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Verfemte Kunst Erinnerungsort der Superlative

Die Sammlung „Memoria“ ist Künstlern gewidmet, die Deutschland während der Naziherrschaft verlassen mussten. Nun soll sie in Bonn ein eigenes Museum erhalten.
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Ruth Cahn, geboren 1875, wandert im Alter von 60 Jahren nach Chile aus, kehrt 1953 zurück nach Europa. Sie stirbt in Frankfurt 1961. Quelle: Sammlung „Memoria“ Thomas B. Schumann (Foto: ©Peter-Paul Pisters
Ruth Cahn "Mädchen mit roter Jacke"

Ruth Cahn, geboren 1875, wandert im Alter von 60 Jahren nach Chile aus, kehrt 1953 zurück nach Europa. Sie stirbt in Frankfurt 1961.

(Foto: Sammlung „Memoria“ Thomas B. Schumann (Foto: ©Peter-Paul Pisters)

Bonn Der Aderlass ist bis heute beispiellos. Weil sie Juden waren, politisch anders dachten oder künstlerisch nonkonformistische Wege gingen, mussten Zehntausende Kulturschaffende aller Disziplinen nach Hitlers Machtergreifung ins Exil fliehen, um zu überleben; unter ihnen einige Hundert Künstler. Sie fristeten im Ausland ein nicht selten erbärmliches Dasein. Namen wie Oskar Kokoschka, George Grosz oder Max Beckmann sind geläufig. Doch die meisten kennt man nicht. Sie verschwanden aus dem Sichtfeld oder fanden nach dem Krieg keinen Anschluss mehr.

Was die Verschollenen vor, während und nach der Zeit ihres Exils schufen, kann zurzeit im Mittelrhein Museum in Koblenz an 170 Beispielen besichtigt werden. Zusammengetragen hat die beeindruckende Sammlung der Kölner Exilliteratur-Verleger Thomas B. Schumann in den letzten 20 Jahren. Nun sucht er für die mittlerweile über 750 Werke umfassende Kollektion „Memoria“ ein Domizil in Bonn, das auch seine 50.000 Bücher, einschließlich mehrerer kompletter Emigrantennachlässe aufnehmen soll.

Auftakt zur Museumsgründung

Der Koblenzer Übersichtsausstellung vorausgegangen war eine improvisierte kleine Schau im Bonner „Dialograum Kreuzung an St. Helena“ im Frühjahr. Sie war der Auftakt zur Gründung eines „Museums des Exils“ in Bonn, das Schumann am liebsten in einem repräsentativen, denkmalgeschützten Gebäude angesiedelt sehen würde, bevorzugt in kommunaler Hand. Ausstellungen, Veranstaltungen und ein Archiv sollen hier ihren Platz finden. Es geht Schumann aber auch darum, in Bonn einen Ort des Gedenkens zu etablieren.

Von einem „Erinnerungswert der Superlative“ sprach die neue Kulturdezernentin der Stadt Bonn, Birgit Schneider-Bönninger, im Rahmen der Bonner Eröffnung. Der Medienhistoriker Rolf Sachsse erinnerte in seinem „Plädoyer für ein Exilmuseum in Bonn“ an die Diskussion um ein Holocaust-Denkmal in Bonn im Jahr 1983. Bundeskanzler Kohl setzte damals dagegen das Haus der Geschichte durch. Als mögliches erstes Schaufenster für die Sammlung „Memoria“ brachte Sachsse das dem Haus der Geschichte gegenüberliegende ehemalige Institut für Auslandsbeziehungen ins Spiel.

Das Bonner Museum des Exils wäre nicht das erste und einzige in Deutschland mit einer spezialisierten Sammlung. In Solingen gibt es unter dem Dach des Kunstmuseums das „Zentrum für verfolgte Künste“ mit der Kunstsammlung Gerhard Schneider als Schwerpunkt. Allerdings beschränkt sich das Zentrum nicht allein auf Künstler, die ins Exil gingen, sondern widmet sich auch denjenigen, die in die „innere Emigration“ gingen wie etwa Georg Netzband, Otto Pankok oder Georg Meistermann. „Da wir uns im Wesentlichen auf den Zeitraum 1914 bis 1989 beziehen, ist auch die DDR als zweite Diktatur auf deutschem Boden ein Thema“, erläutert Museumsleiter Rolf Jessewitsch auf Nachfrage.

