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Verhüllungskünstler Der Mann, der die Welt verpackte: Christo ist gestorben

Der Aktionskünstler Christo ist im Alter von 84 Jahren in New York verstorben. Die Schönheit seiner Werke hat Millionen von Menschen fasziniert.
31.05.2020 Update: 01.06.2020 - 13:53 Uhr Kommentieren

Verhüllungskünstler Christo ist gestorben

Düsseldorf Christo hat Kunstgeschichte geschrieben. Statt mit Farbe und Pinsel hat er die Städte und Landschaften durch leuchtende Textilbahnen verändert und die Betrachter bezaubert. „Er träumte nicht nur von Dingen, die unmöglich schienen, sondern verwirklichte sie auch“, sagte ein Studiomitarbeiter, als er am Montag den Tod des großen Künstlers in New York bestätigte. 84 Jahre wurde der Künstler, der mit der Schönheit seiner in abstrakte Objekte verwandelten Gebäude und Landschaften Millionen von Menschen auf der ganzen Welt faszinierte.

Christo, als Christo Javacheff 1935 in Bulgarien geboren, war ein zierlicher, gertenschlanker Mann. Unscheinbar, ohne jegliche Starallüren, die ihm zumindest seit den 1980er-Jahren durchaus zugestanden hätten. Denn er hat mit seinen monumentalen Umhüllungen Natur und Politik zum Gesprächsstoff für die breite Masse gemacht.

Nie waren Inseln schöner, als wenn er sie mit pinken oder gelben Stoffbahnen umrundet hat wie im italienischen Iseo-See in der Lombardei („Floating Piers“). Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble würdigte Christo als „Ausnahmekünstler“. „Seine Kunst schärfte unsere Sinne. Er verbarg mit seinen Verhüllungen oft das Gewöhnliche und machte so das Außergewöhnliche sichtbar“, sagte Schäuble.

Unvergessen ist der „Verhüllte Reichstag“, der Deutschland 1995 ein erstes Sommermärchen bescherte. Denn seine Bedeutung als Parlamentsgebäude für das wiedervereinte Deutschland war noch nicht erkennbar, als Christo über zwanzig Jahre zuvor mit seinen Planungen begonnen hatte.

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    Damals war der funktionslose Reichstag Symbol eines geteilten Landes. Im desaströsen Zweiten Weltkrieg hatte er seine Kuppel eingebüßt. Als der Gebäudekoloss dann aber unter Christos speziellem, silbern schimmerndem Textilgewebe verschwunden war, veränderte er die ganze Atmosphäre um das Gelände im inzwischen wiedervereinten Deutschland grundlegend.

    1995 ließ Christo den Reichstag verhüllen – hier rollen Gewerbekletterer die Planen ab. Quelle: dpa
    Kletterer verhüllen Reichstag

    1995 ließ Christo den Reichstag verhüllen – hier rollen Gewerbekletterer die Planen ab.

    (Foto: dpa)
    Das vollendete Werk. Quelle: Reuters
    Der verhüllte Reichstag

    Das vollendete Werk.

    (Foto: Reuters)

    Die Stimmung an der ehemaligen militärischen Blockgrenze zwischen Ost und West war plötzlich so heiter und friedlich wie nie zuvor und nie danach. Menschen aller Nationen und Schichten strömten zum Kunstwerk, diskutierten darüber, was sie sahen, oder machten vor der einmaligen Kulisse Picknick.

    Visuelle Durchschlagskraft seiner Werke

    Über zwanzig Jahre hatten Christo und seine 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude den Behörden Argumente für die Reichstagsverhüllung liefern müssen. Erst nach dem Mauerfall waren alle moralischen, technischen und denkmalpflegerischen Bedenken gegen den Kunstevent ausgeräumt. Der verhüllte Reichstag durfte zu einem künstlerischen Symbol der friedlichen Veränderung werden.

    Bei fast jeder Brückenverhüllung oder Überspannung eines Flusslaufs mit ihren Textilbahnen mussten Christo und Jeanne-Claude hartnäckig Behörden und Politiker überzeugen. Fast überall ließen die Bewilligungen Jahrzehnte auf sich warten.

