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Video-Museum „Fluentum“ Kunst aus der Steckdose

Der Unternehmer Markus Hannebauer hat für seine Sammlung ein Privatmuseum gegründet. Schauplatz ist das ehemalige US-Hauptquartier in Berlin-Dahlem.
  • Daghild Bartels
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Der schwarze Marmor, mit dem der Eingangsbereich des Videokunst-Museums ausgestattet wurde, ist ideal für Video-Projektionen. Zu sehen ist Guido van der Werves
Fluentum

Der schwarze Marmor, mit dem der Eingangsbereich des Videokunst-Museums ausgestattet wurde, ist ideal für Video-Projektionen. Zu sehen ist Guido van der Werves "Number fourteen - home" von 2012.

(Foto: Fluentum Studio, G. v.d. Werve, Foto: Moritz Hirsch)

BerlinVideokunst muss man zeigen, damit die Arbeiten ein Leben haben“, sagt Markus Hannebauer, deshalb entschloss er sich, seine Video-Sammlung in einem eigenen Museum öffentlich zu machen. Bisher waren die Arbeiten in seiner Kreuzberger Wohnung installiert, Screens an allen Wänden, Projektoren überall und die Videos liefen, auch wenn er nicht zu Hause war. Nun haben sie ein eigenes, spektakuläres Domizil, und Berlin, die Stadt der Privatmuseen (bisher zehn) hat damit ein weiteres und das zweite (nach Julia Stoschek), das ausschließlich der Videokunst gewidmet ist.

Die kleine Berliner Galerie Campagne Première brachte ihn auf den Geschmack für bewegte Bilder und schickte ihn zur LOOP-Messe in Barcelona, die der Videokunst gewidmet ist. Ort der Veranstaltung ist ein Hotel, dort ist jeweils ein Zimmer pro Video reserviert, intensivere Betrachtung ist damit garantiert. Dieser Besuch war die Initialzündung für Hannebauers Sammelrichtung. Ein schöner Erfolg für Galeriearbeit und Kunstmessen, die selten so konkret und direkt geschildert wird.

Aber nicht nur der technische Input brachte den Software-Mann dazu, sich auf diese zeitgenössischste aller Kunstformen zu fokussieren, „sondern weil Video und Film dem Künstler Gelegenheit geben, komplexer zu arbeiten, Geschichten zu erzählen, Musik kommt hinzu. Diese Komplexität ist mit statischer Kunst nicht zu erreichen“.

Den Namen „Fluentum“ für seine neue Einrichtung wählte er, weil seine zeitbasierte, eben nicht-statische Kunst fließend sei wie die Zeit. Bevor er vor zehn Jahren intensiv zu sammeln begann, war der 43-Jährige mit dem Aufbau seines Start-ups „think-cell“ beschäftigt. Als das bestens lief, beschloss er, „etwas Unkommerzielles zu tun“, wie er es nennt. Auf Messen und in Galerien ging er auf die Suche nach seinen Objekten. Heute hat er die stolze Anzahl von 50 Künstlern in seiner Kollektion, bekannte wie William Kentridge, Douglas Gordon, Hito Steyerl, Omar Fast oder Hiwa K und weniger bekannte wie Armin Linke, Noa Gur oder Katarina Zdjelar, jeweils mehrere Arbeiten je Künstler. Inzwischen kennt er viele Künstler sogar persönlich und steigt auch finanziell in die Produktion der bewegten Bilder ein.

„The day I didn’t turn with the world“ (2007) wird durch minimale Aktionen zur meditativen Herausforderung. Quelle: Fluentum, Berlin
Guido van de Werve

„The day I didn’t turn with the world“ (2007) wird durch minimale Aktionen zur meditativen Herausforderung.

(Foto: Fluentum, Berlin)

Auf der Suche nach einem Domizil für seine Schätze wurde Hannebauer in Dahlem fündig, im ehemaligen US-Hauptquartier. Der historische Komplex hat eine bewegte Geschichte. Erbaut 1936 als Luxuskaserne für die Reichsluftwaffe wurde er nach Kriegsende das Hauptquartier der Amerikaner, General Lucius D. Clay steuerte von hier die legendäre Luftbrücke. In der großen Halle, der „Marble Gallery“, gaben alle späteren US-Präsidenten Empfänge. Nach der Wiedervereinigung und dem Abzug der Amerikaner (nur das Generalkonsulat blieb vor Ort) wurde das Areal in eine Wohnanlage umgebaut.

Das spektakuläre Filetstück, der Haupteingang samt „Marble Gallery“, fand wegen seines exquisit-exzentrischen Designs lange keinen Käufer. Hannebauer jedoch lockte gerade das, er erwarb es, um hier seine Wohnung und sein Museum unterzubringen. Den wegen des Denkmalschutzes schwierigen Umbau lösten die Berliner Architekten Sauerbruch Hutton bravourös. Der schwarze Marmor, mit dem der Eingangsbereich ausgestattet ist, erwies sich – wegen der naturgegebenen Dunkelheit – als ideal für das Video-Universum des Sammlers.

Zur Premiere von „Fluentum“ werden sechs Arbeiten des Holländers Guido van der Werve gezeigt. Bei „The day I didn’t turn the world“ steht der Künstler allein am Nordpol und macht in Zeitlupe in 24 Stunden eine 360 Grad Drehung um sich selbst, entgegen der Erdumdrehung. Oder er marschiert mutig, gefährlich nah vor einem riesigen Eisbrecherschiff , das sich laut krachend seinen Weg durchs Eis sucht. Oder der Künstler läuft unermüdlich um ein Haus herum, bis, er total erschöpft, 100 Kilometer absolviert hat. Obwohl sich der Künstler immer zu Extremhandlungen bis zur Absurdität zwingt, zeichnen sich alle Videos paradoxerweise durch minimale Aktionen aus und werden für den Betrachter zur meditativen Herausforderung. Der Künstler Guido van der Werve ist außerdem eine Doppelbegabung, nicht selten komponiert er auch die Musik zu seinen Videos. In einem Fall hat er ein Schachbrett entworfen, das wie ein Klavier fungiert und, wenn in Betrieb, einzelne „Schachzüge“ als Töne und numerische Zeichen ins Bild einblendet.

Mit der Präsentation dieses Künstlers erfüllt sich der Sammler eine weitere gezielte Mission, nämlich auch weniger bekannten Künstlern eine Plattform geben.

Wie bei einem IT-Spezialisten nicht anders zu erwarten, archiviert Hannebauer seine Werke nicht als DVDs oder gar Videokassetten. Vielmehr wurden alle Arbeiten im gleichen Format digitalisiert und auf einem großen Server gespeichert. Alle Wände im Museum Fluentum haben daher zwei Steckdosen, eine für Strom – für die Screens und die Beamer – und eine für den direkten und schnellen Zugang zu den Datensätzen. Kein Zeitverlust, kein Rückspulen. Hannebauer hat sich von den Künstlern mit den üblichen Zertifikaten zusätzlich die Erlaubnis zur Digitalisierung und – besonders wichtig, falls neue Technologien auftauchen – zur Neuformatierung geben lassen. Das nennt man wohl innovativ und auf der Höhe der Zeit sein.

„Fluentum.org“ läuft bis 22. Juni 2019, Samstags 11 bis 14 Uhr

Mehr: Die Sammlerin Julia Stoschek wird mit dem Art-Cologne-Preis ausgezeichnet. Im Interview spricht sie über die politische Kraft von Videoarbeiten und deren Markt.

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