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Weltkulturerbe Hamburg lässt eines seiner größten Denkmäler abreißen – trotz Unesco-Warnung

Nach Dresden und Köln legt sich auch die Hansestadt mit Weltkulturerbe-Schützern an. Es geht um vier graue Hochhäuser – und die Nachkriegsgeschichte.
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Die unter Denkmalschutz stehenden City-Hochhäuser in der Nähe des Hamburger Weltkulturerbes Kontorhausviertel sollen abgerissen werden. Quelle: dpa
Gebäudekomplex City-Hof

Die unter Denkmalschutz stehenden City-Hochhäuser in der Nähe des Hamburger Weltkulturerbes Kontorhausviertel sollen abgerissen werden.

(Foto: dpa)

Hamburg Mit dem Status Weltkulturerbe ist es so eine Sache: Die Werbewirkung für den Tourismus ist groß, doch das Potenzial für Ärger ebenfalls. Die Stadt Dresden kämpfte so heftig mit der Unesco um den Bau der Waldschschlösschenbrücke über die Elbe, dass die Stadt den Titel 2009 sogar verlor. Köln hingegen gab Pläne für Hochhäuser längs des Rheins auf, um die Bezeichnung für den Kölner Dom zu bewahren.

Am Mittwoch nun hat Hamburg bekanntgegeben, sich über die klare Empfehlung einer Expertenkommission hinwegsetzen zu wollen und eines der größten Denkmäler der Stadt zum Abriss freizugeben. Noch ist offen, ob die Unesco nicht in letzter Minute doch noch einen Gegenvorstoß wagt.

Es geht um vier graue Hochhäuser aus den 1950er-Jahren mit Namen City-Hof. Sie ragen zwischen dem Bahnhof und dem erst 2015 zum Weltkulturerbe geadelten historischen Büroquartier „Kontorhausviertel“ auf. Seit Jahren bilden sie, zuletzt als Sitz eines Bezirksamts, ein unansehnliches Entree zur Stadt. Daher macht sich der rot-grüne Senat der Stadt seit Jahren für einen Abriss stark.

Experten als letzte Hoffnung

Denkmalschützer wenden ein, der City-Hof sei ein herausragendes Beispiel für den Wiederaufbau Deutschlands – und erst durch eine spätere Fassadenverkleidung sei der einst strahlend weiße Bau zum optischen Schandfleck geworden. Der Streit um die Bauten steht dabei exemplarisch für den Umgang mit Nachkriegsarchitektur in Deutschland. Was bei Anwohner oft ungeliebt ist, wollen Denkmalschützer bundesweit verstärkt erhalten.

Auch der Hamburger Bau hat nach Meinung von Experten Strahlkraft für die ganze Bundesrepublik, weil er bewusst mit der Vorkriegszeit bricht. Wie viele andere Bauten aus der Zeit nach dem Wiederaufbau ist er allerdings optisch und funktional in die Jahre gekommen. Letzte Hoffnung der Denkmalschützer und einer Initiative, die eine soziale Nutzung der inzwischen leerstehenden Bauten fordert, war in Hamburg eine Expertenkommission der Icomos.

Die Denkmalschützer beraten die Unesco beim Denkmalschutz. Zwei Experten besuchten den umstrittenen Bau im vergangenen Herbst, als der Abriss eigentlich schon beschlossene Sache war. Die am Mittwoch veröffentlichten Empfehlungen sind ziemlich eindeutig: Es sei möglich und wünschenswert, das Gebäude zu erhalten und zu renovieren.

Die Experten schlagen sich mit vielen Argumenten eindeutig auf die Seite der Denkmalschützer: Der Bruch mit der Backstein-Bautradition und die moderne Formensprache der Hochhäuser bildeten einen bewussten Bruch zum Kontorhausviertel. Zwar gehöre der City-Hof nicht zum eigentlich Weltkulturerbe, sondern zu dessen Pufferzone.

Anders als der geplante backsteinerne Neubau verdeutliche der Nachkriegsbau aber die geschichtliche Einordnung des eigentlichen Weltkulturerbes und trage so zu dessen universellem Wert bei. So habe der Architekt des City-Hofs, Rudolf Klophaus, vor dem Krieg auch einige der Bauten des geschützten Kontorhausviertels errichtet. Nach dem Krieg habe er bewusst auf Backstein verzichtet, weil die Ziegel zuvor auch in Konzentrationslagern hergestellt wurden.

Die neue moderne Formensprache sollte auch den Aufbruch in eine neue Zeit symbolisieren. Die Hamburger Kulturbehörde, eigentlich auch für Denkmalschutz zuständig, setzt sich nun über die Empfehlung hinweg. Die Politik argumentiert dabei formal: Das Expertengremium drohe schließlich nicht mit Aberkennung des Weltkulturerbe-Titels und werde den Fall auch nicht vor die Unesco-Versammlung im Sommer bringen.

Der geplante Gebäuderiegel besteht aus drei einzelnen Häusern für ein 4-Sterne-Hotel, geförderte und freifinanzierte Mietwohnungen sowie Büroflächen. Im Erdgeschoss sind Flächen für Einzelhandel, Gastronomie und Kultur vorgesehen. Quelle: Aug. Prien
Geplanter Neubau

Der geplante Gebäuderiegel besteht aus drei einzelnen Häusern für ein 4-Sterne-Hotel, geförderte und freifinanzierte Mietwohnungen sowie Büroflächen. Im Erdgeschoss sind Flächen für Einzelhandel, Gastronomie und Kultur vorgesehen.

(Foto: Aug. Prien)

Die Gefahr, dass die Stadt den renommierten Titel verliert, sei gebannt. Inhaltlich wiederholt der Senat bekannte Argumente: Der Neubau ermögliche die Belebung der Innenstadt und mehr Wohnungen als eine Sanierung, erklärte Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD).