    Wo andere Künstler mit wachsendem Erfolg in den Jetset und ins Luxusleben eintauchen, hielten er Jeanne-Claude an einer einfachen Wohnung in New York fest. Ihre Kleidung war stets funktional, nie glamourös. Wer den Künstler auf Vernissagen oder bei Buchvorstellungen traf, erlebte im persönlichen Gespräch einen bescheidenen Mann. Nicht der Small Talk interessierte ihn, sondern, ob seinem Gegenüber die ästhetischen und die politischen Anspielungen im Werk geläufig waren. Dann konnten seine wachen Augen leuchten.

    So bescheiden Christo persönlich war, der Künstler war gleichwohl auch finanziell sehr interessiert. Aber nicht wie die meisten Künstler, die durch die Wertsteigerung ihrer Werke ihr Ego gestreichelt sehen. Der aus Bulgarien stammende Wahl-New-Yorker brauchte das Geld unmittelbar, um seine gewaltigen, temporären Umhüllungen aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Denn das war ihm stets wichtig: dass er stets die inhaltliche und finanzielle Hoheit über seine Projekte behielt.

    Statt mit Sponsoren arbeitete er fest mit dem Fotografen Wolfgang Volz zusammen. Nur er darf die autorisierten Fotos und Poster vermarkten. Darüber hinaus fertigte Christo aus Projektskizzen eine Vielzahl großer und kleiner Grafikeditionen an. Da collagierte er dann schon mal ein Stück des Silberstoffs vom Reichstag oder von den safrangelben Toren im New Yorker Central Park hinein. Der Verkaufserlös aus Fotos und Grafiken sicherte die Umsetzung all der logistisch aufwendigen Projekte in verkehrsumtosten Städten oder in der freien Natur.

    Angefangen hatte Christo in den 1950er-Jahren mit Paketen, die er in Plastikfolien verpackte, einen Kinderwagen etwa oder Haushaltsgegenstände. Danach verhüllte er die Ladenfront eines Geschäfts. Erst nach und nach wandte er sich zusammen mit seiner französischen Frau Großprojekten in der Wildnis oder in Städten zu. Seit 1995 zeichneten sie beide als Künstler ihre Gemeinschaftswerke ab.

    Das Künstlerpaar installierte auf dem Iseosee in Italien schwimmende Stege. Quelle: AFP
    Kunstwerk "The Floating Piers" in Italien

    Das Künstlerpaar installierte auf dem Iseosee in Italien schwimmende Stege.

    (Foto: AFP)

    Zurzeit gibt das Palais Populaire der Deutschen Bank einen Überblick über das vielfältige Schaffen von Christo und Jeanne-Claude. Alle Arbeiten stammen aus einer Privatsammlung. Ingrid und Thomas Jochheim waren seit vielen Jahrzehnten mit dem Künstlerpaar befreundet.

    Im September wollte Christo zum zweiten Mal in Paris arbeiten und den Arc de Triomphe verhüllen. Das seit 1962 geplante Projekt werden nun seine Mitarbeiter zu Ende bringen. Corona-bedingt soll es 2021 eröffnet werden. Wer je einen Park oder eine Insel, den Pont Neuf in Paris oder den Reichstag in Berlin gesehen hat, wird Christos Land-Art-Kunstwerke nicht mehr vergessen. So stark ist seine Bildwirkung.

    Als „Verpackungskünstler“ wollte Christo übrigens nicht tituliert werden. Durch den langen politischen Kampf um die Realisierung seiner „Interventionen“ genannten Eingriffe in Natur oder Stadtlandschaft sind seine Kunstwerke eben auch mehr als Verpackungen, wie wir sie von Industrieprodukten kennen. 

    Wer glaubte, dass Christo in seinem silbern verpackten Berliner Reichstag oder seinen leuchtend gelben, schwimmenden Stegen auf einem See in Norditalien irgendeine tiefere Bedeutung sah, der irrte. „Es ist total irrational und sinnlos“, sagte er 2014 über seine Arbeiten. Doch allein mit der Schönheit seiner Kunstwerke begeisterte er Millionen von Menschen. Und so trauern heute viele Menschen in aller Welt – weit mehr als nur Christos größte Fans.

    Mehr: Die Kunstsammler Ingrid und Thomas Jochheim haben mehr als 600 Werke gekauft - auch von Christo

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