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Wiederbelebung von Detroit Design statt Verfall

In der abgewickelten Motorcity Detroit blüht – erstaunlich genug – die Designindustrie. Sie ist sogar Triebkraft der Stadterneuerung.
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Der Designer bereitet seine Ausstellung im New Yorker Museum of Design vor. Quelle: Chris Schanck
Chris Schanck „Sessel in Pink“

Der Designer bereitet seine Ausstellung im New Yorker Museum of Design vor.

(Foto: Chris Schanck)

Detroit Detroit – ist das nicht die von wirtschaftlichem Niedergang gepeinigte Ex-Industriestadt von 139 Quadratmeilen Fläche? Laut der Studie „139 Square Miles“ der in Detroit sehr engagierten nationalen Knight Foundation lag die Zahl der vakanten Grundstücke in der Stadt 2017 bei über 120.000. Und immer noch versteigern die Behörden verlassene Häuser ab 1.000 Dollar.

Aber wenn der Besucher gleich neben den Brachen auf gut gepflegte Straßenzüge trifft, wird klar: Wir haben es mit einer verwirrend komplexen Gemengelage zu tun. Seit der schockierenden Insolvenz im Juli 2013 befindet sich die Stadt unzweifelhaft im Aufwind. Nicht nur die Restaurantszene ist innerhalb der letzten drei Jahre explodiert, zum ersten Mal seit 60 Jahren steigt auch die Bewohnerzahl.

Der „Month of Design“ im September beleuchtet die jüngsten Entwicklungen in der Gestaltung des Stadtraumes wie auch des lokalen Produktdesigns. Zahllose, über einen weiten Radius verteilte Events und Ausstellungen bieten gute Gelegenheit, die „Motorcity“ wieder einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn trotz all ihrer Krisen hält sich die Automobilindustrie immer noch als zweitgrößter Arbeitgeber in der Stadt.

Industriedesign mit langer Tradition

Industriedesign hat in Detroit eine lange Tradition. Das liegt an einer Handvoll herausragender Lehreinrichtungen, unter anderem der Anfang der 1930er-Jahre im reichen Vorort Bloomfield Hills gegründeten Cranbrook Academy of Art. Weltberühmte Designer wie beispielsweise Charles und Ray Eames, Florence Knoll, Eero Saarinen oder Harry Bertoia gehörten zu ihren frühesten Absolventen.

Vor vier Jahren schaffte es Detroit als einzige US-amerikanische Stadt, von der Unesco als „City of Design“ ins Netzwerk der „Creative Cities“ aufgenommen zu werden. Übrigens ist unter den weltweit nur dreißig „Cities of Design“ seit 2005 auch Berlin zu finden. Detroit will laut einem im Sommer verabschiedeten „Action Plan“ von den Bewohnern selbst initiiertes „Inclusive Design“ als Wachstumsmotor nutzen. „Das sind Orte, Produkte und Systeme, von denen jeder profitiert“, so umschreibt Olga Stella das Ziel. Sie ist Executive Director der Organisation Design Core, die auf lokaler Ebene die Unesco-Initiative betreut.

Lineares, zart leuchtend in der Ausstellung „Form & Seek“. Quelle: Clare Gatto/Form&Seek
Scott Klinker „Zone light”

Lineares, zart leuchtend in der Ausstellung „Form & Seek“.

(Foto: Clare Gatto/Form&Seek)

Man will weltweit sichtbare gestalterische Impulse setzen. Aber erst einmal soll lokalen Designern und Unternehmen geholfen werden. Da hat Detroit schon einiges vorzuweisen: „Die Designindustrie ist eine der Triebfedern der Stadterneuerung, sie beschäftigt mittlerweile mehr als 45.000 Menschen und erbringt Lohnzahlungen in Höhe von 2,5 Milliarden Dollar“, so die Unesco-Website.