Die Opposition schäumt: „Der Senat setzt sich mit seiner Entscheidung über große Bedenken aus der gesamten Fachwelt hinweg. Damit verstößt er gegen sein eigenes Denkmalschutzgesetz, das vorbildhafte Denkmalpflege insbesondere von städtischen Immobilien vorschreibt. Das gesamte Verfahren über den Umgang mit dem City-Hof war von Beginn an eine rot-grüne Farce, geprägt von Intransparenz und Trickserei“, erklärte etwa der FDP-Abgeordnete Jens Meyer.

Tatsächlich geht es seit Jahren hin und her – auch zulasten des Bauträgers Aug. Prien, der den Neubau errichten will. Die Stadt plant seit fast 20 Jahren Änderungen an den sanierungsbedürftigen Gebäuden. Zugleich stellte sie die Bauten, die seit 2006 der Stadt gehören, im Jahr 2013 unter Denkmalschutz – mit ähnlichen Argumenten, wie sie heute von Icomos geteilt werden.

In einem ersten Wettbewerb siegte bereits vor einigen Jahren zunächst ein Sanierungsplan der bekannten Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner. Dieser sah die Revitalisierung mit neuer weißer Fassade und Windrädern auf dem Dach vor. Der Plan hätte den denkmalgeschützten Bau zwar deutlich verändert, aber die Grundstruktur erlebbar gehalten. Der Wettbewerbsbeitrag scheiterte jedoch unerwartet an formalen Bedingungen der Ausschreibung.

Den Hamburger Senat focht das nicht an. Schon der frühere Erste Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) galt als vehementer Befürworter des Abrisses. Auch sein Nachfolger Peter Tschentscher treibt das Projekt nun voran. Immerhin beseitigt es nicht nur einen umstrittenen Bau an prominenter Stelle, sondern bringt durch den Grundstücksverkauf auch 35,2 Millionen Euro in die Stadtkasse.

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Organisator des Neubaus ist Aug. Prien. Das Unternehmen erhielt im Bieterverfahren den Zuschlag für das Grundstück. Ein von Aug. Prien durchgeführter Wettbewerb kürte die Hamburger Architekten KPW Papay Warncke und Partner als Sieger. Der 190 Meter lange Entwurf folgt engen Vorgaben, die auch der Furcht vor Aberkennung des Weltkulturerbe-Titels geschuldet sind: Der Bau ist niedriger als der Bestandsbau, verteilt aber eine größere Baumasse auf langgestreckte Backsteinbauten.

Er ermöglicht eine vielfältigere Nutzung als der Bestandsbau: Hotels, Büros, Wohnen – und als Bonbon eine Kindertagesstätte mit Dachgarten. Trotz der Verzögerungen hält das Hamburger Familienunternehmen Aug. Prien an dem 250 Millionen Euro teuren Bau fest. „Wir sind sehr erleichtert, dass wir nun Planungssicherheit haben und endlich mit der konkreten Umsetzung dieses wichtigen städtebaulichen Projekts beginnen können“, sagte Geschäftsführer Jan Petersen dem „Hamburger Abendblatt“ am Mittwoch.

Die Denkmalschützer und der Verein City-Hof eV. allerdings dürften entsetzt sein. Die Icomos-Experten warnen, obwohl der Bau unauffällige „Allerweltsarchitektur“ sei, bringe er ehebliche negative Folgen für das Weltkulturerbe um das Chilehaus. Er verstelle Sichtachsen und verhindere die Rekonstruktion der baugeschichtlichen Schichten.

Der örtliche Denkmalverein warnt schon länger, Hamburg entwickle sich zur „Abriss-Stadt“. Schließlich läuft in der Hamburger Innenstadt ein Stadtumbau, dem einige Denkmäler und prominente Bauten der jüngeren Geschichte zum Opfer fallen. In diesen Tagen beginnt der umstrittene Abriss des Deutschland-Hauses, gegen den sich mehrere Architekten ausgesprochen hatten.

Das 1929 von jüdischen Architekten errichtete Haus gilt als ein Vorzeigebau der Moderne, ist allerdings bei Umbauten in den 1970er-Jahren stark verändert worden und daher nicht denkmalgeschützt. Es wird durch einen äußerlich ähnlichen Bau des Architekten Hadi Teherani ersetzt. Ebenfalls auf der Abrissliste steht ein denkmalgeschütztes Hochhaus der Commerzbank, das in der Nachkriegszeit errichtet wurde.

Bereits abgerissen ist der geschützte Balkon-Bau von 1971 der Allianz-Versicherung neben dem Rathaus. Die Neubaupläne nach Vorkriegs-Kubatur ruhen allerdings derzeit. Gut läuft hingegen – wie in anderen Städten – die Rekonstruktion vermeintlich gefälligerer Bauten. Hinter klassizistischen Fassaden aus dem 19. Jahrhundert baut Art-Invest derzeit neben dem Rathaus einen Shopping- und Bürokomplex.

Auch in den Stadthöfen – nicht zu verwechseln mit dem City-Hof – entstehen derzeit Läden, Wohnungen und Hotels. Die Investoren kämpfen dort trotz des Erhalts der Fassaden mit heftiger Kritik von Historikern. Denn daran, dass der Komplex einst Sitz der Gestapo war, erinnert nur eine Ecke in einem privaten Buchladen. Immerhin: Die Kulturbehörde will nun ein Denkmal vor die gefällig sanierten Bauten setzen.
Das einst kräftigste gebaute Symbol der neuen Zeit in Hamburg, der City-Hof, fällt derweil wohl den Baggern zum Opfer.

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