Der Maler stirbt nach Zwangsarbeit im KZ. Abgebildet ist eine Gouache und Farbkreide-Arbeit aus den 1920er-Jahren. Quelle: Sammlung „Memoria Thomas B. Schumann“
Arno Nadel „Männerkopf“

Der Maler stirbt nach Zwangsarbeit im KZ. Abgebildet ist eine Gouache und Farbkreide-Arbeit aus den 1920er-Jahren.

(Foto: Sammlung „Memoria Thomas B. Schumann“)

Eines der größten Exil-Archive zu Kunst und Literatur im deutschsprachigen Raum beherbergt die Akademie der Künste zu Berlin. Hier werden über 300 Nachlässe und Sammlungen über emigrierte Künstler während der NS-Zeit bewahrt. Das Thema Vertreibung, Flucht und Exil spiegelt sich auch in der Sammlung des Jüdischen Museums in Berlin. Als Schaufenster und Informationspool aller institutionellen Initiativen fungiert die von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Website „Künste im Exil“.

Noch in den Anfängen befindet sich das Projekt „Exilmuseum Berlin“ der Stiftung Exilmuseum Berlin. Es verfügt noch nicht über eine nennenswerte Sammlung, dafür aber über viel Geld, da der Gründer der Grisebach-Auktionen, Bernd Schultz, ihm im vergangenen Herbst den millionenschweren Versteigerungserlös seiner Privatsammlung zugutekommen ließ. Als Schaufenster und Informationspool aller institutionellen Initiativen fungiert die von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Website „Künste im Exil“.

Jacobi emigrierte 1934 in die USA, weil er sich geweigert hatte, aus seiner Malschule jüdische Schülerinnen zu entlassen. Quelle: Sammlung „Memoria Thomas B. Schumann“
Rudolf Jacobi „Fischerhütten am Fluss“

Jacobi emigrierte 1934 in die USA, weil er sich geweigert hatte, aus seiner Malschule jüdische Schülerinnen zu entlassen.

(Foto: Sammlung „Memoria Thomas B. Schumann“)

„Ganz bewusst“ sei das Projekt „nicht als eine vorrangig sammelnde Initiative entstanden“, lässt Gründungsdirektor Christoph Stölzl auf Nachfrage verlauten. Man wolle für Ausstellungen Leihgaben von befreundeten Sammlungen erbitten. „Unser Hauptanliegen ist es, in der deutschen Hauptstadt an einem hochsymbolischen Ort, dem Anhalter Bahnhof, einen weithin ausstrahlenden Ort zu schaffen, an dem das Thema Flucht und Exil einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht wird“, ergänzt der Historiker. Die Sammlungs-Arbeit von Thomas Schumann würdigt er als „höchst verdienstvoll“. Er habe viele unbekannte Künstlerpersönlichkeiten wiederentdeckt und auf breiter Grundlage Dokumente gesammelt.

Die Aussichten für das Bonner Projekt, das in der Schriftstellerin Herta Müller und dem Schauspieler Mario Adorf prominente Unterstützer fand, sind vielversprechend. Denn es ist nicht irgendein Museum, das den annähernd 8.000 Museen in Deutschland hinzugefügt werden soll. Es geht eben auch um die von Schumann so formulierte Hoffnung auf eine „geisteskulturelle Wiedergutmachung“, nachdem die Nachkriegsgesellschaft diesen Teil ihrer Geschichte einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollte und dem Vergessen überließ.

Für Thomas Schumann ist die Finanzierung zurzeit kein Thema. Darin unterscheidet er sich von Alfred und Elisabeth Hoh, die 2008 ihre Kunstsammlung mit vergessenen Meistern der Avantgarde bei Christie’s in London versteigern ließen. Die Stadt Fürth, die sich Hoffnungen gemacht hatte, konnte damals das Geld nicht aufbringen. Schumann verfolgt keine kommerziellen Interessen, aber eines wäre für ihn unerlässlich: Er möchte sich weiter um die Sammlung kümmern und braucht dafür ein Büro.

„Deutsche Künstler im Exil 1933 – 1945. Werke aus der Sammlung Memoria von Thomas B. Schumann“, bis 29.9. im Mittelrhein-Museum Koblenz.

Mehr: Kunstsammler Bernd Schultz plant ein Museum für von den Nazis verjagte Künstler. Lesen Sie hier über die besonderen Umstände.

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