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Zeitgenössische Kunst Das Werk von Robin Rhode: Düstere Geschichte, schön verpackt

Robin Rhode erzählt Geschichten, die nur auf den ersten Blick witzig sind. Bei genauem Hinschauen erinnern sie an die finsteren Kapitel der Apartheid in Südafrika.
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Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für die heimkehrenden weißen Soldaten als staatliches Kompensationsgeschenk Land. Die heimkehrenden Schwarzen erhielten hingegen – ein Fahrrad. Diese Zeichnung entstand 2002. Der Künstler schuf davon eine zwölfteilige Fotoserie. Quelle: Kunstmuseum Wolfsburg/Robin Rhode
Robin Rhode: „Classic Bike“

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für die heimkehrenden weißen Soldaten als staatliches Kompensationsgeschenk Land. Die heimkehrenden Schwarzen erhielten hingegen – ein Fahrrad. Diese Zeichnung entstand 2002. Der Künstler schuf davon eine zwölfteilige Fotoserie.

(Foto: Kunstmuseum Wolfsburg/Robin Rhode)

Wolfsburg Wer an Künstler aus Südafrika denkt, hat schnell ein deutliches Bild vor Augen. Entweder das eines Schwarzen oder das eines Weißen. Ein „Dazwischen“ gibt es nur allzu selten. Für Robin Rhode, einen der Senkrechtstarter der Street-Art aus Südafrika, ist diese verengte Wahrnehmung einer der Gründe, warum er zumindest in dem auf Eindeutigkeit ausgerichteten Deutschland oft übersehen wird.

Er zählt zu den „Coloured Artists“, wie er sich selbstironisch der Apartheid-Nomenklatur folgend klassifiziert: ein Südafrikaner mit Vorfahren aus verschiedenen Ethnien, der in der bundesrepublikanischen Kunstszene gerne mal durch das Wahrnehmungsraster fällt. Seit gut zwölf Jahren gab es von Rhode keine Museumsausstellung mehr hierzulande, obwohl er schon seit 2002 in Berlin lebt. Das Kunstmuseum Wolfsburg gibt jetzt umfassend Einblick in Rhodes hintergründiges Werk.

Wachsende Nachfrage, steigende Preise

Internationale Museen und auch der Kunstmarkt haben längst auf die Bedeutung seiner Bildsprache reagiert. Spätestens seit 2005, als der 1976 geborene Rhode auf der Biennale in Venedig ausstellte, stieg seine Bekanntheit rasant. Mit der Folge, dass die Preise für seine Arbeiten anzogen. Fotoserien liegen heute zwischen 40.000 und 100.000 Euro, Malerei und Zeichnungen werden mit 20.000 bis 80.000 Euro gehandelt. Rhodes Spitzenpreise kratzen aktuell bereits an der 150.000-Euro-Marke.

Auf der vor Kurzem zu Ende gegangenen „Frieze London“ richtete ihm seine New Yorker Galerie Lehmann Maupin sogar eine Soloschau aus. Und auch in Rhodes Heimatland wachse die Nachfrage deutlich, sagt Joost Bosland von Rhodes südafrikanischer Galerie Stevenson.

Wer im Kunstmuseum Wolfsburg durch die Räume streift, begreift, wie der Künstler die eigene Geschichte reflektiert. Auf gut 800 Quadratmetern ist eine faszinierende Gesamtschau ausgebreitet, zu der neben digitalen Animationen und Videos vor allem Fotos und eine Performance gehören.

„Ich habe eine Schwäche für das Auslösen emotionaler Reaktionen, aber nicht auf eine finstere oder zynische Art.“ Quelle: © Thomas Meyer/OSTKREUZ
Robin Rhode

„Ich habe eine Schwäche für das Auslösen emotionaler Reaktionen, aber nicht auf eine finstere oder zynische Art.“

(Foto: © Thomas Meyer/OSTKREUZ)

Rhodes Arbeiten greifen zwar ästhetisch auf die Street-Art zurück, gehen aber weit darüber hinaus. Sie erschöpfen sich keinesfalls im humorvollen Bildwitz, sondern sind stets auch ein „Conversation-Piece“, das den Blick in eine über die Jahrhunderte geschundene südafrikanische Seele freigibt.

„Ich habe wirklich eine ausgeprägte Schwäche für Ästhetik und das Auslösen emotionaler Reaktionen, aber nicht auf eine finstere oder zynische Art“: So fasst der Künstler selbst zusammen, was ihn antreibt. Rhode stößt nicht vor den Kopf, er ist wesentlich raffinierter. Er arbeitet mit einer vergifteten Schönheit, bei der das Gift erst spät zu wirken beginnt.

