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Zeitgenössische Kunst Kein richtiger Gedanke

Die Hamburger Ausstellung „Wunder“ liefert jede Menge Denkanstöße, aber keine Orientierung. Historische Dokumente stoßen auf zeitgenössische Kunstwerke.
10.10.2011 - 08:35 Uhr Kommentieren
Fiona Tan: “Disorient”, HD-Videoinstallation, 2009 (Ausschnitt). Quelle: Frith Street Gallery, London/Fiona Tan Quelle: Pressefoto

Fiona Tan: “Disorient”, HD-Videoinstallation, 2009 (Ausschnitt). Quelle: Frith Street Gallery, London/Fiona Tan

(Foto: Pressefoto)

Hamburg. Wir leben in einer rationalen Welt. Und doch durchzieht unsere Zeit ein merkwürdiger Wunderglaube. Da ist die Rede vom Wunder der Rettung der chilenischen Bergarbeiter vor einem Jahr, vom Wunder des Mauerfalls im November 1989 oder vom „Wunder von Bern“, als Rahn im Spiel Deutschland gegen Ungarn schießen musste. Rahn schoss und sein Tor ging in die Geschichte des Nachkriegsdeutschland ein ebenso wie der „Tor, Tor, Tor“ jubelnde Radiomoderator.

Ein schönes Thema für eine Ausstellung zwischen Kunst und Kulturwissenschaft, das die Hamburger Deichtorhallen in Zusammenarbeit mit der Siemens Stiftung unter dem schlichten Thema „Wunder“ aufbereitet haben. Werke von etwa 50 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern sind Artefakten aller Art gegenüber gestellt – von den dicken Akten aus dem Vatikan über die Seligsprechung einer Frau, die eine Marienerscheinung hatte, über ein wundersames Perpetuum mobile – ein ausgebliebenes Wunder, denn es funktionierte nicht richtig – bis zu Helmut Rahns Fußballschuhen, die er am 4. Juli 1954 im verregneten Wankdorfstadion von Bern trug. Eine säkulare Reliquie, von der indes nicht bekannt ist, ob sie bereits wundertätig geworden ist.

Archaischer Wunderglaube

Dass Wunder nicht nur in der christlichen Malerei vergangener Jahrhunderte, sondern auch heute noch ein Thema der Kunst sind, belegt die Ausstellung mit umfangreichem Material. Religiös motivierten Wunderglauben gibt es heute noch. Das dokumentieren sowohl Jalal Toufic in seiner Videoinstallation über ein schmerzhaftes schiitisches Bußritual, als auch Johanna und Helmut Kandl in ihren Filmen über katholische Wallfahrer. Auffallend bei beiden Arbeiten ist das scheinbar versöhnte Nebeneinander von Modernität und fast archaischem Wunderglauben.

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    Ganz anders nähert sich Sven Johnes Film „The Tears of the Eyewitness“ dem Thema. Er beschäftigt sich mit der Bürgerbewegung der DDR und dem Fall der Mauer aus der Sicht von heute. Historische Ereignisse werden gern als „Wunder“ interpretiert. Auch Naturphänomene können, trotz aller wissenschaftlichen Durchdringung der Welt, immer noch wundersam erschienen. Ein Beispiel ist die „magische“ Nahaufnahme der Sonne in einer Videoinstallation von Katharina Sieverding. Wundersam bewegt wirken die weggeworfenen Plastiktüten und Fast-Food-Schalen, die Igor und Svetlana Kopystiansky dabei gefilmt haben, wie der Wind sie ruckartig über den Asphalt einer Straße schiebt. Eine Wunderkammer zeigt wiederum Fiona Tan in ihrer Videoinstallation „Disorient“, in der sie Objekte aus einer Sammlung exotischer Lampen, ausgestopfter Tiere und anderer Naturobjekte abgefilmt hat.

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