Zeitgenössische Kunst in Berlin: Gesehen auf dem Galerienrundgang: Schonungslose Selbstinspektion
Die 32-jährige Amerikanerin erkundet schonungslos ihren eigenen Körper. Abgebildet ist ein Ausschnitt aus dem hochformatigen Ölgemälde „You Watched Me Burn“ von 2023.
Foto: Elliott Mickleburgh; Galerie Judin, BerlinBerlin. Das Berliner „Gallery Weekend“ ist ein getreuer Spiegel des Marktes. Seine Schwerpunkte liegen in diesem Jahr bei Werken von Künstlerinnen und bei farbfreudiger Malerei. Dabei mischen sich auf anregende Weise etablierte Positionen mit Berliner Marktdebüts.
Ein Paradebeispiel für unterschiedlichste Positionen sind die neuen, in farbmächtigen diagonalen Farbschwüngen konzipierten Gemälde von Katharina Grosse bei Max Hetzler in den Mercatorhöfen. Deren Preise liegen zwischen 200.000 bis 500.000 Euro.
Zu Grosse setzt der Erstauftritt von Lydia Pettit in der Galerie Judin gleich nebenan realistischen Kontraste. Das Thema der 32-jährigen Amerikanerin ist ihr eigener fülliger Körper, dessen Dummy sie in einem Kurzfilm mit dem Messer malträtiert. Auf einem großformatigen Gemälde treibt sie Ophelia gleich im Wasser, in anderen Bildern setzt sie Körperteile schonungslos dem Blick aus: Produkte einer essenziellen Selbstbefragung zu Preisen von 9000 bis 34.000 Euro (bis 8. Juli).
Eine andere Form von Körperkunst praktiziert der bestens etablierte Rumäne Adrian Ghenie. Er war Mitgründer der Galeria Plan B, die aus den Mercatorhöfen in eine lichte zweistöckige Galerie am Strausberger Platz umgezogen ist und nun ihrem Hauptkünstler eine Ausstellung mit seinen neuesten Werken widmet.
Es sind homoerotisch angehauchte Gemälde und großformatige Kohlezeichnungen, auf denen die Figuren mit dem sie umgebenden Raum in diffuser Form und wilder Drehung verschmelzen. Der Zyklus spiegelt Indoor-Erfahrungen der Pandemie-Zeit, in denen das Existentielle bedroht und eingeengt erscheint. Die meisten der mit 150.000 bis 1,5 Millionen Euro bezifferten Werke sind bereits verkauft (bis 13.5.)
Eine gedanklich und formal anspruchsvolle immersive Installation hat die Film- und Medienkünstlerin Hito Steyerl in der Galerie Esther Schipper eingerichtet. Das Video-Environment fußt auf der 2022 für Seoul und Graz geschaffenen Arbeit „Animal Spirits“.
Der Rumäne gastiert mit dem homoerotisch angehauchten Gemälde „Summer Indoor“ in der von ihm mitgegründeten Galeria Plan B.
Foto: Handelsblatt„Animal Spirits“ führt den Betrachter in eine Höhle, in der die Wahrheit der Bilder hinterfragt wird und die Lebensbedingungen von in Glaskugeln wachsenden Pflanzen kontrolliert werden. Das geistige Konstrukt bezieht sich sich auf den vom britischen Ökonom J.M. Keynes geprägten Begriff „Animal Spirits“, der den Einfluss menschlicher Emotionen auf die Märkte beinhaltet (bis 25. Mai).
In Johann Königs Kirchenschiff hat der in Mexico City lebende Robert Janitz seine in den letzten zwei Dekaden geschaffene gestische Malerei aufgehängt. Aber interessanter ist der Beitrag der aus Kuweit stammenden Monira Al Qadiri, deren Thema die Ölgewinnung ist. Ein Video arbeitet Kindheitserinnerungen auf, vor der Videokoje singt eine Dinosaurier-Skulptur Karaoke, das dem im Zusammenhang mit der Ölbohrung entdeckten Auto-tune-Effekt huldigt. Kostenpunkt: 50.000 Euro (bis 2.6.).
Kunst der islamischen Kulturwelt spielt auch bei Chert Lüdde eine Rolle. Hier hat die tunesisch-italienische Künstlerin Monia Ben Hamouda, Tochter eines islamischen Kalligraphen, mit Laser ausgeschnittene Stahlskulpturen aufgehängt. Sie bestehen aus einem Netzwerk von Schriftzeichen.
Die mit Henna und Gewürzen bepuderten Metalle spielen auf die Bilderfeindlichkeit des Islam an. Sie werden begleitet von schwarzen Mixed media-Skulpturen, die sich auf den Brand der Kaaba im 7. Jahrhundert in Mekka beziehen. Die Preise reichen bis 14.000 Euro (bis 1.6.).
Die Chinesin Cao Fei hat in der Galerie Sprüth Magers die gesamte Ausstellungsfläche mit aufwendigen Videos und Installationen okkupiert. Neben einem im Saal gebauten Badminton-Feld schweben in Videos weibliche Avatare mit Krakengliedern. Darüber hängt ein Bildschirm, der Stadtarchitektur in rasanten Drehungen zeigt: ein „Duotopia“ als irreale Welt.
Die beste Arbeit ist eine aus Doku und Fiktion gemischte Reise in eine mongolische Grenzstadt mit Disneyland, Weidefeldern, tanzendem und Karaoke singendem Volk — eine Szenerie, durch die vier Leitfiguren wie fremdgesteuert wandern (bis 19.8.).
Zwei ältere, renommierte Vertreter der amerikanischen Kunst brillieren bei Michael Haas: die charismatische Holzkünstlerin Louise Nevelson, um die es eine Zeit lang still geworden war, und der Kinetiker George Rickey. Seine luftig hängenden und stehenden Mobiles haben auf dem Markt eine starke Position.
Haas zeigt in seiner Galerie die weniger raumgreifenden Werke Rickeys, darunter exemplarische bildmäßige Hellholzreliefs für 60.000 bis 75.000 Euro; außerdem sind in seinem Charlottenburger Schaulager die großen Arbeiten bis hin zum wandfüllenden Schwarzrelief von 1974 für 1,4 Millionen Euro ausgestellt. Die Preise für Rickey liegen bei 70.000 bis 1,5 Millionen Euro für die „Breaking Column II“.
Erste Galerie mit ausschließlich KI-erzeugter Kunst
Neu in Berlin ist seit diesem Wochenende die Galerie „Guelman und Unbekannt“ des russischen Sammlers und Putin-Kritikers Marat Guelman in der Mittelstraße. Sie ist die erste in Berlin, die ausschließlich von Künstlicher Intelligenz erzeugte Kunst zeigt.
Der ukrainische Künstler Arik Weissman nutzt den Algorithmus, um Psalm 50 und 51 zu visualisieren. Sie beziehen sich auf den „rechten Gottesdienst“ und das Dankopfer. Das Resultat sind goldtonige Inkjet-Prints, auf denen ein teils tierisches, teils menschliches Herdenvolk Opfer- und Anbetungsriten vollzieht. Das Ganze lässt sich als Religionskritik deuten und bezieht sich formal auf Historienmalerei des 19. Jahrhunderts. Die in fünf Exemplaren edierten Drucke kosten je 1000 Euro, die Unikate je 7000 Euro (bis 3. Mai).