen bekannt geworden ist, hat ein blau-schwarzes Bild im Juni bei Christie’s 395.000 Pfund erlöst, und der Rekordpreis von 371.000 Pfund wurde in derselben Auktion für die erst 2015 entstandene, auf 40.000 bis 60.000 Pfund geschätzte Öl-Collage „Out of Body“ geboten.

Solche Werke sind das neue Investitionsfutter, das sich als ästhetische Gegenströmung zur amerikanischen Leitkultur durchsetzt. Wer auf die jüngere amerikanische Kunstgeschichte zurückblickt, wird genug Namen finden, die im Pantheon der Erstrangigen unterbewertet sind.

Für 1,8 Millionen Dollar versteigert. Meist sind seine Abstraktionen wesentlich wohlfeiler. Quelle: Hans Hofmann/VG-Bildkunst, Bonn 2019
Hans Hofmann „Setting Sun“

Für 1,8 Millionen Dollar versteigert. Meist sind seine Abstraktionen wesentlich wohlfeiler.

(Foto: Hans Hofmann/VG-Bildkunst, Bonn 2019)

Allen voran Hans Hoffmann, einer der Veteranen der amerikanischen Abstraktion, von dem manche Bilder in den New Yorker Auktionen zurückgehen. Das Großformat „Setting Sun“, das im Mai bei Sotheby’s für 1,8 Millionen Dollar unter den Hammer kam, ist eine der rühmlichen Ausnahmen. Zu den Protagonisten der Sechziger- und Siebzigerjahre gehören auch die Farbfeldmaler Morris Louis, Kenneth Noland und Ad Reinhardt, von denen substanzielle Werke noch unter 1 Million Dollar zu haben sind.
Von den amerikanischen Realisten ist Philip Pearlstein, von dem ein Aktbild jüngst für bescheidene 62.500 Dollar zugeschlagen wurde, zu den unterschätzten Malern.

Gleiches gilt für den hyperrealistischen Bildhauer John de Andrea, dessen lebensgroße „Eileen“ mit der Sammlung Nahon in Paris für 81.250 Pfund versteigert wurde. Um bei der Skulptur zu bleiben: Die Franzosen Arman und César, Hauptvertreter des in den 1960er- und 1970er-Jahren kultigen Nouveau Réalisme, gehören zu den Bildhauern mit umfangreichem Werk, von dem das meiste zu Preisen deutlich unter 100.000 Euro zu haben ist.

Neue Chancen bei Emil Nolde

Wenn wir die deutsche Kunst ins Auge fassen, ist vor allem ein Name herauszuheben, der im oberen Preissegment immer noch nicht die volle Anerkennung gefunden hat, die er international verdient: Willi Baumeister. Hier sind Werke mittleren Formats und verschiedener Perioden unter 500.000 Euro zu haben. Was ist das gegen die Preise etwa der zur zweiten École de Paris zählenden Abstrakten Nicolas de Stael, M.H. Vieira da Silva und Zao Wou-Ki, die nicht nur in französischen Auktionen Millionenerlöse bringen?

Zurzeit deutlich unterbewertet ist die Graphik des deutschen Expressionismus, vor allem die Blätter in Schwarzweiß. Sie sind kunsthistorisch gesehen die druckgraphische Essenz dieser Epoche der Neuerung. Es ist schon eine Marktmalaise, wenn in der letzten Juliauktion von Lempertz Ernst Ludwig Kirchners eminent seltener Holzschnitt „Sanatoriumsspaziergang“ von 1916 nicht mehr als 12.400 Euro realisierte. Frühe Blätter von Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff sind unter 10.000 Euro zu erwerben, und auch bei Emil Nolde manifestiert sich parallel zu den jetzt selektiv aufgenommenen Aquarellen eine gewisse Graphikabstinenz. Selbst die charismatischen Farblithographien aus Otto Muellers „Zigeuner“-Mappe, die mit 30.000 Euro nicht überbewertet sind, gehen in den Auktionen reihenweise zurück.

Im Schatten von Andy Warhol

Selbst das graphische Werk von Max Beckmann und Käthe Kollwitz bietet, sofern es sich nicht um Zustandsdrucke handelt, eine breite Möglichkeit, bei vierstelligen Preisen einzusteigen. In der zeitgenössischen Graphik steht, um nur einen prominenten Namen zu nennen, Jasper Johns mit seinen Lithographien im Schatten von Andy Warhol, von dem fast alles zu Top-Preisen geht. Ein Paradebeispiel der Warhol-Manie ist die im Juni bei Ketterer für 231.000 Euro zugeschlagene Serie der vier Serigraphien mit Goethe-Kopf.