Einen guten Abriss über die aktuelle Debatte liefern die 70 ausgestellten Objekte in „Detroit Design 139“. Behandelt werden Themen wie Transport, öffentlicher Raum, Infrastruktur und Wohnungsbau. „Es zeigt sich, dass mittlerweile ein umfassendes und effektives Netzwerk greift. Dessen Fundamente wurden übrigens schon vor etwa 15 bis 20 Jahren gelegt“, analysiert Melissa Dittmer, frisch gebackener Chief Design Officer beim Immobilienentwickler Bedrock.

Ein Investor und seine Wirkung

Dittmer ist gelernte Architektin, mehr als Gebäude interessieren sie heute jedoch urbane Ökosysteme. Zwei Stiftungen sicherten in den schwersten Zeiten von Detroit grundlegende öffentliche Dienstleistungen. „Nur beim Wohnungsbau haben wir derzeit nicht dieselbe Dialogkultur. Da tut sich nicht viel hinsichtlich ,Inclusive Design‘“, sagt Dittmer.

Bedrock ist eine der zahlreichen Firmen des Detroiter Milliardärs Daniel Gilbert (57), Mehrheitseigner des riesigen US-Hypothekenfinanzierers Quicken Loan. Der Unternehmer engagiert sich seit etwa zehn Jahren mit durchschlagendem Erfolg für die Stabilisierung des einst verödeten historischen Stadtkerns Downtown Detroit mit seinen üppig verzierten Bürotürmen aus den 1920er-Jahren.

In der Immobilienfirma Bedrock kontrolliert Gilbert mittlerweile 100 Bauten in Downtown. „Unsere Devise war: hierherzukommen und den größtmöglichen Effekt für die ehemalige Prachtstraße Woodward Avenue zu erzielen“, so Dittmer. „Als er sich hier engagierte, war es, als würde ein Hydrant geöffnet werden“, bestätigt Olga Stella.

Sechs Jahre nach der Insolvenz ist die Stadt wieder im Aufwind – dank mutiger Stiftungen, kreativer Köpfe und Vernetzung. Quelle: Unsplash/Kahari King
Detroit

Sechs Jahre nach der Insolvenz ist die Stadt wieder im Aufwind – dank mutiger Stiftungen, kreativer Köpfe und Vernetzung.

(Foto: Unsplash/Kahari King)

Heute wirkt die Avenue wieder belebt, neue Hotels bringen Touristen, neben nationalen Ketten sind aber auch so kreative Geschäftsideen wie Roslyn Karamokos Pop-up „Detroit is the New Black“ hier. Die ehemalige Einkäuferin für das Kaufhaus Saks Fifth Avenue in New York und Singapur präsentiert vor allem lokale Modelabels. „Doing Well by Doing Good“ ist Gilberts Maxime. Aber sein massives Engagement wird nicht nur positiv gesehen. „Artifiziell“ oder „Gilbertville“, eine Anspielung auf den Namen des Finanziers, lautet die Kurzkritik am neuen Downtown.

Mittlerweile lässt Bedrock den Blick weiter auf umliegende brach liegende Bezirke schweifen. „Und wenn wir eines gelernt haben, dann ist es, dass die Projekte nicht aussehen dürfen, als ob sie von einer Person entworfen wurden“, so Bedrock-Mitarbeiterin Dittmer. Sie möchte die Ästhetik ausbalancieren: „Das Portfolio muss ganz verschiedene Kreise ansprechen.“ Deshalb wurden für die fast fertige Neubausiedlung City Modern, die auf etwa drei Hektar leerem Land im zentral gelegenen Bezirk Brush Park steht, fünf verschiedene Architekturbüros engagiert.

Jemenitinnen für die Feinarbeit

Auch einige der bekanntesten Produktdesigner, oder Artist-Designer wie sie sich lieber nennen, öffnen im „Month of Design“ ihre Studios. Seit Jahren sehr gut im Geschäft ist Chris Schanck (44), der von der führenden New Yorker Design-Galerie Friedman Benda vertreten wird. Gefragt ist vor allem seine Alufoil-Serie, in der massive Objekte aus Metall oder Kunststoff, manchmal mit eingearbeiteten Industrieabfällen, mit hauchdünner, kaltbunt glitzernder Alufolie überzogen sind wie man sie etwa bei Bonbon-Einwickelpapieren verwendet.

