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Zeitgenössische Kunst Rebecca Horn: Wenn Maschinen malen

Die Künstlerin Rebecca Horn hat noch nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Zwei Museen in Frankreich und der Schweiz wollen das ändern.
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So fantasievoll wie die Malautomaten des Hausherrn. Quelle: Museum Tinguely, Basel/VG Bild-Kunst, 2019
Rebecca Horns Malmaschine im Museum Tinguely

So fantasievoll wie die Malautomaten des Hausherrn.

(Foto: Museum Tinguely, Basel/VG Bild-Kunst, 2019)

Metz/Basel Meine Performances begannen mit Körperskulpturen. „Alle Ausgangsbewegungen waren Bewegungen meines Körpers und seiner Extensionen.“ So erklärt Rebecca Horn den Impetus ihres Schaffens seit den 1970er-Jahren. Bewegung ist seit 50 Jahren ein zentrales Thema der heute 75-Jährigen.

Aktuell wird die wichtige deutsche Künstlerin in zwei ausländischen Museen grenzüberschreitend gewürdigt. Im privat finanzierten Tinguely Museum in Basel ist das Thema Bewegung der rote Faden durch die Ausstellung. Sie heißt „Körperphantasien“. Im Kontext von Jean Tinguelys häufig von Motoren angetriebenen Skulpturmaschinen sind Rebecca Horns Bewegungskörper ideal platziert. Die Schau im französischen Metz, im Tochtermuseum des Centre Pompidou, hingegen rückt die Idee der Verwandlung in den Mittelpunkt.

Die Frau mit der überbordenden Fantasie

Unter dem Titel „Theater der Verwandlungen“ stellt es 170 Werke vor. Basel wartet etwa mit der Hälfte auf. Den drei Kuratorinnen, Sandra Beate Reimann in Basel, Emma Lavigne und Alexandra Müller in Metz, gelingt eine überzeugende Retrospektive des Werks von Rebecca Horn.

Noch immer ist das bildstarke, spartenübergreifende Œuvre von Rebecca Horn nur Insidern bekannt. Für ihre Brüsseler Galeristin Marie-Laure Fleisch ist Horns Werk grundlegend für die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst von heute: „Sie schuf Arbeiten, die Performance, Skulptur und später performative Zeichnungen vereinen, wie es keinem anderen Künstler gelang.“ Der Platz, den der Körper der Künstlerin darin in den verschiedensten Ausdrucksformen einnimmt, habe absolut innovativen Charakter. „Ihr Werk ist sowohl sinnlich wie konzeptuell.“

Die rotblonde, schlanke Frau mit der überbordenden Fantasie begann mit Aktionskunst und Body Art. Stets faszinierte sie das Ausloten körperlicher Grenzen und Erfahrungsräume. Eigenwillig sind ihre „Körper-Extensionen“. Das können verlängerte Arme, Finger oder der Kopf mit einem weißen „Einhorn“ sein. Oder die phallische, schwarze „Kopf-Extension“, die den Träger blind und schwindlig macht, sodass vier Personen ihn an Schnüren gängeln müssen. Einen cremefarbigen „Mechanischen Körperfächer“ entfaltet die Künstlerin selbst zu einem Kreis, wie Schmetterlingsflügel, die sich fast berühren.

Horn vermittelt Raumgefühl durch Konstruktionen aus Stoff. Die Zwangsjacke summiert dieses traumatische, autobiografische Schlüsselerlebnis. Die Kunststudentin hatte giftige Gase bei der Herstellung von Skulpturen eingeatmet, erkrankte an Tuberkulose und musste ein Jahr lang in einem Sanatorium in Isolation leben. Die Panik des Gefangenseins, das gleichzeitige Sich-befreien-Wollen, der Fluchtgedanke, durchziehen Horns gesamtes Werk.

In ihrem Spielfilm „Busters Bedroom“ sucht eine junge Frau den Stummfilmstar Buster Keaton in einer amerikanischen Irrenanstalt. Horn filmt eine unglaubliche Szene: der sadistisch-psychotische Arzt legt der jungen Frau eine Zwangsjacke an. Sie befreit sich daraus, indem sie sich wie ein Kreisel immer schneller dreht, bis sie die Zwangsjacke schließlich sprengt. In Metz, wo die Zwangsjacke schlaff an der Wand hängt, wird leider nur der Anfang dieser Szene projiziert.