Auch im breiten Marktfeld des Kunstgewerbes gibt es eine Fülle unterbewerteter Sparten. Die Museen halten sich hier mit Ausstellungen zurück, und an den kunsthistorischen Instituten gibt es kaum noch Spezialisten, die Kennerschaft fördern. Auch die Auktionsriesen haben sich partiell aus diesem Gebiet zurückgezogen, das mit seinen musealen Spitzen in den Crossover-Auktionen „Treasures“ (Sotheby’s) oder „The Exceptional Sale“ (Christie’s) noch im Blickpunkt steht, aber immer mehr in mehrtägige Onlineauktionen abgeschoben wird, die weniger Expertise fordern.

sind oft teuer. Doch Miniaturmalerei gibt es schon für unter 1.000 Euro. Abgebildet ist eine Dose, die Jean-Louis Richter für Rémond, Lamy & Co. aus Genf zu Beginn des 19. Jahrhunderts bemalte. Quelle: Sotheby's
Goldemaildose

sind oft teuer. Doch Miniaturmalerei gibt es schon für unter 1.000 Euro. Abgebildet ist eine Dose, die Jean-Louis Richter für Rémond, Lamy & Co. aus Genf zu Beginn des 19. Jahrhunderts bemalte.

(Foto: Sotheby's)

Das geschah zum Beispiel jüngst mit einer normal bestückten Meissen-Sammlung, die im Juli bei Christie’s für 100.000 Pfund versteigert wurde, während in der gemischten Prestigeauktion des Hauses das weiße Kaendler-Modell einer Henne mit Küken von 1732 allein schon 462.000 Pfund erlöste. Es sieht zurzeit fast so aus, als ob die europäischen Auktionshäuser mehr auf Kleider, Handtaschen, Accessoires als auf das klassische Kunstgewerbe setzen, um neue Käufer zu erreichen.

Bei Meissen sind es nach wie vor die frühen Manufakturstücke, die hohe Preise erzielen – wenn auch nicht mehr ganz so hohe wie noch vor zehn Jahren. Bei der Königlichen Porzellan Manufaktur in Berlin ist es umgekehrt: Die klassizistischen, aufwendig bemalten und vergoldeten Exemplare sind Trumpf, und frühe, selbst aus den königlichen Servicen stammende Formstücke sind unterbewertet. Wer jetzt mit vier- bis niedrig fünfstelligem Einsatz gegen den Strom sammelt, wird es nicht bereuen, denn der Manufaktur-Ausstoß der 1760er- und 1770er-Jahre ist wesentlich geringer als der aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Mit dem steigenden Goldpreis gewinnen auch Preziosen, die in diesem Material gearbeitet sind, einen neuen Marktstatus, allen voran die superb gearbeiteten Goldemaildosen Genfer Juweliere um 1800. Im Mai fand bei Sotheby’s eine Spezialauktion statt, in der die Schätzungen für besonders schöne Exemplare bei 6.000 bis 15.000 Euro lagen. Sie wurden spielend überboten. Teuerstes Los wurde eine Schnupftabaksdose der Juweliere Guidon, Gide & Blondet fils von 1801 mit dem Emailbild der Luna im Himmelswagen. Gegenüber diesen Vitrinenstücken sind die Preise für Porträtminiaturen – ein Sachgebiet der Feinmalerei, das immer mehr Sammler findet – noch absolut moderat. In den deutschen Auktionen liegen die meisten Zuschläge unter 1.000 Euro.

Es gibt auch Hoffnung. Seit einem Jahrzehnt wird in Londoner „Interior Sales“, in Messen und im Kunsthandel das Crossover gepflegt. Selbst eingefleischte Sammler zeitgenössischer Kunst lassen sich von einem italienischen Goldgrundbild des 14. Jahrhunderts begeistern.

Das Auge will gefordert werden

Im Dezember 2018 überraschte Christie’s mit der Mitteilung, dass das Tafelbild „Die niederländischen Sprichwörter“ von Pieter Brueghel dem Jüngeren, das aus einer vorwiegend der Kunst des 20. Jahrhunderts verpflichteten Sammlung kam und 6,3 Millionen Pfund erlöste, eine starke Anziehungskraft auf Käufer der Gegenwartskunst hatte.

Die gleichzeitige Präsentation vermeintlich inkompatibler Stücke kann eine Lösung sein, die Augen öffnet. Sie kann intensiviert werden. Frühe chinesische Kunst wie die Jadescheiben der Liangzhu-Kultur (3400 bis 2000 v. Chr.), die auf der letzten Maastrichter Messe für 20.000 bis 30.000 Euro angeboten wurden, oder ein römischer Marmortorso aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert für 200.000 Euro fremdeln in keiner Kollektion moderner oder zeitgenössischer Kunst. Das Auge will gefordert werden, was meist auf faszinierende Weise mit der Vereinbarkeit des Unvereinbaren gelingt.

Mehr: Teil1 der Serie „Unterbewertete Sammelgebiete“: Lesen Sie hier, welche Altmeistergemälde und japanischen Farbholzschnitte noch erschwinglich sind.

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