Sogar die Modefirma Dior orderte vor einigen Jahren Möbel für ihre Niederlassungen in aller Welt. Gerade noch im Juni sprang ein Paar grüner Beistelltische aus der Alufoil-Serie laut Datenbank Artprice beim Auktionshaus Phillips in New York auf 20.000 Dollar brutto.

Das nächste große Projekt: Eine Soloausstellung im New Yorker Museum of Design. Schanck beschäftigt mittlerweile, je nach Auftragslage, zwölf bis 30 Mitarbeiter. Vor drei Jahren expandierte er aus einer Einliegerwerkstatt im eigenen Haus im Ort Hamtramck in ein fabrikähnliches Gebäude. Aber weiterhin sind für die Feinarbeit Jemenitinnen aus der Nachbarschaft zuständig. Muslimische Einwanderer haben hier seit Jahren die ursprünglich polnischstämmige Bevölkerung ersetzt.

Eine bemalte Keramik, die ziemlich modern rüberkommt. Quelle: Jessika Edgar
Jessika Edgar „Sometimes it’s just hard for me to bend my elbow“

Eine bemalte Keramik, die ziemlich modern rüberkommt.

(Foto: Jessika Edgar)

Mit gefundenen Objekten arbeitet auch Jack Craig. Aber den gelernten Ingenieur faszinieren vor allem riesige kommerzielle PVC-Wasserröhren, die er in einem aufwendigen Erhitzungsprozess zu Möbeln biegt. In die Rohröffnungen eingelassene ausrangierte Granitplatten sorgen für einen schönen Kontrast. Wieder andere Serien kombinieren fragil wirkende Gewebe aus getropfter, golden schimmernder Bronze mit Beton oder irgendwo aufgesammelten Emailschüsseln. Auch Craig konnte vor Kurzem ein verfallenes, zum Abriss freigegebenes Manufakturgebäude erwerben. Oder vielmehr, er musste es erwerben: „Ich bin aus zu vielen Studios geworfen worden“, meint er lakonisch. Vor der um sich greifenden Gentrifizierung ist er in die noch ziemlich raue Gegend am Rande des Viertels Islandview geflohen.

Detroiter Ästhetik

Craig und Schanck sind beide Absolventen der Cranbrook Academy of Art in Detroit. „Im Moment bleiben viele Absolventen wenigstens einige Jahre lang in der Stadt“, beobachtet Simone de Souza. Sie betreibt seit zehn Jahren eine der wenigen Galerien der Stadt. „Detroit hat unglaublich viel Platz, das muss sich einfach in den Werken niederschlagen. Dazu kommt ein intensives Gemeinschaftsgefühl.“ Könnte man gar von einer typischen Detroiter Ästhetik sprechen?

„Das wäre zu weit gegriffen“, überlegt Gary Wasserman (69). Seit acht Jahren inszeniert er ein lebhaftes Programm rund um Kunst, Design und Musik. Seine Stellung als Chef von Allied Metals, einem international aufgestellten Hersteller spezieller Eisenlegierungen mit Sitz in Auburn Hills, Michigan, hat er behalten. „In welche Form man auch immer ein Stück Metall, Holz oder Stahl biegen oder drehen möchte, nur in Detroit findet man so viele hochspezialisierte Werkstätten“, meint er.

Handgeblasene Porzellanbirne

Und auch die junge Designhändlerin Isabelle Weiss, die in ihrem winzigen Laden „Next: Space“ lokale Talente präsentiert, spricht von einer Nur-in-Detroit-Inspiration angesichts der Arbeiten von Cody Norman.

Der von Weiss vertretene Künstler, immer noch Student an der Cranbrook Academy, schafft mittels eines umprogrammierten Industrieroboters aus recyceltem Plastikmaterial Arbeiten, die wieder an kunsthandwerkliche Produktion anknüpfen. Das beweist gekonnt seine neueste Tischlampe „Jellyfish“ aus Plastik-Spaghettisträngen samt handgeblasener Porzellanbirne. Der Preis: 600 Dollar.

Die Reise fand auf Einladung von Design Core Detroit statt.

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