Villa Grisebach Juwelen der Zeichenkunst werden für einen guten Zweck versteigert

Der Berliner Auktionator Bernd Schultz macht seine Sammlung internationaler Handzeichnungen zu Geld und gründet damit ein Exilmuseum.
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Die in London erworbene Rötelstudie lebt von ihren fein herausgearbeiteten Lichtern und Schatten. Sie zählt zu den feinsten Exemplaren im Katalog Alter Meister. Quelle: Villa Grisebach
Giovanni Francesco Barbieri, Il Guercino

Die in London erworbene Rötelstudie lebt von ihren fein herausgearbeiteten Lichtern und Schatten. Sie zählt zu den feinsten Exemplaren im Katalog Alter Meister.

(Foto: Villa Grisebach)

BerlinEs ist eine fast unendliche Geschichte, die jetzt an ihr markthistorisches Ende kommt. Bernd Schultz, Gründer des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, strebt mit der Etablierung eines Exilmuseums die Krönung seines Lebenswerks an. Eingerichtet werden sollte es ursprünglich im Nachbarhaus Fasanenstraße 24, aus dem das Käthe Kollwitz Museum Ende 2019 auszieht. Jetzt aber wird eine Baufläche hinter der Portalruine des Anhalter Bahnhofs anvisiert.

Das Gründungskapital speist sich aus einer Auktion der imposanten Sammlung internationaler Handzeichnungen, die Schultz in über 40 Jahren zusammengetragen hat. Es ist eine Kollektion mit breitem Radius, der von der Dürerzeit bis Daniel Richter reicht.

„Abschied und Neuanfang“ lautet der Titel der drei Versteigerungskataloge, deren über 300 Lose am 25. und 26. Oktober in der Villa Grisebach unter den Hammer kommen. Zu den wichtigen Werken haben Freunde, Kunsthistoriker und Publizisten feinsinnige Gedanken formuliert und damit dem Kunsthändler ihre Reverenz erwiesen. Schultz war wie manche seiner älteren Berufskollegen nicht nur als Sammler von Kunst fasziniert. Er konnte sie auch mit Überzeugung vermitteln.

Die Provenienzlisten der Auktionskataloge belegen, dass der überwiegende Teil der Sammlung in den letzten 20 Jahren entstand. Ein Schwerpunkt liegt bei Porträts der klassischen Moderne. „Die Physiognomie des Menschen hat mich stets gefangen genommen“, betont der Sammler in einem Interview, das dem Versteigerungskatalog „Alte Meister und langes 19. Jahrhundert“ vorangestellt ist.

Statistisch betrachtet und auf ihre Herkunft zurückgeführt, stammen 115 der insgesamt 334 Lose aus den Auktionen des eigenen Hauses, in denen der Hauptgesellschafter mit wachem Auge mitbot oder sich Werke offensichtlich im Nachverkauf sicherte. Von den 109 Losen der Alten Kunst kommen 29 aus Auktionen der Berliner Galerie Bassenge, die stets mit einem starken Angebot an Alter Grafik und Handzeichnungen auftritt. In diesem Katalog sind in London erworbene Rötelzeichnungen von Il Guercino und Antoine Watteau, ein Bleistiftporträt von Ingres und das frühe Menzel-Aquarell „Blumenpflückende Frauen“ die feinsten Exemplare.

Ein Juwel der Zeichenkunst mit dem Pinsel ist Henri de Toulouse-Lautrecs Café-Szene „Snobisme au Chez Larue“, eines jener subtilen Beispiele der Peinture à l’essence, einer Technik der entfetteten Ölmalerei, die leicht und fließend daherkommt. In der Wanderausstellung zum 50. Geburtstag der Galerie Pels-Leusden (Berlin, Kampen, Zürich) erschien das 1897 datierte Werk mit einer Preisvorstellung von 800.000 Dollar. Im Juni 2015 ging es bei einer Taxe von 300.000 bis 400.000 Schweizer Franken zurück. Die jetzige Schätzung liegt bei 250.000 bis 350.000 Euro.

Teure Paradestücke

Die Schätzpreise in beiden Hauptkatalogen sind in den meisten Fällen moderat und konsumfreundlich angesetzt. Zu den Toplosen des Moderne-Katalogs gehören Arbeiten von Pablo Picasso, Henri Matisse, Egon Schiele, Lovis Corinth und Käthe Kollwitz. Picassos Albumblatt von 1904 mit Frauenkopf und -gliedern wurde 2016 bei Christie’s für 100.000 Dollar zugeschlagen. Aktuell liegt es bei 90.000 bis 120.000 Euro. Die Bleistiftzeichnung einer Perserin von Matisse erlöste 2010 bei Sotheby’s 151.250 Pfund und ist jetzt auf 200.000 bis 300.000 Euro angesetzt.

Ein besonderer Zauber geht von diesem liebevoll ausgearbeiteten Blatt aus. Darauf hat der hauptberuflich als Porzellanmaler sein Geld verdienende Künstler seinen Sohn gezeichnet (um 1800). Quelle: Villa Grisebach
Martin Drolling

Ein besonderer Zauber geht von diesem liebevoll ausgearbeiteten Blatt aus. Darauf hat der hauptberuflich als Porzellanmaler sein Geld verdienende Künstler seinen Sohn gezeichnet (um 1800).

(Foto: Villa Grisebach)

Die höchsten Corinth-Taxen liegen bei 40.000 Euro, so für ein Kreide-Selbstbildnis von 1921, das 1990 in der Galerie Wolfgang Werner noch mit 145.000 D-Mark notierte. Nicht weniger als vier Kollwitz-Zeichnungen bereichern die Sammlung. Das teuerste Blatt ist das bewegende Doppelbildnis „Abschied“ von 1910 mit einer Taxe von 200.000 bis 300.000 Euro. In der ersten Villa-Grisebach-Auktion im Herbst 1986 wurde das Selbstporträt en face von 1923 mit einem Hammerpreis von 40.000 D-Mark bedacht. Jetzt liegt die Schätzung bei 100.000 bis 150.000 Euro.

Auch einige herausragende Grafiken sind in die Auktionsfolge eingemischt, deren untere Gesamtschätzung bei fünf Millionen Euro liegt. Dazu gehören Edvard Munchs Eva-Mudocci-Bildnis und zwei Halbporträts der Francoise Gilot aus den frühen Fünfzigerjahren von Picasso (Taxen jeweils bis 200.000 Euro).

Von den Werken der zweiten Jahrhunderthälfte überzeugen die Unangepassten der DDR, Gerhard Altenbourg, Carlfriedrich Claus, Hermann Glöckner und Max Uhlig. Kraftstücke von Eugen Schönebeck und Georg Baselitz und ein Selbstbildnis von Horst Janssen sind Beispiele deutscher Zeichenkunst, die in der Sammlung Bernd Schultz nicht weniger als die teuren Paradestücke ein Ausdruck gelebter Passion sind.

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