Rhode, der in Johannesburg Kunst studierte, konzipiert seine Werke in Berlin. In Südafrika setzt er sie um und dokumentiert sie fotografisch. Und er schafft es in nahezu jedem Werk, die Betrachter schon auf den ersten Blick zu amüsieren. Wem das ausreicht, der behält ein charmantes und auch humorvolles oder auch nur witziges Werk in Erinnerung. Doch die zweite Ebene seiner Bildgeschichten sorgt für eine verstörende Tiefe. In die wird der Betrachter geradezu strudelartig gerissen, wenn er sich auf den historischen Hintergrund einlässt.

Bittere Erinnerung: Diskriminierung von Schwarzen

2002 zeichnet Rhode auf eine Wand ein einfaches Fahrrad, das „Classic Bike“. Vor der Zeichnung steht ganz real ein Mann, der das Rad fiktiv besteigen will, um wegzufahren, was natürlich nicht funktionieren kann. Ein fotografischer Witz, der mit den Wirklichkeitsebenen spielt. Wer aber den Hintergrund kennt, dem bleibt das Lachen im Halse stecken.

Robin Rhode wird emotional, wenn er über die Fakten spricht, die hinter dem Rad stecken: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für die heimkehrenden weißen Soldaten als staatliches Kompensationsgeschenk Land, die heimkehrenden Schwarzen hingegen erhielten – ein Fahrrad. Jetzt mischt sich Bitterkeit in die Erinnerung, die sich vom Humor im Bild nicht mehr lösen lässt.

Rhode aktiviert das Langzeitgedächtnis des Betrachters immer dort, wo Politik versucht zu verdrängen. Seine Geschichten sind Storytelling at its best. „Piano Chair“ ist eine zuerst slapstickartig-humorvoll wirkende digitale Animation von knapp vier Minuten Länge. Darin erzählt Rhode die Geschichte des bekannten Jazzpianisten Moses Taiwa Molelekwa und seiner Frau Florence Mthobo. Doch die Heiterkeit kippt schnell um in Düsternis: Er wurde erhängt aufgefunden, sie lag neben ihm, erwürgt. So endet auch die Animation. Noch immer sind die Morde unaufgeklärt.

Aus der Digitalanimation über einen Pianisten. Das 3:53 Minuten lange Werk entstand 2011. Quelle: Kunstmuseum Wolfsburg/Robin Rhode
Robin Rhode: „Piano Chair“

Aus der Digitalanimation über einen Pianisten. Das 3:53 Minuten lange Werk entstand 2011.

(Foto: Kunstmuseum Wolfsburg/Robin Rhode)

In „Stone Flag“ von 2004 lässt Rhode eine Figur mit dem schwer lastenden Gewicht einer Fahne kämpfen, deren Stoff aus Ziegeln zu bestehen scheint. Ziegel fertigten die mittellosen Migranten im Südafrika des 19. Jahrhunderts, um daraus Häuser für andere zu mauern. In Rhodes Statement zum zehnjährigen Jubiläum der südafrikanischen Demokratie wirkt die steinerne Flagge gleichzeitig fragil und schwer aufrecht zu halten.

„Twilight“ von 2012 diskutiert nicht nur die persönliche Identität, sondern die Identität aller „Coloured People“. Zwischen Schwarz und Weiß fächern große, spielerisch entfaltete Federn ein reiches Spektrum an Zwischentönen auf. Und das auf einer Wand in gebrochenem Weiß.

Der für Wolfsburg gewählte Ausstellungstitel „Memory Is The Weapon“ zitiert die gleichnamige Autobiografie des südafrikanischen Schriftstellers Don Mattera. Erinnerung und Geschichte erklären die Bedingungen der Gegenwart. Ohne Geschichte und Geschichten bleibt alles eindimensional. Die sinnklärende Tiefenperspektive fehlt. Aber mit genauen Erinnerungen wird alles gleichzeitig noch komplizierter. Bei Rhode allerdings, das zeigt die Ausstellung, wird es poetisch-kompliziert.

Die Ausstellung „Robin Rhode. Memory Is The Weapon“ läuft bis 9. Februar 2020 im Kunstmuseum Wolfsburg. Der Ausstellungskatalog ist ein Standardwerk zu Robin Rhode, herausgegeben von Uta Ruhkamp. Er hat 224 Seiten und kostet 34 Euro im Museum. Vom 15. März 2020 bis 21. Juni 2020 ist die Ausstellung in der Kunsthalle Krems zu sehen.

Mehr: Kunstmesse in Kapstadt: Lesen Sie hier über einen Hotspot für afrikanische Kunst, der auch Sammler aus Europa und den USA anzieht.

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