Betörende Spielfilme

Auch Horns andere Spielfilme sind betörend: „Der Eintänzer“ von 1978 und „La Ferdinanda. Sonate auf eine Medici-Villa“ von 1981. Für beide Streifen entwickelte sie fantastische Objekte und Maschinen, die seither als eigenständige Kunstwerke existieren.
Die innovative Künstlerin bediente sich unterschiedlicher Ausdrucksmittel. Sie schuf Skulpturen, Installationen, Kinetik, Fotografie, gefilmte Performances und Aktionen, Videos, Filme, Gedichte, Texte und Zeichnungen. Letztere waren anfangs Entwürfe für die Körperextensionen oder die von Motoren bewegten Skulpturen. Mit dem Jahrtausendwechsel wurden die bis 2 Meter 50 hohen Buntstiftzeichnungen zum eigenen Medium. 2004/05 waren diese in der Kunstsammlung NRW zu Gast. Rein formell lassen sich Parallelen zu den Zeichnungen von Antonin Artaud (1896–1948) konstatieren. Der Regisseur, Dichter und Zeichner zählt zu Horns Leitfiguren.

Eine andere Wahlverwandtschaft verbindet die Künstlerin mit dem surrealistischen Schriftsteller Raymond Roussel (1877–1933). Die Metzer Kuratorinnen stellen deshalb Horns Arbeiten surrealistischen Werken von Mereth Oppenheim, Claude Cahun, Max Ernst, André Breton, Man Ray oder Constantin Brancusi gegenüber. „Ikonografisch gesehen, gibt es viele gemeinsame Themen wie die Schuhe, die Schlange, die sich häutet, um Rebecca mit ihren surrealen Vorreitern zu zeigen“, erklärt Kuratorin Alexandra Müller. Vor allen Dingen zeigt die Künstlerin im Atelier ihre eigenen Werke zusammen mit Surrealisten. „Das fanden wir sehr inspirierend, um es im Dialog zu präsentieren.“

Das Multi-Talent ist in fast allen Medien zuhause. Auch als Dichterin und Regisseurin war sie aktiv. Quelle: www.imago-images.de
Rebecca Horn

Das Multi-Talent ist in fast allen Medien zuhause. Auch als Dichterin und Regisseurin war sie aktiv.

(Foto: www.imago-images.de)

Auf das Thema der Verwandlung weisen die ins Werk eingearbeiteten Schmetterlinge oder Schlangen hin. In Horns Kosmos kreisen Adler- oder Eulenfedern in Wandskulpturen. Straußenfedern dienen als dekorativer Körperschutz. Pfauenfedern schlagen in der „Pfauenmaschine“ ein Rad.

Horn schafft ihre „individuelle Mythologie“. Das benannte Starkurator Harald Szeemann schon 1972 so, als er Horn für die Documenta 5 auswählte. Stahlspitzen werden aktiv, Schuhe tanzen, Pendel, Schreibmaschinen, Regenschirme und Bücher bewegen sich. Ein Klavier schwebt über den Köpfen der Besucher, kracht aber regelmäßig herunter im „Concert for Anarchy“.

Verrückte Verliebtheit

Mit Jean Tinguely hat Rebecca Horn die Malmaschinen gemeinsam, die der Schweizer ab 1955 baute. In Horns Installation „Die Liebenden“ von 1991 bespritzt die Maschine die Wände mit einem Cocktail aus Tusche und Champagner. „Die Liebenden bereiten sich vor, sie baden in Champagner und Tusche, vereinigen sich im Inneren der Malmaschine, um die Malerei im Fluge einer verrückten Verliebtheit, eines Tanzes, auszuführen“, sagt die Künstlerin. Kuratorin Reimann bemerkt, dass es sich nicht wirklich um Champagner handelt, wie sie beim Aufbau bemerkte.

In Metz ist die raumgreifende Installation „Bee’s Planetary Map“ aufgebaut. Da sie für eine Ausstellung in Weimar konzipiert war, enthält sie einen Hinweis auf das in Nachbarschaft zur Dichterstadt gelegene Konzentrationslager Buchenwald. In den letzten zwanzig Jahren, besonders vor ihrem Schlaganfall im Jahr 2015, gab Rebecca Horn ihren Arbeiten oft eine politische Note.

Derzeit lebt die Künstlerin in der südhessischen Kurstadt Bad König im Odenwald. Dort hat sie den „Rebecca Horn Workshop“ gegründet, eine Art Privatmuseum mit Atelier für ihre Sammlung.

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